Ständig heiser?

Februar 2013 | Medizin & Trends

Warum Stimmprobleme auf dem Vormarsch sind
 
Oft ist der Frosch im Hals ein lästiger Begleiter winterlicher Erkältungen. Doch wenn man ständig heiser ist, kann das auch ganz andere Ursachen haben. Für MEDIZIN populär zeigt ein Experte auf, woran es liegen kann, wenn die Stimme wegbleibt, und was dagegen hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Joe Cocker, Gianna Nannini, Tina Turner: Wenn sie mit ihrer rauen Stimme röhren, jagt das Millionen von Fans eine Gänsehaut über den Rücken. Doch was als schön empfunden wird, ist nicht unbedingt gesund. „Der raue Klang kann auf eine chronische Überbelastung der Stimme zurückgehen“, warnt Dr. Josef Schlömicher-Thier, HNO-Arzt und Allgemeinmediziner in Neumarkt am Wallersee, der sich auf Stimmmedizin spezialisiert hat und u.a. die Sänger der Salzburger Festspiele betreut. Durch dauernde Überbelastung sind die Stimmbänder permanent leicht gereizt und angeschwollen. „Diese Schwellung kann sich durch Nikotin- und Alkoholmissbrauch oder eine Refluxerkrankung zum sogenannten Reinke-Syndrom verschlimmern“, so der Experte.
Doch nicht jede heisere Rockröhre hat ein gesundheitliches Problem: „Manche Pop- und Rocksänger stellen ihre Stimme beim Singen bewusst auf einen rauen Klang um“, verrät der Insider. Das mag gut klingen, kann jedoch über kurz oder lang zu dem führen, was die Betroffenen durch die Stimmumstellung vortäuschen: zu bleibenden Stimmfunktionsstörungen wie Heiserkeit, aber auch zu Stimmversagen – Leiden, die neuerdings nicht nur Menschen in Berufen treffen, in denen die Stimme stark beansprucht wird. Woran die Zunahme liegt? Schlicht daran, dass die Ursachen immer weiter verbreitet sind:

Wir reden immer mehr

In den westlichen Industrienationen wie Österreich sind nach Statistiken rund zehn Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens von einer Stimmfunktionsstörung betroffen. „Das liegt vor allem daran, dass heutzutage mehr denn je gesprochen wird“, sagt Schlömicher-Thier. So ist es in immer mehr Berufen notwendig, viel bzw. länger als vier Stunden am Tag zu reden. Auf ein derartig hohes Sprechpensum kommen längst nicht mehr nur Lehrer, Moderatoren, Schauspieler, sondern auch Menschen, die im Verkauf tätig sind, Reiseleiter, Callcenter-Mitarbeiter. Zusätzlich wird die Stimme in der Freizeit deutlich mehr als in jenen Zeiten gebraucht, als es noch keine Handys gab, die zur Vieltelefoniererei verleiten. Schlömicher-Thier: „Und wenn dann abends noch in einer lauten Umgebung, zum Beispiel in einer Disco, weiter geredet wird, gibt das der Stimme meist den Rest.“ Wenn nach einer derartigen Strapaze die Stimme gänzlich wegbleibt, liegt das an einer akuten Entzündung des Stimmapparats. Wer nichts dagegen unternimmt, riskiert, dass die akute Entzündung chronisch wird.

Was hilft?
„Gegen eine akute Entzündung des Stimmapparats helfen nur die absolute Stimmschonung für mindestens drei Tage und eventuell bestimmte Medikamente, die die Entzündung hemmen und die vom Arzt verschrieben werden“, sagt Schlömicher-Thier.

Husten setzt der Stimme zu

So wie die Zahl der Menschen steigt, die viel reden, gibt es hierzulande auch immer mehr Allergiker, die oft mit Husten oder sogar Asthma-Anfällen auf allergieauslösende Substanzen reagieren. Auch rauchen immer mehr Österreicher – und haben Raucherhusten. Was viele nicht wissen: Husten belastet die Stimme ganz besonders. „Jeder Huster haut sozusagen auf  die Stimmlippen drauf“, verdeutlicht Schlömicher-Thier das Problem. „Wer, wie Raucher oder Allergiker, über lange Zeit öfter am Tag hustet, muss damit rechnen, dass sich der Stimmapparat entzündet und man nur noch heiser und unter Schmerzen oder gar nicht mehr sprechen kann.“ Das kann auch passieren, wenn ein Erkältungshusten nicht abklingen will. Schlömicher-Thier: „Werden die Hustenanfälle nicht eingeschränkt, besteht die Gefahr, dass sich aus der akuten Entzündung so wie bei den Vielrednern eine chronische Entzündung des Stimmapparats entwickelt.

Was hilft? Wer sich die Gesundheit seiner Stimme erhalten möchte, sollte etwas gegen den Husten unternehmen. Rauchern bleibt nur, das Rauchen einzuschränken oder, noch besser, ganz damit aufzuhören. „Gegen allergischen Husten, Asthma oder Husten, der auf eine Infektion zurückgeht, gibt es gut wirksame Medikamente, die der Arzt verschreiben kann“, so Schlömicher-Thier.

Übergewicht macht heiser

Auch Übergewicht ist ein zunehmendes Problem in Österreich, 40 Prozent haben nach jüngsten Erhebungen zu viel auf den Rippen. Die überschüssigen Kilos wiederum zählen zu den Hauptrisikofaktoren für die Refluxerkrankung, weil sich durch die Überdehnung des Magens der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre lockert und Magensäure in die Speiseröhre zurückfließt. Das äußert sich meist in Sodbrennen, aber nicht nur, weiß Schlömicher-Thier. „Oft kommt es durch den Rückfluss der Magensäure außerdem noch zu einer Schwellung der Stimmlippen bis hin zu einer Entzündung des gesamten Stimmapparats, und das führt zu Heiserkeit.“

Was hilft? Schlömicher-Thier: „Wenn aufgrund von Reflux Stimmprobleme entstanden sind, müssen die Ursachen der Erkrankung bekämpft werden.“ Dann gehören auch die Stimmprobleme der Vergangenheit an. So gilt es, gegebenenfalls Übergewicht abzubauen und das Essverhalten insofern zu verändern, als man weniger sowie langsamer isst und auf Lebensmittel verzichtet, die zu Reflux führen. „Ist die Refluxerkrankung stark ausgeprägt, kann man gemeinsam mit dem behandelnden Arzt überlegen, Protonenpumpenhemmer und Antazida zu nehmen, also Medikamente, die die Produktion der Magensäure hemmen oder neutralisieren“, schlägt der Experte vor.

Stress schlägt auf die Stimme

Wenn Stimmdoktor Josef Schlömicher-Thier zu Sängern der Salzburger Festspiele gerufen wird, die auf einmal nur mehr flüstern oder gar keinen Laut mehr von sich geben können, ist nicht selten Stress die Ursache für das Dilemma. „Stress schlägt nicht nur auf den Magen, er kann auch die Stimme beeinträchtigen und sie zum Versagen bringen“, so der Experte. Dies betrifft freilich auch Menschen in anderen    als künstlerischen Berufen, vor allem Frauen, die unter Druck stehen. „Wenn dann die Stimme wegbleibt beziehungsweise sich die Stimmlippen nicht mehr schließen, geht das auf komplizierte psychoemotionelle und psychosomatische Mechanismen zurück“, so Schlömicher-Thier.

Was hilft?
„Akut kann den Betroffenen mit einer Kehlkopfmassage geholfen werden, mit der die Muskeln des  Stimmapparats so ausgerichtet werden, dass die Stimme gleich wieder da ist“, sagt der Arzt. Um Wiederholungen der Misere zu vermeiden, empfiehlt der Experte das Erlernen von Techniken zur Entspannung des Stimmapparats, die akut wie die Massage wirken. „Parallel wäre es gut, ganzheitliche Entspannungstechniken zu erlernen, die dazu dienen, insgesamt besser mit Stress umgehen zu können“, so der Experte.

Verstimmung durch ungelöste Konflikte

Wenn die Stimme wegbleibt, können auch ungelöste Konflikte die Ursache für die „Verstimmung“ sein. Ob das akute oder länger zurückliegende Belastungen sind: Meistens beruht der Konflikt, der auf die Stimme schlägt, darauf, dass sich ein Mensch von anderen über Gebühr ausgenützt oder benützt fühlte oder fühlt.
 
Was hilft? Ist diese psychische Ursache als Grund für die Stimmfunktionsstörung erkannt, rät Schlömicher-Thier zu einer Psychotherapie. Parallel kann versucht werden, mit Stimmübungen einer Wiederkehr der ungewollten Schweigsamkeit vorzubeugen.

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Chronisch heiser?

Wer sich damit abfindet, mit einer Reibeisenstimme durchs Leben zu gehen, muss damit rechnen, dass es durch die permanente Entzündung in verschiedenen Bereichen des Stimmapparats zu Veränderungen kommt: Zysten, Ödeme oder Polypen können die Folgen sein, warnt Stimmexperte Dr. Josef Schlömicher-Thier. „In diesen Fällen kann eine Operation, bei der die Gewebeveränderungen entfernt werden, den ursprünglichen Klang der Stimme zurückbringen.“ Nach dem Eingriff müssen Betroffene allerdings mindestens eine Woche lang schweigen und die Stimme in einer Therapie wieder aufbauen.

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Balsam für die Stimme

  • Stimmtechnik

Wer beruflich öfter länger als vier Stunden am Tag reden muss, sollte zur Vorbeugung vor Stimmfunktionsstörungen ein Stimmtechnik-Seminar besuchen und die Übungen, die man dabei erlernt, täglich machen, rät der Salzburger Stimmexperte Dr. Josef Schlömicher-Thier.

  • Feuchtigkeit

Wer viel reden muss, sollte auch ausreichend trinken, um die Schleimhäute des Stimmapparats feucht zu halten. Schlömicher-Thier: „Das beugt Stimmproblemen vor.“

  • Schonung

Nach Tagen, an denen viel geredet werden musste, empfiehlt der Stimmmediziner eine Schonzeit einzuhalten und wenig zu reden: „Je länger die Erholungsphase andauert, desto besser.“

  • Hausmittel

Was der Stimme ebenfalls gut tut, sind nach den Erfahrungen von Schlömicher-Thier Inhalationen mit Salzlösungen, Nasen- und Mundbefeuchtungssprays mit Salzlösungen, Lutschpastillen.

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