Verdauung, Magen & Darm

Stress im Bauch

Wenn’s im Darm ständig rumort: Die Diagnose und Therapie eines Reizdarms kann herausfordernd sein.

Von Karin Schrammel

OÄ Dr. Sonja Hrabal
„Man muss 
ausprobieren, was einem hilft.“

Bauchschmerzen, Verstopfung, Durchfall, Krämpfe, Blähungen: Die Symptome für einen Reizdarm sind vielfältig. Und genau darin liegt das Problem, erklärt Oberärztin Dr. Sonja Hrabal: „Einen Reizdarm zu diagnostizieren, ist eine Herausforderung. Denn man muss zuerst abklären, dass nichts anderes dahintersteckt.“ Als Reizdarm bezeichnet man eine Funktionsstörung des Darms ohne organische Ursache. Im Gegensatz zu anderen Magen-Darm-Erkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, bei denen sich Veränderungen im Stuhl oder im Darm feststellen lassen. 

Von einem Reizdarmsyndrom sind etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen doppelt so häufig, sagt Sonja Hrabal. Die Fachärztin für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie am Landesklinikum Baden weiß, dass die Diagnose Reizdarm oft vorschnell gestellt wird, wenn kein bestimmter Auslöser für die Beschwerden gefunden wird. Doch nicht selten würden Betroffene nicht systematisch auf andere Krankheiten untersucht. „Den Beschwerden können auch andere Gründe zugrunde liegen, etwa eine Allergie oder Nahrungsmittelintoleranz.“ Für eine exakte Diagnose braucht es eine umfassende Anamnese, eine körperliche Untersuchung, einen Bauch-Ultraschall, eine Laboruntersuchung der Stuhlprobe, eine gynäkologische Untersuchung sowie Magenspiegelung und Darmspiegelung. Erst wenn all diese Befunde unauffällig sind und die Symptome länger als drei Monate andauern, deutet dies auf einen Reizdarm hin. 

Ursachen

Die Ursachen für einen Reizdarm sind noch nicht genau bekannt. Eine große Rolle spielt das Mikrobiom des Darms, weiß die Fachärztin: „Ein gesundes Mikrobiom ist wie ein blühender Frühlingsgarten. Wenn es aber zu Dysbalancen zwischen guten und schlechten Darmbakterien kommt, beginnt es karstig zu werden, die Vielfalt verschwindet. Die bösen Bakterien zerstören alles.“ Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen (wie Bakterien, Viren und Pilze), die einen Organismus besiedeln. Derzeit wird es intensiv beforscht und man erhofft sich wichtige Erkenntnisse, um einige Erkrankungen gezielt zu behandeln.

Oft ist Stress verantwortlich für Dysbalancen im Darm, erklärt Sonja Hrabal: „Es gibt eine Darm-Hirn-Achse, ein sogenanntes Bauchhirn. Das heißt, der Darm sendet über den Vagusnerv Signale ans Hirn und umgekehrt – bei Stress funktioniert dieser Transfer nicht mehr gut.“ Um das wieder in Fluss zu bringen, helfe Akupunktur, sagt sie und verweist auf eine hohe Erfolgsquote. Doch da ein Reizdarm sich individuell sehr unterschiedlich äußert, gibt es keine allgemeingültige Therapie. Stattdessen braucht es eine multifaktorielle Behandlung. Die Fachärztin empfiehlt zudem die Einnahme von Probiotika und Präbiotika. Erstere sind lebende Mikroorganismen, die man zuführt. „Sie bevölkern den Darm neu und machen wieder eine blühende Frühlingswiese“, erklärt Hrabal anschaulich. Präbiotika sind unverdauliche Ballaststoffe, die den guten Darmbakterien als Nahrung dienen. Enthalten etwa in Haferflocken, Hülsenfrüchten, Äpfeln, Knoblauch, Zwiebel. Auch hier müsse drauf geachtet werden, was man verträgt. 

Individuelle Therapie

So individuell wie die Beschwerden ist auch die Therapie. Als wirksam erweist sich zudem die Darmhypnose, sagt Sonja Hrabal: „Das ist kein Humbug, diese Methode ist seit Jahren erprobt. Sie beeinflusst die wechselseitige Interaktion von Darm und Gehirn positiv.“ Bisher bieten noch nicht viele Kliniken oder Praxen das Verfahren an; hilfreich sind auch Darm-Hypnose-CDs. Auch Yoga kann Entspannung und eine Linderung der Beschwerden bringen.  

Den gereizten Darm beruhigen kann auch die Low-FODMAP-Diät. Dabei werden Lebensmittel mit hohem Gehalt an fermentierbaren Oligo-, Di-, Monosacchariden und Polyolen (FODMAPs) reduziert. Das bedeutet: Zucker und viele industriell hergestellte Lebensmittel vier bis acht Wochen meiden. Danach einzeln und vorsichtig wieder einführen. Allerdings sollte diese Diät niemals ohne ärztlichen Rat und klare Diagnose ausprobiert werden, denn sie kann die Beschwerden, zum Beispiel bei einer Allergie, auch verschlimmern.  Zur Darmberuhigung haben sich außerdem einige pflanzliche Wirkstoffe bewährt: Pfefferminz, Kümmel, Fenchel, Kamille, Kurkuma, Myrrhe, Weihrauch: „Es gibt viele herrliche pflanzliche Präparate, die helfen können“, sagt Sonja Hrabal. „Man muss ausprobieren, was einem hilft.“ Es sind mehrere – und vor allem individuelle – Bausteine, die eine gute Therapie ergeben.


So schonen sie einen gereizten Darm

  • Meiden Sie Nahrungsmittel mit künstlichen Zusatzstoffen.
  • Gedünstetes Gemüse oder eine Suppe sind leicht verdaulich. Salat, rohes Obst oder Gemüse sind für den Darm anstrengender zu bewältigen, besonders am Abend.
  • Verdauung beginnt bereits im Mund, daher: Kauen Sie gut.
  • Bewegung hilft: Bei Yoga, Walking oder Spaziergängen kommt auch der Darm wieder in Takt.
  • Meiden Sie Stress und Ärger. Bauen Sie Entspannungs-übungen und Meditation in den Alltag ein.
  • Trinken Sie ausreichend – zwei Liter stilles Wasser oder Kräutertee.

Fotos: Foto Tschank, istockphoto/vector mine

Share

Logo medizinpopulär