Energie & Umwelt

Dezember 2012 | Leben & Arbeiten

Abschalten wirkt
 
Das Reaktorunglück in Tschernobyl, die Katastrophe in Fukushima, das Tankerunglück der Exxon Valdez, die Ölpest im Golf von Mexiko: Die Liste der Umweltkatastrophen, die auf das Konto der Energiegewinnung gehen, ist lang. Was die dramatischen Vorfälle mit uns und unseren Lebensgewohnheiten zu tun haben? Sehr viel. Schließlich ist unser verschwenderischer Umgang mit der Ressource Energie mitverantwortlich für den hohen und immer höheren Bedarf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Verschwenderischer Umgang:

Immer im Stand-by-Modus
„Alte und schlecht oder nicht gewartete Geräte sind die größten Energiefresser im Haushalt“, erklärt der Umweltmediziner Dr. Piero Lercher, Leiter des Referats für Umweltmedizin in der Wiener Ärztekammer. Auch der (ständige) Betrieb von Stand-by-Geräten braucht viel Strom: In einem Land wie Deutschland könnte man ein bis zwei Atomkraftwerke einsparen, würde man darauf verzichten. Das funktioniert aber nur, wenn man Stand-by-Geräte nicht einfach ausschaltet, sondern gegen Geräte mit Ausschaltknopf eintauscht. „Elektronische Geräte mit Stand-by-Modus werden nämlich durch andauerndes Aus- und Einschalten kaputt oder halten deutlich kürzer“, warnt der Umweltmediziner.

Die Nacht zum Tag machen
Die Gewohnheit, überall und ständig, im und um das Haus, Beleuchtungen aufgedreht zu lassen und so die Nacht zum Tag zu machen, wirkt sich ebenfalls äußerst negativ auf die Energiebilanz aus. Immer wieder hört man die Ausrede, dass sich durch das ständige Licht-Abschalten kaum Energie sparen lässt. Ein Irrtum: „Wenn man den diesbezüglichen Stromverbrauch einer Straßensiedlung oder einer Stadt betrachtet, dann zeigt sich, dass sich durch Abschalten gewaltig viel Strom sparen lässt“, betont Lercher. Ein entsprechendes Zeichen setzt die Umweltaktion „Earth Hour“, bei der seit 2007 Ende März alljährlich für eine Stunde rund um den Globus die Lichter ausgehen. Heuer waren 150 Staaten und 6525 Städte daran beteiligt.
Und welche künstlichen Lichtquellen sind (noch) am günstigsten für Umwelt und Mensch? „Die klassische, mittlerweile quasi verbannte Glühbirne hat ein warmes, für das Auge angenehmes Licht“, weiß Lercher. „Moderne Kaltlichtquellen wie Energiesparlampen werden in unseren Breiten eher als unbehaglich empfunden.“ Energiesparlampen sind zum einen energieeffizienter als Glühbirnen und verbrauchen weniger Strom; wegen ihres Quecksilbergehalts sind sie jedoch „tickende Umweltbomben“, veranschaulicht der Mediziner das Licht-Dilemma. „Auch verbraucht ihre Herstellung zehnmal mehr Energie als die Glühbirnenproduktion.“

Gedankenloses Heizverhalten

Der Großteil des Energieverbrauchs geht in den Haushalten auf das Konto des Heizens (siehe „Dauerbrenner Energieverschwendung“ ganz unten). Problematische Verhaltensweisen sind z. B. das Überheizen der Räume, Heizen bei offenem Fenster, die Positionierung von Heizkörpern hinter Vorhängen oder Möbeln. „Als ideale Raumtemperatur für Wohnräume gelten Werte von 17 bis 22 Grad Celsius bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent“, sagt Lercher. „Zu kalte und zu warme Räume erzeugen Unbehagen und können längerfristig krankmachend wirken.“
Nicht zuletzt geht wertvolle Wärme beim Kochen verloren, wenn man z. B. Kochtöpfe verwendet, deren Durchmesser kleiner ist als jener der Herdplatte.

Cool um jeden Preis
Durch die Klimaerwärmung steigt außerdem der Kühlungsbedarf. „Klimaanlagen, ob in Verkehrsmitteln, Bürogebäuden oder zuhause, sind enorme Energiefresser“, betont Assoz. Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umweltmedizin am Institut für Umwelthygiene der Universität Wien. „Man weiß aus Ländern, bei denen Air condition schon viel länger Usus ist, dass die im Sommer weitaus mehr Energie braucht als das Heizen im Winter.“ Dabei zeichnet sich ein fataler Kreislauf ab: Der hohe Energieverbrauch der Klimaanlagen geht Hand in Hand mit einem hohen CO2-Ausstoß, der wiederum zur Klimaerwärmung beiträgt.

Gefährliche Gewinnung:

Unbeherrschbare Kernkraft
Um den hohen Energieverbrauch zu decken, wird bei der Gewinnung rund um den Erdball Raubbau an der Natur betrieben und die Gesundheit von Menschen aufs Spiel gesetzt: Eine große Bedrohung stellen die rund 400 Atomkraftwerke weltweit dar. „Wir wissen mittlerweile, dass die Technik der Kernenergie nicht beherrschbar ist. Sie ist gänzlich abzulehnen“, betont Piero Lercher. „Auch trifft der Begriff der sauberen Kernenergie überhaupt nicht zu“, ergänzt Hans-Peter Hutter. Dazu brauche es nicht einmal Katastrophen wie in Fukushima. „Schon die Niedrigdosisstrahlung während des Normalbetriebs stellt eine gewisse Belastung der Bevölkerung im umliegenden Gebiet dar“, so Hutter.
Die „strahlende Gefahr“ besteht bereits beim Abbau des für den Betrieb notwendigen Brennstoffs Uran. Die Minenarbeiter im Uranbergbau geben ein trauriges Beispiel für die schweren Gesundheitsprobleme durch radioaktive Strahlung. Selbst das nicht benötigte, abgelagerte Gestein ist radioaktiv. „Der Gesteinsstaub wird vom Wind über die umliegenden Gebiete und möglicherweise in Wohngebiete geblasen“, berichtet der Umweltmediziner Hutter.

Pannen bei Erdölförderung
Auch Erdöl ist bereits bei der Gewinnung – ob im küstennahen Gewässer oder am Festland – eine Gefahr für Umwelt und Mensch. Erdölverschmutzungen aufgrund von Unfällen durch ölhaltige Bohrschlämme bei der Förderung oder Undichtigkeiten und Brüche von Pipelines haben mitunter verheerende Folgen. „Im Niger-Delta in Nigeria zum Beispiel ist tonnenweise Öl in den Boden und in Gewässer gelangt“, weiß Hans-Peter Hutter. „Durch die massive Verseuchung wird den Menschen die Lebensgrundlage entzogen.“
Zu Erdölaustritten kommt es weiters, wenn z. B. eine Ölplattform explodiert; beim Transport führen Tankerunfälle immer wieder dazu, dass „Küstenlandstriche für lange Zeit verwüstet sind“, so Hutter.
Sobald Erdöl in die Umwelt gelangt, ist der Boden verseucht, sind Fauna und Flora gefährdet, wird das (Grund)Wasser unbrauchbar. „Erdöl enthält Unmengen verschiedener chemischer Stoffe mit hoher Giftigkeit für Mensch und Leben in diesen Gebieten“, betont der Experte.

Luftverschmutzung durch Erdgas
Ob in Nigeria, Sibirien, Russland, USA oder dem Amazonasgebiet: Bei der Erdölförderung wird zum Teil auch Erdgas freigesetzt, teilweise wird es gezielt gefördert. „Als Nebenprodukt der Erdölgewinnung wird Erdgas sehr oft, beispielsweise in Afrika, einfach verbrannt“, sagt Hans-Peter Hutter. „Die Verbrennungsprodukte in der Luft schädigen dort die Bevölkerung.“
In Sibirien, wo Erdgas in großem Stil gefördert wird, hat man seit einiger Zeit ein zusätzliches Problem: „Aufgrund der Klimaerwärmung taut der Permafrostboden auf und die Gaswerke sinken ein“, erläutert der Umweltmediziner. „Damit die Anlagen weiter betrieben werden können, muss der Boden aufwendig eingefroren werden.“ Dazu braucht es wieder – Energie.

Hochriskanter Kohlebergbau
Auch Kohle ist ein problembehafteter Energieträger: Die Arbeit in einem Bergwerk gilt als einer der gefährlichsten Berufe überhaupt: Explosionen und Wassereintritte zählen zu den Risiken. Hinzu kommt, dass der viele Staub insbesondere die Lungen schädigt; die Staublungenkrankheit ist unter Bergarbeitern eine Berufskrankheit: „Werden Teile der Lunge mit Staubteilchen kontaminiert, führen Vernarbungsprozesse dazu, dass immer weniger Lungengewebe für den Sauerstoffaustausch zur Verfügung steht und es zu chronischem Sauerstoffmangel kommt“, erklärt Hutter.
Zudem greift der Kohlebergbau drastisch in die Natur ein: Zurück bleiben geisterhafte, öde Landschaften über denen sich mit Schwermetallen versetzter Staub entwickelt.

Tücken der Wasserkraft
Nicht zuletzt hat auch die Wasserkraft ihre Schattenseiten: Für den gigantischen Drei-Schluchten Staudamm in China etwa mussten sechs Millionen Menschen umgesiedelt werden – „ein enormer psychosozialer Stress mit massiven Gesundheitsfolgen für die Betroffenen“, weiß der Umweltmediziner Hutter. Und auch hierzulande ist die Wasserkraft umstritten: „Schließlich kann man nicht auch noch den letzten Fluss mit einem Wasserkraftwerk verbauen“, macht Hans-Peter Hutter deutlich.

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Maßnahmen mit Zukunft

Bereits einfache Energiesparmaßnahmen können viel bewirken: Licht nur bei Bedarf einschalten, Elektrogeräte zum Ausschalten und mit Gütesiegel (z. B. niedrigem Energieverbrauch) kaufen, maßvoll heizen und kühlen nur im Notfall. „Jeder Grad Celsius, den man in den Räumen im Winter einspart, nützt nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch der Bevölkerung und Umwelt in ärmeren Regionen dieser Welt“, appelliert der Umweltmediziner Assoz. Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter.
Ein Umdenken ist auch punkto Energiequellen notwendig, sagen die Experten. „Längerfristig zahlen sich Maßnahmen wie die Investition in Solarenergie aus“, gibt der Umweltmediziner Dr. Piero Lercher ein Beispiel. Wer z. B. in eine Photovoltaikanlage investiert, bei der mittels Solarzellen Strom erzeugt wird, „hat nach 20 Jahren kaum mehr Nebenkosten und einen preiswerten Energielieferanten“, so Lercher.
Um den Raubbau an Umwelt und Mensch zu stoppen, muss sich schließlich auch die Energieversorgung auf globaler Ebene ändern. „Eine fossile Ressource, die massenhaft unbedenklich abgebaut werden kann, gibt es so gut wie nicht“, betont Hutter. „Die Energieversorgung darf nicht über großräumige Transportwege stattfinden. Es braucht verstärkt lokale erneuerbare Energien von Photovoltaik über Wind.“

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Dauerbrenner Energieverschwendung

Bis 2035 wird der weltweite Energieverbrauch um ein Drittel steigen, so die aktuelle Prognose der Internationalen Energie-Agentur (IEA).
In der EU geht ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs auf das Konto der Haushalte:

In Österreich z. B. wird ein Großteil, nämlich
75 Prozent, fürs Heizen verbraucht,
11,8 Prozent für Elektro- und Elektronikgeräte,
11,7 Prozent für das Erhitzen von Wasser und
1,5 Prozent für Beleuchtung.

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