Gesundheitsfalle Internet

April 2011 | Leben & Arbeiten

Wie die Seele darunter leidet
 
Als das Internet vor 20 Jahren begann, die Welt zu erobern, konnte niemand ahnen, wie tiefgreifend es das Leben verändern würde. Inzwischen sind in Österreich mehr als 70 Prozent der Haushalte mit dem World Wide Web verbunden, Menschen jeden Alters „surfen“, „googeln“, „mailen“, „skypen“, „twittern“. Nach zwei Jahrzehnten im Netz treten neben den offensichtlichen Vorteilen dieser technischen Errungenschaft immer deutlicher die Gefahren zutage. Lesen Sie, welche Gesundheitsfallen im Internet lauern.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Ich habe gerade die Babyfotos eurer Tochter auf Facebook bewundert – sie ist wirklich entzückend!“ – Per E-Mail gratuliert die in Neuseeland lebende Cousine zum Nachwuchs und dokumentiert damit einmal mehr: Das Internet begleitet uns mittlerweile von Geburt an, es durchdringt unseren Alltag sowie die Kommunikation, ob beruflich oder privat.
Wurden Babybilder früher per Post an Freunde und Verwandte verschickt, so stellt man sie heute „ins Netz“ oder versendet sie auf die Schnelle per E-Mail. Wir „surfen“, „googeln“ nach Informationen, wir „verlinken“ uns, „twittern“ unsere Meinung und „skypen“ statt zu telefonieren.
Als das Internet vor gut 20 Jahren begann, die Welt zu erobern, konnte niemand ahnen, welche tiefgreifenden Veränderungen die technologische Errungenschaft mit sich bringen würde. Nach zwei Jahrzehnten im World Wide Web zeigt sich immer deutlicher, dass diese Veränderungen differenziert zu betrachten sind: „Weder ist alles am Internet wunderbar, noch geht dadurch die gesamte Kultur unter“, sagt Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts in Wien. „Uns muss bewusst werden, dass das Internet viele Vorteile hat, aber auch mit Risiken und Gefahren verbunden ist.“

Die Stress-Falle: Abschalten fällt immer schwerer

Freilich ist es nicht das Internet an sich, das eine Gefahr darstellt, sondern die Art und Weise, wie wir es ge- oder eben missbrauchen. Suchtexperte Michael Musalek unterscheidet vier Formen der Internetnutzung: den normalen, den übermäßigen, den problematischen sowie den süchtigen Gebrauch. „Der Internetgebrauch beginnt dann problematisch zu werden, wenn man bemerkt, dass man über seine Verhältnisse im Internet ist und regelmäßig die geplante Zeit überzieht“, erläutert Musalek.
Für die Dauerberieselung aus dem Netz ist unser Organismus nicht geschaffen. Selbst wenn Begriffe wie „surfen“ und „interaktiv“ etwas anderes suggerieren – mit dem (übermäßigen) Internetgebrauch tun wir nichts für unsere Fitness, sondern schaden der Gesundheit. „Irgendwann wird das System überreizt und es kommt zu entsprechenden vegetativen Symptomen wie Unruhe, Schwitzen, Zittern, Herzrasen bis hin zu Schlafstörungen“, verdeutlicht Psychiater Musalek. Wer ständig online ist, dem fällt es zunehmend schwer, abzuschalten. Es werden vermehrt die Stresshormone Kortisol und Adrenalin ausgeschüttet, Aufmerksamkeit und Konzentration lassen nach.

Die Tempo-Falle: Alle paar Sekunden ein E-Mail

Für besonderen Stress sorgt der rasante E-Mail-Verkehr. Während der herkömmliche Briefwechsel ein paar Tage in Anspruch nimmt, landet die Antwort auf ein Mail binnen kürzester Zeit in unserem digitalen Postfach. Und jeder Büroarbeiter weiß, wie beinahe im Sekundentakt eintrudelnde  E-Mails, die nach schneller Reaktion verlangen, das Arbeitstempo beschleunigen und den Stresslevel konstant hoch halten: „Es kommt ein extremer Druck zustande, den man früher in dem Maß nicht gehabt hat“, bestätigt Musalek.
Der Druck wächst auch mit der ständigen Erreichbarkeit sowie den zahlreichen Kontakten, die es zu pflegen gilt. „Die Beziehungen werden dadurch natürlich oberflächlicher“, so der Facharzt. Und auch die Fülle an Informationen, die uns per Mausklick zur Verfügung stehen, hat ihre Tücken: Nicht nur steigt die Erwartung, „up-to-date“ zu sein, es gilt „nebenbei“, sich in dem Informationsdschungel des World Wide Web zurechtfinden und zu sondieren, welche Informationen vertrauenswürdig bzw. relevant sind und welche nicht.

Die Kontakt-Falle: Viele „Freunde“, keine menschliche Nähe

Neben psychischen und körperlichen sind – bei exzessivem Internetgebrauch – auch soziale Probleme programmiert: Wer immer online ist, gerät zunehmend ins soziale Abseits. Man vereinsamt trotz weltweiter Vernetzung, selbst wenn man vielleicht 1000 Freunde und mehr auf Facebook zählt. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Fähigkeit zu zwischenmenschlichem Kontakt: „Das liegt daran, dass ganz wesentliche Kommunikationsmittel mehr und mehr verloren gehen, nämlich die sogenannten paraverbalen und nonverbalen Signale“, betont Musalek und erklärt, was damit gemeint ist: „Emotionen werden ja vorzugsweise durch Körpersprache, Gestik, Sprachmelodie mitgeteilt.“ Ein Lächeln, ein hämisches Grinsen, der Glanz in den Augen, die vor der Brust verschränkten Arme – Botschaften wie diese bleiben uns in der digitalen Kommunikation vorenthalten. „Dadurch kann es zu massiven Verunsicherungen oder Fehlinterpretationen kommen.“
Kinder und Jugendliche gelten als besonders gefährdet, sich im World Wide Web zu verlieren bzw. Informationen falsch zu deuten – insbesondere wenn sie den Großteil der Zeit vor dem PC verbringen. „Wenn jemand die meiste Zeit online ist, kommt es zu einer Verarmung der Kontaktaufnahmen mit der Umwelt, weil die Betreffenden den Ausdruck ihrer Emotionen nicht mehr üben.“ Heranwachsende, die die zwischenmenschliche Kommunikation nicht erlernen und üben, geraten in einen Teufelskreislauf: „Weil sie nicht geübt im Umgang mit anderen sind, sind sie verunsichert – und das mündet im schlimmsten aller Fälle in eine Sozialphobie.“ Diese Menschen entwickeln dann in Anwesenheit anderer Menschen regelrechte Angstzustände.

Die Mobbing-Falle: Selbstentblößung macht verletzlich

Viele „User“ tappen in eine weitere Falle: Trotz des wachsenden Bewusstseins von der Wichtigkeit des Datenschutzes, geben sie im Internet bereitwillig intimste Details aus ihrem Leben preis. Die freiwillige Selbstentblößung macht verletzlich und angreifbar: „Cybermobbing“ – die Kränkung, Bloßstellung, Diffamierung via Internet – ist längst traurige Realität. Entsprechend hilflos und verzweifelt fühlen sich jene – und das trifft bereits Schulkinder –, die derart gemobbt werden. Wer auf dem Schulhof geschubst wird, hat ein reales Gegenüber, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Anders in der virtuellen Welt, wo das Mobbing mitunter anonymen Ursprungs ist und von einer ganzen Web-Community verfolgt und sogar weitergeführt werden kann: „Dann kommt es zu einem Lawineneffekt“, sagt Michael Musalek. „Dann wird man nicht nur von einem Mitschüler, sondern quasi vom ganzen Schulhof geschubst.“

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Endlos surfen, chatten, spielen:
Süchtig nach Internet

Verschiedene Alarmsignale können auf eine krankhafte Abhängigkeit, einen süchtigen Gebrauch des Internets hinweisen: „Vor allem merkt man es daran, dass das Medium mehr und mehr zum Lebensmittelpunkt wird“, betont der Suchtexperte Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek. „Wenn einem beispielsweise das Internet bereits nach einem Tag massiv abgeht, wenn man beim Gebrauch auf Essen und Trinken vergisst oder seine Termine nicht mehr wahrnimmt.“
Wie viel  „Onlinezeit“ gesundheitlich zuträglich ist, lasse sich nicht verallgemeinern – das hängt nicht zuletzt davon ab, wie man das Internet nutzt. „Es macht einen Unterschied, ob man fünf Stunden lang einen Vortrag vorbereitet und sich dafür Informationen aus dem Internet holt, oder ob man zum Beispiel im Massen-Onlinespiel ,World of Warcraft‘ surft.“ Besonders problematisch wird es, wenn die virtuelle für die reale Welt gehalten wird, neben „Fantasy“-Spielen haben Glücksspiele besonderes Suchtpotenzial. „Diese beiden Formen, süchtig betrieben, sind es letztlich, die dazu führen, dass Menschen psychiatrisch behandelt werden müssen.“
Wie viele Menschen in Österreich onlinesüchtig sind, ist nicht bekannt. Schätzungen reichen von 40.000 bis 120.000 Betroffenen. Feststehe, dass die Zahl mit der Verfügbarkeit des Mediums wächst. „In den letzten sechs, sieben Jahren hat sich in Österreich die Zahl der Internetabhängigen verdoppelt, weil sich die Zahl der Anschlüsse verdoppelt hat.“
Vor allem Jugendliche sind zunehmend von der Internetsucht betroffen: „Die massiven sozialen Auswirkungen des intensiven Internetgebrauchs sind kaum mehr wiedergutzumachen: Wenn ein Mensch mit zehn oder 14 Jahren nicht gelernt hat, worauf es im Umgang mit anderen ankommt, lässt sich das mit 20 oder 25 schwer aufholen“, weiß Psychiater Musalek.

Stand 04/2011

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