Allergien: Immunsystem auf dem Irrweg

März 2014 | Leben & Arbeiten

Hintergründe, Forschungen, Therapien
 
Ob Pollen oder Hausstaub, Nahrungsmittel oder Insektengift, Tierhaare oder Metalle: Millionen Menschen leiden, weil ihr Immunsystem auf dem Irrweg ist und an sich harmlose Stoffe für Feinde hält. Allergien sind vor allem in unseren Breiten weiterhin auf dem Vormarsch; in Österreich ist bereits jeder Vierte betroffen. MEDIZIN populär informiert über Hintergründe, Forschungen, Therapien.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Viel hat sich getan, seit die Krankheit ihren Namen bekam. 1906 ist der Begriff Allergie nach dem altgriechischen Wort für „andere Reaktion“, „Fremdreaktion“ in der Medizin geprägt worden. Heute, mehr als 100 Jahre später, sprechen Experten von einer Volkskrankheit. „In Österreich leidet mittlerweile jeder Vierte an einer Allergie“, beziffert Priv. Doz. Dr. Fritz Horak, Ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien West, das Problem. Und Experten prognostizieren, dass die Zahl der Betroffenen weiter ansteigen wird: „In vielen Gebieten der Welt geht der Trend deutlich in diese Richtung“, so Horak.

Gene, Hygiene, Kaiserschnitt

Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur starken Ausbreitung von Allergien leisten die Gene, denn die Krankheit ist vererbbar. Leiden beide Elternteile an einer Allergie, so wird deren Nachwuchs mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls betroffen sein. Ist nur ein Elternteil Allergiker, besteht immerhin noch ein 40-prozentiges Erkrankungsrisiko für die Kinder. Gleich mehrere hundert verschiedene Gene sind daran beteiligt, Allergien von einer Generation auf die nächste zu übertragen. Noch stärker als die Gene kommt ein Phänomen zu tragen, das in den westlichen Industrienationen inzwischen Standard geworden ist: Hygiene im Übermaß. Horak: „Diese sogenannte Hygienehypothese ist nicht nur durch die Tatsache belegt, dass Allergien in Ländern der sogenannten Dritten Welt nahezu unbekannt sind, sondern wird auch durch die Ergebnisse von Bauernhofstudien bewiesen.“ Diese zeigen, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft tagtäglich im Stall arbeiteten und die am Bauernhof aufwuchsen, weit weniger häufig zu Allergikern werden als andere. „Außerdem“, so Experte Horak, „wird angenommen, dass auch Mädchen und Buben, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, durch den fehlenden Bakterienkontakt während der Geburt später öfter an Allergien erkranken.“ Daraus ergibt sich eine nicht unerhebliche Zahl von potenziellen Allergikern: Schließlich wird heute bereits jedes dritte Kind nicht auf natürlichem Weg, sondern mit Hilfe des Skalpells geboren.

Stress, Luftverschmutzung

Dass das Immunsystem empfindlicher wird und immer öfter auf Irrwege gerät, liegt weiteren Theorien zufolge auch am wachsenden Stressproblem vor allem der westlichen Welt. Und nicht zuletzt gelten auch Umwelteinflüsse als Ursache für die steigende Zahl der Allergiker. So hat man herausgefunden, dass bestimmte Pollen aufgrund der hohen Ozonbelastung und Luftverschmutzung immer aggressiver werden und daher schon geringe Mengen davon Beschwerden auslösen. Durch die Klimaerwärmung hat sich zusätzlich die Blütezeit vieler Pflanzen verlängert – was offenbar nicht nur Pollenallergiker belastet, sondern viele Menschen neu an einer Allergie erkranken lässt. Das Fatale, so Horak: „Ist man schon einmal an einer Allergie erkrankt, erhöht das die Anfälligkeit für weitere Allergien ebenso wie für sogenannte Kreuzallergien.“

Kampf an falscher Front

Um welche Allergie es sich auch handelt, im Prinzip fängt es stets gleich an: „Der Entstehungsprozess läuft immer in zwei Phasen ab“, so Horak. Zuerst lernt das Immunsystem bestimmte Substanzen kennen, seien es Hausstaubmilben, Pollen oder Tierhaare. Diese klassifiziert es fälschlicherweise als Feinde und bereitet sogleich, „sozusagen eine Soko zu ihrer Bekämpfung vor“, sagt Horak. Die Sonderkommission besteht aus Antikörpern der Gruppe E, sogenannten spezifischen IgE, die auf ein bestimmtes Allergen angesetzt werden und im Blut durch den Körper zirkulieren. „Sobald es erneut zu einem Allergenkontakt kommt, binden sich die IgEs an Immunzellen“, erklärt Horak, „und diese fahren daraufhin sämtliche Geschütze auf“. So wird u. a. Histamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der eine Abwehrreaktion bei Nase, Augen oder Haut einleitet.
Bekämpft werden die falschen Feinde schließlich so wie die tatsächlichen Feinde der Gesundheit: Pollen versucht das Immunsystem wie Schnupfenviren durch gesteigerte Produktion von Nasensekret (Heuschnupfen) loszuwerden. Harmlose Nahrungsmittelbestandteile werden ähnlich wie wirklich schädliche Substanzen durch Durchfall oder Erbrechen aus dem Körper befördert. An sich ungefährlichen Chemikalien auf der Haut sagt das Immunsystem genauso wie tatsächlich gefährlichen Stoffen den Kampf an: durch die Produktion von Flüssigkeit und Bildung von Bläschen, die platzen und so den vermeintlichen Feind wegschwemmen.    
Allergische Reaktion nennen Mediziner diese Kampfhandlungen an falscher Front. Nicht immer muss es so weit kommen, wie man heute weiß: „Manche Menschen sind zwar Atopiker, das heißt, sie sind sensibilisiert und haben zum Beispiel Antikörper gegen Gräserpollen im Blut. Allerdings treten bei ihnen nie Symptome wie der klassische Heuschnupfen auf“, beschreibt Horak einen Spezialfall. Warum das so ist, weiß man nicht genau, und es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis man dieses Rätsel geklärt hat. Vielleicht kann dann ein neuer Ansatz für eine Therapie gefunden werden?

Therapie, Schluckimpfung

Derzeit beginnt die Behandlung erst, nachdem Beschwerden bemerkt worden sind, und das im Idealfall möglichst früh. „Wer lange Zeit nichts gegen allergische Symptome unternimmt, riskiert, dass sie immer ausgeprägter und umfangreicher werden“, warnt Horak. So können sich z. B. zum Heuschnupfen asthmaartige Hustenanfälle gesellen. Die Therapie richtet sich nach der Art der Beschwerden und dem auslösenden Allergen. Beides wird bei der Diagnose ermittelt (siehe „Diagnose von Allergien“ unten).
An erster Stelle steht, das Allergen zu meiden, was bei einer Allergie auf Bestandteile von Nahrungsmitteln oder Medikamenten vergleichsweise leicht möglich ist, bei einer Pollen- oder Insektengiftallergie nur schwer. Ist die fehlgeleitete Reaktion des Körpers nicht so stark, hilft es Betroffenen als nächstes oft schon, die Symptome lokal zu lindern, sei es mit Nasensprays oder Cremen. Auch Antihistaminika in Form von Tabletten, alternativmedizinische Mittel aus der Homöopathie und Akupunktur können heilsam sein.
„Sind die allergischen Beschwerden stärker und nehmen sie zu, empfiehlt sich vor allem bei der Pollen- und Insektengiftallergie zusätzlich die spezifische Immuntherapie, kurz SIT, die man auch Hyposensibilisierung nennt“, erklärt Horak. „Dabei werden dem Allergiker in Etappen über drei Jahre lang immer größere Mengen der allergieauslösenden Substanz injiziert, um das Immunsystem Schritt für Schritt daran zu gewöhnen.“ Nach Abschluss der Therapie haben Allergiker meistens zehn bis 20 Jahre lang Ruhe. Lässt die Wirkung der SIT nach, kann man sie wiederholen.
Die medizinische Forschung arbeitet fieberhaft an ständigen Verbesserungen der Therapie, aber auch an Möglichkeiten der Vorbeugung. Große Hoffnungen setzt man aktuell auf die Entwicklung einer Schluckimpfung, die es bereits in fünf bis zehn Jahren geben soll. „Sie wird Kinder, die erblich bedingt gefährdet sind, eine Allergie zu entwickeln, vor dem Ausbruch schützen“, blickt Horak optimistisch in die Zukunft.

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Detektivisch:
Diagnose von Allergien

Am Anfang der Diagnose von Allergien steht ein Gespräch, in dem der Arzt nach dem erstmaligen Auftreten der Beschwerden, der Ausprägung und Dauer fragt. Darauf folgt ein Hauttest, meist der Pricktest. Dabei werden Lösungen mit den Allergenen auf die Unterarme getropft. Dann wird die Haut an der Oberfläche leicht geritzt. Nach 20 Minuten zeigt sich, ob man auf ein Allergen reagiert: Das Areal, auf dem es aufgetragen wurde, rötet sich, und es bildet sich eine juckende Quaddel. Um festzustellen, worauf die Haut allergisch reagiert, wird manchmal auch ein Pflastertest gemacht, bei dem Salben mit den Kontakt-Allergenen auf den Rücken aufgetragen und mit einem Pflaster abgedeckt werden. Um ein Gesamtbild der Erkrankung zu bekommen, wird ergänzend zum Haut- ein Bluttest gemacht, durch den festgestellt wird, wie groß die Menge der sogenannten IgE-Antikörper im Blut ist.

Stand 03/2014

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