Kaufsucht: Gefangen im Konsumrausch

März 2007 | Leben & Arbeiten

In Österreich ist laut aktueller Studie jeder dritte Mensch Kaufsucht gefährdet, verliert beim Shoppen immer öfter die Kontrolle und schleppt haufenweise Dinge nach Hause, die gar nicht gebraucht werden. Spätestens da hört sich der Spaß auf, denn suchthaftes Shoppen führt nicht nur früher oder später in die Schuldenfalle, es kann auch anderen Süchten Tür und Tor öffnen. In MEDIZIN populär spricht Prim. Dr. Anton Tölk über Ursachen und Auswege.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

INTERVIEW mit Prim. Dr. Anton Tölk
Leiter des Instituts für Psychotherapie und des Zentrums für Psychosomatik an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz

MEDIZIN populär
Herr Primar Tölk, wenn ich an einem Nachmittag 50 Paar Schuhe kaufe, gelte ich dann als kaufsüchtig?

Prim. Dr. Anton Tölk
Wenn Sie auf einen Schlag 50 Paar Schuhe kaufen, ist das natürlich auffallend und ich würde Sie fragen, was Sie dazu getrieben hat. Wenn es aber bei dem einen Mal bleibt, spricht man noch nicht von Sucht oder Zwang. Wenn das aber ein zweites oder drittes Mal passiert, sind Sie sehr wohl Sucht gefährdet, da zeigt sich eine Suchtstruktur.

Es ist also nicht die Menge, sondern die Wiederholung, die das Kaufen zur Sucht macht?
Richtig: Weniger die Quantität, als vielmehr der Wiederholungszwang bestimmt den Suchtfaktor. Sucht beginnt dort, wo der Genuss aufhört. Wo Schuldgefühle über das Verhalten ins Spiel kommen. Und Sucht beginnt vor allem dort, wo die Kontrolle aufhört. Wenn man zum Beispiel mehr Kaffee trinkt, als einem gut tut, man das aber nicht steuern kann, sodass man immer und immer wieder mehr Kaffee trinkt, als einem gut tut, so weist man eine Suchtstruktur auf, wie wir das in der Fachsprache nennen. Auf die Kaufsucht übertragen heißt das: Wenn jemand nicht anders kann, als wiederholt Dinge zu kaufen, die er gar nicht braucht oder die er sich nicht leisten kann – dann muss man von Sucht sprechen.

Wir werden doch ständig dazu verleitet, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen.
Ja, genau. Das ist ein Riesenproblem: Kaufen ist gesellschaftlich anerkannt, es wird von Wirtschaft und Werbung erwünscht. Sonderangebote fördern den Impuls, etwas zu kaufen, nur weil es gerade „günstig“ ist. Menschen, die eine Suchtstruktur haben, erkennen das mitunter sogar, sie wissen oft, dass hier mit ihren Gefühlen gespielt wird. Doch sie können nicht anders, als diesem Drang nachzugeben und zu kaufen. Besonders gefährlich sind die Verlockungen des Internetshoppings, das mehr und mehr zum Problem werden wird. Beim Kaufen per Knopfdruck gibt es noch weniger Hemmschwellen, da werden in suchthafter Weise oft wirklich absurde Dinge erworben.

Worin liegt die Lust der Kaufsüchtigen?
Die Kaufsüchtigen kaufen um des Kaufens willen. Das Gefühl der Befriedigung liegt also im Akt des Kaufens selbst und hält entsprechend kurz an. Das erklärt auch die Katerstimmung danach, denn die Dinge selbst werden ja meist gar nicht gebraucht, daheim oft nicht einmal ausgepackt oder sogar weggeworfen. Es gibt aber auch den Kaufzwang, der auf bestimmte Objekte gerichtet ist. Hier geht es um den zwanghaften Erwerb etwa von roten Schuhen mit Masche, von Armbanduhren etc., hier geht es mehr um das Besitzen und Einverleiben dieser Dinge in eine Sammlung.

Welchen Zweck erfüllt das Kaufen im Leben der Kaufsüchtigen?
Wie jede Sucht dient auch die Kaufsucht dazu, Defizite zu korrigieren, Mängel auszugleichen. Bei der Kaufsucht ist das oft mangelndes Selbstwertgefühl. Vor allem Jugendliche wollen über das Kaufen bestimmter Dinge Gruppenzugehörigkeit erwerben und das Gefühl, „in“ zu sein. Das Verhalten kann man noch der Norm zurechnen, solange es nur für eine kurze Phase anhält und nicht dauerhaft bleibt. Aber auch innere Leere, Gefühle der Überforderung, Partnerschaftsprobleme, Partnerlosigkeit können in die Sucht führen. Was sich die Kaufsüchtigen wirklich „kaufen“ wollen, sind nicht Schuhe, Taschen, Uhren, sondern Anerkennung, Selbstwert – und eine heile Welt.

Kein gutes Zeugnis für Österreich, denn einer aktuellen Studie zufolge ist hierzulande fast jeder dritte Mensch Kaufsucht gefährdet. Mehr als die Hälfte davon, heißt es, sind zwischen 14 und 24 Jahren alt, die Mehrzahl der Kaufsüchtigen soll weiblichen Geschlecht sein. Decken sich diese Zahlen mit Ihrer Erfahrung?
Kaufsucht ist überwiegend, aber nicht nur ein Problem der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das deckt sich auch mit meiner therapeutischen Erfahrung. Den in der Statistik erhobenen Überhang der Frauen kann ich aber nicht bestätigen. Wenn man genauer hinschaut, sind es unterschiedliche Dinge, die von Frauen und Männern gekauft werden. So interessieren sich Männer häufiger für Uhren, Autos und Motorräder, oft ist es Werkzeug, das in suchthafter Weise gekauft wird. Bei Frauen sind es Kleidungsstücke, Schmuck oder Kosmetika. Männer schaffen es meist besser, ihre Kaufsucht zu verkleiden, weil die Dinge, die sie kaufen, eher den Anschein haben, gebraucht zu werden. Frauen haben es da beim 100. Lippenstift schwerer. Meiner Meinung nach trifft die Kaufsucht häufiger auch Männer, als man auf Grund der Statistik erwarten würde.

Wie fallen Kaufsüchtige sonst noch auf?
Die Gefährdung bzw. Sucht wird lange Zeit verdrängt und verheimlicht. Sie bleibt oft so lange verborgen, bis die Schuldenfalle zuschlägt. Und das ist oft genug der Fall, die Schuldnerberatungsstellen verzeichnen da ja einen traurigen Zuwachs. Kaufsüchtige können ihren Platz in der Gesellschaft voll einnehmen, ihre Funktionen in Job und Familie ausfüllen, ohne aufzufallen. Lediglich in der Situation einer Kaufumgebung verlieren sie die Kontrolle über sich. Und solche Situationen gibt es in unserer konsumorientierten Welt natürlich viele.

Was kann man gegen Kaufsucht tun?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Denn das Schwierige liegt ja schon im Erkennen der Sucht durch die Betroffenen selbst. Hier kommen die entscheidenden Hinweise oft von Angehörigen oder Freunden, die bemerken, dass das Kaufverhalten problematische Züge angenommen hat. Der erste Schritt ist also die Einsicht – der zweite ist der Wunsch nach Veränderung. Der dritte Schritt sollte meines Erachtens zum Hausarzt führen, der über Angebote und Netzwerke von therapeutischen Einrichtungen Bescheid wissen sollte.
Als sehr hilfreich zur Prävention von Sucht ganz allgemein erweisen sich Rituale. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die rituell eingebunden sind, zum Beispiel in einer Religionsgemeinschaft, weniger anfällig für die Kaufsucht sind. Man weiß auch, dass Verhaltensweisen, die in ein Ritual eingebunden sind, in einem gewissen Maß vor Sucht schützen können. Der Pfarrer, der den Wein sonntags im Rahmen der Messe trinkt, wird deswegen nicht alkoholabhängig werden. Ebenso könnte jemand, der immer öfter ein unkontrolliertes Kaufverhalten an sich bemerkt, versuchen, den Weg in die Sucht durch eine Ritualisierung des Kaufens zu verhindern: Man vereinbart etwa mit einer Freundin, jeden zweiten Samstag einen Einkaufsbummel zu unternehmen. Und dazwischen kauft man nur das, was man wirklich braucht.

Und wenn ich mich als Schutz vor exzessivem Einkaufen mit Fernsehen ablenke?
Dann laufen Sie Gefahr, ein suchthaftes Verhalten durch ein anderes zu ersetzen. Man nennt das Phänomen Suchtverlagerung. Menschen befreien sich von einer Sucht und kippen in eine andere. Sie schwören dem Alkohol ab, und werden tablettensüchtig, sie werden die Kaufsucht los und beginnen zu trinken. Wenn man beispielsweise aus Ärger über den Kaufrausch, der einem zunehmend finanzielle Schwierigkeiten bereitet, vermehrt Alkohol trinkt, läuft man Gefahr, alkoholabhängig zu werden. Im Rahmen einer Psychotherapie muss die Suchtstruktur an sich behandelt werden, sonst findet man aus der Suchtspirale nicht mehr heraus.

Und wie kann diese Suchtstruktur behandelt werden?
So banal das klingt – und so langwierig das sein kann: Man muss herausfinden, was einem gut tut und was nicht. In einer psychotherapeutischen Behandlung müssen alle Ressourcen gestärkt werden, damit man sich Gutes tut, und Strategien entwickelt werden, damit man meiden kann, was einem schadet. Wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass jemand mit seiner Kaufsucht Partnerschaftsprobleme ausgleichen will, so muss man schauen, dass die Beziehung in Ordnung kommt. Erst dann kann die eigentliche Suchtbehandlung beginnen.

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Rhythmus, Ruhe, Rituale
Wie man die Suchtgefahr bannen kann

  • Rhythmus finden
    Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit, die so genannte Work-Life-Balance, beugt suchthaftem Verhalten vor. So gibt es weniger Defizite, die kompensiert werden müssen.
  • Ruhe finden
    Wellness oder andere Möglichkeiten der Entspannung pflegen. So können Energien aufgetankt werden.
  • Rituale finden
    Gute Rituale schaffen Struktur und setzen Grenzen. So kann man sich vor exzessiven Verhaltensweisen schützen.

 

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Was heißt hier süchtig?
Die Merkmale der Kaufsucht

Kontrollverlust
Kaufsüchtige können nicht anders: Sie müssen kaufen, können dem Drang nicht widerstehen, haben keine Kontrolle über ihr Verhalten.

Kurzfristiges Stimmungshoch
Kaufsüchtige fühlen sich im Moment des Kaufens besser. Ihr Stimmungskick kommt vom Akt des Kaufens selbst. Die erworbenen Objekte werden meist nicht benötigt, oft sogar verschenkt oder weggeworfen.

Schuldgefühle
Nach dem Kaufakt sinkt die Stimmung in den Keller, die Betroffenen fühlen sich schlecht, ärgern sich, schon wieder etwas gekauft zu haben, was sie nicht brauchen oder sich nicht leisten können.

Wiederholungszwang
Die Kaufsüchtigen müssen ihrem Drang immer und immer wieder nachgeben, die „Dosis“ wird erhöht, man kauft häufiger, immer mehr und immer teurere Dinge.

Verdrängung
Wie andere Süchtige bagatellisieren auch die Kaufsüchtigen das Problem. Sie glauben, alles im Griff zu haben und jederzeit mit dem Kaufen aufhören zu können. Gerade bei der Kaufsucht kommt der entscheidende Hinweis auf das krankhafte Verhalten meist von den Angehörigen oder Freunden.


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BETROFFENE BERICHTEN

„Mir geht’s echt gut beim Shoppen. Bei mir geht sehr viel Geld für Kleidung drauf. Mein Freund meinte schon, dass ich eine Kaufsucht hätte, da ich die Sachen oft nur einmal anziehe und dann meiner Freundin schenke. Aber ich sehe das nicht so eng, denn das Einkaufen und vor allem Schnäppchenjagen macht ja auch Spaß!“
Annabelle H., 19

„Ich habe es zuerst gar nicht bemerkt. Aber meiner Frau ist aufgefallen, dass ich plötzlich wie wild Werkzeug kaufe, wo ich doch früher so sparsam war. Ich musste das alles haben, es war wie ein Zwang. Den siebzigsten Schraubenzieher, die zwanzigste Bohrmaschine, den immer noch besseren Bandschleifer. Nach einigem Widerstand habe ich mich in Therapie begeben. Heute weiß ich, dass mir die familiären Probleme damals so über den Kopf gewachsen sind, dass ich irgend einen Ausgleich dafür gesucht habe.“
Herbert K., 42

„Klar macht es mich nervös, wenn ich an meine Finanzen denke. Jetzt habe ich bald 20.000 Euro Schulden, bei der Bank, bei meiner Mutter, bei Kollegen. Aber wenn ich einkaufe, geht’s mir richtig gut. Da fühle ich mich wie ein König. Ich werde beachtet, respektiert, man ist freundlich zu mir, bedankt sich bei mir und so. Sonst nimmt mich ja eh niemand wahr.“
Joe P., 21

„Ich kaufe und kaufe – ich kann nicht anders. Ich ziehe durch die Läden, shoppe aber am liebsten im Internet, kaufe alles, was mir unterkommt. Wenn dann zuviel Zeug in meiner Wohnung herumsteht, verkaufe ich es wieder, weil ich es gar nicht brauche. Bei Ebay geht das ja schnell und einfach. Es ist eine schöne Beschäftigung: Kaufen und Verkaufen. Da habe ich das Gefühl, wichtig zu sein und dazuzugehören.“
Nathalie B., 29
           

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