Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – und trotzdem für viele ein Tabuthema. Warum Früherkennung Leben rettet, was die Medizin heute leisten kann und wie betroffene Frauen zwischen Angst, Hoffnung und Stärke neue Perspektiven finden.
Von Angelika Kraft
„Bei der Mammografie wird die Brust kurz zwischen zwei Platten komprimiert, um eine möglichst klare Bildgebung zu erzielen.“
Ich habe gespürt, dass etwas nicht stimmt“, erinnert sich Katharina, 49. Es war nur ein kleiner Knoten in der linken Brust, kaum zu erkennen, aber ihr Gefühl sagte: „Lass das anschauen.“ Die Diagnose kam schnell und hart: invasives Mammakarzinom. „Der Moment, in dem du hörst, dass du Krebs hast, reißt dir den Boden unter den Füßen weg“, sagt sie.
Brustkrebs – das Wort trifft wie ein Schlag. Es ist eine der schwerwiegendsten Diagnosen, die eine Frau treffen kann. Und doch ist es heute auch eine Diagnose, mit der viele Frauen weiterleben, weiterarbeiten, weiterlachen. Weil die Medizin große Fortschritte gemacht hat. Und weil Mut, Wissen und Unterstützung mächtige Verbündete sind.
Wenn Zellen entarten
„Brustkrebs – medizinisch Mammakarzinom genannt – entsteht, wenn Zellen der Brustdrüse entarten und sich unkontrolliert vermehren“, erklärt Prof. Dr. Ruth Exner, Leiterin des Brustgesundheitszentrums in Wien. In den meisten Fällen entwickelt sich der Tumor in den Milchgängen, seltener in den Drüsenläppchen. Fünf bis zehn Prozent aller Fälle sind genetisch bedingt, zum Beispiel durch Mutationen der BRCA1- oder BRCA2-Gene, doch die Mehrheit entsteht sporadisch, also ohne erkennbare familiäre Vorbelastung. Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Österreich erhalten jährlich rund 5.600 Frauen die Diagnose, etwa jede achte Frau ist im Laufe ihres Lebens betroffen. Dennoch hat sich die Prognose in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert: Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt mittlerweile bei rund 88 Prozent. Möglich macht das eine Kombination aus Früherkennung, individualisierter Therapie und wissenschaftlichem Fortschritt.
Selbst ist die Frau
Die wichtigste Waffe im Kampf gegen Brustkrebs ist die Früherkennung. „Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto höher sind die Heilungschancen“, so Exner. Die monatliche Selbstuntersuchung der Brust hilft, Veränderungen früh zu bemerken. Ideal ist eine Woche nach der Regelblutung, in oder nach den Wechseljahren ein fixer Kalendertag. Abgetastet wird im Stehen und Liegen mit flach aufgelegten Fingern. Auffällig sind Knoten, Verhärtungen, Verformungen oder Einziehungen der Haut sowie ungewöhnlicher Ausfluss. Schmerzen sind selten ein frühes Symptom. Auch die Achselhöhlen nicht vergessen – und bei Auffälligkeiten sofort zur Ärztin oder zum Arzt!
Neben der Selbstuntersuchung ist vor allem die regelmäßige Teilnahme an bildgebenden Vorsorgeuntersuchungen ein zentraler Baustein der Brustkrebserkennung – allen voran die Mammografie. Sie gilt als Goldstandard der Früherkennung, weil sie Tumore bereits sichtbar machen kann, bevor sie tastbar sind. In Österreich steht Frauen zwischen 45 und 69 Jahren alle zwei Jahre eine kostenlose Mammografie im Rahmen des österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms zu – ganz ohne Überweisung. Auf Wunsch kann die Untersuchung auch schon ab 40 oder über 70 Jahren in Anspruch genommen werden.
Die digitale Röntgenuntersuchung der Brust dauert nur wenige Minuten und ist weitgehend risikoarm. „Dabei wird die Brust kurz zwischen zwei Platten komprimiert, um eine möglichst klare Bildgebung zu erzielen“, erklärt Exner. Für viele Frauen ist das zwar unangenehm, aber gut auszuhalten – und der Nutzen überwiegt eindeutig: Studien zeigen, dass durch regelmäßige Mammografien die Sterblichkeit an Brustkrebs um bis zu 30 Prozent gesenkt werden kann. Der Befund einer Mammografie folgt einem standardisierten Bewertungssystem, in Europa – und damit auch in Österreich – wird dafür die sogenannte BI-RADS-Klassifikation verwendet (siehe Infokasten Seite 7).
Wird in der Mammografie etwas Auffälliges entdeckt, ist der nächste Schritt meist eine gezielte Ultraschalluntersuchung, mit der sich vor allem dichteres Brustgewebe oder Zysten besser beurteilen lassen. Bestätigt sich der Verdacht, folgt in der Regel eine Biopsie: Dabei wird unter örtlicher Betäubung mit einer feinen Nadel eine kleine Gewebeprobe aus dem verdächtigen Areal entnommen. Diese Probe wird anschließend im Labor genau untersucht, um festzustellen, ob es sich um gut- oder bösartiges Gewebe handelt – und wenn letzteres, um welche Art von Tumor.
Die Therapie – so individuell wie die Frau selbst
Liegt tatsächlich eine Brustkrebs-Diagnose vor, beginnt für die meisten Frauen eine Phase großer Unsicherheit und eine emotionale Ausnahmesituation, aber auch eine Phase der klaren medizinischen Schritte. „Zunächst wird das entnommene Gewebe genauer analysiert“, erklärt die Expertin. „Dabei geht es nicht nur um die Größe und Ausbreitung des Tumors, sondern vor allem um seine biologischen Eigenschaften. Entscheidend ist zum Beispiel, ob der Tumor hormonempfindlich ist (Östrogen- oder Progesteronrezeptoren), ob er den HER2-Rezeptor bildet oder ob es sich um einen triple-negativen Brustkrebs handelt.“ Durch weitere Untersuchungen wie Ultraschall der Lymphknoten, gegebenenfalls MRT, CT oder Knochenszintigrafie können mögliche Metastasen ausgeschlossen und das Tumorstadium bestimmt werden. Diese Informationen helfen, die individuell bestmögliche Therapie festzulegen. Dazu wird ein interdisziplinäres Tumorboard einberufen – ein Team aus den Fachrichtungen Chirurgie, Gynäkologie, Onkologie, Radiologie, Pathologie sowie Pflege. Gemeinsam wird ein personalisierter Behandlungsplan erstellt, der sich an den medizinischen Notwendigkeiten ebenso orientiert wie an der Lebenssituation und den Wünschen der Patientin.
Dabei kommen – je nach Art, Größe und Ausbreitung des Tumors sowie dem allgemeinen Gesundheitszustand der Patientin – unterschiedliche Behandlungsstrategien zum Einsatz. „Ziel ist es, den Krebs möglichst vollständig zu entfernen, Rückfälle zu verhindern und die Lebensqualität zu erhalten“, so Exner. Im Frühstadium wird häufig eine brusterhaltende Operation durchgeführt, bei der nur der Tumor und gegebenenfalls die Wächterlymphknoten entfernt werden, während die Brust erhalten bleibt. Ergänzend folgt meist eine Strahlentherapie, um eventuell verbliebene Krebszellen zu zerstören und das Risiko für ein Wiederauftreten zu reduzieren. In bestimmten Fällen – etwa bei aggressiveren Tumorformen oder wenn sich der Krebs bereits ausgebreitet hat – wird eine Chemotherapie notwendig. Auch Antihormontherapien kommen zum Einsatz, wenn der Tumor hormonempfindlich ist. Hierbei werden Östrogene und/oder Progesteron reduziert beziehungsweise blockiert, um das Tumorwachstum zu hemmen. Bei HER2-positiven Tumoren können zielgerichtete Antikörpertherapien wie Trastuzumab eingesetzt werden.
Ein großer Fortschritt ist die sogenannte „neoadjuvante Therapie“, bei der der Tumor vor der Operation medikamentös verkleinert wird – mit dem Ziel, weniger invasiv operieren zu müssen. Zielgerichtete Immuntherapien stärken das körpereigene Immunsystem und verbessern oft das Ansprechen auf eine neoadjuvante Chemotherapie.
Lebensqualität trotz Krankheit
So wirksam moderne Krebstherapien heute sind – Nebenwirkungen gehören für viele Patientinnen leider zum Alltag. Bei einer Chemotherapie zählen Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Müdigkeit, Infektanfälligkeit oder Nervenschäden zu den häufigsten Beschwerden. Eine Strahlentherapie kann Hautreizungen im bestrahlten Bereich, Müdigkeit oder – bei Bestrahlung der Brust – Veränderungen des Lungen- oder Herzgewebes verursachen. Antihormontherapien führen oft zu Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Gelenkschmerzen oder Stimmungsschwankungen, mitunter auch zu Knochenschwund. Auch zielgerichtete Therapien wie Antikörper können Nebenwirkungen mit sich bringen, etwa Herzprobleme oder allergieähnliche Reaktionen. „Nicht jede Patientin reagiert gleich – viele Nebenwirkungen lassen sich gut behandeln oder vorbeugen“, beruhigt die Ärztin. „Medikamente gegen Übelkeit, moderne Perücken oder Angebote wie medizinische Kosmetik, Psychoonkologie und komplementäre Therapien helfen, das Wohlbefinden zu erhalten.“
Wichtig ist auch, die psychische Gesundheit während der Therapie nicht aus dem Auge zu verlieren. Die Diagnose Krebs ist ein Schock – und für viele ein massiver Einschnitt ins Selbstbild, vor allem wenn Operationen oder die Chemotherapie Spuren hinterlassen. Wichtig ist es, offen über Ängste und Gefühle zu sprechen. Unterstützungsangebote gibt es viele – von klinischen Psychologinnen und Psychologen über die Krebshilfe und Selbsthilfegruppen bis zur Reha. Und tatsächlich öffnen sich durch die Erkrankung auch neue Perspektiven: Viele Frauen entwickeln eine verstärkte Achtsamkeit für den eigenen Körper und die Gesundheit, hinterfragen Lebensstil, Prioritäten und finden zu mehr Selbstfürsorge.
Auch Katharina hat eine intensive Behandlung hinter sich. Sie erhielt eine neoadjuvante Chemotherapie, gefolgt von Operation, Strahlen- und Antihormontherapie. Seit zwei Jahren ist sie nun krebsfrei und engagiert sich als Brustkrebs-Botschafterin, um Frauen über Früherkennung und Mut in der Behandlung aufzuklären. Denn Katharina weiß: Brustkrebs verändert das Leben, aber er bestimmt nicht, wie es weitergeht. Mit Mut, Unterstützung und modernen medizinischen Möglichkeiten gelingt es vielen, nicht nur zurückzufinden, sondern gestärkt und selbstbewusst in eine neue Zukunft zu gehen.
Fotos: istock Evgenia22, Meduni Wien