Ein zweites Leben schenken

Juni 2011 | Medizin & Trends

Alles über Organspenden in Österreich
 
Ob Herz, Leber, Niere oder Bauchspeicheldrüse: Dank der enormen Fortschritte in der Medizin sind Organtransplantationen inzwischen zur Routine geworden. In Österreich konnte so vergangenes Jahr mehr als 600 Menschen ein zweites Leben geschenkt werden. Doch viele warten vergeblich auf den rettenden Eingriff, denn es gibt nicht genügend Spenderorgane.
Zum Tag der Organspende am 4. Juni informiert MEDIZIN populär über die Hintergründe dieses Mangels und lässt einen Mann zu Wort kommen, der seit 17 Jahren mit einem fremden Herzen lebt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Donnerstag, 7.50 Uhr, im Linzer AKH: Auf der Intensivstation stirbt ein Patient, Hirntod lautet die Diagnose. Da sich der Tote als Organspender eignet, wird Eurotransplant informiert, eine Organisation, die Spenderorgane vermittelt. Bald ist unter Spezialisten in sieben Ländern Europas bekannt, dass Nieren, Leber und Herz des Mannes zu haben sind. So auch an der Innsbrucker Universitätsklinik für Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie, die von Univ. Prof. Dr. Johann Pratschke geleitet wird. „Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit bleiben die Organe aus Linz aber in Österreich und werden Österreichern transplantiert“, weiß Pratschke. Das geschieht aber nicht aus patriotischen, sondern schlicht aus zeitlichen Gründen. „Der Transport der Organe muss schnell abgewickelt werden, denn je länger die Spenderorgane nicht durchblutet werden, desto schlechter wird ihre Qualität.“
Inzwischen ist es 8.35 Uhr. Pratschkes Klinik hat bereits Bedarf an den Nieren angemeldet und ein Team aus drei Ärzten nach Linz geschickt – mit dem Flugzeug, denn die Fahrt mit dem Auto würde viel zu lange dauern. Die Empfänger der Nieren sind bereits in die Klinik bestellt: zwei langjährige Dialysepatienten, die je ein Organ bekommen sollen. Während sie sich auf den Weg machen und für die Transplantation vorbereitet werden, entnimmt das Innsbrucker Ärzteteam in Linz die Organe, steckt sie in Kühlboxen und fliegt wieder retour in die Alpenstadt, wo an der Klinik ab 14 Uhr transplantiert wird. Knapp nach 16 Uhr und gut acht Stunden nach dem Tod des Spenders ist es so weit: Die Nieren dienen ihren neuen Herren.

Länger leben dank medizinischer Fortschritte

So und so ähnlich werden in Österreich immer mehr Transplantationen durchgeführt. 2010 waren es laut Eurotransplant 665. In mehr als der Hälfte der Fälle werden Nieren transplantiert, die übrigen Patienten bekommen Leber, Herz oder Bauchspeicheldrüse eines Spenders eingesetzt. „Diese Eingriffe sind heute Routine, sie verlaufen zu nahezu 100 Prozent erfolgreich“, sagt Pratschke. Gegenüber den Anfängen der Transplantationschirurgie vor einem halben Jahrhundert, wo es hin und wieder noch beim Eingriff selber Komplikationen gab, sind auch die Überlebenszeiten nach der Operation viel länger geworden. Nicht selten leben Transplantierte heute zehn bis 20, manchmal auch noch mehr Jahre mit ihrem neuen Organ. Das liegt daran, dass jene Medikamente besser verträglich sind, die die Abstoßung des Organs durch das Immunsystem verhindern. Früher hatten diese sogenannten Immunsuppressiva noch so starke Nebenwirkungen, dass viele Organempfänger durch sie krank wurden und starben. Das längere Überleben der Organempfänger birgt allerdings neue Risiken in sich, weiß Pratschke: „Wenn zehn Jahre und länger Medikamente genommen werden, die die Immunabwehr unterdrücken, ist das Risiko, sich mit einer Viruserkrankung zu infizieren oder an Krebs zu erkranken, sehr stark erhöht.“

Niere und Leber werden am meisten gebraucht

Das größte Problem in der heutigen Transplantationschirurgie ist aber, dass es nicht genügend Spenderorgane gibt. 2010 waren bei Eurotransplant 1074 Österreicher eingetragen, die auf eines oder mehrere Spenderorgane warteten. Der Großteil brauchte eine Niere oder eine Leber. Die Wartezeit auf diese Organe beträgt bis zu drei Jahre, weshalb etwa 20 Prozent der Betroffenen den Eingriff nicht mehr erlebten bzw. erleben werden. Warum es so lange dauert, bis man ein Organ bekommt? „Dieses Problem haben wir Mediziner sozusagen selbst erzeugt“, sagt Pratschke.
Noch vor 20 Jahren, so der Experte, wären Menschen über 60 nicht für eine Transplantation in Frage gekommen. Heute ist die Medizin so weit fortgeschritten, dass auch Über-65-Jährigen Organe transplantiert werden können. So finden sich einerseits mehr Menschen auf den Wartelisten. „Andererseits gibt es immer weniger Spenderorgane, weil durch den Fortschritt in der Medizin weniger Menschen, die sich als Spender eignen, nach Unfällen, Schlaganfällen oder einem Hirntod sterben“, erklärt Pratschke die Hintergründe des Mangels. Zwar können auch Lebende eine Niere oder ein Stück der Leber spenden und brauchen dafür heute nicht einmal mehr dieselbe Blutgruppe wie der Empfänger zu haben, doch die daraus resultierenden Transplantationen finden so gut wie nur unter Verwandten statt und sind rar, da die Spender vollkommen gesund sein müssen.

Ein Denkmal aus Dankbarkeit
 
Auch wenn der Spender ein Fremder war, der für den Empfänger stets anonym bleiben wird, eines hat Pratschke noch nicht erlebt: Dass sich jemand mit dem Organ eines Fremden gedanklich nicht wohl gefühlt hätte. „Im Gegenteil“, sagt er, „den Organempfängern geht es psychisch gut. Sie freuen sich über das neue, zweite Leben, das ihnen geschenkt wurde.“ Viele engagieren sich zum Dank ehrenamtlich in Vereinen, weiß Pratschke. Und eine seiner Patientinnen hat sogar erkämpft, dass in Berlin ein Denkmal für Organspender errichtet wird.

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Jeder ist Organspender

Wer in Österreich lebt und nicht will, dass nach dem Tod Organe entnommen werden, muss eine schriftliche Erklärung abgeben. Der Widerspruch muss bei der Gesundheit Österreich GmbH (ÖBIG) schriftlich eingereicht werden und wird in ein Register aufgenommen, das vor jeder Organentnahme abzurufen ist. Die seit 1982 geltende Regelung hat bewirkt, dass hierzulande doppelt so viele Spenderorgane zur Verfügung stehen wie in Ländern, in denen man sich per Ausweis als Spender deklarieren muss.

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