Mehr Kraft für die Stimme

Dezember 2009 | Medizin & Trends

So trainieren Sie Ihre Sprechorgane
 
Die Stimme gehört ganz wesentlich zu unserem Erscheinungsbild – und wie unsere äußere Hülle verändert auch sie sich über die Jahre. Mit Cremen & Co versuchen wir die Zeichen der Zeit hintanzuhalten, doch kaum jemand kümmert sich um die Pflege der Stimme. Die Expertin Univ. Prof. Dr. Berit Schneider-Stickler erklärt, wie die Stimme trainiert werden kann, damit sie auch im Alter noch kraftvoll klingt.
 
Von Bettina Benesch

Wir hören sie tagtäglich. Wir wissen, wie unsere Stimme im Streit klingt, wissen, wie sie auf Menschen wirkt, kennen sie in- und auswendig – vermeintlich. Denn wenn wir eine Zeit lang genauer hinhören, erkennen wir, dass unsere Stimme mit uns wächst. Oder besser: Unsere Zuhörer erkennen es. Kurz: Unsere Stimme verändert sich mit den Jahren. Was steckt dahinter?
„Die Stimmorgane altern unaufhaltsam. Da kann man nichts machen“, sagt die HNO-Fachärztin und Phoniaterin Univ. Prof. Dr. Berit Schneider-Stickler. Im Kinder- und Jugendalter besteht der Kehlkopf aus knorpeligem Gewebe, das mit den Jahren verknöchert. Die größte Leistungsbreite hat die Stimme im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt, mit 50 bis 60 Jahren ist der Prozess der Verknöcherung abgeschlossen – und die Knorpelstrukturen sind Geschichte. „Die Stimme klingt aufgrund der Schwingungseigenschaften des Gewebes im jungen Stimmorgan anders als im älteren; einfach deshalb, weil sich die Elastizität und die Klangeigenschaften des Gewebes verändern“, erklärt die Ärztin.
Bei Frauen spiele zudem der Hormonhaushalt eine Rolle: Durch die hormonellen Veränderungen während des Wechsels „vermännlicht“ die Stimme; sie wird tiefer. Bei Männern gibt es das umgekehrte Phänomen, erklärt Schneider-Stickler: „Die Stimmen der Männer werden etwa mit 60, 70 Jahren wieder ein bisschen höher. Das ist bedingt durch Abbauprozesse der Stimmmuskeln. Um den Stimmklang zu verbessern, neigen die Männer dazu, die Stimme zu erhöhen.“
Es gibt jedoch Menschen, deren Stimme offenbar nicht altert, die augenscheinlich stets eine wohlklingende, jugendliche Stimme haben – selbst im fortgeschrittenen Alter. „Das kommt einem nur so vor. Da spielt etwas anderes mit“, sagt Schneider-Stickler: „Es gibt eben Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit auch in ihrer Stimme eine starke positive emotionelle Färbung haben. Es kann also durchaus Menschen geben, die alleine von der Stimme her – aufgrund ihrer Tatkraft, ihres positiven Klangs – jünger klingen als sie sind.“

Stimmtraining: Üben für den „Marathon“

Den Prozess des Verknöcherns können selbst diese starken Persönlichkeiten nicht aufhalten. Was sie und alle anderen tun können, ist, die Stimme regelmäßig zu trainieren, um ihre Stimmkraft auch im Alter zu erhalten. „Was eine junge Stimme mit einem 50-prozentigen Einsatz macht, dazu braucht die alte Stimme 100 Prozent“, erklärt die Ärztin. „Keiner von uns kann permanent 100 Prozent leisten, also sollte ich meine stimmliche Voraussetzung an ein Maximum führen, damit ich möglichst große Reserven für die Stimme im Alter habe.“
Schneider-Stickler empfiehlt vor allem Menschen in Sprechberufen – Lehrern, Vortragenden, Verkäufern beispielsweise –, spätestens ab dem vierten Lebensjahrzehnt mit professionellem Stimmtraining zu beginnen, damit die Leistungsfähigkeit der Stimme mit dem Alter nicht oder nicht zu stark nachlässt. Von Stimmtraining profitiere auch, wer keine sechs bis acht Stunden täglich spreche: „Es gibt gerade im Alter die Konstellation, dass ein Lebenspartner länger lebt als der andere. Viele Menschen leben alleine und reden zu Hause gar nicht. Dann gehen sie einmal drei bis vier Stunden mit Freunden weg und beklagen sich danach, dass sie heiser sind.“ Hier gehe es darum, die Stimme für derartige Höchstleistungen zu trainieren. „Wenn ich wenig spreche, ist auch meine Stimme nicht lange belastbar. Die Belastungsfähigkeit hängt also vom regelmäßigen Gebrauch der Stimme ab. Das ist wie regelmäßiges muskuläres Training. Wenn Sie nie joggen, können Sie nie einen Marathon laufen. Und wenn Sie Marathon laufen, müssen Sie regelmäßig trainieren.“

Singen trainiert die Stimme umfassend

Als ideales Stimmtraining nennt die ausgebildete Sängerin das Singen – egal ob im Chor oder allein. Regelmäßiges Singen mehrmals pro Woche sei ein „unglaublich gutes Training auch für die Stimme: Es ist nicht nur der emotionelle Faktor, sondern beim Singen kommt hinzu, dass Sie in der Regel Notationen haben, Texte und Melodien, sodass Sie allein beim Erlernen der musikalischen Vorgänge einen noch höheren Anspruch haben an die Feinkoordination, an die Atemmuskulatur, an die Atemführung, an den Klangraum beim Singen. Sie können vom Singen für das Sprechen also nur profitieren.“
Wichtig dabei sei lediglich, sich von einem Fachmann oder einer Fachfrau anleiten zu lassen. In der Badewanne vor sich hin zu singen, ist demnach nur bei perfekter Gesangstechnik sinnvoll. Menschen, die diese Technik nicht beherrschen, sollten sich an Fachleute wenden; Schneider-Stickler empfiehlt den Weg zu einem Stimmtrainer, einem Atemtherapeuten, einem Logopäden oder einem Stimmbildner. Sinnvoll seien auch der Besuch einer Theater- oder Schauspielgruppe – und herkömmliches Ausdauertraining, da regelmäßige Bewegung die Atemmuskulatur schult und damit auch die Atemkraft für die Stimme trainiert.
Was neben Singen, Stimm- und Ausdauertraining im Alter unbedingt beachtet werden müsse, sei die Wirkung von Zahnprothesen auf die Stimme und das Sprechen, sagt Schneider-Stickler: „Ist ein Zahnersatz notwendig, muss er vor allem gut funktionieren und nicht nur gut aussehen. Mit gutem Zahnersatz kann man das Sprechen und die Stimme positiv beeinflussen.“ Auch das Hören spiele eine entscheidende Rolle, da altersbedingte Schwerhörigkeit Stimmprobleme auslösen kann – schlicht deshalb, weil die Menschen sich und andere schlecht hören. Und so gehört sozusagen auch der Hörtest zum Stimmtraining – damit wir auch im Alter noch wissen, wie unsere Stimme im Streit klingt, oder wie sie klingt, wenn wir mit Freunden über den zuletzt gesehenen Kinofilm diskutieren.

Zur Person: Univ. Prof. Dr. Berit Schneider-Stickler ist Hals-Nasen-Ohren-Fachärztin mit Zusatzfachausbildung Phoniatrie. Sie studierte Medizin und Gesang in Berlin. Derzeit ist sie stellvertretende Leiterin der Klinischen Abteilung Phoniatrie-Logopädie an der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten in Wien.

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Stimmtipps für die kalte Jahreszeit

Im Winter ist es besonders wichtig, auf die Sprechorgane zu achten. Viren und Bakterien haben jetzt die besten Chancen, einen Infekt auszulösen: Kalte Luft draußen und trockene Luft in Innenräumen können Entzündungen und Infektionen der Atemwege begünstigen.
Die effektivste Art der Infektabwehr ist Schlaf. Außerdem ist es sinnvoll, Stress möglichst zu vermeiden, und auch ein geregelter Tagesablauf stärkt die Immunabwehr. Zusätzlichen Schutz bietet die Nasenatmung, da sie die Atemluft anfeuchtet und erwärmt, was wiederum den Sprech- und Atemorganen zu Gute kommt. Auch Luftbefeuchter können sinnvoll sein – allerdings nur dann, wenn sie regelmäßig gereinigt werden.

Wer einen Tag in klimatisierten Räumen vor sich hat, profitiert von Stimmübungen vom Logopäden oder Stimmtherapeuten: Tonleitern singen beispielsweise oder bestimmte Aufwärmübungen für den Sprechapparat. Nicht nur für die Stimme, sondern auch für die Gesundheit generell ist es sinnvoll, im Winter auf das Händeschütteln zu verzichten oder die Hände häufig zu waschen.

Hat die Erkältung bereits zugeschlagen und macht sich Heiserkeit breit, muss die Stimme durch leises Sprechen geschont werden – und das so lange, bis sich die Stimme vollkommen erholt hat, was mehrere Wochen dauern kann. Mit Flüstern hat leises Sprechen jedoch nichts gemeinsam – ganz im Gegenteil: Flüstern belastet die Stimmlippen zusätzlich. Hilfreich bei Heiserkeit im Winter sind zudem Inhalationen über Wasserdampf oder der Einsatz von Lutschbonbons mit ätherischen Ölen wie Salbei oder Thymian. Sind die Stimmlippen durch die Entzündung gerötet oder geschwollen, ist der Besuch beim Arzt unbedingt angezeigt: Eine Kehlkopfentzündung muss medikamentös behandelt werden.

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