„Stille Nacht“ im Spital

Dezember 2008 | Medizin & Trends

Wie Musik Schwerkranken hilft
 
Wohlklingende Saiteninstrumente und mehrstimmiger Gesang verbreiten eine warme, entspannte Atmosphäre auf der sonst so sterilen Intensivstation am Wiener AKH. Die Musiktherapie hat eine mehrfach wohltuende Wirkung auf die schwerkranken Patienten: Sie entspannen sich, gewinnen neue Hoffnung, Ängste werden gelindert. MEDIZIN populär-Redakteurin Mag. Alexandra Wimmer hat sich vom heilsamen Musizieren ein Bild gemacht. Lesen Sie ihren Bericht.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Die 80-jährige Margaret Z. liegt mit glänzenden Augen und aufmerksam lauschend da. Um ihr Bett haben sich drei Musiktherapiestudenten versammelt, sie singen zu Gitarrenbegleitung „Am Brunnen vor dem Tore“. In dem Raum, in dem sonst ausschließlich sterile Apparate monotone, surrende Geräusche von sich geben, herrscht plötzlich eine entspannte, geradezu heimelige Atmosphäre. Während die Gitarristin über die Saiten streicht, streichelt ihre Kollegin immer wieder sacht eine Hand der tief berührten Frau. Als der letzte Ton verklungen ist, drückt Margaret Z., die nach einem Herzstillstand in intensivmedizinischer Behandlung und sprechunfähig ist, fest die Hand der Studentin und formt ein unhörbares „Danke“. Dann deutet sie aufgeregt auf die Gitarre. „Möchten Sie spielen?“, fragt die Gitarristin, die Patientin verneint mit Kopfschütteln. Schließlich wird ihr eine Buchstabentafel gereicht. „Mandoline“, schreibt sie. „Ah, Sie haben Mandoline gespielt!“ Margaret Z., die anfangs noch apathisch dalag, nickt erfreut und ist plötzlich hellwach.

An gute Zeiten erinnern
„Genau das ist es, was wir mit Musiktherapie bewirken wollen“, betont Dr. Gerhard Tucek, Musiktherapeut und Kultur- und Sozialanthropologe, nachdem er sich mit seinen Studenten zu einer kurzen Nachbesprechung zurückgezogen hat. „Wir wollen die Menschen, die aus ihren Lebensstrukturen herausgefallen sind, an ihre guten Zeiten erinnern und so ins Leben zurückholen.“ Das ist den Musikanten sichtlich geglückt: Margaret Z. hat aus der Erinnerung an ihre „musikalische Zeit“ neue Kraft geschöpft. „Sehr gut ist auch, dass ihr der Frau wieder eine Struktur gebt“, lobt Univ. Prof. Dr. Klaus-Felix Laczika, Internist und stellvertretender ärztlicher Leiter der Intensivstation an der Universitätsklinik für Innere Medizin I, der auch bei der Besprechung dabei ist. „Intensivpatienten haben kein Zeitgefühl mehr, keinen Rhythmus. Durch die Musik erhalten sie den Rhythmus im Kleinen, durch die Besuche zweimal wöchentlich bekommt ihr Leben wieder eine Struktur.“

Musizieren & kommunizieren
Das wichtigste Ziel des Musiktherapieprojekts, das seit knapp zwei Jahren auf der Intensivstation für Innere Medizin I in Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien läuft und durch die Medizinerin und Musikerin Univ. Prof. Dr. Gertraud Berka-Schmid ermöglicht wurde: Ängste lindern, der Hoffnungslosigkeit positive Erlebnisse entgegensetzen, sodass die Patienten sich entspannen und Stress abbauen können. Speziell jenen, die organisch bereits über dem Berg, aber seelisch noch traumatisiert sind, soll auf diesem Weg zurück in den Alltag verholfen werden.
„Durch die Kommunikation mit den Musizierenden werden die Patienten als Persönlichkeiten und nicht nur als Krankheitsfälle wahrgenommen“, berichtet Laczika, der nicht nur als Mediziner, sondern auch als Musiker und Pianist tätig ist. In der Musiktherapie werde nicht nur für die Patienten musiziert, sondern vor allem mit ihnen kommuniziert, ergänzt Gerhard Tucek, der die Musiktherapiestudenten als Supervisor betreut. „Wir verwenden die Musik, um die Patienten wieder mit sich selbst und anderen Menschen in Kontakt zu bringen. Wenn sie beginnen, aus ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ist die Therapie auf einem guten Weg.“

Gleichklang der Herzen
Vor allem entspannt Musik die chronisch gestressten Patienten nachweislich. Wissenschaftlich lässt sich dies mit der Messung der Herzfrequenzvariabilität (=Heart rate variability, HRV) belegen. „Mit der HRV wird untersucht, wie unregelmäßig bzw. regelmäßig das menschliche Herz schlägt. Ein gesundes Herz schlägt schneller, wenn man einatmet, und langsamer, wenn man ausatmet“, erläutert der Internist Laczika. „Je größer die Fähigkeit des Herzens, sich an den Atem anzupassen, desto gesünder ist ein Mensch.“ Ist jemand sehr gestresst oder schwer herzkrank, geht die natürliche Herzfrequenzvariabilität verloren – die Musiktherapie vermag sie wieder herzustellen. „Die Vermessung der HRV, die wir simultan bei Patienten und Musiktherapeuten durchführen, zeigt, dass die Patienten in Gleichklang mit den Therapeuten kommen und sich entspannen.“

Dr. Hansi Hinterseer
Und welche Musik ist bei der Behandlung von Schwerkranken die richtige? „In der Musiktherapie werden mit Gitarre und Harfe hauptsächlich beruhigende, Atmosphäre schaffende Stücke gespielt, etwa Volkslieder – jetzt in der Weihnachtszeit zum Beispiel ,Stille Nacht‘ – und zwar besonders jene, welche die Patienten mitsingen können“, erklärt Laczika. Ergänzend zur „Live-Musik“ werden Tonträger eingesetzt. „Wenn ein Patient Hansi Hinterseer liebt, kriegt er Hansi Hinterseer zu hören. Denn das, was er in seiner Lebensgeschichte als angenehm empfunden hat, soll er auch auf der Intensivstation bekommen, um ins Leben zurückzukehren.“ Ausgerechnet das Werk Mozarts sei allerdings mit Vorsicht zu genießen. „Für mich persönlich ist Mozarts Musik die komplizierteste, traurigste, tiefgründigste, die es gibt“, so der Mediziner. „Ich würde mich hüten, sie unkritisch bei schwer kranken Patienten einzusetzen.“

Wärme und Geborgenheit
Und warum wird vorzugsweise mit Harfe, Laute und Gitarre aufgespielt? „Vom Klangspektrum her vermitteln uns diese Saiteninstrumente Sicherheit“, weiß der Sozial- und Kulturanthropologe Tucek, der außerdem das Institut für Ethno-Musik-Therapie im niederösterreichischen Gföhl leitet. „Sie durchdringen das laute, unangenehme Geräuschambiente und vermitteln Wärme und Geborgenheit – ähnlich der Hausmusik.“ Die Musik wird zusätzlich – speziell bei komatösen Patienten – mit körperlicher Zuwendung ergänzt. „Je weiter ein Patient im Koma ist, umso wichtiger wird die Berührung, das Streicheln von Kopf, Brust, Armen. Damit signalisieren wir: Ich bin für dich da“, veranschaulicht Tucek. „Indem wir außerdem im Rhythmus der Atmung spielen, entsteht ein Gleichklang.“

Zurück ins Leben
Mittlerweile haben sich die Musikanten vor dem Bett des 85-jährigen Friedrich B., der nach einem Herzinfarkt schon wochenlang auf der Intensivstation liegt, eingefunden. Man sieht ihm an, dass er sich über den Besuch freut – und er nickt eifrig, als er gefragt wird, ob auch bei ihm musiziert werden soll. Mit einer gesummten Improvisation starten die Studenten ihr kleines Konzert – der Patient, der sich auf dem Weg der Besserung befindet, hört hingebungsvoll zu. Nachdem die Musiker „Hoch auf dem gelben Wagen“ zum Besten gegeben haben, flüstert er begeistert: „Spitze! Sehr schön.“ Mit „Guten Abend, gut’ Nacht“ klingt der Besuch aus, und die Musikanten verlassen den dankbaren Mann mit einem fröhlichen „bis Donnerstag!“.

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„Musikalische Biografie“:
Mit vertrauten Melodien heilen

Rhythmus und Musik bestimmen unser Leben vom ersten Atemzug an: Der Herzschlag im Mutterleib, die Gute-Nacht-Lieder der Kindheit, der Song, zu dem man sich das erste Mal verliebte – jeder Mensch hat eine „musikalische Biografie“, ein Repertoire an Musikstücken, die mit bestimmten Erinnerungen und Emotionen verbunden sind. In der Musiktherapie ist sie ein wichtiges Instrument, um etwa Intensivpatienten zurück ins Leben zu holen. Überhaupt hat der Musikeinsatz in der Medizin eine lange Tradition – die altorientalische Musiktherapie etwa ist ein seit 1000 Jahren dokumentiertes Behandlungssystem.

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Musiktherapiegesetz:
Neues Gesetz regelt die Berufsausübung

Musiktherapie ist eine eigenständige, wissenschaftlich-künstlerisch-kreative und ausdrucksfördernde Therapieform zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit.“ Das Musiktherapiegesetz, das heuer verabschiedet wurde und am 1. Juli 2009 in Kraft treten soll, erkennt Musiktherapie als eigenständige Therapieform an und regelt die Berufsausübung. „Ich hoffe, dass dadurch Musiktherapeuten eines Tages – ergänzend zur Medikamentenmedizin – ihren fixen Platz im Spitalsteam haben werden“, betont Univ. Prof. Dr. Klaus-Felix Laczika vom Wiener AKH.
   

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