Immer länger arbeiten

Juni 2014 | Leben & Arbeiten

Wie halten wir das durch?
 
Der Druck, länger zu arbeiten, wächst. Dabei können sich schon jetzt rund 50 Prozent der Beschäftigten in Österreich nicht vorstellen, unter den gegebenen Bedingungen bis zur Pension durchzuhalten. Jüngste Daten geben der pessimistischen Einschätzung recht: Denn heute gehen hierzulande dreimal so viele Menschen wegen psychischer Erkrankungen in den vorzeitigen Ruhestand wie noch vor 20 Jahren. „Alternsgerechte Arbeitsplätze“ braucht das Land, lautet die einhellige Forderung. Doch was ist darunter zu verstehen? MEDIZIN populär hat bei führenden Medizinern nachgefragt, was es braucht, damit man im Job gesund bleiben kann.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer & Mag. Karin Kirschbichler

„Wenn das so weitergeht, bekomme ich binnen fünf Jahren einen Schlaganfall“, blickt Eva S., die seit knapp zehn Jahren für ein Pharmaunternehmen arbeitet, in eine düstere Zukunft. Der Karrieresprung vor rund einem Jahr hat der 49-Jährigen außer einem Mehr an Verantwortung und Arbeit wenig gebracht. „Im Schnitt müsste ich täglich zwei Stunden länger arbeiten, um das, was ich zu tun habe, zu schaffen“, sagt sie. Das gesetzliche Pensionsalter bei guter Gesundheit zu erreichen, ist für sie unter diesen Umständen undenkbar.
Mit ihrer pessimistischen Einschätzung ist Frau S. längst nicht allein: Laut Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer befürchten immer mehr Menschen in Österreich, in ihrem Beruf nicht bis 60 bzw. 65 Jahren durchhalten zu können. Besonders negativ fällt die Prognose bei jenen aus, die viele Überstunden machen müssen. Bei einem Pensum von 50, 60 Stunden pro Woche glaubt bereits jeder zweite Unter-25-Jährige nicht, dass er bis 60, 65 so weitermachen kann. Noch pessimistischer sind die älteren Beschäftigten: 55 Prozent der Über-46-Jährigen befürchten inzwischen, dass sie es in ihrem Job nicht bis zur Pension schaffen können. Zum Vergleich: 47 Prozent waren es im Jahr 2009.

Der Druck wächst
Gleichzeitig wächst der Druck, immer länger zu arbeiten. Denn in Anbetracht der demografischen Entwicklungen – sinkende Geburtenzahlen, steigende Lebenserwartung – drohe dem Pensionssystem der Kollaps. Wie in anderen Ländern soll auch in Österreich das Pensionsantrittsalter in den nächsten Jahren sukzessive erhöht werden. Mit Maßnahmen wie dem „Pensionskonto“ etwa will man Anreize schaffen, länger im Berufsleben zu bleiben. Mit schärferen Zugangsregeln soll es zudem schwieriger werden, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.
Entsprechend durchwachsen ist die Stimmung bei den Arbeitnehmern: „Jene, die wenige Jahre vor der Pension stehen, haben anders kalkuliert und sind jetzt frustriert“, weiß die Wiener Unternehmensberaterin, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Dr. Irene Kloimüller aus der Praxis ihrer Berater- und Coachingtätigkeit. Viele Beschäftigte zwischen 40 und 50 Jahren seien höchst verunsichert. Jüngere Arbeitnehmer hingegen stellen sich mehr oder weniger zähneknirschend auf ein längeres Arbeitsleben ein. Je besser sie qualifiziert sind, umso kritischer überprüfen sie den potenziellen Arbeitsplatz: Welche sozialen Angebote bietet der Betrieb? Habe ich Möglichkeiten zur Weiterbildung? Habe ich bei der Arbeitsgestaltung ein Wörtchen mitzureden? Schließlich gewinnen Faktoren wie diese mit der (zunehmenden) Dauer der Berufstätigkeit an Bedeutung.

Komplexer, dichter, schneller
Es ist komplexer, dichter, schneller geworden in der Arbeitswelt – und das setze den Berufstätigen über die Jahre zu. Darüber hinaus wird ihnen heute ein Höchstmaß an Flexibilität abverlangt, sei es bei der Arbeitszeit oder bei der Beschäftigung selbst: „Früher hat man einen Beruf erlernt und diesen genauso bis ans Ende der beruflichen Laufbahn ausgeübt: Der Schuster hat Schuhe angefertigt, der Tischler Tische“, beschwört der Arbeitsmediziner und Präsident der Österreichischen Ärztekammer Dr. Artur Wechselberger die Vergangenheit. „Heutzutage übt man während seines Arbeitslebens oft verschiedene Berufe aus oder macht drastische Veränderungen innerhalb eines einzelnen Berufsbildes mit.“
Während es heute kaum noch möglich ist, innerhalb eines einzigen Jobs älter zu werden, lässt sich die alternde Gesellschaft auch in der Arbeitswelt nicht aufhalten. Noch nie zuvor waren so viele Berufstätige 50 Jahre und älter – und die Anzahl „reifer“ Arbeitnehmer steigt offenbar schneller als Politik und Wirtschaft wahrhaben wollen: „Hierzulande hat man viel zu spät damit begonnen, sich mit alternsgerechtem Arbeiten zu befassen“, kritisieren Experten wie Kloimüller. Viele hätten ihre Arbeitsstrukturen (noch) nicht auf ältere Mitarbeiter abgestimmt, „bis vor kurzem hat man ältere Mitarbeiter leicht und gerne gehen lassen“, ortet Kloimüller eine leichte Trendwende.

Seele in Bedrängnis
Unterdessen gerät durch die steigenden Anforderungen des modernen Arbeitslebens vor allem die Seele in Bedrängnis: Aktuellen Daten zufolge gehen hierzulande heute dreimal so viele Menschen wegen psychischer Erkrankungen in den vorzeitigen Ruhestand wie noch vor 20 Jahren. Waren es 1995 elf Prozent, so nehmen heute bereits 32 Prozent wegen eines psychischen Leidens eine Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension in Anspruch, weiß man beim Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. „Körperliche Erkrankungen als Pensionsursache nehmen im Vergleich zu früher ab“, zitiert Univ. Prof. Dr. Johannes Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien, aus der Statistik. Er führt die Entwicklung auch auf einen offeneren Umgang mit den Leiden der Psyche zurück. „Im Gegensatz zu früher wird heute bei kaum jemandem, der wegen einer psychischen Erkrankung eingeschränkt arbeitsfähig oder arbeitsunfähig ist, eine körperliche Krankheit als Ursache angegeben.“ Hinzu kommt: Während die Anforderungen steigen, sinke laut Wechselberger die psychische Belastbarkeit. Und unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen fangen nicht wenige schon Mitte 40 damit an, die Tage bis zur Pension zu zählen. Dabei mache nicht die Arbeit an sich krank, lediglich die Art und Weise, wie das Arbeitsleben gestaltet ist, „kann die Entstehung verschiedener Krankheiten fördern“, so Wancata. Von Burn-out bis hin zu Depressionen reicht die Liste der möglichen psychischen Probleme.

Dauerbrenner Überforderung
Der Dauerbrenner unter den Ursachen von Burn-out & Co: Überforderung. Auch die um sich greifende Arbeitsverdichtung wird zum zunehmenden Problem: Um Arbeitsplätze einzusparen, müssen von einem Beschäftigten mehr Aufgaben in derselben Arbeitszeit erledigt werden, da ist Erschöpfung programmiert. Ältere Berufstätige leiden zuweilen darunter, dass man ihnen quasi den natürlichen Vorgang des Alterns zum Vorwurf macht, etwa hinsichtlich ihrer veränderten Leistungsfähigkeit. „Schon, wenn ein Arbeitnehmer das Gefühl hat, dass man abschätzig über ihn denkt, reduziert das die psychische Belastbarkeit“, gibt Artur Wechselberger zu bedenken. Älteren Arbeitnehmern weniger zuzumuten, sei aber auch nicht die Lösung des Problems: „Schließlich könnte es sein, dass es nicht weniger, sondern neue Herausforderungen sind, die dieser Mitarbeiter braucht“, betont Irene Kloimüller. Speziell im öffentlichen Bereich werde vielen die Arbeit irgendwann eintönig, es fehle an Entwicklungsmöglichkeiten, beobachtet die Unternehmensberaterin.
„Ältere Arbeitnehmer sind außerdem oft mit dem Vorwurf konfrontiert, relativ teure Arbeitnehmer zu sein, die maximal die gleiche Leistung erbringen können wie ihre jüngeren, vergleichsweise günstigeren Kollegen“, so Artur Wechselberger. In bestimmten Branchen sorge eine große Einkommensschere zwischen Jung und Alt für erhebliche Spannungen, beobachtet Irene Kloimüller. „Da kommt es vor, dass ein 50-Jähriger beinahe doppelt soviel verdient wie ein 25-Jähriger.“ Mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen zu schaffen, sei ebenfalls ein wichtiger Bestandteil alternsgerechter Arbeitsplätze.
Bei schweren körperlichen Tätigkeiten kommen weitere Kriterien zum Tragen: Da die physiologischen Prozesse verlangsamt sind, lässt naturgemäß die Leistungsfähigkeit Älterer nach. In der Praxis bedeutet dies auch, dass ältere Beschäftigte zum Teil wesentlich mehr leisten (müssen) als jüngere; Nachtarbeit z. B. ist für ältere Arbeitnehmer besonders anstrengend: „Bei einer Schicht von sechs Stunden ist der Energieaufwand eines 50-Jährigen um mehr als 50 Prozent höher als bei seinem 30-jährigen Kollegen“, erklärt Kloimüller.

Mehr Spielraum
Entsprechend sind ausreichende Erholung, aber auch Flexibilität im Sinne der Arbeitnehmer die wichtigsten Zutaten einer Arbeitswelt, in der man bis zur Pension – und länger – durchhalten kann. Darüber sind sich die Ärzte einig: „Wenn man es schafft, aus der Spirale der Überforderung auszusteigen und sich genügend Erholungsmöglichkeiten zu schaffen, muss Stress nicht zu Krankheit führen“, betont etwa Sozialpsychiater Johannes Wancata. Erholung sieht allerdings für jeden anders aus: „Für manche mag eine weitere Urlaubswoche im Jahr hilfreich sein“, sagt Wancata in Anspielung auf jüngste Diskussionen. „Anderen, die dadurch den Rest der Zeit umso mehr unter Druck stehen, hilft es hingegen viel mehr, ein-, zweimal öfter am Tag eine Pause einzulegen.“ Individuelle Wahlmöglichkeiten sind zielführender als pauschale Regelungen: „Je mehr Spielraum man hat, umso besser – vorausgesetzt, es wirkt sich nicht negativ auf die Pensionsansprüche aus“, ergänzt Irene Kloimüller. „Indem etwa die Pausenmöglichkeiten flexibler werden, schafft man wichtige Spielräume.“ Günstig sei auch die Möglichkeit, die Arbeitszeiten individuell zu regulieren. „Es fördert das gesunde Älterwerden, wenn man in jeder Lebensphase die Möglichkeit hat, auf die Balance von Arbeit und Freizeit zu achten“, so Kloimüller.

Die Abkürzung
„Die Jungen laufen schneller, die Alten kennen die Abkürzung“: Diese Redensart könnte die Marschroute für eine alternsgerechte Arbeitswelt vorgeben. „Es braucht Arbeitsplätze, an denen Menschen ihr ganzes Know-how und ihre jahrelang geschulte soziale Kompetenz einbringen können“, betont Wechselberger. „So wie jeder Arbeitsplatz dahingehend überprüft werden muss, ob er den Bedürfnissen einer schwangeren Mitarbeiterin entspricht, muss er auch auf seine Alterstauglichkeit hin überprüft werden.“
Was bei der Überprüfung der Arbeitsplätze besonders zu berücksichtigen ist: „Tätigkeiten, bei denen Tempo und Quantität wichtig sind, aber auch Jobs, die entweder körperlich oder psychisch einseitig belasten, werden mit dem Älterwerden schwieriger“, sagt Irene Kloimüller. Nacht- und Schichtdienste oder Zwölf-Stunden-Schichten etwa im Pflegebereich seien für ältere Beschäftigte nicht zumutbar. „Je kürzer die Dienstzeiten, umso alternsgerechter“, bringt es die Expertin auf den Punkt. Ältere Menschen haben obendrein eine andere Denkgeschwindigkeit, sie sehen oder hören schlechter – auch Faktoren wie diese sollten bei der Gestaltung alternsgerechter Arbeitsplätze berücksichtigt werden: Was braucht es, um einseitige Anforderungen oder körperliche Belastung zu reduzieren? Welche neuen Herausforderungen muss man schaffen, damit die Menschen bleiben können und wollen? Kann eine Tätigkeit in der bestehenden Form bis 65 Jahre – oder noch länger – ausgeführt werden?
„Immer mehr Betriebe entwickeln Modelle, damit ältere Mitarbeiter bleiben und ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Erfahrungen dem Unternehmen nicht verloren gehen“, beobachtet Irene Kloimüller neue Bestrebungen. Ob sie noch rechtzeitig für Menschen wie Eva S. greifen?

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Länger arbeiten, aber…:                      
Neue Modelle gefordert

Derzeit geht man hierzulande im Durchschnitt mit 58 Jahren in Pension. Dies soll sich demnächst ändern: Der Wert könnte schon binnen fünf Jahren um ein, zwei Jahre steigen, schätzt die Unternehmensberaterin und Ärztin Dr. Irene Kloimüller. Neben alternsgerechten Arbeitsplätzen brauche es auch „neue und innovative Modelle für den Pensionsübergang“, fordert Kloimüller. Derzeit ermöglicht etwa die Altersteilzeit einen gleitenden Übergang in die Pension, bei dem ältere Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit nach und nach reduzieren können ohne z. B. ihre Pensionsansprüche zu verlieren. Mit der sogenannten Teilpension will Sozialminister Rudolf Hundstorfer im Herbst ein weiteres Instrument präsentieren, um Menschen für längere Berufstätigkeit zu motivieren.

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Psychisch krank in Österreich:
Neue Studie läuft an

Psychische Erkrankungen nehmen weiterhin zu; davon bleibt auch die Arbeitswelt nicht verschont. „Was sind nun aber die Gründe dafür, dass manche Menschen mit einer psychischen Erkrankung nach einiger Zeit wieder problemlos ins Berufsleben zurückkehren können, während andere eine Pensionierung brauchen?“ So lautet eine der Fragen, der Sozialpsychiater Univ. Prof. Dr. Johannes Wancata im Rahmen seiner Studie „Leiden der österreichischen Seele“ nachgehen möchte. Damit führt der Mediziner die erste epidemiologische Studie punkto psychischer Erkrankungen in Österreich durch. Diesbezüglich gibt es bislang keine Daten – aktuelle Zahlen basieren lediglich auf Hochrechnungen. Weitere Fragen, auf die man sich bis 2016 eine Antwort erhofft: Was sind hierzulande die häufigsten psychischen Leiden? Wie viele psychisch Kranke gibt es in Österreich? Wie werden diese versorgt? Bekommen sie die nötige Behandlung?

Stand 06/2014

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