Krank durch Pendeln?

Januar 2017 | Leben & Arbeiten

Machen Sie das Beste aus dem Hin und Her!
 
Als wäre der Job nicht schon anstrengend genug, müssen viele Österreicher täglich ein gutes Stück Weg zurücklegen, um in die Arbeit und wieder heimzukommen: Mehr als die Hälfte der heimischen Berufstätigen pendelt – das geht auf Kosten der Nerven und der Gesundheit. In MEDIZIN populär erfahren Sie, wie Sie das Beste aus dem täglichen Hin und Her machen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Seine „Frühstückszeit auf Schienen“ nennt Josef K. die morgendliche Zugfahrt scherzhaft. Seit gut zwei Jahren pendelt der 38-jährige Personalentwickler zwischen Salzburg und München. Warum er die Fahrerei mit Humor nimmt? „Erstens kann ich auf der Fahrt etwas für mich tun – Musikhören, Zeitung lesen und eben in Ruhe frühstücken. Außerdem liebe ich meinen Job – er ist es wert.“

Eine Frage der Einstellung

Josef K. kann sich glücklich schätzen: Wer wie er die täglichen Fahrten zur und von der Arbeit als Chance begreift, ist deutlich weniger belastet. „Wenn man weiß, wofür man pendelt, erträgt man den täglichen Weg leichter“, bestätigt der Allgemein-, Arbeits- und Umweltmediziner Dr. Heinz Fuchsig. Fehlt hingegen das „Warum“, steigt das Risiko für psychische Probleme. Burnout etwa hat relativ wenig mit dem Ausmaß an Arbeit zu tun, sondern vielmehr damit, ob man diese als sinnvoll erlebt bzw. ob man dadurch emotional belastet oder ständig irritiert ist. Fehlt der Sinn und wird das Pendeln als notwendiges, unvermeidbares Übel erlebt, dann fühlt man sich eher „down“, antriebslos, deprimiert oder reizbar und aggressiv.

Autofahrer besonders belastet
Wie sehr die täglichen Wege belasten, ist nicht nur eine Frage der Einstellung, sondern hängt auch mit der Fahrzeit zusammen: Je länger die Fahrt dauert, desto belastender. Ab etwa 90 Minuten pro Tag und 45 Minuten Fahrzeit pro Strecke, erhöht das Pendeln Experten zufolge den Stress.
Die Belastung hängt außerdem stark von der Wahl des Verkehrsmittels ab. Bahn- und Busfahrer sind deutlich weniger gestresst als jene, die mit ihrem Auto pendeln. „Eine Studie hat gezeigt, dass Pendler bei gleicher Fahrdauer im Auto wesentlich nervöser sind und obendrein deutlich öfter Ängste und Schlafstörungen entwickeln“, berichtet Fuchsig, der auch Umweltreferent der Österreichischen Ärztekammer ist. In aller Früh und abends nach der Arbeit im Auto unterwegs zu sein, braucht gute Nerven. Speziell zu Stoßzeiten und im Stadtverkehr ist große Aufmerksamkeit gefordert – allein Musik zu hören erhöht das Unfallrisiko. „Stress oder Anspannung bringt man oft auch mit nachhause“, ergänzt der Experte. Oft sind in der Folge die Beziehungen in der Familie belastet.
Autofahren belastet aufgrund der Schadstoffe nicht nur die Umwelt, auch die eigene Gesundheit ist in Gefahr: „In einer Stunde im Auto im Stoßverkehr hat man mehr Schadstoffe aufgenommen als in den restlichen 23 Stunden am Tag zusammen“, gibt Fuchsig zu denken. Sehr oft komme es zu einer Grenzwertüberschreitung. Ist man auf das Auto angewiesen, sollte man entlang von Lkw-Kolonnen die Umluft-Taste betätigen.

Besser mit Bus oder Bahn

Deutlich gesünder dran ist, wer mit Bus oder Bahn in die Arbeit fährt. „Öffi-Pendler“ sind weniger gestresst und kommen oft zusätzlich auf wertvolle Meter, wenn sie zu Fuß zum Bahnhof gehen oder zehn Minuten von der U-Bahn ins Büro. Natürlich kann das Gedränge in Bus oder Bahn auch nerven, erst recht, wenn man keinen Sitzplatz ergattert. Der Mediziner empfiehlt, aus der Not eine Tugend zu machen: Sich am Haltegriff festzuhalten, kräftigt die Armmuskulatur. Auch die Koordination lässt sich beim Stehen im Bus trainieren. Überhaupt sollte man der Fitness zuliebe alle Möglichkeiten, die der Alltag in Sachen Bewegung bietet, nutzen: Nehmen Sie die Stufen anstelle des Lifts! Gehen Sie eine Busstation zu Fuß! Um zu verhindern, dass man sich in Menschenansammlungen Erkältungs- oder Grippeviren einfängt, sollte man Hygiene großschreiben: Waschen Sie sich regelmäßig und gründlich Ihre Hände!

Am besten gehen oder radeln

Wer den Weg in die Arbeit an der frischen Luft zurückzulegt – sei es auf dem Drahtesel oder zu Fuß – ist am besten dran. „Bewegung, Licht und frische Luft machen in der Früh wach und konzentrationsfähig. Bewegung am Rückweg ist die einfachste Methode, um Spannungen und Stresshormone abzubauen“, weiß Fuchsig, der selbst auf eine langjährige Erfahrung als „Fahrrad-Pendler“ zurückblickt. Wer den Übergang von der Arbeits- zur Freizeit bewegt gestaltet, tut sich leichter mit dem Abschalten. Auch die körperliche Gesundheit profitiert: „Kalte Luft in der Früh verbessert die Abwehr des Rachenringes, das Risiko für Verkühlungen sinkt“, informiert der Mediziner. Einer dänischen Studie zufolge sinkt bei Menschen, die mit dem Rad in die Arbeit fahren, das Risiko für Depressionen um fast 70 Prozent. „Alltagsbewegte“ haben außerdem ein halb so hohes Risiko für Erkrankungen wie Osteoporose, Dickdarmkrebs, Herzinfarkt, Altersdiabetes oder Brustkrebs.

Bewegte Schulkinder

Was für erwachsene Pendler gilt, gilt umso mehr für die vielen jugendlichen  – für Schüler, Lehrlinge, Studenten. Eine Untersuchung des „VCÖ-Mobilität mit Zukunft“ zeigt, dass Autofahrten zur Schule enorm zunehmen – die Inaktivität der Kinder geht auf Kosten der Gesundheit. Dabei ist etwa das Unfallrisiko auf dem Schulweg verschwindend gering im Vergleich zu den gesundheitlichen Risiken, die der Bewegungsmangel nach sich zieht. „Nur vier Prozent aller Schülerunfälle passieren auf dem Schulweg“, zitiert der Arzt eine Untersuchung der AUVA, der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt.
Der verbreitete Bewegungsmangel hat dazu geführt, dass heute viele Kinder nicht nur übergewichtig sind, es fehlt ihnen außerdem an Kraft und Muskulatur. „Sie verletzen sich oft schon bei Kleinigkeiten schwer, auch der Heilungsverlauf ist verzögert“, nennt Fuchsig die dramatischen Folgen. Oft haben sie schon als 20-Jährige eine reduzierte Knochendichte.

Wohltäter Frischluft & Licht
Wer bewegt in den Tag startet, tut nicht nur etwas für die Fitness. Man kommt weiters in den Genuss von Tageslicht, das speziell in den trüben Wintermonaten einen wichtigen Wohlfühlfaktor darstellt. All das entgeht Pendlern, die frühmorgens in der Dunkelheit in die Arbeit und am Nachmittag, wenn es bereits dämmert, nachhause fahren.
Damit die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin reduziert wird und man sich agil und antriebsstark fühlt, braucht es Licht. „Melatonin wird bei 2000 Lux um 90 Prozent reduziert“, informiert Fuchsig. „Büros sind praktisch nie mit über 1000 Lux ausgeleuchtet.“ Das beeinträchtigt unseren Biorhythmus und kann zu einem Serotoninmangel führen. Dieser wiederum erhöht das Risiko für Antriebslosigkeit und depressive Verstimmungen –  Gründe genug, sich viel an der frischen Luft aufzuhalten. „Selbst an trüben Wintertagen bietet das Freie weit über 2000 Lux Helligkeit.“ In der Mittagssonne wird im Winter außerdem die Produktion von Vitamin D angekurbelt, das beispielsweise wichtig für die Knochengesundheit ist.

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Die meisten fahren Auto:
Pendeln in Österreich

Pendelfahrzeug“ Nummer eins ist das Auto: Knapp 68 Prozent der Pendler fahren damit in die Arbeit. Nur knapp 18 Prozent der Österreicher nutzen öffentliche Verkehrsmittel – Eisen-, Straßen- und/oder U-Bahn. Sechs Prozent sind mit dem Bus unterwegs. Jeweils 1,4 Prozent  der Berufstätigen pendeln mit dem Fahrrad bzw. mit Motorrad, Moped oder Mofa. (Quelle: VCÖ – Mobilität mit Zukunft)

Gesundheit in Gefahr:
Der Stress der Pendler

Immer mehr Österreicher pendeln in die Arbeit: 2011 waren es  bereits 53, 7 Prozent der Beschäftigten, mehr als zwei Millionen (2.112.000) Menschen. Die Belastungen durch das Hin und Her sind groß: Studien haben ergeben,
dass Pendler öfter unter Kopf-, Rücken- und Magenschmerzen sowie an Schlafstörungen leiden. Durch das viele Sitzen neigen sie eher zu Übergewicht. Sie haben öfter Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Psyche ist betroffen: Pendler sind schneller gereizt und können sich in der Arbeit schlechter konzentrieren. (Quelle: VCÖ – Mobilität mit Zukunft)

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Workouts, Hirntrainings, Musik:
Tun Sie etwas für sich!

Sechs Tipps, wie Sie den Weg zur Arbeit und nachhause für Ihr Wohlgefühl nutzen:

  • Haltung bewahren. Um Verspannungen und damit Schmerzen vorzubeugen, sollte man in Auto, Bus und Bahn richtig sitzen: Richten Sie sich immer wieder auf und gewöhnen  sich tiefes Atmen in den Bauch an. Dies wirkt ausgleichend bei Stress. 

  • Mini-Workouts. Sie sind immer sehr verspannt und das Sitzen in Bus und Bahn macht es nicht besser? Strecken Sie sich ausgiebig – Hund und Katze machen es jeden Morgen vor!

  • Hörbücher. Dieses Buch wollten Sie immer schon mal lesen? Lassen Sie sich zur Abwechslung mal vorlesen!

  • Musik. Ob zur Entspannung, um Ängste abzubauen oder um munter zu werden: Musik kann zum Therapeutikum werden. Bei morgendlicher Müdigkeit etwa könnten aktivierende Rhythmen auf die Sprünge helfen.

  • Entspannungstechniken. Autosuggestion, Achtsamkeits-Meditation etc. bieten ein Repertoire an einfachen Übungen, die man immer und überall machen kann: Atmen Sie bewusst ein und aus! Nehmen Sie bewusst die vorbeiziehende Landschaft wahr!

  • Gehirntrainings. Auch die grauen Zellen brauchen ein regelmäßiges Training, um fit zu bleiben: Nutzen Sie die Fahrt für Gehirntrainings. Lernen Sie zum Beispiel jeden Tag zwei Handynummern von Freunden auswendig.

 

Stand 01/2017

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