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Wenn Jucken zur Qual wird

Chronischer Juckreiz raubt den Schlaf, belastet die Psyche und kann den Alltag massiv beeinträchtigen. Welche Ursachen hinter quälendem Juckreiz stecken können und warum eine gezielte Behandlung wichtig ist.

Von Natascha Gazzari

Univ.-Prof. Dr. Franz Legat
„Nur etwa fünf Prozent der Fälle von chronischem Juckreiz sind vorrangig psychisch bedingt.“

Juckreiz kennt jeder aus eigener Erfahrung – nach einem Gelsenstich, durch den Kontakt mit Brennnesseln oder bei trockener Haut. Von akutem Juckreiz spricht man, wenn die Beschwerden weniger als sechs Wochen andauern. In vielen Fällen erfüllt das Jucken dabei eine Schutzfunktion: Durch Kratzen versucht der Körper, reizende Stoffe von der Haut zu entfernen. Problematisch wird es, wenn der Juckreiz chronisch wird und länger als sechs Wochen anhält. Dann verliert er seine Schutzfunktion und wird selbst zur Belastung. Schlaf, Konzentration und Lebensqualität leiden. Zugleich kann das ständige Kratzen bestehende Hauterkrankungen zusätzlich verschlechtern. 

„Jeder fünfte Mensch leidet statistisch gesehen irgendwann einmal im Laufe des Lebens an chronischem Juckreiz“, sagt Univ.-Prof. Dr. Franz Legat, Leiter der Pruritus-Ambulanz an der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie in Graz. Bereits leichter, aber anhaltender Juckreiz kann das Wohlbefinden massiv beeinträchtigen; starker chronischer Juckreiz kann das ganze Leben negativ bestimmen. Viele Betroffene berichten über innere Unruhe, Gereiztheit und Erschöpfung. Nicht selten entsteht ein Teufelskreis: Je mehr gekratzt wird, desto stärker wird der Juckreiz – und desto mehr leidet die Haut.

Viele mögliche Ursachen

Akuter Juckreiz wird meist durch äußere Reize oder Allergien ausgelöst. Chronischer Juckreiz kann dagegen viele Ursachen haben: Haut­erkrankungen, innere Erkrankungen, Nerven­erkrankungen oder psychische Belastungen. Zu den häufigsten dermatologischen Ursachen zählen trockene Haut, atopische Dermatitis (Neurodermitis) und Psoriasis. Doch auch Leber-,
Nieren- oder Bluterkrankungen können dahinterstecken. „Deshalb sollte chronischer Juckreiz immer ärztlich abgeklärt werden“, so der Rat des Mediziners. Neben der klinischen Untersuchung durch die Ärztin/den Arzt liefern das Blutbild, die Leber- und Nierenwerte, die Schilddrüsenwerte oder der Eisenstatus oft wichtige zusätzliche Hinweise. Selbst ein weit verbreiteter Eisenmangel kann generalisierten Juckreiz auslösen.

Chronischer Juckreiz wird nicht selten vorschnell als psychosomatisch abgetan. Ein Fehler, wie Dermatologe Legat betont: „Nur etwa fünf Prozent der Fälle von chronischem Juckreiz sind tatsächlich vorrangig psychisch bedingt. Psychische Belastungen treten aber meist im Laufe der chronischen Juckreizerkrankung auf und können Beschwerden verstärken, sind aber meist nicht die eigentliche Ursache.“

Trockene Haut

Niedrige Außentemperaturen und trockene Heizungsluft in der kalten Jahreszeit oder häufiges Waschen und Desinfizieren der Hände belasten die Hautbarriere. Die Haut verliert Fett und Feuchtigkeit, wird rissig und empfindlich. Vor allem ältere Menschen leiden häufig darunter, weil die Haut im Alter weniger Fett produziert und dadurch schneller Feuchtigkeit verliert. Die Folge: Spannungsgefühl, Schuppen, Brennen und Juckreiz. Die wichtigsten Maßnahmen bei trockener Haut sind eine schonende Hautreinigung und eine konsequente, rückfettende Pflege mit Cremes oder Salben.

Zur Hautreinigung empfehlenswert sind pH-neutrale Syndets, Waschöle oder rückfettende Badezusätze Bei der Hautpflege können sehr wasserreiche Lotionen die Haut zusätzlich austrocknen, weil das enthaltene Wasser beim Verdunsten der Haut noch mehr Feuchtigkeit entzieht. Rückfettende Produkte führen der Haut fehlende Fette wieder zu und stabilisieren die Hautbarriere. Diese Produkte sollten idealerweise unmittelbar nach dem Duschen oder Baden auf die Haut aufgetragen werden. Die Sorge, dass häufiges Eincremen die Haut „faul“ machen könnte, hält Dermatologe Legat für unbegründet: „Wenn die Haut ausreichend Fett produzieren könnte, wäre keine Hauttrockenheit entstanden.“

Neurodermitis

Das atopische Ekzem, besser bekannt als Neurodermitis, gehört zu den häufigsten chronischen Hauterkrankungen. Bis zu 20 Prozent der Kinder sowie fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Kennzeichnend sind entzündete, gerötete Hautstellen mit starkem Juckreiz. Bei Säuglingen und Kleinkindern treten die Ekzeme häufig an den Wangen, am Hals oder in den Beugen auf. Im Erwachsenenalter verlagern sich die Beschwerden oft in den Gesichts- und Halsbereich. Auch trockene, juckende Augenlider können auf Neurodermitis hinweisen.

Neurodermitis verläuft schubweise und ist zwar nicht heilbar, aber mittlerweile meist gut behandelbar. Neben kortisonfreien und kortisonhaltigen Präparaten und UV-Lichttherapien kommen heute moderne systemisch verabreichte Antikörpertherapien zum Einsatz. Diese greifen gezielt in jene Bereiche des Immunsystems ein, die bei Neurodermitis über­aktiv sind. Entscheidend ist außerdem die tägliche Basispflege mit individuell abgestimmten, rück­fettenden Produkten.

Psoriasis

Psoriasis, auch Schuppenflechte genannt, ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die mit geröteten, schuppenden Hautveränderungen und teilweise starkem Juckreiz einhergeht. „Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind betroffen“, so Legat. Die Hautveränderungen können kleinflächig auftreten oder größere Körperbereiche betreffen.

Besonders häufig finden sich die entzündlichen Herde an Ellenbogen, Knien und der Kopfhaut. Charakteristisch sind gerötete, verdickte Hautstellen mit silbrig-weißen Schuppen, die oft über längere Zeit bestehen bleiben. Die Standardtherapie besteht aus kortison- und Vitamin-D-haltigen Cremes und Salben, die Entzündungen rasch lindern können. Bei ausgedehnteren Formen kommen UV-Lichttherapien zum Einsatz.

Seit mehreren Jahren werden bei ausgeprägten Fällen vor allem sogenannte Biologika eingesetzt. Diese biotechnologisch hergestellten Wirkstoffe greifen gezielt in die fehlgeleitete Immunreaktion ein und können Entzündungen langfristig eindämmen. „Es hat sich gezeigt, dass in den meisten Fällen bei einer guten und wirksamen Therapie der Psoriasis mit Abheilung der Hautveränderungen auch der Juckreiz rasch abnimmt“, erläutert der Experte. Auch bei dieser Erkrankung bleibt eine konsequente Hautpflege wichtig, um die Hautbarriere zu stärken und den Juckreiz zu lindern.

Kratzen als Krankheit

Die chronische noduläre Prurigo, auch Prurigo nodularis genannt, gilt als Extremform des chronischen Juckreizes. Durch monate- oder jahrelanges Kratzen entstehen knotige Hautveränderungen („Noduli“), die wiederum stark jucken und zu neuem Kratzen führen – ein kaum zu durchbrechender Teufelskreis. Die Hautveränderungen treten ausschließlich an jenen Körperstellen auf, die mit den Händen erreicht werden können – etwa an den Streckseiten von Armen und Beinen sowie im oberen und unteren Rückenbereich.

Die chronische Prurigo gilt als besonders belastende Form des Juckreizes und geht häufig mit sehr hohem Leidensdruck sowie erheblicher psychischer Belastung einher. Die Behandlung gestaltet sich oft sehr schwierig. Antihistaminika helfen meist nur wenig oder gar nicht. Eingesetzt werden daher unter anderem Medikamente, die auf das Nervensystem oder das Immunsystem wirken.

In den letzten Jahren wurden im Rahmen von klinischen Studien, die unter anderem auch an der Hautklinik der Meduni Graz durchgeführt wurden, zwei biotechnologisch hergestellte Medikamente (Biologika) zur Therapie zugelassen. Die beiden Biologika Dupilumab und Nemolizumab können gezielt Juckreizauslöser hemmen, den quälenden Juckreiz lindern und die juckenden Knoten zum Verschwinden bringen.

Weitere klinische Studien, um noch mehr und vielleicht noch besser wirksame Medikamente zu finden, werden auch an der Grazer Hautklinik durchgeführt. „Durch die Teilnahme an einer klinischen Studie erhalten Betroffene die Möglichkeit, eine lang ersehnte Linderung des Juckreizes und eine Abheilung ihrer Hautveränderungen zu erreichen und den Fortschritt in der Entwicklung neuer wirksamer Medikamente gegen den Juckreiz zu unterstützen“, erläutert Legat.

Fest steht: Chronischer Juckreiz ist keine Bagatelle. Wer über Wochen unter quälendem Jucken leidet, sollte die Ursache ärztlich abklären lassen. Denn oft steckt mehr dahinter als nur trockene Haut.


Tipps für den Alltag

Eine ausgeglichene Lebensweise ohne ständige körperliche und psychische Überforderung ist bei allen Formen des chronischen Juckreizes wünschenswert – in der Realität ist das jedoch oft schwer umzusetzen. Einige Maßnahmen können die Beschwerden jedoch deutlich lindern:

  • Eine regelmäßige und ausreichend rückfettende Hautpflege ist entscheidend, um Hauttrockenheit vorzubeugen und Juckreiz zu lindern.
  • Zur Körperreinigung eignen sich pH-neutrale Syndets, Waschöle oder rückfettende Badezusätze besser als aggressive Seifen.
  • Übermäßige Wärme verstärkt den Juckreiz häufig deutlich. Auch trockene Heizungsluft kann die Haut zusätzlich reizen.
  • Sportarten mit starkem Schwitzen können Juckreizschübe auslösen oder verstärken.
  • Nahrungsmittel mit hohem Histamingehalt sowie sehr scharfe oder sehr heiße Speisen können Juckreizbeschwerden kurzfristig verstärken.
  • Wolle und Schurwolle werden von empfindlicher Haut oft schlecht vertragen. Empfehlenswert ist weiche Kleidung, bevorzugt aus Baumwolle.
  • Kurze Fingernägel helfen dabei, Hautverletzungen durch Kratzen zu vermeiden.
  • Viele Betroffene empfinden kühlende Umschläge oder kurze lauwarme bis kühle Duschen als angenehm, weil dadurch der Juckreiz kurzfristig nachlassen kann.
  • Stress, Schlafmangel und psychische Belastungen können Juckreiz verstärken. Entspannungstechniken oder psycho-
    therapeutische Unterstützung können daher hilfreich sein.

FOTOS: zvg, istockphoto/Doucefleur

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