Gesund durch Gartenarbeit

Mai 2011 | Leben & Arbeiten

Wie das Gärtnern zur Therapie wird
 
Gartenarbeit liegt im Trend, sogar bei den Jüngeren und sogar in den Städten. Mediziner freuen sich über die neue Lust am Pflanzen, Pflegen und Ernten, denn Körper, Geist und Seele profitieren davon in vielfältiger Weise. Und weil der Mensch dabei regelrecht aufblüht, wird Gartenarbeit immer öfter auch als Therapie bei verschiedensten Krankheiten eingesetzt.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer, Mag. Sabine Stehrer & Mag. Karin Kirschbichler

Gartenliebhaber haben allen Grund zur Freude, denn in ihren Grünoasen blühen jetzt nicht nur die Blumen, sondern auch sie selbst wieder auf. Aktuelle Studien zeigen, dass man beim Gärtnern nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch umfassendes Wohlbefinden ernten kann. Wer einen Klein- oder Schrebergarten tatkräftig „beackert“, profitiert nicht nur von der körperlichen Betätigung, sondern auch von dem wohltuenden Mix aus Frischluft, Licht, Farben. So gesehen sind die geschätzten drei Millionen Klein- und Schrebergärten, die sich über Europa verteilen, eine höchst sinnvolle (Grün-)Anlage.
Eine aktuelle holländische Studie bestätigt, dass sich das Gärtnern positiv auf die Gesundheit auswirkt und Hobbygärtner in den Sommermonaten körperlich aktiver sind als gartenlose Zeitgenossen. Auch im städtischen Raum liegen Schrebergärten im Trend, ermöglichen sie ihren Besitzern doch verstärkt, sich mit den Nachbarn auszutauschen, körperlich aktiv zu werden und Stress abzubauen: Messungen zufolge sinken erhöhte Kortisolwerte – und damit der Stresspegel – nach einer halben Stunde Gartenarbeit um 22 Prozent, während die Werte der Kontrollgruppe, die sich im Haus mit Lektüre befasste, nur um elf Prozent zurückgingen.

Zurück zur Natur

Auf diese positiven Effekte sollte man nicht verzichten – zumal die Betätigung im Freien gleichsam in der Natur des „Säugetiers Mensch“ liegt, wie der Allgemeinmediziner, Psycho- und Gartentherapeut Dr. Fritz Neuhauser, Oberarzt am Geriatriezentrum Am Wienerwald, betont. Auch Pflanzen hatten immer schon einen großen Einfluss auf unser Leben und Wohlbefinden. „Früher hat man sich nur für kurze Zeit verkrochen, etwa um eine Schlechtwetterperiode zu überdauern“, erklärt Neuhauser. „Heute sind Arbeit und Leben sehr stark auf Innenräume ausgerichtet, was etwa dazu führt, dass die Atmung flach wird und die motorischen Fähigkeiten nachlassen.“
Dass die Natur (immer noch) eine starke Anziehungskraft auf uns ausübt, wird speziell jetzt im Frühling deutlich. „Im Frühjahr spürt man besonders stark, dass man sich nach der Sonne, nach mehr Licht sehnt, dass man hinaus will und voller Tatendrang ist“, sagt der Gartentherapeut. Diesem Drang sollte man unbedingt nachgeben: Bereits 20 Minuten im heimeigenen Grünareal wirken wie ein Kurzurlaub, weiß der Arzt. Und wer regelmäßig den grünen Daumen unter Beweis stellt, profitiere davon ähnlich wie von der Ausübung einer Sportart.

Stärkt Herz und Hirn

So unterstützt die „Sportart Gärtnern“ zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System: „Die Herzfrequenz sinkt, der Puls wird ruhiger und der Blutdruck ausgeglichen“, berichtet der Mediziner. Das Beackern von Grund und Boden beeinflusst auch das Gehirn. „Messungen der Gehirnaktivität haben gezeigt, dass Gartenarbeit die Hirnströme ausgleicht, Störungen werden weggeschaltet und das Gehirn funktioniert effizienter“, verdeutlicht Neuhauser.
Auch die Schmerzwahrnehmung verändert sich: „Wer zum Beispiel Schmerzen in den Gelenken hat, spürt diese draußen kaum oder weniger.“ Apropos: Die Arbeit im Grünen beugt Gelenksproblemen vor, auch der Bewegungsapparat funktioniert besser: „Plötzlich lassen sich bestimmte Bewegungsabläufe wieder vollbringen“, veranschaulicht der Experte. „Es ist erstaunlich, wie sich jene, denen das Bücken Probleme bereitet, plötzlich bücken können.“
Andere Benefits: Der Cholesterinspiegel sinkt, man schläft besser, bekommt (wieder) Appetit, die Konzentrationsfähigkeit steigt. Nebenbei begünstigt das schweißtreibende Jäten, Umstechen, Ernten ein gesundes Körpergewicht.

Verbessert die Atmung

Damit nicht genug: Das Frischluft-Schnappen verbessert außerdem die Atmung. „Sobald man draußen ist, atmet man instinktiv besser durch, das Atemvolumen erhöht sich um ungefähr 50 Prozent“, weiß Neuhauser. „Wer tiefer atmet, fühlt sich automatisch besser, weil alle Regenerationsprozesse im Organismus in Schwung kommen, wohingegen beim langen Aufenthalt in Räumen der Stoffwechsel verlangsamt und die Atmung flach wird.“
Neben der frischen Luft hat auch das Sonnenlicht „direkte Auswirkungen auf den Stoffwechsel“, erklärt der Arzt, „zum Beispiel auf den Hormon- und den Kalziumstoffwechsel: Es wirkt letztlich günstig auf Knochen und Muskulatur.“

Hebt die Stimmung

Das Sonnenlicht nützt aber auch der Seele – es hebt die Stimmung. „Wenn man depressiv oder missmutig ist, tritt schon nach wenigen Minuten eine deutliche Stimmungsverbesserung ein“, berichtet der Arzt. „Gartenarbeit wirkt insbesondere sehr positiv bei Depressionen, Ängsten und emotionellen Belastungen, und zwar akut in der Situation ebenso wie vorbeugend.“ Durch die kreative Beschäftigung mit den Pflanzen treten Probleme und Sorgen automatisch in den Hintergrund.
Die Betätigung in freier Natur hat zudem eine regulierende Auswirkung auf das Essverhalten. „Man bekommt verstärkt Appetit auf jene Nahrungsmittel, die gesund sind. Schließlich beschäftigt man sich bei der Gartenarbeit eher mit den Produkten, die man anbaut, also mit Gemüse, Obst und ­weniger mit Fleisch“, beobachtet der Experte. „Selbst Menschen mit Essstörungen – sei es, dass sie zu viel oder zu ­wenig essen – können auf diesem Weg an ein vernünftiges Ernährungsverhalten herangeführt werden.“

Hilft gegen Burn-out

Die günstigen Konsequenzen im seelischen Bereich gehen sogar noch weiter: Das Gärtnern gilt als hochwirksame Vorbeugung gegen Erschöpfung und Burn-out – und das aus verschiedenen Gründen (siehe Interview auf Seite 18). So bietet es z. B. reichlich Gestaltungs- und Handlungsspielraum, was vielen im Berufsleben abgeht. Bei der Gartenarbeit plant und gestaltet man selbstbestimmt ein Fleckchen Erde und freut sich, wenn die Saat aufgeht. Hinzu kommt, dass Misserfolge nicht so persönlich genommen werden wie das etwa bei beruflichem Versagen der Fall ist: „Man schreibt sie dem schlechten Wetter, einem schlechten Jahr zu und ist eher in der Lage, sie als gegeben zu akzeptieren“, beobachtet der Therapeut. Über die Erfolge wiederum können die Hobbygärtner sich viel unmittelbarer freuen: Im Gegensatz zum Berufsleben, wo die Ergebnisse oft abstrakter Natur sind, ernten wir im Garten sicht- und essbare Erfolge: Birnen- und Zwetschkenbäume voller Früchte, üppig tragende Ribisel- und Tomatenstauden, bunte Blumenbeete, dichte Hecken – der Garten steht sprichwörtlich dafür, dass „man erntet, was man sät“.

Entschleunigt und verwurzelt

Mit der Pflanzenpflege schult man noch weitere, der Gesundheit dienliche Fähigkeiten: Indem man lernt, sich dem Tempo der Natur anzupassen, wird man geduldiger. „Pflanzen lassen sich nicht beliebig pushen“, so Neuhauser. „Auch wenn man am Gras zieht, wächst es nicht schneller.“ Womöglich inspiriert das allmähliche Wachstum der Pflanzen, das eigene Tempo zu drosseln? Nicht kontrollierbare Gegebenheiten wie das Wetter fordern die Gärtner dazu auf, Veränderungen hinzunehmen, flexibler zu werden.
Und Menschen, die sich vielleicht gerade in einer Krise befinden, sich entwurzelt fühlen, gewinnen durch das Buddeln in der Erde Boden unter den Füßen. Und speziell ältere Menschen stärkt die Tatsache, (wieder) eine Aufgabe zu haben. „Indem sie sich um etwas anderes annehmen, kommen sie in eine sehr verantwortungsvolle Rolle, die ihre Selbstwahrnehmung verbessert“, berichtet der Gartentherapeut. Von den verschiedenen seelischen Vorteilen profitiert man übrigens auch, wenn der heimeigene Kleingarten sich auf einen Quadratmeter Balkon beschränkt, auf dem man Rosenstöckchen pflegt oder Küchenkräuter zieht.
Nicht zuletzt bereichert die Beschäftigung im Garten das soziale Leben der Hobbygärtner: „Die Menschen sind im Freien wesentlich gesprächiger und zugänglicher als drinnen, wo man eher bemüht ist, eine gewisse Fasson zu wahren“, beobachtet der Arzt. Wer sich draußen betätigt, hat außerdem ein wirkungsvolles Ventil, um Spannungen abzubauen und sich im wahrsten Sinne des Wortes „Luft zu verschaffen“.

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10 Jahre Gartentherapie in Österreich:
Der Gepflegte wird zum Pflegenden

Die Gartentherapie ist in Österreich stark im Kommen – eine Vorreiterrolle in dieser Entwicklung hat der Therapiegarten im Geriatriezentrum Am Wienerwald, der vor genau zehn Jahren angelegt wurde. Mitinitiator des Projekts ist der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Fritz Neuhauser, der die Gartenarbeit zentral in seine therapeutische Arbeit integriert. „Speziell durch Aktivitäten im Pflegebereich und in der physikalischen Therapie ist die Gartentherapie seit etwa zehn Jahren in ganz Österreich verstärkt präsent. Seit kurzem wird Gartentherapie sogar an der Wiener Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik als interdisziplinäres Fach unterrichtet“, berichtet der engagierte Mediziner. „Der Ursprung lässt sich aber über hunderte Jahre zurückverfolgen und liegt in der landwirtschaftlichen Aktivität von Klöstern etwa im 15. Jahrhundert.“
Mittlerweile setzen hierzulande immer mehr Einrichtungen auf den Betrieb eines eigenen Therapiegartens. „Es gibt schätzungsweise 50, 60 Initiativen, die speziell von älteren Menschen in Betreuungseinrichtungen stark nachgefragt werden“, so Neuhauser. Im Rahmen der Gartentherapie werden die betagten Menschen nicht als Patienten, sondern vielmehr als Bewohner der Einrichtung verstanden, die ihr Leben aktiv gestalten – ganz nach dem Motto: „Der Gepflegte wird zum Pflegenden.“
Die Therapieform wird nicht nur bei Senioren, sondern z. B. bei Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, bei Jugendlichen mit sozialen Problemen, Suchterkrankungen, psychiatrischen Erkrankungen und in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt. Was genau bewirkt sie? „Sie hebt die Stimmung, senkt die Depressivität, sie kräftigt körperlich wie seelisch, sie fördert emotional aber auch intellektuell“, zählt Neuhauser auf. Die Auseinandersetzung mit der Natur stellt komplexe Anforderungen an die geistigen Fähigkeiten, die sich besonders positiv auf demente Menschen auswirken. Fritz Neuhauser: „Viele von ihnen sind viel weniger dement, als man vermutet. Sie haben nur einfach nicht die entsprechenden Herausforderungen – und die hat der Garten zu bieten!“

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Durch Gartentherapie zurück ins Leben:
„Jetzt spüre ich mich wieder“

Maria Holzer*) kam mit der Diagnose Burn-out in die stationäre Psychiatrie des Therapiezentrums Ybbs an der Donau. Die Arbeit im dortigen Therapiegarten gehört ganz wesentlich zu ihrem Behandlungspaket.
Im Interview mit MEDIZIN populär erzählt die 42-Jährige, wie sie durch das Gärtnern zurück ins Leben findet.

MEDIZIN populär
Frau Holzer, Sie sind jetzt seit sechs Wochen hier im Therapiezentrum Ybbs an der Donau und arbeiten jeden Tag im Therapiegarten.
Was machen Sie dort genau?

Maria Holzer

Ich arbeite mit Kräutern, vor allem mit Lavendel und verschiedenen Minzen. Die pflege ich, trockne sie, schneide sie ganz klein und verarbeite sie dann zu Badesalzen und Seifen. Das tut mir sehr gut, nicht nur wegen der Arbeit an sich, sondern auch wegen der Gerüche der Kräuter. Vor allem Lavendel rieche ich sehr gern, da werde ich ruhiger, komme in meine Mitte und merke, jetzt spüre ich mich wieder.

Bei Ihnen wurde Burn-out diagnostiziert…

Bevor ich hierher gekommen bin, habe ich zehn Jahre lang zugleich als Krankenschwester und Kellnerin gearbeitet, damit ich mein Haus finanzieren konnte. Nebenher habe ich alleine meine Kinder großgezogen, die heute 17 und 19 sind, und habe meinen Vater gepflegt, der an Alzheimer erkrankt ist. Eigentlich war mir das alles schon lange viel zu viel. Aber ich habe es nicht wahrgenommen, dass ich nur noch wie ein Hamster im Rad gelaufen bin und dabei immer wahnsinnig angespannt war. Ich habe erst Hilfe gesucht, als ich gar nicht mehr konnte. Und sogar dann habe ich noch nicht eingesehen, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss.

Und zu dieser Einsicht hat die Gartentherapie nun beigetragen?

Die Gartentherapie ist ein Teil meiner Therapie, ein für mich sehr wichtiger Teil. Durch die Arbeit im Garten habe ich wieder gelernt, achtsam zu sein, wahrzunehmen, was um mich herum geschieht, die Natur wirklich wahrzunehmen, mich auf diese Art und Weise zu entspannen und auch mit mir selber wieder achtsamer umzugehen.

Haben Sie sich früher auch schon durch Gartenarbeit entspannt?

Ja, aber das ist sehr lange her. Ich habe ja einen großen Garten, aber den habe ich schon ewig nicht mehr genutzt. Eigentlich ist mir mein Garten zu groß, so wie mir auch mein Haus zu groß ist. Ich habe beschlossen, es zu verkaufen und mir ein kleineres Haus mit einem kleineren Garten anzuschaffen, das ich auch dann finanzieren kann, wenn ich meinen Zweitjob als Kellnerin aufgebe.

Und in dem kleineren Garten werden Sie dann auch Kräuter anpflanzen?

Dort pflanze ich ganz sicher Lavendel an, aber auch Rosen und viele andere Blumen. Das alles wächst und gedeiht auch schon jetzt in meinem inneren Garten.

Was ist ein innerer Garten?

Ich habe in der Therapie gelernt, mir einen Garten vorzustellen, der ganz meinen Wünschen entspricht. In diesen inneren Garten kann ich mich gedanklich versetzen und mich so sehr gut entspannen. Das hilft mir sicher sehr, wenn ich im Leben zurück bin und in eine Stresssituation gerate.     

*) Name von der Redaktion geändert

    

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