So bleibt die Stimme gesund

Dezember 2006 | Medizin & Trends

Wenn Sie unter dem Christbaum ein Lied anstimmen, so machen Sie das am besten vor der Suppe, vor dem Bier und schon gar vor dem Verdauungsschnaps. Denn heiß, kalt und scharf sind Reize, die der Stimme überhaupt nicht gut tun. Und wenn Sie beim „Stille Nacht“-Gesang großen Vorbildern nacheifern, dann bedenken Sie, dass hinter einer schönen Stimme nicht unbedingt auch eine gesunde Stimme stecken muss. Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sowie für Stimm- und Sprachstörungen, erklärt, wie man bei Stimme bleibt und warum man Heiserkeit nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Sie ist uns allen im Ohr, die tiefe, raue, erotische Stimme von Zarah Leander, die Millionen von Fans bis heute begeistert. Als Musikfreund kann sich auch Univ. Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn ihrer Faszination nicht entziehen. Als Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Phoniater, also Experte für Stimm- und Sprachstörungen, stellt er aber keine gute Diagnose: „Zarah Leander hatte zwar eine schöne, aber aus medizinischer Sicht keine gesunde Stimme. Ihrem Klang zugrunde liegt das so genannte Reinke-Ödem, eine vor allem durch starkes Rauchen und permanente Überlastung verursachte chronische Schwellung der Stimmlippen.“ Auch gehauchte oder krächzende Stimmen, die von vielen als schön empfunden werden, empfiehlt Prof. Bigenzahn nicht zur Nachahmung. Denn Flüstern, Pressen, Schreien – das alles mögen unsere Stimmorgane auf Dauer gar nicht.

Stimme zeigt Stimmung
Unsere Stimme ist das Ergebnis hochkomplexer Vorgänge. Die Schwingung der Stimmlippen im Kehlkopf, die einen Ton erzeugt, ist nur einer dieser vielen Vorgänge (siehe Kasten: Wie Stimme entsteht). Zur Stimmbildung gehört auch die Atmung, die Körperhaltung, das gut funktionierende Zusammenspiel von etwa 50 verschiedenen Muskeln, die Ausbildung des Resonanzraumes vor allem im Kopf, wo ein Ton seine spezifische Ausformung erhält. Auch hormonelle Einflüsse und Stress verändern den Klang. Und nichts zeigt so deutlich wie die Stimme, wie es um die Stimmung des Sprechers, der Sprecherin bestellt ist. „Stimme ist Ausdruck der Persönlichkeit, sie ist untrennbar mit unserem Gefühlszustand verbunden“, sagt Prof. Bigenzahn. „Allein am Klang der Stimme können Sie erkennen, ob ein Mensch verstimmt oder gut gestimmt ist, ob er sich in Hochstimmung oder einem Stimmungstief befindet.“

Heiserkeit ist nicht sexy
Weil Stimme den ganzen Menschen umfasst, können Stimmstörungen eine Vielzahl von Ursachen haben, so dass auch Diagnostik und Therapie einem ganzheitlichen Konzept folgen müssen. Leitsymptom für viele Stimmstörungen ist die Heiserkeit. Sie tritt gerade jetzt im Winter häufig auf – ob als Folge der kalten bzw. überheizten trockenen Luft oder als Begleitsymptom von Erkältungskrankheiten. In der Regel verschwindet sie so schnell wie sie gekommen ist. Prof. Bigenzahn warnt aber davor, anhaltendes Krächzen auf die leichte Schulter zu nehmen. „Jede Heiserkeit, die länger als drei Wochen andauert, sollte fachärztlich abgeklärt werden“, sagt der Mediziner. Denn Heiserkeit kann auf Krankheiten hinweisen, die behandelt werden müssen, auf Knötchen, Polypen und vieles mehr, ist im schlimmsten Fall Symptom von bösartigen Tumoren der Stimmlippen oder des Kehlkopfs, die bei Früherkennung inzwischen aber meist geheilt werden können.

Haltung gibt den Ton an
Die Diagnose von Stimmstörungen ist genauso komplex wie die Stimmbildung selbst und umfasst eine Vielzahl von Untersuchungsschritten. Denn nicht immer sitzt die Ursache der Probleme im Kehlkopf. Prof. Bigenzahn schildert den Fall einer jungen Musical-Sängerin, deren „Unstimmigkeiten“ auf eine Skoliose, eine verbogene Wirbelsäule zurückzuführen waren. „Da sieht man, wie wichtig die Körperhaltung, das muskuläre Gleichgewicht für die Stimme ist. Entsprechend werden bei uns Stimmstörungen ganzheitlich behandelt – in einem Raum, in dem sich die Patienten mit Ringen, Keulen, Bällen, Elastikbändern bewegen können.“

Sprechen will gelernt sein
Stimmstörungen treffen längst nicht nur Sänger und Schauspieler. Im Gegenteil. Diese Berufsgruppen bleiben durch gutes Training sogar am ehesten verschont. Viel gefährdeter sind zum Beispiel Lehrer, Kindergärtner oder Callcenter-Mitarbeiter, bei denen das Bewusstsein noch nicht so ausgeprägt ist, dass sie durch Stimmschulung die Folgen von Überlastung oder schlechten Sprechgewohnheiten lindern könnten. „Stimmstörungen nehmen besorgniserregend zu“, stellt Prof. Bigenzahn fest. „Wir sprechen mehr als die Menschen vor 100 Jahren, etwa 80 Prozent der Berufe bauen heute auf kommunikativen Fähigkeiten auf, neue Technologien wie Handys verleiten zum permanenten Reden. Gerade Menschen in Sprechberufen sollten sich über den richtigen Gebrauch der Stimme, die richtige Atmung, Haltung und Stimmhygiene informieren.“

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WIE STIMME ENTSTEHT
Alles schwingt

Ohne Luft kein Ton. Sprechen beginnt also in der Lunge. Von dort aus wird der Luftstrom durch die Luftröhre in den Kehlkopf geleitet, bei Männern deutlich als „Adamsapfel“ erkennbar. Im Kehlkopf sind zwei Stimmlippen, auch Stimmbänder genannt, gespannt. Beim Atmen ist der Raum zwischen den Stimmlippen, die so genannte Stimmritze, geöffnet, damit die Luft ungehindert ein- und ausströmen kann. Um Töne zu erzeugen, müssen die Stimmlippen geschlossen und – wie die Saiten eines Instruments – in Schwingung versetzt werden. Das geschieht durch die Luft aus der Lunge: Ein Ton entsteht.

Dieser Ton muss nun – wiederum wie bei einem Saiteninstrument – durch Resonanzräume verstärkt werden. Das sind vor allem Nasen-, Rachen- und Mundhöhle, wo mit Hilfe von Zunge, Zähnen und Lippen die einzelnen Laute der Sprache gebildet werden. Wenn man mit verstopfter Nase oder „vollem Munde“ spricht, verändert sich der Resonanzraum und darum auch die Stimme. Die Tonhöhe hängt von der Schwingungsfrequenz der Stimmlippen ab. Je höher die Schwingungsfrequenz, desto höher der Ton. Die durchschnittliche Sprechstimme eines Mannes liegt bei 120 Hertz, also 120 Schwingungen pro Sekunde, eine Frau spricht bei zirka 220 Hertz. Ganz wenige Stimmlippen schwingen sich zu Höchstleistungen auf: Nicht viele Sopranistinnen erreichen mit 1400 Schwingungen pro Sekunde das hohe F der „Königin der Nacht“.

Die Tonhöhe hängt aber auch von der Länge und der Dicke der Stimmlippen ab. Je länger und dicker sie sind, desto schwerer sind sie in Schwingung zu bringen, desto tiefer ist also die Stimme. Die Stimmlippen des Mannes sind durchschnittlich 25, jene der Frau 18 Millimeter lang.

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SO BLEIBEN SIE BEI STIMME
Schweigen ist Gold

  • Die Stimme schonen: In der kalten Jahreszeit ist der Atmungstrakt von der Nase über den Kehlkopf bis zur Lunge besonders anfällig für Infekte. Darum ist Schonung jetzt besonders wichtig, um die Stimmorgane nicht unnötig zu belasten. Menschen in Sprechberufen sollten ausreichend Stimmpausen einlegen.
  • Nicht flüstern, nicht räuspern: Wer erkältet ist, soll möglichst wenig, leise und ohne Anstrengung sprechen, aber auf keinen Fall flüstern. Denn Flüstern strengt den Kehlkopf an und schadet auf Dauer der Stimme. Dasselbe gilt fürs Räuspern. Den „Frosch im Hals“ lieber hinunterschlucken, zum Beispiel mit etwas Wasser.
  • Viel trinken: Die kalte bzw. überheizte Luft trocknet die Schleimhäute im Kehlkopf aus und macht sie anfällig für Infektionen. Darum gilt gerade jetzt das Gebot: Viel trinken, am besten Wasser oder Kräutertees, nicht aber Kamillentee! Auch er trocknet die Schleimhäute aus – sollte also von Vielrednern und Erkälteten gemieden werden.
  • Keine extremen Reize: Nicht zu scharf, nicht zu heiß und nicht zu kalt essen und trinken! Nikotin und Alkohol sind selbstverständlich auch für die Stimme nicht gesund. Wer unter chronischem sauren Aufstoßen (Reflux) leidet, setzt auch seine Stimme aufs Spiel und sollte unbedingt zum Arzt.
  • Inhalationen helfen: Bei Erkältungen sind Inhalationen mit Wasserdampf oder milden Salzlösungen empfehlenswert.

   

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