Ernährung für ein besseres Klima

Februar 2012 | Leben & Arbeiten

Es ist nicht wurst, was wir essen!
 
Der Bereich Ernährung zählt neben Industrie und Verkehr zu den größten Umweltproblemen unserer Zeit. Wer über den Tellerrand schaut und sich an fünf einfache Regeln hält, schützt das Weltklima und die eigene Gesundheit zugleich.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Mehr als 5000 Kilometer war ein klassisches Wiener Frühstück schon unterwegs, bevor es auf den Tisch kommt. Selbst dann, wenn Gebäck, Marmelade & Co aus Österreich stammen. Doch der Kaffee, der aus Übersee geholt werden muss, macht der an sich positiven Umweltbilanz einen Strich durch die Rechnung. Wird die Butter aus Deutschland, das Ei aus Belgien, die Milch aus Dänemark angekarrt, so schnellt die Kilometerzahl auf 10.000 und mehr. Und wer den Tag mit einer Kiwi aus Neuseeland beginnt, hat ernährungstechnisch schon beim Frühstück fast einmal den Erdball umrundet.
„Im Laufe eines Tages reisen viele von uns einmal um die Welt, ohne es zu wissen“, rechnet auch Mag. Rosemarie Zehetgruber, Ernährungswissenschafterin und Umweltberaterin in Wien, zusammen. Schließlich gondeln nicht nur die Lebensmittel selbst durch die Weltgeschichte, sondern auch deren Verpackung. „Und nicht zu vergessen das Futter“, ergänzt Zehetgruber. „Daran denkt man oft gar nicht: Man kauft Fleisch oder Milchprodukte aus heimischer Landwirtschaft und vergisst, dass ein Gutteil der Futtermittel von sehr, sehr weit weg kommen.“
Auf der langen Reise, die Lebens- bzw. Futtermittel vorwiegend auf LKW-Rädern unterwegs sind, gelangen natürlich jede Menge Schadstoffe in die Luft. „Ob Treibhausgase wie CO2 oder Rußpartikel aus Dieselfahrzeugen: Lebensmitteltransport ist wesentlich an der Umweltproblematik und am Klimawandel beteiligt“, verdeutlicht Umweltmediziner Priv. Doz. DI. Dr. Hans-Peter Hutter. Aber auch die Herstellung von Nahrung stellt eine große Belastung für Umwelt und Mensch dar: Das fängt beim enormen Wasserverbrauch für Tiere und Pflanzen an und reicht bis hin zum gigantischen Einsatz von Energie, Dünge- und Spritzmitteln. Der Bereich Ernährung zählt neben Industrie und Verkehr zu den größten Umweltproblemen unserer Zeit. „Doch gerade in diesem Bereich kann jeder einzelne sehr viel zur Verbesserung beitragen“, sind sich Experten wie Hutter und Zehetgruber einig.

1. Weniger Fertigprodukte:
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Selberkochen ist gut fürs Klima

Dass Fertig- und Halbfertigprodukte heute so oft auf den Tisch kommen, schadet Mensch und Umwelt gleichermaßen. Denn je mehr Schritte zur Herstellung eines Lebensmittels nötig sind, desto mehr Ressourcen und Energie werden verbraten, und desto mehr Kilometer kommen aufs Transportkonto. Man denke nur an die Erdäpfel, die umherziehen, um Pommes frites zu werden: Zwischen Feld und Fritteuse durchkreuzen sie halb Europa, Waschen, Schneiden, Verpacken etc. – alles geschieht an einem anderen Ort.
Das ist aber noch nicht alles: „Je mehr ein Lebensmittel bearbeitet wird, desto mehr verliert es in der Regel an Nährwert und desto mehr muss man ,ausbessern‘, indem man Zusätze verwendet – die wiederum oftmals problematisch sind“, ergänzt Zehetgruber. Auch Tiefgekühltes ist aus klimatischer Sicht die reinste Katastrophe, denn der Kühlvorgang bei der Herstellung, beim Transport und in den Haushalten ist ein enormer Energiefresser.
Die Lösung liegt auf der Hand: Selberkochen ist gut fürs Klima. Und auch die Gesundheit profitiert davon, weil frische Speisen mehr Nährstoffe und weniger Chemie enthalten.

2. Mehr Regionales:
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Kilometersparen ist gesund!

80 Prozent der Paradeiser, die es in Österreich zu kaufen gibt, stammen nicht aus Österreich. Und das, obwohl Tomaten auch hierzulande prächtig gedeihen. Dasselbe gilt für Knoblauch, der fast ausschließlich importiert wird, obwohl er auch in den heimischen Gärten wächst. Durch die Wahl regionaler Produkte könnten viele klima- und gesundheitsschädliche Transportkilometer gespart werden. „Es ist unser Grundproblem, dass die Nahrung kaum mehr lokal entsteht, sondern aus verschiedenen fernen Quellen zusammengesetzt wird“, sagt Umweltmediziner Hutter. „Regionale Produkte sind aber nicht immer einfach zu bekommen“, weist Umweltberaterin Zehetgruber auf die Absurdität unserer Ernährungssituation hin. „Da muss sich jeder einzelne in seinem Umfeld schlau machen.“
Dieses Wissen zahlt sich aber in mehrfacher Hinsicht aus: Denn mit mehr Regionalität landet definitiv mehr Gesundheit auf dem Teller. „Weitgereistes wird oft unreif geerntet und hat einen geringeren Gehalt an Nährstoffen und Vitaminen als ausgereiftes Obst und Gemüse aus der Region“, weiß Ernährungswissenschafterin Zehetgruber.

3. Mehr Saisonales:
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Jedes Ding hat seine Zeit

Auch wenn heimische Paradeiser die erste Wahl sein sollten – sie sind es nicht zu jeder Zeit. Mit Treibhaustomaten, die unter enormem Einsatz von (meist fossiler) Energie sogar in der Winterszeit produziert werden, ist der Umwelt auch dann nicht gedient, wenn das Treibhaus in Sichtweite liegt. „Die Entscheidung für regionale Produkte lässt sich nicht von der Saison trennen“, sagt Zehetgruber. „Auch dafür braucht es aber wieder Knowhow. Viele wissen gar nicht mehr, wann Erdbeeren, Marillen, Paprika tatsächlich bei uns wachsen. Schließlich kann man ja das ganze Jahr über fast alles kaufen.“
So geht leider viel gesunde Vielfalt verloren. „Wer weiß, dass Kohlsprossen oder Porree jetzt Hochsaison haben und sie darum öfter auf den Speiseplan setzt, erweitert seine Nährstoffzufuhr“, so Zehetgruber. „Um das wichtige Kalzium etwa aus dem Kohlgemüse bringt sich, wer auch im Winter immer nur Paradeiser isst.“

4. Mehr BIO:
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Schmeckt Mensch und Umwelt!

Allein durch den Verzicht auf synthetische Düngemittel, Pestizide (siehe „Spritzmittel in Obst und Gemüse“ unten) und Medikamente in der Tierhaltung profitieren Gesundheit und Umwelt von biologischer Landwirtschaft gleichermaßen. „Wenn man Bio-Produkte isst, führt man sich schlicht und einfach weniger Schadstoffe zu“, bringt es Zehetgruber auf den Punkt. Ob man sich gleichzeitig mehr Gesundheit zuführt? „Einige Untersuchungen besagen, dass Bio-Obst und -Gemüse mehr Vitamine und sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe wie Phenole und Glykoside enthalten. Seit kurzem weiß man, dass tierische Bio-Produkte eine günstigere Fettzusammensetzung haben. Wegen der artgerechten Fütterung ist der Anteil an gesunden Omega-3-Fettsäuren im Verhältnis zu den Omega-6-Fettsäuren bei Milch, Milchprodukten und Fleisch von Wiederkäuern aus biologischer Landwirtschaft höher“, berichtet Zehetgruber.

5. Weniger Fleisch:
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Zurück zum Sonntagsbraten!

Gerade beim Fleisch ist es nicht wurst, was und vor allem wie viel wir essen. 200 Gramm Fleisch bzw. Wurst verbraucht jede Person in Österreich pro Tag. „Das sind enorme Mengen, die erst einmal produziert werden müssen!“ sagt Zehetgruber. Ein großer Teil des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes geht allein auf das Konto der Fleischproduktion. Unvorstellbare Mengen an Ressourcen und Energie verpuffen, damit unsere schier unbändige Lust auf (Billig-)Fleisch gestillt werden kann: Um am Ende eine einzige Kalorie Fleisch herauszubekommen, müssen durchschnittlich sieben Kalorien pflanzliches Futter angebaut, gedüngt, gespritzt, herantransportiert, kurz: investiert werden! „In Fleisch steckt wahnsinnig viel Energie“, sagt Zehetgruber. „Und so sollte man Fleisch auch sehen: als ein sehr wertvolles Lebensmittel. Fleisch ist ohne Zweifel gesund, enthält viele Vitamine, Mineralstoffe, Eiweiß. Aber zu viel Fleisch, und vor allem so viel Fleisch von schlechter Qualität, wie heute gegessen wird, schadet der Gesundheit massiv.“
Die Gleichung „gesunde Umwelt – gesunder Mensch“ wird beim Fleischkonsum besonders deutlich: Wer die Fleischmenge auf die ernährungswissenschaftlich seit langem empfohlenen zwei bis drei Portionen (jeweils ca. 150 Gramm) pro Woche reduziert, schützt den eigenen Körper und das Weltklima zugleich. Vor allem, wenn der „Sonntagsbraten“ von Bioproduzenten aus der Region stammt. „Biofleisch heißt: regionales und artgerechtes Futter, keine Gentechnik, keine Massentierhaltung mit Medikamenteneinsatz, kein weitgereistes Kraftfutter“, verdeutlicht Zehetgruber. „Es ist zwar teurer, doch wenn man die Menge reduziert, schont man nicht nur die Umwelt, sondern unterm Strich auch die Geldbörse.“

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Spritzmittel in Obst & Gemüse:
Unser tägliches Gift?

So viel vorweg: Rückstände von Spritzmitteln lassen sich nicht zur Gänze wegwaschen. Viele Pestizide sind systemisch, wie der Fachmann sagt, das heißt, sie wachsen mit und stecken im Obst und Gemüse drin. Stehen schon einzelne dieser Schädlingsbekämpfungsmittel in Verdacht, dass sie z. B. zu Krebs führen, das Erbgut verändern oder mit Depressionen in Zusammenhang stehen können, so wird die Vielzahl an eingesetzten Pestiziden erst recht zur potenziellen Gefahr: „Bei allen Kontrollen und Grenzwerten für Einzelsubstanzen: Wir wissen praktisch nichts über die Summenwirkung“, warnt die Ernährungswissenschafterin und Umweltberaterin Mag. Rosemarie Zehetgruber.
Aus Angst vor der täglichen Dosis Gift sollte aber auf keinen Fall darauf verzichtet werden, fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu essen. „Wenn man so viele Bio-Produkte wie möglich isst, kann man sich vor Pestiziden weitgehend schützen.“
Wer Bio bevorzugt, schützt aber weit mehr als die eigene Gesundheit. Umweltmediziner Priv. Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter: „Vor allem in Entwicklungsländern leiden Landarbeiter und Bauern häufig an akuten und chronischen Gesundheitsbeschwerden aufgrund der Exposition gegenüber Pestiziden.“ Pestizide, die bei der Produktion von Kaffee oder Kakao eingesetzt werden, die auf unserem Frühstückstisch landen.

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Quecksilber in Meeresfischen:
Aus für den Heringsschmaus?

Meeresfisch ist reich an herzgesunden Omega-3-Fettsäuren – aber oft auch an giftigem Methylquecksilber. „Vor allem die sogenannten Fettfische wie Thunfisch, Schwertfisch, Butterfisch und Hai sind regelrechte ,Endlager‘ des gefährlichen Schwermetalls“, weiß Umweltmediziner Priv. Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter.
Untersuchungen an der Medizinischen Universität Wien haben ergeben, dass man bereits mit zwei Stück Sushi aus Butterfisch so viel Quecksilber zu sich nehmen kann, wie für den Zeitraum von einer Woche als gesundheitlich unbedenklich gilt. Das Quecksilber, das auf unseren Tellern landet, stammt übrigens nicht nur von natürlichen und industriellen Prozessen, sondern auch von achtlos in den Restmüll geschmissenen Batterien oder Energiesparlampen.
Bedeutet der hohe Quecksilbergehalt auch das Aus für den Heringsschmaus? „Wenn man nicht öfter als einmal pro Woche Meeresfisch isst, besteht keine Gesundheitsgefahr“, beruhigt Hutter. Den alljährlichen Heringsschmaus braucht man sich zudem auch deshalb nicht vermiesen zu lassen, weil Hering (noch) nicht zu den vom Aussterben bedrohten Fischen zählt.
Dennoch gilt für Fisch: „Er gehört unbedingt zur gesunden Ernährung dazu! Heimischer Biofisch wie Saibling, Forelle, Hecht sollte aber bevorzugt und Meeresfisch nur in Maßen genossen werden“, sagt Hutter. Und Ernährungswissenschafterin Mag. Rosemarie Zehetgruber fügt hinzu: „Wenn schon Meeresfisch, dann sollte er das blaue MSC-Gütesiegel tragen. Dann stammt er von umweltverträglichen Fischereien aus Fanggebieten, die nicht überfischt sind.“

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Die lange Lebensmittel-Reise

Banane  Ecuador      10.132 km
Apfel  Südafrika      11.089 km
Kiwi  Neuseeland      19.553 km
Orangen  Spanien      2.530 km
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in Summe             43.304 km = mehr als einmal um die ganze Welt

Quelle: Österreichisches Ökologie-Institut

 
Webtipps:

Saisonkalender für Obst und Gemüse: www.umweltberatung.at
Ratgeber für den Fischeinkauf: www.wwf.at/meere
Infoportal der Österreichischen Biobauern: www.bio-austria.at

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