Gedächtnis

November 2016 | Medizin & Trends

Seine Feinde, seine Freunde
 
Mit den Jahren lässt das Gedächtnis bei jedem nach. Zusätzlich zum Altern setzen ihm Erkrankungen wie des Herz-Kreislauf-Systems oder der Psyche zu. Doch es gibt auch Maßnahmen, die ihm nachweislich gut tun und den Gedächtnisabbau verzögern, wie eine bestimmte Ernährung oder Sport. Experten über die häufigsten Feinde und wichtigsten Freunde des Wunders im Kopf.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Feind Altern

Wie war doch gleich der Name? Wo habe ich den Schlüssel hingelegt? Was wollte ich gerade noch sagen? Aussetzer wie diese passieren mit den Jahren häufiger, denn so wie der Mensch insgesamt altert auch sein Gehirn. „Das Altern setzt jedem Gedächtnis zu“, nennt Univ. Prof. Dr. Thomas Benke von der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck den Hauptgrund für das Nachlassen der Leistungsfähigkeit des Wunders im Kopf. Dass das Altern zum Feind für das Gedächtnis wird, ist unter anderem auf die mit den Jahren immer schlechter funktionierende Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Zucker zurückzuführen, mit jener Energie also, die es für seine Arbeit benötigt. Dieser Prozess läuft bei jedem ab, auch bei völlig Gesunden.

Feind metabolisches Syndrom

Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2: Diese Kombination, das sogenannte metabolische Syndrom, ist ebenfalls ein Feind des Wunders im Kopf. „Menschen, die im mittleren Alter Übergewicht haben, meist bewegungsträge sind, unbehandelten Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 haben, sind einem deutlich höheren Risiko für frühzeitigen Gedächtnisabbau, und auch für eine Erkrankung an Alzheimer-Demenz ausgesetzt“, erklärt Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco von der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien. Das Risiko ist nach Erfahrungen umso höher, je länger das Übergewicht ab der Lebensmitte bestehen bleibt sowie Bluthochdruck und Diabetes unerkannt und unbehandelt bleiben.

Feind Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Schlaganfall: Auch diese Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind ein Feind des Gedächtnisses, informiert Benke und verdeutlicht, warum das so ist: „Durch unbehandelte Herzrhythmusstörungen, den Herzstillstand bei einem Herzinfarkt und die Unterbrechung der Hirndurchblutung bei einem Schlaganfall werden Regionen des Gehirns für eine Zeit lang nicht ausreichend mit Zucker und Sauerstoff versorgt.“ Dadurch verlieren Hirnzellen ihre Funktion, aktuelle Informationen werden nicht abgespeichert, die Merkfähigkeit lässt nach, die Vergesslichkeit nimmt zu.
 
Feind psychische Krankheiten

Depressionen, Psychosen, seelische Traumata: Psychische Krankheiten wie diese sind des Weiteren ein Feind des Wunders im Kopf. Den Zusammenhang beschreibt Dal-Bianco: „Psychisch Erkrankte schlafen meist schlecht, und schlechter Schlaf beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des Gehirns, bringt Aufmerksamkeitsdefizite mit sich und mindert die Konzentrationsfähigkeit.“ Dadurch ist die Merkfähigkeit reduziert, die Vergesslichkeit nimmt zu. Werden psychische Erkrankungen nicht oder nicht ausreichend behandelt, bleiben auch die schlechte Schlafqualität und die verminderte Gedächtnisleistung bestehen. Wer an wiederkehrenden schweren Depressionen leidet, hat auch ein erhöhtes Risiko für Alzheimer-Demenz.

Feind Alkohol & Nikotin

Alkohol im Überfluss und Nikotin: „Die Gifte, die bei dauerhaftem Alkoholmissbrauch und Rauchen in den Körper dringen, lassen nach und nach Hirnzellen absterben“, informiert Dal-Bianco über den Zusammenhang. Vor allem bei Alkoholmissbrauch über Jahre und Jahrzehnte kann es dazu kommen, dass neue Informationen nur noch unzulänglich oder gar nicht mehr abgespeichert und oft rasch vergessen werden. Außerdem drohen eine zeitliche und räumliche Desorientierung sowie das Abgleiten in eine Fantasiewelt, in der Erfundenes als wahre Begebenheit empfunden und als solche weiter erzählt wird.

Feind Infektionen und Unfälle

Hirnhautentzündungen, Hirnentzündungen, Hirntraumata: „Auch diese Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns bei Unfällen setzen dem Gedächtnis häufig zu“, weiß Benke. Entzündungen, hervorgerufen durch verschiedene krankheitserregende Keime, sowie Gehirnerschütterungen können zum Feind des Gedächtnisses werden, wenn sie mehr oder weniger große Areale des Gehirns dauerhaft schädigen und eine Regeneration nicht mehr oder nicht mehr vollständig möglich ist. Dann bleibt die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses ein Leben lang reduziert, die Merkfähigkeit von Neuem eingeschränkt, aber auch früher Erlebtes kann manchmal nicht mehr abgerufen werden.

Feind Gene und andere Einflüsse

Eine erbliche Veranlagung und andere Einflüsse, wie die Bildung, der gewählte Beruf oder ein Leben in Einsamkeit: „Diese Faktoren sind ebenfalls Feinde des Gedächtnisses“, erklärt Benke. So haben die einen von Geburt an ein schlechteres Gedächtnis als die anderen oder tragen ein Gen in sich, das das Risiko für Alzheimer-Demenz erhöht. Bekannt ist aufgrund von Erfahrungen auch: Eine geringe Bildung, eine über Jahre und Jahrzehnte ausschließlich körperliche Arbeit sowie wenige soziale Kontakte setzen dem Wunder im Kopf ebenso zu.    

********************************
Was sind die Freunde des Gedächtnisses?
Groß angelegte Studie beweist Erfahrungswerte

Sie konnten Informationen wieder viel schneller verarbeiten, Handlungen viel besser planen und diese auch besser ausüben: Mehr als 600 zwischen 60 und 77 Jahre alte Finnen mit leichten Gedächtnisproblemen, die zwei Jahre lang an der sogenannten FINGER-Studie teilnahmen, bei der sie sich einer „multimodalen Intervention“ gegen die Gedächtnisprobleme unterzogen.
Nach der Veröffentlichung dieser Zwischenergebnisse läuft die Studie noch weiter. Die Studie soll zeigen, wie die Hirnleistung verbessert werden kann, was also die Freunde des Gedächtnisses sind. „Allein die Zwischenergebnisse beweisen aber schon, was aufgrund von Erfahrungswerten aus den vergangenen Jahrzehnten bereits vermutet wurde“, informiert Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco und betont, dass die großangelegte Studie deswegen beachtlich ist, da es sich dabei um die erste ihrer Art und noch dazu um eine Doppel-Blind-Studie handelt. Das heißt: Es gab eine Kontrollgruppe mit derselben Anzahl an Gleichaltrigen, die ebenfalls Gedächtnisprobleme hatten. Die Teilnehmer aus dieser Kontrollgruppe nahmen aber nicht die Möglichkeit wahr, Maßnahmen zur Förderung ihres Gedächtnisses zu setzen. Sie wurden nur – so wie auch die aktiven Studienteilnehmer – in Abständen medizinisch untersucht und bei Bedarf behandelt: Dies hatte keine merkbaren Effekte auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns.
Was die Teilnehmer aus der aktiven Gruppe taten? Sie änderten ihren Lebensstil. Begonnen bei der Ernährung: Es kamen täglich Gemüse, Salat und Obst sowie mehrmals wöchentlich Fisch auf den Speiseplan. Zum anderen absolvierten die Probanden ein körperliches Training. Dieses umfasste ein jeweils individuell maßgeschneidertes Krafttraining zum Muskelaufbau sowie Aerobic-Stunden in der Gruppe und Gleichgewichtsübungen. Durch Brett- und Kartenspiele wurde das Gehirn zusätzlich gefordert.
Dass Spiele, Gleichgewichtsübungen, Aerobic oder Krafttraining und eine Ernährung mit viel Fisch und pflanzlicher Kost Freunde des Gedächtnisses sind, wissen Mediziner wie Dal-Bianco und Univ. Prof. Dr. Thomas Benke auch aufgrund der Erfahrungen mit ihren Patienten. Demnach bleibt die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses auch dann länger gut erhalten, wenn das Gehirn je nach Vorlieben durch Musizieren oder Singen sowie soziale Kontakte und damit verbundene emotionale Erlebnisse gefordert wird.    

Freunde des Gedächtnisses

  • „Mediterrane Kost“ mit viel Fisch, viel Gemüse, Salat und Obst
  • Bewegung, bestehend aus einem Mix aus Krafttraining zum Muskelaufbau und -erhalt an Geräten oder mit dem eigenen Körpergewicht, einem Ausdauertraining wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen, Gleichgewichtsübungen, etwa auf einem Wackelbrett
  • Brettspiele, Kartenspiele, etc.
  • Musizieren, Singen
  • Soziale Kontakte pflegen

 

Stand 10/2016

Was ist das Gedächtnis?„Das Gedächtnis besteht aus verschiedenen Teilen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Thomas Benke. Ein Teil davon ist das episodische Gedächtnis, in dem das, was wir aktuell erleben und erfahren, gespeichert sowie je nach den Emotionen, die wir damit verbinden, eingeordnet wird. Das episodische Gedächtnis ist altersbedingt oder aufgrund von verschiedenen Erkrankungen und Verhaltensweisen, die Feinde des Gedächtnisses sind, am häufigsten gestört, so Benke.Vom episodischen Gedächtnis werden neue Informationen über das zentrale Verarbeitungssystem im Hippocampus über verschiedene Routen in das Langzeitgedächtnis weitergeleitet und dort gespeichert. Beim Abrufen aus dem Langzeitgedächtnis wirkt neben dem Hippocampus noch der frontale Cortex, das Stirnhirn, mit: In dieser Verwaltungsmaschine entstehen z.B. Motivation und der Wille, Fehler zu vermeiden. Bei den Abläufen in den komplexen Strukturen des Gehirns spielen biochemische Prozesse eine Rolle. Wie diese zustande kommen, das weiß – noch – niemand genau.Was, wenn es Alzheimer-Demenz ist?An Demenzerkrankungen leiden derzeit 100.000 Österreicher, 70.000 davon sind an Alzheimer-Demenz erkrankt. Abgesehen von der Pflege der Freunde des Gedächtnisses (siehe Seite 44) können bestimmte Medikamente den Krankheitsverlauf verzögern – nur wirken sie nicht bei allen. An einer Impfung gegen die Krankheit wird zwar seit vielen Jahren geforscht. Derzeit beispielsweise im Rahmen einer langfristigen US-Studie mit deutscher Beteiligung, an der junge Erwachsene teilnehmen, die gefährdet sind, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, da ihre Großeltern daran leiden oder litten. Doch bis eine wirksame Impfung zur Vorbeugung zur Anwendung kommt, werden laut Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco noch viele Jahre vergehen.Wann zum Arzt?Wenn einem selber oder dem Partner, Verwandten, Freunden die eigene Vergesslichkeit auffällt, etwa weil sehr oft Namen nicht mehr genannt werden können, sollte ein Arzt darauf angesprochen werden.Mit dem sogenannten Mini-Mental-Test und weiteren speziellen Gedächtnistests wird geprüft, ob der Gedächtnisabbau in den Bereich des Normalen fällt, oder krankheitswertig ist bzw. eine Erkrankung an Alzheimer-Demenz vorliegt.Webtipp Selbsttest „Alltagsaktivität und Gemütsverfassung“auf homepage. univie.ac.at/peter.dal-bianco/ memory-clinic/braincheck50.htm

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren:

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter