Sie nehmen Medikamente?

November 2010 | Medizin & Trends

Salbe, Tablette, Spritze: Das sollten Sie wissen
 
Kapsel, Salbe, Spritze, Tablette, Zäpfchen, & Co: Wer krank ist, hat viele Möglichkeiten sich einen Wirkstoff zuzuführen, der beim Gesundwerden hilft. Doch welche Möglichkeit ist wann angesagt, was muss man bei der Einnahme beachten, und warum ist ärztlicher Rat in jedem Fall angesagt? Für MEDIZIN populär gibt der Grazer Pharmakologe Univ. Prof. Dr. Thomas Griesbacher Antwort auf die zehn häufigsten Fragen rund um Medikamente.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

1. Salbe, Tablette, Zäpfchen
Welche Darreichungsform ist wann geeignet?

Im Idealfall werden medizinische Wirkstoffe genau dort angewandt, wo man sie braucht: z. B. Salben bei Hauterkrankungen, Augentropfen bei Augenerkrankungen, Inhalatoren bei Lungenerkrankungen. Leider ist eine solche lokale Anwendung häufig nicht möglich.
Dann können Kapseln oder Tabletten, die oral eingenommen werden, die Mittel der Wahl sein. Dabei gelangt der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt ins Blut und verteilt sich dort einigermaßen gleichmäßig im ganzen Körper, wie Univ. Prof. Dr. Thomas Griesbacher vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz erklärt.  
Aber auch die orale Gabe mittels Tabletten ist nicht immer möglich. Manche Stoffe werden im Magen-Darm-Trakt nicht resorbiert, sondern abgebaut. Dann muss der Arzt zur Spritze greifen und das Arzneimittel direkt in die Blutbahn oder in den Muskel injizieren, von wo es sich in die Blutbahn verbreitet.
Für Patienten, die Probleme mit der Einnahme von Tabletten haben – etwa Kinder oder alte Menschen mit Schluckbeschwerden –, können Zäpfchen hilfreich sein. Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte Mundhöhlen-Resorption: Dabei wird eine kleine Tablette oder ein Papierblättchen unter die Zunge gelegt, wo der Wirkstoff sehr schnell aufgenommen wird und ins Blut gelangt.

2. Rot oder weiß, groß oder klein
Spielt das Aussehen eine Rolle?

Tabletten gibt es in fast allen Größen und Farben. „Rein medizinisch macht es keinen Unterschied, wie eine Tablette aussieht“, betont der Grazer Pharmakologe. Doch hier kommt der Placebo-Effekt ins Spiel (siehe unten). Wie gut ein Medikament wirkt, hängt auch davon ab, ob man an seine Wirksamkeit glaubt. Kurios, aber wahr: Sehr große oder sehr kleine Tabletten wirken aus psychologischen Gründen besser als mittelgroße und rote besser als weiße. „Grüne Tablette ist mir hingegen keine bekannt“, sinniert Griesbacher. Grün führt im medizinischen Zusammenhang offenbar bei vielen zu negativen Assoziationen („giftgrün“).

3. Mit viel Flüssigkeit schlucken
Warum wird von Milch und Grapefruitsaft abgeraten?

 „Tabletten sollen mit viel Flüssigkeit geschluckt werden. Am besten mit Wasser“, betont Griesbacher. Manche Flüssigkeiten beeinflussen die Wirksamkeit von Medikamenten: Milch kann manches Arzneimittel bei der Aufnahme in den Körper behindern. Grapefruitsaft kann die Aufnahme mancher Arzneistoffe über die Darmschleimhaut derart fördern, dass es zu einer Überdosierung kommen kann. Das betrifft ausschließlich Grapefruitsaft, alle anderen Säfte sind unbedenklich. Alkohol verstärkt vor allem die Wirkung dämpfender Arzneimittel. Kaffee und Tee hingegen verändern die Wirkung eines Medikamentes kaum. „Wenn man zum Frühstückskaffee eine Tablette einnimmt, ist das kein Problem“, beruhigt Griesbacher.

4. Morgens oder abends
Wie wichtig ist der Zeitpunkt?

Der Zeitpunkt der Einnahme – morgens oder abends, vor oder nach dem Essen – ist bei den meisten Medikamenten egal. Wenn nicht, dann steht es im Beipacktext und wird vom Arzt entsprechend verordnet. „Wichtig ist vor allem, dass Medikamente regelmäßig zur gleichen Zeit eingenommen werden“, betont der Pharmakologe.

5. Zweimal oder dreimal täglich
Hat der Arzt recht oder der Beipacktext?

Grundsätzlich ist es ratsam, die Packungsbeilage zu lesen. Das kann allerdings zu Irritationen führen. Zum Beispiel kann die vom Arzt angeordnete Dosierung manchmal von den Angaben des Beipacktextes abweichen. „Auf keinen Fall die von Ihrem Arzt festgelegte Dosierung verändern“, appelliert Griesbacher.

6. Nebenwirkungen
Was heißt häufig, gelegentlich, selten?

Viele Menschen werden durch die in der Packungsbeilage aufgezählten Nebenwirkungen verunsichert. Nebenwirkungen entstehen dadurch, dass sich die Medikamente über das Blut im ganzen Körper verteilen und somit überall ihre Wirkung entfalten. „Man sollte aber nicht all das erwarten, was im Beipacktext aufgelistet ist“, betont Griesbacher. Dann nämlich kann es zum sogenannten Nocebo-Effekt kommen, der dazu führt, dass befürchtete Nebenwirkungen auch tatsächlich eintreten.
Steht im Beipacktext „häufig“, dann tritt eine Nebenwirkung in der Regel bei einem bis zehn von 100 Menschen auf. „Gelegentlich“ und „selten“ bedeuten weniger als einer von 100. Feste Richtlinien für diese Bezeichnungen gibt es nicht. Allerdings werden die Beipacktexte immer detaillierter, und immer mehr Hersteller erklären genau, was sie unter „selten“ und „häufig“ verstehen.

7. Wechselwirkungen
Wie kann man sie vermeiden?

Aufpassen muss man auch auf sogenannte Wechselwirkungen zwischen Medikamenten. Diese können entstehen, wenn man wie viele ältere Menschen mehrere Medikamente einnimmt: Ein Medikament kann die Wirkung eines anderen verstärken oder neutralisieren. „Bei mehr als fünf Medikamenten kann das zu einem echten Problem werden“, warnt Griesbacher. Dann nämlich ist überhaupt nicht mehr vorhersehbar, wie verschiedene Medikamente sich gegenseitig beeinflussen. Der Pharmakologe rät allen, die mehr als fünf Medikamente einnehmen, mit ihrem Hausarzt abzuklären, ob wirklich alle notwendig sind. Wichtig: Auch rezeptfreie Medikamente oder pflanzliche Präparate können Wechselwirkungen zeitigen!

8. Arzt oder Apotheke
Warum wurde Internetkauf bei uns verboten?

Rezeptpflichtige Medikamente dürfen in Österreich ausschließlich in öffentlichen Apotheken oder von Ärzten mit Hausapotheke abgegeben werden. Rezeptpflichtige Medikamente online zu bestellen und sich zuschicken zu lassen, ist verboten – und auch gefährlich: Im Internet tummeln sich dubiose Anbieter, die mit gefälschten, minderwertigen oder gesundheitsschädlichen Präparaten dealen.

9. Achtung, Ablaufdatum
Was muss man bei der Aufbewahrung beachten?

Medikamente sollen immer in der Originalverpackung aufbewahrt werden. Weil sie hitzeempfindlich sind, sollten Medikamente stets bei Zimmertemperatur gelagert werden. Die Packungen sollten niemals direkter Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden.
Alle Medikamente haben ein Ablaufdatum. Ist dieses erreicht, sollten sie nicht mehr eingenommen werden. Aber keine Panik, wenn man einmal übersieht, dass das Ablaufdatum schon überschritten ist: Anders als bei Nahrungsmitteln sind abgelaufene Medikamente nicht schädlich oder giftig. Im schlimmsten Fall ist der Wirkstoff zerfallen und das Medikament somit wirkungslos. Medikamente immer unerreichbar für Kinder aufbewahren!

10. Entsorgung
Wohin mit nicht mehr benötigten Medikamenten?

Medikamente haben nichts im Hausmüll verloren! Abgelaufene oder nicht mehr benötigte Medikamente können in jeder Apotheke abgegeben werden.

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Von Schein-Wirkungen und Schein-Nebenwirkungen

Wenn wir eine bestimmte Wirkung erwarten, dann interpretieren wir unseren Zustand entsprechend optimistisch:

Der Placebo-Effekt
Medikamente können auch wirken, wenn sie gar keinen Wirkstoff beinhalten: Dieses verblüffende, aber wissenschaftlich bewiesene Phänomen ist als Placebo-Effekt bekannt. Offenbar kann der Glaube doch Berge versetzen: Wenn jemand davon überzeugt ist, medizinisch behandelt worden zu sein, dann kann sich sein Gesundheitszustand messbar verändern. „Wenn wir eine bestimmte Wirkung erwarten, dann interpretieren wir unseren Zustand entsprechend optimistisch“, erklärt der Grazer Pharmakologe Univ. Prof. Dr. Thomas Griesbacher.
Der Placebo-Effekt spielt auch bei Untersuchungen der Wirksamkeit von Medikamenten eine Rolle: Dabei werden echte Medikamente mit Scheinmedikamenten ohne Inhaltsstoff verglichen. Erst wenn die Wirkung des getesteten Medikamentes größer ist als die eines Placebos, dann ist die Wirkung nachgewiesen. Dabei wissen weder Arzt noch Patient, wer das echte und wer das Scheinmedikament erhält. Man nennt solche Untersuchungen daher Doppelblindstudien.

Wenn wir eine Nebenwirkung erwarten, dann werden ganz normale Körpervorgänge als Nebenwirkung interpretiert:

Der Nocebo-Effekt
Scheinmedikamente ohne Wirkstoffe können sogar Nebenwirkungen hervorrufen. Dieser sogenannte Nocebo-Effekt ist die Kehrseite des Placebo-Effektes. „Wenn ich Nebenwirkungen erwarte, dann werden ganz normale Körpervorgänge als Nebenwirkung interpretiert“, erklärt Griesbacher. Wer also die Packungsbeilage von Medikamenten genau studiert, wird die dort genannten Nebenwirkungen eher verspüren als jemand, der die Packungsbeilage gar nicht liest. Ein Dilemma – denn eigentlich sollte man sich über ein Medikament, das man zu sich nimmt, im Beipacktext informieren.

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