Erkältung und Grippe: Halbwahrheiten und Irrtümer

Januar 2010 | Medizin & Trends

Über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Erkältung und Grippe grassieren viele Halbwahrheiten und Irrtümer, die oft als Erklärung für das Entstehen der Krankheiten und als Basis für Selbsttherapien herangezogen werden. Univ. Prof. Dr. Andreas Temmel, Facharzt für Hals- Nasen- und Ohrenkrankheiten in Wien, über den Wahrheitsgehalt von landläufigen Meinungen.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Halbwahrheiten

Erkälten kann man sich nur, wenn einem kalt ist, weil dann das Immunsystem geschwächt ist.

„Das stimmt nicht ganz“, sagt Univ. Prof. Dr. Andreas Temmel. Eine Erkältungskrankheit ist immer eine Virusinfektion. Gerät ein entsprechendes Virus in die Nase, erkranken 95 Prozent aller Erwachsenen, auch wenn sie ein starkes Immunsystem haben und auch wenn ihnen nicht kalt ist. Das zeigten die Ergebnisse mehrerer Studien der sogenannten Common Cold Unit, das ist die Abteilung für Erkältungsforschung am Harvard-Hospital im britischen Salisbury.
Dennoch gibt es zwei Zusammenhänge zwischen Kälte und Erkältung, weiß Temmel. „Bei Kälte wird die Durchblutung der Nasenschleimhaut gedrosselt, was wiederum die Zahl der Abwehrstoffe reduziert, der Immunglobuline und Leukozyten.“ Und: Wenn einem kalt ist, kann das Kältegefühl ein erstes Symptom einer Erkältungskrankheit sein, da die Vireninfektion bei dem Infizierten über bestimmte Botenstoffe und den Hypothalamus das Gefühl auslöst.

Bei Erkältungen und Grippe soll man viel trinken, weil mit der Flüssigkeit auch die Viren aus dem Körper gespült werden und man so schneller gesund wird.

• „Man kann zwar Viren aus dem Körper hinausspülen“, sagt Temmel, „aber nicht durch Trinken, sondern, indem man die Nase mit Kochsalzlösungen ausspült“. Viel trinken sollte man aber bei Erkältungskrankheiten und Grippe dennoch. Temmel: „So führt man sich die hinausgeschwitzte Flüssigkeit wieder zu, was notwendig ist, um den Kreislauf zu stärken.“

Je mehr Erkältungs- und Grippekrankheiten man schon hinter sich hat, desto geschulter ist das Immunsystem, und man wird immer seltener krank.

• Temmel: „Es ist korrekt, dass jeder Infekt das Immunsystem trainiert, nur ist die Zahl der Krankheitserreger groß, die im Umlauf sind.“ So besteht immer die Gefahr, dass ein neuer Keim, gegen den man noch nicht immun ist, eine Infektion auslöst.

Zu den Lebensmitteln, die am besten gegen eine Erkältung und Grippe helfen, zählen Hühnersuppe, Kamillentee und Orangen. Keinesfalls zu sich nehmen sollte man Milch sowie kalte Nahrungsmittel und Getränke.

• Temmel: „Kamillentee und Hühnersuppe wärmen zwar, was einem Kranken guttut. Aber meiner Meinung nach läuft eine Virusinfektion immer gleich ab und dauert gleich lang, ganz egal, was man zu sich nimmt.“ Nicht bewiesen, aber anzunehmen ist, dass Vitamin C, das z. B. in Orangen steckt, als Radikalfänger den Körper belastende Sauerstoffradikale bindet und so die Krankheitsdauer verkürzt. Was, so Temmel, wirklich bewiesen ist: Milch führt nicht dazu, dass Bronchien und Nase von Erkrankten zusätzlich verschleimt werden.

Irrtümer

Wenn die Luft trocken ist wie in geheizten Räumen, erkältet man sich schneller bzw. fängt sich schneller Grippeviren ein, weil die Nasenschleimhaut trocken ist und daher die Krankheitserreger nicht so gut abwehren kann.

• „Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass die Reinigungs- und Abwehrfunktion der Nasenschleimhaut auch dann noch nicht beeinträchtigt ist, wenn die Luftfeuchtigkeit bei nur neun Prozent liegt, was zum Beispiel in der Wüste der Fall ist“, sagt Temmel. Warum Erkältungen und Grippeerkrankungen in der Heizperiode häufiger auftreten als sonst, sei bis heute nicht ganz klar. Temmel: „Es wird aber vermutet, dass sich die Viren im Winter leichter verbreiten, weil man sich öfter in schlecht gelüfteten Räumen aufhält.“ Eine andere Erklärung: Die Sonnenstrahlung, deren Ultraviolettanteil Keime abtötet, ist im Winter schwächer.

Wer gleich bei den ersten Anzeichen einer Erkältung oder Grippe schnell noch in die Sauna geht, kann die Erkrankung abwehren, weil durch die hohen Temperaturen Viren abgetötet werden und durch das Schwitzen aus dem Körper hinausgeschwemmt werden.

• Temmel: „Der Beginn einer Erkältungskrankheit oder Grippe ist wie eine akute Entzündung, und diese wiederum ist durch eine stärkere Durchblutung gekennzeichnet.“ Wer in die Sauna geht, verstärkt die Durchblutung – und die Entzündung gleich mit. Und noch etwas spricht laut Temmel gegen das Saunieren, wenn sich erste Anzeichen einer Erkältung oder Grippe zeigen: „Die Entzündung belastet den Kreislauf, die Saunagänge belasten ihn auch, und beides zusammengenommen könnte dazu führen, dass man einen Kreislaufkollaps bekommt.“

Wenn man gerade eine Erkältung oder Grippe hinter sich hat, ist man immun und erkrankt nicht gleich wieder.

• „Derzeit sind 300 verschiedene Viren für Erkältungskrankheiten und die Grippe bekannt“, sagt Temmel. „Wenn man sich nach einer ausgestandenen Grippe oder Erkältung mit einem anderen Virus infiziert, wird man aller Wahrscheinlichkeit nach neuerlich krank.“

Gut ist, wenn man zu Beginn der Erkrankung gleich Fieber bekommt, denn Fieber tötet die Krankheitserreger. Deswegen sollte man auch keine fiebersenkenden Medikamente nehmen.

• „Fieber entsteht bei einer Infektion aufgrund der Entzündung, die damit verbunden ist, und ist nichts als eine Störung der Temperaturregelung, die durch Botenstoffe über den Hypothalamus ausgelöst wird“, erklärt Temmel. Und: „Leider führt das Ansteigen der Körpertemperatur auf 38 bis 40 Grad nicht zur Abtötung der Krankheitserreger.“ Da Fieber den Kreislauf belastet und den Allgemeinzustand verschlechtert, hält Temmel es für sinnvoll, es medikamentös zu senken.

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Ansteckung: Händeschütteln gefährlicher als Küssen?

„Der ideale Infektionsweg führt über die Nase in den Körper“, erklärt Univ. Prof. Dr. Andreas Temmel. Meistens ist das Virus über die Betätigung einer Türschnalle oder durch Händeschütteln auf die Hand geraten. Wer dann einen Finger samt Virus zur Nase oder zum Tränen-Nasenkanal in den Augen führt, der in die Nase mündet, kann sich anstecken.
Und beim Küssen? Unter bestimmten Voraussetzungen kann, wer an einer Erkältung oder Grippe erkrankt ist, seine Mitmenschen küssen, ohne sie anzustecken. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie der „Common Cold Unit“, der Abteilung für Erkältungsforschung am Harvard-Hospital im britischen Salisbury, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurde. Erkältete und nicht-erkältete Studentinnen und Studenten tauschten zu Studienzwecken Zungenküsse aus. Das Ergebnis der Forschungen: Solange den Studenten kein Nasensekret über die Lippen rann oder sie keinen Husten hatten, steckten sie niemanden an. „Die Erklärung dafür ist, dass sich die Viren nicht in der Mundhöhle, sondern in der Schleimhaut der Nase aufhalten“, sagt Temmel.

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