Die allermeisten Krankheiten, die sich Kinder in Kindergarten und Schule einfangen, verlaufen harmlos. Lästig und unangenehm können sie trotzdem sein – und den Eltern Sorgen bereiten.
Von Sandra Lobnig
„Abschotten ist der falsche Ansatz. Kinder müssen bestimmte Virusinfekte durchmachen.“
Es gibt Tage, an denen würde man an der Schwelle zum Kindergarten am liebsten wieder umdrehen. Magen-Darm! Läuse! Scharlach! steht da warnend auf A4-Zetteln an der Tür. Wieder einmal kursieren alle möglichen Krankheiten im Kindergarten. Nicht nur dort: In der WhatsApp-Gruppe des Schulkindes berichten Eltern von einem Magen-Darm-Virus, der schon vier Mitschüler ausgeknockt hat. Und das alles in der zweiten Woche nach den Sommerferien.
Wie wird das werden, wenn im Herbst die Erkältungssaison losgeht? Viele Eltern stehen mit krankem Kind vor einem Betreuungsproblem. Aber nicht nur das: Vieles, was sich Kinder im Kindergarten und in der Schule einfangen, ist unangenehm, bereitet Schmerzen und manchmal den Eltern Sorgen. Kinderarzt Dr. Heinz Silgoner aus dem Landesklinikum Baden-Mödling erklärt, warum vor allem kleine Kinder gefühlt ständig krank sind, wann man Beschwerden ärztlich abklären lassen sollte und wie man Kinder vor Krankheiten am besten schützt.
Unangenehm, aber nicht gefährlich
Zuerst einmal: „In neun von zehn Fällen bei erkrankten Kindern handelt es sich um ‚banale‘ Virusinfekte, die in unseren Breiten auch unbehandelt meistens ohne Folgen ablaufen“, sagt Heinz Silgoner. Darunter fallen zum Beispiel grippale Infekte mit Erkältungssymptomen oder Infekte, die sich über die Haut manifestieren wie die Hand-Mund-Fuß-Krankheit. Unangenehm, aber zum Glück nicht gefährlich.
Daneben treten bakterielle Erkrankungen auf, Scharlach zum Beispiel oder eine Mittelohrentzündung. Gegen diese helfen Antibiotika, die ärztlich verschrieben werden müssen. Gegen Erreger, die potenziell gefährlich werden können, gibt es Impfungen: gegen das Masern- oder das Rötelvirus oder gegen Pneumokokken. „Ich empfehle Eltern, sich an den Impfplan zu halten“, sagt Heinz Silgoner. Viele der Impfungen sind ohnehin im kostenfreien Impfprogramm enthalten. Darüber hinaus rät der Kinderarzt etwa zur Impfung gegen Feuchtblattern und Meningokokken, die jeweils selbst bezahlt werden müssen.
Zu Hause bleiben?
In der kalten Jahreszeit haben Eltern manchmal den Eindruck, ihr Kind sei dauernd krank. „Vor allem im ersten Kindergartenjahr wird ein Kind oft krank“, sagt Heinz Silgoner. „Acht bis zehn Infekte sind dabei völlig normal.“ Denn kleine Kinder nehmen ihr Spielzeug in den Mund und verteilen Nasensekret und Speichel untereinander und damit auch Keime großzügig. Silgoner hält wenig davon, ein Kind mit leichtem Schnupfen vom Kindergarten oder von der Schule zu Hause zu lassen – nur damit sich ja keiner ansteckt.
Oder umgekehrt: Ein Kind aus Angst vor Keimen nicht in die Betreuungseinrichtung zu schicken. „Abschotten ist der falsche Ansatz. Kinder müssen bestimmte Virusinfekte durchmachen.“ Das sei für das Immunsystem wichtig, das durch den Kontakt mit den Erregern seine Widerstandskraft trainiert. Anders sehe es bei Fieber aus. Wer fiebert, sollte immer zu Hause bleiben und dort gesund werden.
Könnte nicht auch ein Immundefekt dahinterstecken, wenn ein Kind oft krank ist? Das sei möglich, aber selten, sagt Silgoner. Wahrscheinlicher sei, dass ein Kind eine Schwachstelle aufweist und deswegen anfälliger für bestimmte Krankheiten ist. Ein sensibles Bronchialsystem, das schneller zur Bronchitis führt, oder vergrößerte, zerklüftete Mandeln, die Mandelentzündungen begünstigen.
Fieber zeigt: Der Körper wehrt sich
Eine Frage, die sich Eltern oft stellen: Wann müssen wir zur Ärztin oder zum Arzt? Pauschal lasse sich diese Frage nicht beantworten, sagt Heinz Silgoner. „Ich würde es vom Allgemeinzustand abhängig machen. Geht es dem Kind wirklich schlecht, sollte man auf jeden Fall vorstellig werden. Da ist immer auch ein bisschen Bauchgefühl im Spiel.“ Fiebert ein Kind drei, vier Tage und ist keine Besserung in Sicht, sollte man das ebenfalls ärztlich abklären lassen.
Fieber allein sei aber kein Grund, sofort in die Arztpraxis zu fahren. „Fieber ist nicht negativ. Es zeigt, dass der Körper gegen den Infekt ankämpft.“ Deswegen sollte man das Fieber auch nicht sofort senken. „Das kann den Infekt verlängern und bakterielle Superinfekte begünstigen, weil sich Bakterien bei 37,5 Grad Körpertemperatur besonders gut vermehren.“ Ein guter Indikator sei der Zustand des kranken Kindes: Kann es mit dem Fieber gut umgehen und hat es keine Schmerzen, könne man mit fiebersenkenden Mitteln sparsam sein.
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