Krebserkrankungen

„Früherkennen heißt heilen!“

Speziell ausgebildete blinde und sehbehinderte Frauen übernehmen eine besondere Rolle in der Brustkrebsfrüherkennung: Ihre Fähigkeit zur feinen Wahrnehmung ermöglicht es, bereits kleinste Gewebeveränderungen zu ertasten.

Von Michaela Neubauer

Es ist still im Untersuchungsraum. Die Patientin liegt auf der Liege, während Sylwia Pietr, eine von derzeit zwei medizinisch-taktilen Untersucherinnen (MTU) in Österreich, konzentriert mit der Untersuchung beginnt. Zentimeter für Zentimeter tastet sie das Brustgewebe in drei Tiefenlagen ab. 45 Minuten dauert diese manuelle Früherkennungsuntersuchung im Schnitt. Und sie kann den Unterschied machen. „Wir arbeiten mit einem taktilen Raster, das wir vor der Untersuchung mit Markierungen auf die Haut kleben“, erklärt Pietr. „Das sind kleine Streifen mit fühlbaren Punkten – wie ein Koordinatensystem. Damit wissen wir exakt, wo wir gerade sind, und können jede Veränderung punktgenau verorten.“ Oft sind es kleinste Hinweise – unter der Haut spürbar, lange bevor ein Ultraschall oder Mammogramm auffällig wird. 

Ausbildung mit Tiefgang

2007 kam der deutsche Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann auf die Idee, den hochentwickelten Tastsinn blinder und sehbehinderter Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen. Seine Überzeugung: Mit gezielter Ausbildung könnten sie Veränderungen im Brustgewebe früher ertasten als viele Ärztinnen und Ärzte – oft schon ab sechs Millimetern Größe. Das Konzept „discovering hands“ war geboren. Mittlerweile wird dieses hierzulande von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs mit viel Engagement weitergeführt. Die Vision: Aus einer vermeintlichen Einschränkung soll eine Stärke werden – und zugleich ein neuer Berufszweig für blinde und sehschwache Menschen entstehen. 

Sylwia Pietr war früher Friseurin. Durch eine genetisch bedingte Sehbehinderung konnte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Nach ihrer Karenz wurde sie auf die Ausbildung zur MTU aufmerksam. Diese dauert neun Monate und umfasst medizinisches Wissen, Anatomie, Tasttechnik und Praxisphasen in Kliniken. „Ich habe das Gefühl, in diesem Beruf endlich angekommen zu sein“, sagt Pietr. „Wir tun mehr als untersuchen – wir hören zu, nehmen uns besonders viel Zeit und begleiten die Frauen mit
Respekt. Und ja – manchmal sagen sie uns am Ende: Ihr habt mir das Leben gerettet.“ Dabei versteht sich die Tastuntersuchung als Ergänzung, nicht als Ersatz für Mammografie oder Ultraschall. Besonders wertvoll ist die Methode bei sehr dichtem Brustgewebe oder in Mammografie-freien Intervallen. Jedoch stellen MTUs keine Diagnosen, sondern dokumentieren exakt alle ertasteten Auffälligkeiten – inklusive Lage, Konsistenz und Größe – und erstellen eine präzise Befundgrafik für die weiterbehandelnde Ärztin oder den Arzt. „Wir sagen nicht: Das ist Krebs. Aber wir können sagen: Hier stimmt etwas nicht – das gehört abgeklärt“, so Pietr.

Kein Grund zu warten

Brustkrebs kennt keine Altersgrenze. „Wir haben Patientinnen zwischen 19 und 80 Jahren“, sagt Claudia Haarer, BEd MBA, Leiterin von discovering hands in Österreich. Dabei sind die medizinisch-taktilen Untersuchungen nicht nur für Frauen gedacht. Auch Männer und Transpersonen sind willkommen. „Männer machen zirka ein Prozent aller Brustkrebsfälle aus. Die Sterblichkeit bei ihnen ist sogar höher, weil sie seltener zur Kontrolle gehen“, betont Haarer. Deshalb empfiehlt sie eine jährliche Unter­suchung bei der MTU – bei Frauen zusätzlich zur gynäkologischen Kontrolle bei der Fach­ärztin oder dem Facharzt.

Berührung schafft Vertrauen

Oft bekommt Claudia Haarer mit, wie sehr die Untersuchung Frauen berührt – emotional, körperlich, manchmal auch existenziell. „Viele Patientinnen sind nach der Untersuchung regelrecht aufgewühlt“, erzählt sie. „Nicht, weil wir etwas Dramatisches gefunden hätten, sondern weil sie zum ersten Mal das Gefühl haben, wirklich ernst genommen zu werden – gerade dann, wenn Unsicherheiten, Angst oder psychische Vorbelastungen im Raum stehen.“ Auch die Schulung zur Selbstabtastung, die discovering hands optional anbietet, ist ein wichtiger Bestandteil. „Viele Frauen sagen uns: Ich wusste gar nicht, wie man das richtig macht“, so Haarer. Deshalb ist es ihr ein großes Anliegen, dass mehr Menschen von dem Angebot erfahren. „Denn: Früherkennen heißt heilen. Und mit jeder entdeckten Auffälligkeit, die rechtzeitig behandelt wird, steigt nicht nur die Chance auf Genesung – es wächst auch das Vertrauen in den eigenen Körper.“


„Wir wollen Awareness schaffen!“

Untersuchungs- und Schulungstermine sind in Wien (1210, Schlosshofer Straße 2-6/Stg. 7/2. Stock) ganzjährig täglich 

möglich. In Graz und Linz finden regelmäßig Untersuchungstage statt. Unternehmen buchen discovering hands inhouse für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Kooperationen mit Arztpraxen gibt es ebenso. Optional ist eine Kombination mit Schulung zur Selbstabtastung möglich.

Informationen & Termine: www.discoveringhands.at eine Dienstleistung der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, Tel.: 01/330 35 45


Entgeltliche Einschaltung • AJO-AT-00461

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