Herz, Kreislauf & Gefäße

Risiko frühzeitig ernst nehmen

Erhöhte Cholesterinwerte verursachen meist keine Beschwerden und bleiben daher oft lange unentdeckt. Warum regelmäßige Kontrollen wichtig sind, welche Rolle die genetische Veranlagung spielt und wann Lebensstilmaßnahmen allein nicht mehr ausreichen.

Von Natascha Gazzari

Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi
„Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, die Cholesterinwerte nicht erst im Erwachsenenalter, sondern bereits ab dem sechsten Lebensjahr messen zu lassen.“

Kennen Sie Ihre Cholesterinwerte? Viele Menschen beantworten diese Frage mit „Ja“. Doch deutlich weniger wissen, ob auch ihr Lipoprotein(a)-Wert jemals bestimmt wurde. Dabei kann gerade dieser genetisch bedingte Blutfettwert wichtige Hinweise auf das persönliche Herz-Kreislauf-Risiko liefern. Doch unabhängig davon, ob es um Lipoprotein(a) oder die klassischen Cholesterinwerte geht: Erhöhte Blutfettwerte zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wer erhöhte Werte bescheinigt bekommt, denkt rasch an Herzinfarkt, Schlaganfall oder verengte Blut­gefäße. Dabei ist Cholesterin für den menschlichen Körper unverzichtbar. Die fettähnliche Substanz wird für den Aufbau der Zellmembranen benötigt und dient außerdem als Ausgangsstoff für verschiedene Hormone, Gallensäuren und Vitamin D. „Unser Körper braucht Cholesterin zum Leben“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Clodi, Facharzt für Innere Medizin und Vorstand der Abteilung für Innere Medizin im Barmherzige Brüder Krankenhaus Linz sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Lipidologie.

Ein Großteil des Cholesterins wird dabei nicht über die Nahrung aufgenommen, sondern vom Körper selbst gebildet – vor allem in der Leber. „Man kann sagen: Cholesterin ist ein Grundbestandteil des Menschen“, erläutert der Mediziner. Nahezu alle Organe und Gewebe sind in der Lage, Cholesterin zu produzieren, wenn es notwendig ist. Problematisch wird Cholesterin nicht, weil es grundsätzlich schädlich ist. Das Risiko entsteht vielmehr dann, wenn bestimmte Blutfette über längere Zeit erhöht sind. 

Welche Werte wichtig sind

Wer seine Blutfettwerte bestimmen lässt, erhält meist eine ganze Reihe an Laborwerten. Doch nicht alle sind für die Risikobeurteilung gleich wichtig. Im Mittelpunkt stehen vor allem das LDL-Cholesterin und das Lipoprotein(a). „Das LDL-Cholesterin ist der wichtigste Wert, wenn es um Atherosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall geht“, erklärt Clodi. LDL transportiert Cholesterin im Körper und kann gleichzeitig in die Gefäßwand eindringen. Dort entstehen im Laufe der Zeit Ablagerungen, die die Arterien verengen und die Durchblutung beeinträchtigen können. „Je höher der LDL-Wert ist und je länger er erhöht bleibt, desto größer ist das Risiko, dass sich Ablagerungen in den Arterien bilden“, so Clodi.

Das HDL-Cholesterin wurde lange Zeit als „gutes Cholesterin“ bezeichnet. Heute wird seine Rolle differenzierter betrachtet. Ein niedriger HDL-Wert kann zwar auf ein erhöhtes Risiko hinweisen, therapeutisch steht jedoch nicht die Anhebung des HDL-Wertes im Vordergrund. Entscheidend ist vielmehr, das LDL-Cholesterin zu senken. Besondere Aufmerksamkeit verdient Lipoprotein(a). Im Gegensatz zu vielen anderen Risikofaktoren wird dieser Wert nahezu ausschließlich durch die Gene bestimmt. Lebensstilmaßnahmen können ihn praktisch nicht beeinflussen. Deshalb empfiehlt der Facharzt, Lp(a) zumindest einmal im Leben bestimmen zu lassen – insbesondere dann, wenn es in der Familie bereits früh zu Herz­infarkten oder Schlaganfällen gekommen ist.

Warum erhöhte Werte oft unbemerkt bleiben

Bluthochdruck wird häufig als „stiller Killer“ bezeichnet. Ähnliches gilt auch für erhöhte Cholesterinwerte. Sie verursachen in der Regel keine Beschwerden und bleiben deshalb oft über viele Jahre unentdeckt. „Man spürt nicht, ob das LDL-Cholesterin erhöht ist. Es tut nicht weh, macht nicht müde und führt zunächst zu keinen eindeutigen Symptomen“, berichtet der Internist. Genau darin liegt die Gefahr: Während sich Betroffene gesund fühlen, entwickeln sich in den Gefäßwänden bereits Veränderungen. Dieser Prozess verläuft langsam und oft über Jahrzehnte hinweg. Häufig wird die zugrunde liegende Störung erst erkannt, wenn bereits ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, eine Angina pectoris oder eine Durchblutungs­störung in den Beinen aufgetreten ist.

Regelmäßige Kontrollen spielen daher eine wichtige Rolle. Die Bestimmung der Blutfette sollte ein fixer Bestandteil der Vorsorge sein. Besonders bei familiären Hinweisen auf erhöhte Cholesterinwerte oder frühe Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird eine frühzeitige Kontrolle empfohlen: „Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, die Cholesterinwerte nicht erst im Erwachsenenalter, sondern bereits ab dem sechsten Lebensjahr messen zu lassen.“

Wann Cholesterin zum Risiko wird

Viele Menschen möchten wissen, ab welchem Wert Cholesterin tatsächlich gefährlich wird. Eine allgemeingültige Grenze gibt es allerdings nicht, da immer das individuelle Herz-Kreislauf-Risiko berücksichtigt werden muss. Nach den Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie und der Europäischen Atherosklerose-Gesellschaft gilt ein LDL-Wert von 116 mg/dl bereits als Grenzwert, bei dem man aufmerksam werden sollte. Menschen mit erhöhtem Risiko benötigen jedoch deutlich niedrigere Zielwerte. Bei hohem Risiko sollte das LDL-Cholesterin unter 70 mg/dl liegen, bei sehr hohem Risiko unter 55 mg/dl. In besonders ausgeprägten Risikosituationen kann sogar ein Zielwert unter 40 mg/dl sinnvoll sein. „LDL-Cholesterin ist nicht nur ein Laborwert, sondern eine direkte Ursache der Atherosklerose“, unterstreicht Facharzt Martin Clodi. Menschen, die ihr Leben lang sehr niedrige LDL-Werte aufweisen, entwickeln deutlich seltener Gefäßverkalkungen. „Je niedriger die lebenslange LDL-Belastung, desto geringer ist das Gefäßrisiko“, fasst der Arzt zusammen.

Die Gene entscheiden mit

Wer erhöhte Cholesterinwerte hat, hört häufig den Rat, sich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu treiben. So wichtig diese Maßnahmen auch sind – sie erklären nicht jede Erhöhung der Blutfette: „Viele Menschen mit erhöhtem LDL-Cholesterin haben das nicht, weil sie sich falsch ernähren, sondern weil der Stoffwechsel genetisch so programmiert ist“, erläutert Clodi. Eine besonders wichtige Rolle spielt die familiäre Hypercholesterinämie. Dabei sind die LDL-Werte oft bereits im Kindes- oder Jugendalter deutlich erhöht.

Hinweise darauf können sehr hohe Cholesterinwerte oder frühe Herzinfarkte und Schlaganfälle in der Familie sein. Als frühe Ereignisse gelten Herzinfarkte oder Schlaganfälle bei Männern vor dem 55. und bei Frauen vor dem 60. Lebensjahr. Auch erhöhte Lipoprotein(a)-Werte werden vererbt. Da sich dieser Risikofaktor kaum beeinflussen lässt, gewinnt die Kontrolle anderer Risiko­faktoren umso mehr an Bedeutung. „Dann muss man das übrige Risiko umso konsequenter behandeln – vor allem das LDL-Cholesterin möglichst niedrig halten“, betont der Internist. 

Was Ernährung und Bewegung bewirken können

Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung gelten als Grundpfeiler eines gesunden Lebensstils. Sie wirken sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus, unterstützen die Gewichtskontrolle und können das Risiko für Diabetes senken. Beim LDL-Cholesterin wird ihr Einfluss allerdings häufig überschätzt: „Natürlich sind Lebensstilmaßnahmen wichtig für die allgemeine Herz-Kreislauf-Gesundheit, für Blutdruck, Gewicht, Diabetesrisiko und Triglyzeride. Die Auswirkungen auf das LDL-Cholesterin sind jedoch begrenzt.“ 

Durch Ernährungsmaßnahmen lässt sich das LDL-Cholesterin im besten Fall um etwa zehn bis 15 Prozent senken. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass der Großteil des Cholesterins nicht über die Nahrung aufgenommen wird. „Etwa 80 Prozent des Cholesterins entstehen im Körper selbst“, so Clodi. Wer genetisch bedingt hohe LDL-Werte hat, kann sich daher sehr gesund ernähren und dennoch behandlungsbedürftige Cholesterinwerte aufweisen. Lebensstilmaßnahmen bleiben wichtig, reichen aber nicht immer aus, um das individuelle Risiko ausreichend zu senken.

Wann Medikamente notwendig werden

Nicht jeder erhöhte Cholesterinwert erfordert sofort Medikamente. Gibt es jedoch deutlich erhöhte LDL-Werte, eine familiäre Belastung oder weitere Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, chronische Nierenerkrankungen oder bereits bestehende Gefäßerkrankungen, kann eine medikamentöse Behandlung notwendig werden. „Aus meiner Sicht sollte man bei therapiepflichtigen LDL-Werten nicht zu zögerlich behandeln“, so der Rat des Mediziners.

Die Basis der Therapie bilden Statine. Sie hemmen die körpereigene Cholesterinbildung in der Leber und senken nachweislich das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod. Häufig wird zusätzlich Ezetimib eingesetzt. Dieser Wirkstoff hemmt die Cholesterinaufnahme im Darm. Durch die Kombination beider Medikamente lassen sich die LDL-Werte oft deutlich stärker senken als mit einem Statin allein.

Stehen besonders niedrige Zielwerte im Vordergrund oder liegt eine familiäre Hypercholesterinämie vor, kommen auch moderne Therapien wie PCSK9-Hemmer als Antikörpertherapie oder Inclisiran infrage. Sie werden in Form von Injektionen verabreicht und ermöglichen eine ausgeprägte LDL-Senkung. Eine weitere Behandlungsoption stellt die Bempedoinsäure dar. Sie kann insbesondere dann eingesetzt werden, wenn Statine nicht ausreichend vertragen werden oder eine zusätzliche LDL-Senkung erforderlich ist.

Kann die Natur unterstützen?

Viele Menschen wünschen sich natürliche Alternativen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Der Experte sieht bestimmte Nahrungsergänzungsmittel jedoch kritisch. „Von rotem Reis rate ich eher ab. Dieser enthält Monacolin K, eine statinähnliche Substanz. Allerdings werden Dosierung, Reinheit und Sicherheit nicht in derselben Weise kontrolliert wie bei zugelassenen Arzneimitteln.“ Eine leitliniengerechte Therapie kann roter Reis laut Clodi nicht ersetzen. Auch Omega-3-Präparate eignen sich aus Sicht des Internisten nicht zur relevanten Senkung des LDL-Cholesterins. „Für niedrig dosierte oder ungeeignet zusammengesetzte Präparate gibt es keine überzeugenden Studiendaten, die einen verlässlichen Schutz vor Herzinfarkt oder Schlaganfall belegen. Nur EPA richtig dosiert hat überzeugende Studiendaten.“ Entscheidend ist beim Thema Cholesterin nicht nur die Höhe einzelner Laborwerte, sondern wie früh ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko erkannt und entsprechend behandelt wird.


Die wichtigsten Cholesterinwerte auf einen Blick

  • LDL-Cholesterin: Es gilt als wichtigster Risikofaktor für die Entstehung von Atherosklerose sowie für Herzinfarkt und Schlaganfall. Je höher der Wert und je länger er erhöht bleibt, desto größer ist das Risiko für Gefäßschäden.
  • HDL-Cholesterin: wird häufig als „gutes Cholesterin“ bezeichnet. Ein niedriger HDL-Wert kann auf ein erhöhtes Risiko hinweisen. Im Mittelpunkt der Behandlung steht heute jedoch vor allem die Senkung des LDL-Cholesterins. Ein viel zu hohes HDL ist aber eventuell auch ein Risikofaktor.
  • Lipoprotein(a): kurz Lp(a), ist ein weitgehend genetisch bestimmter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ernährung und Bewegung können den Wert kaum beeinflussen. Deshalb sollte Lp(a) zumindest einmal im Leben bestimmt werden.
  • Triglyzeride: sind Blutfette, die häufig bei Übergewicht, Bewegungsmangel, zuckerreicher Ernährung, Alkoholkonsum, Insulinresistenz oder Diabetes erhöht sind. Sehr hohe Werte können das Risiko für eine Bauchspeicheldrüsenentzündung erhöhen.

Fotos: ZVG, istockphoto/Rasi Bhadramani

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