Darmdivertikel: Weit verbreitet, oft unterschätzt

Februar 2010 | Medizin & Trends

Darmdivertikel sind Ausstülpungen aus der Darmwand in den Bauchraum, die vor allem im fortgeschrittenen Alter sehr häufig auftreten. Wenn sie sich entzünden, so sind starke Schmerzen, Schwierigkeiten bei der Stuhlentleerung und mitunter sogar lebensbedrohliche Komplikationen oder Darmkrebs die Folgen. MEDIZIN populär über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Tipps für einen gesunden Darm.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Ziehende Schmerzen im linken Bereich des Unterbauchs, die etwa drei bis fünf Tage anhalten, und dazu Fieber: Das sind die Symptome einer Darmdivertikulitis, der Entzündung jener pfefferkorn- bis erbsengroßen Ausstülpungen aus der Außenwand des Darms. In der Altersgruppe der Über-50-Jährigen hat sie jeder Zweite, unter den Über-80-Jährigen sind 80 Prozent der Frauen und Männer betroffen.
„Bei einem Menschen, der über die genannten Beschwerden klagt, wird zuerst oft angenommen, dass es sich um eine Darmgrippe handelt“, sagt Univ. Prof. Dr. Wolfgang Feil, Facharzt für Chirurgie und Primarius am Evangelischen Krankenhaus in Wien. Doch Darmgrippe kann so gut wie ausgeschlossen werden, wenn die Betroffenen erzählen, dass sie vor dem Auftreten der Schmerzen und des Fiebers schon über eine längere Zeit Stuhlentleerungsprobleme oder Verstopfung hatten. Feil über die nächsten Diagnoseschritte: „Durch ein Abtasten des Bauchs, eine Darmspiegelung und eine Computertomographie kann man erkennen, ob der Betroffene eine Divertikulitis hat.“ Die Darmspiegelung wird allerdings erst dann durchgeführt, wenn die akuten Beschwerden abgeklungen sind, da sie in der Entzündungsphase zu schmerzhaft und riskant für die Betroffenen wäre.
Wie kann es zur Entzündung der Darmdivertikel kommen? Feil: „Ein Divertikel kann sich entzünden, wenn Stuhl in die Ausstülpung gerät, der noch unverarbeitete Nahrungsbestandteile wie Fleisch- oder Pflanzenfasern oder auch Körner enthält, an denen krankheitserregende Bakterien kleben.“

Entzündungen verhindern

Behandelt wird die Divertikulitis mit Antibiotika. Leiden die Betroffenen unter großen Schmerzen, werden auch Schmerzmittel gegeben. „So werden die Beschwerden erträglich und verschwinden meistens binnen weniger Tage, weil die Entzündung abklingt“, sagt Feil. Die Divertikel bleiben allerdings bestehen. Der Experte empfiehlt, einer neuerlichen Entzündung vorzubeugen, indem auf schwer verdauliches Essen verzichtet wird. Das heißt: Hände weg von Vollkornbrot mit ganzen Körnern, faserreichen Obstsorten wie Mandarinen und Orangen, verholzten Gemüsesorten wie Kohl und Fisolen sowie auch von fettem Fleisch, fetten Fischen und Mehlspeisen.
Machen sich die Divertikel nach einer ersten Attacke nicht mehr bemerkbar, bestehe kein Handlungsbedarf, so Feil. „Tritt aber nach einiger Zeit wieder eine Divertikulitis auf und werden die Intervalle zwischen den Entzündungen im Anschluss immer kürzer, dann steigt das Risiko für schwere Folgeerkrankungen.“ Durch die Vernarbungen, die die Entzündungen hinterlassen, kann es beispielsweise zu Verwachsungen kommen, die wiederum zu Stuhlentleerungsproblemen bis hin zur chronischen Verstopfung und zum lebensbedrohlichen Darmverschluss führen können, der nur noch durch eine Not-Operation behandelbar ist. Divertikelträger, wie die Betroffenen in der Fachsprache genannt werden, müssen auch damit rechnen, dass die entzündeten Ausbuchtungen platzen und der Inhalt in den Bauchraum austritt, was zur Bildung eines Abszesses führen kann, der durch eine Punktion zu beseitigen ist. Das Platzen eines Divertikels löst mitunter auch einen Darmdurchbruch mit Bauchfellentzündung aus: Das ist ebenfalls lebensbedrohlich und damit verbunden, dass die Betroffenen nach einer sofort notwendigen Operation über längere Zeit einen künstlichen Darmausgang tragen müssen. Und weil es durch die Entzündung der Divertikel zu einer Veränderung der Gewebszellen in der Darmwand kommen kann, verursacht die Divertikulitis manchmal sogar Darmkrebs, an dem in Österreich jedes Jahr immerhin etwa 3000 Menschen sterben.

Operation als Ausweg

Ist die Divertikulitis bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres aufgetreten, rät Feil wegen der möglichen schlimmen Folgen zu einer vorbeugenden Operation. „Der Eingriff wird durchgeführt, wenn gerade keine Entzündung besteht, und ist mit einem etwa einwöchigen Krankenhausaufenthalt verbunden.“ Vor dem Eingriff werden die Betroffenen drei Tage lang auf Nulldiät gesetzt, die Operation selbst erfolgt in Vollnarkose und dauert etwa 90 Minuten. „In spezialisierten Zentren wird die OP laparoskopisch, also mit Hilfe der Schlüssellochchirurgie durchgeführt“, sagt Feil. Über vier kleine Löcher und einen etwa fünf Zentimeter langen Schnitt in der Bauchdecke wird jener Teil des Darms entfernt, an dem sich die Divertikel bilden, das Sigma, ein S-förmiges Stück zwischen Dickdarm und Mastdarm. Feil: „Danach schließen wir den Dickdarm an den Mastdarm an.“ Dass der Darm durch die Maßnahme kürzer wird, sei unerheblich, so der Experte. „Der Darm behält auch ohne das Sigma seine Funktion.“

Tipps zur Vorbeugung

Wie kommt es zur Bildung von Darmdivertikeln? Zum einen sei die Entstehung genetisch bedingt, sagt Feil. „Die Längen des Sigmas variieren zwischen 20 und 80 Zentimetern, und bei Menschen, die ein besonders langes Sigma haben, dauert es länger, bis der Stuhl von dort in den Mastdarm gelangt.“ Die Belastung beim Transport des Stuhls schwäche das Gewebe, was wiederum das Risiko für die Ausbildung von Divertikeln erhöht. Andere Ursachen für die Entstehung der Ausbuchtungen sind eine ererbte oder altersbedingte Bindegewebsschwäche sowie eine Ernährung, die viel Fett, fettes Fleisch und Zucker enthält und für harten Stuhl sorgt. Dieser kann dem Sigma ebenfalls so zu schaffen machen, dass sich Divertikel bilden.
Demgemäß könne man der Entstehung von Darmdivertikeln auch über die Ernährung vorbeugen, sagt Feil. „Gut ist, auf Fast-Food-Gerichte zu verzichten, also den Konsum von Zucker, fettem Fleisch und anderem Fett einzuschränken und sich an das Grundprinzip zu halten, besonders viel ballaststoffreiche Kost zu essen.“ Also zum Beispiel Vollkornbrot, Obst und Gemüse, Nüsse, Müsli und einmal pro Woche faserreiches Rindfleisch.

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Divertikel & Polypen: Wo liegt der Unterschied?

Darmdivertikel
sind pfefferkorn- bis erbsengroße Ausstülpungen aus der Darmwand in den Bauchraum. Wenn sie wegen immer wiederkehrender Entzündungen operativ behandelt werden müssen, so muss jener Teil des Darms entfernt werden, an dem sie sich bilden, das sogenannte Sigma. In 80 Prozent der Fälle ist dies durch eine Laparoskopie bzw. Schlüssellochchirurgie möglich. Nach dem Eingriff kann es zu keiner Neubildung von Divertikeln am Sigma kommen, und folglich auch zu keiner Entzündung mehr.

Darmpolypen
sind zwischen wenigen Millimetern und mehreren Zentimetern große Ausbuchtungen, die sich im Inneren der Darmwand ins Darminnere hinein bilden. Da auch sie sich entzünden und Darmkrebs verursachen können, werden sie heute generell im Rahmen einer Darmspiegelung entfernt. Das ist ein Eingriff, der ambulant erfolgt und für die Betroffenen schmerzfrei ist.

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