Bewegungsapparat & Sport

Faszien in Balance

Sie sind das intelligente Netzwerk unseres Körpers und mehr als bloßes Bindegewebe: Faszien sorgen für reibungslose Bewegung und reagieren auf Stress. 

Von Jacqueline Kacetl

Lange Zeit wurden die Faszien als passives Bindegewebe betrachtet und galten als mechanisch unwichtiges Füllmaterial. In den 1990er und 2000er Jahren setzte ein regelrechter Faszien-Hype ein, der durch eine ganzheitliche Sicht auf Bewegung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und bildgebende Verfahren ausgelöst wurde. Eine Schlüsselrolle spielte der französische Chirurg Jean-Claude Guimberteau. Bereits in den späten 1970er Jahren untersuchte er Faszien im lebenden Gewebe. Später nutzte der Hand- und plastische Chirurg endoskopische Kameratechnik, die während chirurgischer Eingriffe unter die Haut eingeführt wird. Seine Aufnahmen zeigten erstmals am lebenden Menschen, dass Faszien ein dreidimensionales Netzwerk bilden, das fast alle Strukturen des menschlichen Körpers miteinander verbindet. Damit machte Guimberteau sichtbar, dass der Körper als vernetztes Ganzes funktioniert. Bewegung entsteht nicht allein durch Muskelarbeit, sondern aus dem Zusammenspiel des faszialen Netzwerks. Seine viel­beachteten endoskopischen Videoaufnahmen veränderten das Bild der Faszie nachhaltig. 

Mehr als nur Stützgewebe

Inzwischen ist klar: Faszien bilden ein schützendes und stützendes Netz im ganzen Körper, das Gewebe wie Muskeln, Sehnen, Nerven, Gefäße und Organe abpolstert und zusammenhält. Ohne dieses Netzwerk, das hauptsächlich aus Kollagenfasern und elastischen Fasern besteht, würden Muskeln erschlaffen, Knochen ihren Halt verlieren und Organe im Körper­inneren hin- und herwandern. Zudem sind Faszien nicht passiv, sondern reagieren auf Bewegung, Belastung, Stress und Verletzungen. Faszien enthalten viele Nervenzellen mit empfindlichen Nervenrezeptoren, die unterschiedliche Reize wahrnehmen. Einige reagieren auf Dehnung, Spannung und Druck und tragen dazu bei, die Position und Bewegung unseres Körpers zu spüren und unsere Bewegungen koordinieren zu können. Spezielle Schmerz­rezeptoren melden potenziell schädigende Reize. Wird das Gewebe übermäßig gedehnt, verletzt und entzündet, schlagen sie Alarm und senden verstärkt Warnsignale ans Gehirn, die wir als Schmerz wahrnehmen. 

Warum Faszien schmerzen

Faszienschmerzen zeigen sich häufig als ziehende, brennende oder drückende Beschwerden, die sich bei Bewegung, Druck oder Belastung verändern und manchmal im Körper wandern. Die Beschwerden können viele Ursachen haben. Am häufigsten sind Bewegungsmangel, Verletzungen, einseitige Belastung (z. B. dauerhaftes Sitzen mit rundem Rücken), Flüssigkeitsmangel, Stress und Überbeanspruchung. In der Folge kann sich die feine Struktur der Faszien verändern: Verliert das Gewebe an Elastizität, verhärtet oder verdichtet sich, spricht man häufig von „verklebten Faszien“. „Bei Faszienschmerzen durch Überlastung spielt vor allem ein ungünstiges Trainingsverhalten eine zentrale Rolle“, erklärt der Wiener Orthopäde und Osteopath Dr. Markus Serek. „Viele Hobbysportlerinnen und -sportler steigern ihr Pensum zu schnell. Ein Beispiel sind Freizeitläufer, die für einen Marathon trainieren und ihr bisheriges Trainingsausmaß plötzlich radikal erhöhen. Der Körper ist darauf oft nicht ausreichend vorbereitet. Die Folge sind Überlastungsbeschwerden in den Beinen und Sehnen, etwa in den Waden, Oberschenkeln oder der Muskulatur insgesamt. Auch beim Radfahren kann ein falsch eingestellter Sattel oder Lenker Beschwerden hervorrufen. Bei Breitensportlern liegt die Ursache für Faszienschmerzen meist in einer Überlastung, die sich mit der Zeit summiert und Beschwerden auslöst.“

Schädlich für die Faszien

Spannungen in den Faszien können auch Rückenschmerzen und Seitenstechen begünstigen oder verstärken, sagt Serek: „Ist das fasziale Gewebe im Rumpf unter Zug oder stark beansprucht, können sich diese Spannungen nach oben fortsetzen und als stechender Schmerz in der Seite bemerkbar machen.“ Rückenschmerzen entstehen meist durch eine Kombination aus Bewegungsmangel, Stress sowie einseitiger Belastung und Fehlhaltungen. Eine dauerhaft sitzende Tätigkeit in Verbindung mit chronischem Stress belastet Muskeln und Faszien besonders. „Langes Sitzen lässt Muskeln und Faszien verspannen und die Beweglichkeit nachlassen. Stress kann diesen Effekt zusätzlich verstärken. Das Gewebe kann dadurch in seiner Funktion eingeschränkt werden, was die Beweglichkeit der Muskeln reduziert. Verspannte Muskeln und Faszien können Druck auf Nerven ausüben, was Schmerzen auslöst. Schmerzen wirken wiederum als zusätzlicher Stressfaktor und können die Muskel- und Faszienanspannung weiter verstärken.“ 

So lösen sich Blockaden

Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich seien eine typische Folge von Dauerstress, erklärt Serek. Seit den Corona-Lockdowns beobachtet der Facharzt eine deutliche Zunahme dieser Beschwerden, die durch erhöhten Stress, langes Sitzen und ergonomisch ungünstige Bildschirmarbeit begünstigt werden. „Besonders betroffen ist der sogenannte Schulterheber, ein Nackenmuskel, der das Schulterblatt anhebt. Bei Stress zieht man unbewusst die Schultern hoch und der Muskel bleibt dauerhaft angespannt. Die Folge sind Nacken- und Schulterschmerzen, oft begleitet von Beschwerden in der Halswirbelsäule und stressbedingten Kopfschmerzen.“ Zur Lösung solcher Blockaden setzt der Facharzt auf eine dreistufige Therapie aus manuellen Techniken, Frequenzanwendungen und gepulsten Magnetfeldern. Eine weitere, spezielle Form der Faszientherapie ist das von der amerikanischen Biochemikerin Ida Rolf entwickelte Rolfing, das eine tiefe manuelle Bearbeitung der Faszien mit Haltungs- und Bewegungsübungen kombiniert. Ergänzend wird speziell nach einer Faszien­therapie empfohlen, ausreichend zu trinken. So kann der Körper gelöste Stoffwechselprodukte besser abtransportieren und das Lymphsystem unterstützen.

Faszien elastisch halten

Neben ausreichender Flüssigkeitszufuhr brauchen die Faszien Bewegung, um elastisch und gleitfähig zu bleiben. Wichtig sind vielseitige Bewegungen, weil einseitige Belastungen das Fasziengewebe verhärten können. Das in vielen Fitnesscentern angebotene Faszientraining soll die Spannkraft, Gleitfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Bindegewebes erhalten. Es umfasst spezielle Bewegungs- und Dehnungsübungen, ergänzt durch Faszienrollen oder -bälle, mit denen sich verspannte Bereiche langsam selbst massieren lassen. Auch in der ärztlichen Therapie nutzt man diese Hilfsmittel, um gezielt Druck auf
verhärtete Bereiche auszuüben. Die Härte der Faszienrollen wird inzwischen kritisch betrachtet: Sehr feste Modelle erzeugen hohen Druck, der schmerzhaft sein und bei empfindlichen Menschen Nerven oder Gefäße irritieren kann. Vor allem Einsteigern werden weichere oder mittelharte Rollen empfohlen. „Das Faszientraining ist vorbeugend sinnvoll – aber nur, solange keine Beschwerden bestehen“, sagt Serek. „Es hilft, Stoffwechselprodukte abzutransportieren und unterstützt die Regeneration der Muskulatur. Elastische Faszien machen den Körper beweglich, verteilen Zug- und Stoßkräfte im Gewebe und können so das Risiko von Verletzungen wie Zerrungen, Überlastungsschäden oder Reizungen senken.“


Fotos: istockphoto/peopleimages

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