Sie steuert die Verdauung, reguliert den Blutzucker und spielt somit eine zentrale Rolle im Körper. In den Fokus rückt sie meist erst dann, wenn Beschwerden auftreten. Ein Internist erklärt, warum Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oft spät erkannt werden und welche Warnzeichen Sie ernst nehmen sollten.
Von Natascha Gazzari
„Anhaltende Oberbauchbeschwerden, ungeklärter Gewichtsverlust oder neu auftretender Diabetes sollten immer ärztlich abgeklärt werden.“
In Österreich erkranken jährlich rund 1.800 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Erkrankung ist äußerst heimtückisch. Da sie häufig anfangs keine Beschwerden verursacht, werden mehr als die Hälfte aller Diagnosen im lokal fortgeschrittenen oder bereits metastasierten Stadium gestellt.
Doch was macht das etwa 15 bis 20 Zentimeter große Organ im Oberbauch so lebenswichtig? „Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) erfüllt zentrale Aufgaben für Verdauung und Stoffwechsel. Sie arbeitet Tag für Tag im Hintergrund daran, dass Nahrung verwertet und der Blutzucker im Gleichgewicht gehalten wird“, berichtet Prim. Priv.-Doz. Dr. Holger Rumpold, Vorstand der Abteilung für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Ordensklinikum Linz.
Tatsächlich übernimmt das Organ gleich zwei lebenswichtige Funktionen. Zum einen produziert es täglich bis zu zwei Liter Verdauungssaft. Darin enthalten sind Enzyme, die Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate aufspalten. Erst dadurch kann der Darm die Nährstoffe aufnehmen und dem Körper zur Verfügung stellen. „Menschen mit einer gestörten Funktion der Bauchspeicheldrüse leiden deshalb oft unter Blähungen, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust oder fettigem Stuhl“, erläutert der Mediziner.
Neben dieser zentralen Funktion bei der Verdauung reguliert das Organ auch den Blutzucker. Sie produziert die Hormone Insulin und Glukagon, die den Zuckerhaushalt im Gleichgewicht halten. Gerät dieses System aus der Balance, kann Diabetes mellitus entstehen.
Gut verborgen – lange unauffällig
„Die Bauchspeicheldrüse arbeitet normalerweise im Stillen. Anders als Herz oder Lunge macht sie sich im Alltag kaum bemerkbar.“ Von den Höchstleistungen, die sie tagtäglich vollbringt, bemerken wir also nichts. Hinzu kommt, dass das Organ tief im Bauchraum liegt und Veränderungen somit lange unbemerkt bleiben können. Im Vergleich zu anderen Organen besitzt das Pankreas keine ausgeprägte Schmerzempfindlichkeit, wodurch sich Erkrankungen häufig schleichend entwickeln. „Frühe Symptome sind oft sehr unspezifisch. Beschwerden wie Druckgefühl im Oberbauch, Rückenschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Gewichtsverlust werden zunächst oft anderen Ursachen zugeschrieben.“
Von akuter Pankreatitis bis Bauchspeicheldrüsenkrebs
Zu den häufigsten Erkrankungen des Organs zählt die akute Bauchspeicheldrüsenentzündung, die sogenannte akute Pankreatitis. Sie entsteht oftmals durch Gallensteine oder starken Alkoholkonsum, wie Rumpold berichtet: „Betroffene leiden meist unter heftigen, gürtelförmigen Schmerzen im Oberbauch, meist begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Fieber.“ Die Erkrankung kann mild verlaufen, in schweren Fällen jedoch lebensbedrohlich werden.
Neben dieser akuten Form gibt es auch die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung. Dabei wird das Organ über Jahre hinweg dauerhaft geschädigt. „Ursache ist oftmals langjähriger Alkoholkonsum, manchmal spielen auch Rauchen oder genetische Faktoren eine Rolle“, so der Internist. Die Folgen einer chronischen Pankreatitis können gravierend sein: Verdauungsprobleme, Durchfälle, Gewichtsverlust und später nicht selten Diabetes. Denn mit fortschreitender Schädigung verliert das Organ zunehmend seine Fähigkeit, Enzyme und Hormone zu produzieren.
Zuckerstoffwechsel im Ausnahmezustand
Die Entstehung von Diabetes mellitus steht in engem Zusammenhang mit der Bauchspeicheldrüse. Das Organ produziert Insulin – jenes Hormon, das Zucker aus dem Blut in die Körperzellen transportiert. Beim Typ-1-Diabetes werden die insulinproduzierenden Zellen zerstört. Beim wesentlich häufigeren Typ-2-Diabetes reagiert der Körper nicht mehr ausreichend auf Insulin. „Mögliche Symptome von Diabetes mellitus sind starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit und Gewichtsveränderungen“, beschreibt der Experte die ersten Anzeichen. Besonders Typ-2-Diabetes entwickelt sich oft schleichend und bleibt lange unentdeckt.
Die Zahl der Diabetes-Erkrankungen steigt weltweit stark an. Übergewicht und Bewegungsmangel erhöhen das Risiko für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen. Ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung und ballaststoffreicher Ernährung kann hingegen dabei helfen, den Zuckerstoffwechsel zu verbessern und das Risiko zu senken.
Bauchspeicheldrüsenkrebs: Was ihn so gefährlich macht
Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt nach wie vor zu den gefährlichsten und aggressivsten Tumorerkrankungen. Dass der Krebs oft über Monate oder Jahre hinweg unbemerkt wachsen und früh Metastasen bilden kann, liegt vor allem daran, dass frühe Symptome fehlen oder sehr unspezifisch sind. „Viele Tumoren werden erst entdeckt, wenn eine Operation nicht mehr möglich ist“, warnt Rumpold. Hinzu kommt, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs oft in wichtige Blutgefäße oder Nerven einwächst.
Außerdem bildet der Tumor ein dichtes Gewebe, das Medikamente und Immunzellen nur schwer erreichen können. Dadurch sprechen viele Tumoren schlechter auf Therapien an als bei anderen Krebsarten. Ein routinemäßiges Vorsorgeprogramm, wie etwa bei Brust- oder Darmkrebs, existiert bislang nicht. Umso wichtiger sei es laut Rumpold, Warnzeichen ernst zu nehmen – insbesondere ungeklärten Gewichtsverlust, anhaltende Oberbauch- oder Rückenschmerzen sowie neu auftretenden Diabetes im höheren Alter.
Therapien werden individueller
Die Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses richtet sich danach, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. „Ist der Tumor noch begrenzt, ist die Operation die zentrale Therapie“, so der Facharzt. „Ziel ist die vollständige Entfernung des Tumors.“ Je nach Lage müssen manchmal auch Teile der Bauchspeicheldrüse, des Dünndarms, der Gallenwege oder des Magens mit entfernt werden. „Solche Eingriffe sind jedoch komplex und sollten in spezialisierten Zentren durchgeführt werden“, betont Rumpold.
Zusätzlich kommen Chemotherapie und in manchen Fällen Strahlentherapie zum Einsatz. Die Chemotherapie soll Krebszellen zerstören und deren Wachstum bremsen. Bestrahlungen sind dann indiziert, wenn der Tumor nicht vollständig operiert werden kann.
Weitere Säulen der Therapie sind Schmerztherapie, Ernährungsberatung, Verdauungsenzyme und psychologische Unterstützung. „Gerade Gewichtsverlust und Mangelernährung spielen bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse eine große Rolle. Deshalb ist eine umfassende Betreuung entscheidend.“ Ist eine Heilung nicht mehr möglich, konzentriert sich die Behandlung auf die Lebensqualität und die Linderung von Beschwerden. „Die moderne Palliativmedizin kann hier heute viel leisten.“
Hoffnung aus der Forschung
Trotz der schwierigen Prognose gibt es Fortschritte. Besonders intensiv wird derzeit an einer besseren Früherkennung geforscht. „Ziel ist es, Tumoren mithilfe von Biomarkern im Blut oder moderner Bildgebung und künstlicher Intelligenz früher zu entdecken“, so Rumpold.
Auch die sogenannte personalisierte Medizin gewinnt an Bedeutung: Tumoren werden genetisch untersucht, um Therapien individueller anpassen zu können. „Bei manchen Patientinnen und Patienten kommen bereits zielgerichtete Therapien zum Einsatz, wenn bestimmte Genveränderungen vorliegen.“ Große Hoffnungen ruhen außerdem auf neuen Kombinationen aus Chemotherapie, Immuntherapie, zielgerichteten Therapien und neuen Wirkstoffen. Die Forschung entwickelt sich derzeit sehr dynamisch. „Frühere Diagnosen, individuell zugeschnittene Therapien und bessere Kombinationstherapien könnten die Behandlung und somit die Überlebenschancen in Zukunft deutlich verbessern“, fasst Rumpold zusammen.
Warnzeichen ernst nehmen
Folgende Beschwerden sollten immer ärztlich abgeklärt werden:
- anhaltende Oberbauchschmerzen
- ungeklärter Gewichtsverlust
- neu auftretender Diabetes im höheren Alter
- Appetitlosigkeit
- Gelbfärbung von Haut oder Augen
- fettiger oder auffällig heller Stuhl
Davon profitiert die Bauchspeicheldrüse
- ballaststoffreich essen
- regelmäßige Bewegung
- Normalgewicht anstreben
- nicht rauchen: Rauchen zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Bauchspeicheldrüsenkrebs und chronische Entzündungen.
- Alkohol nur in Maßen: Übermäßiger Alkoholkonsum schädigt die Bauchspeicheldrüse langfristig erheblich.
- stark verarbeitete Lebensmittel reduzieren
- Beschwerden frühzeitig abklären lassen
Fotos: Ordensklinikumlinz, istockphoto/vectornation