Blinzeln, räuspern, zucken

Januar 2015 | Medizin & Trends

Was hinter Tics steckt und was dagegen hilft
 
Von Blinzeln bis Räuspern, von Stupsen bis Zucken, von Schreien bis Strampeln: Tics treten in schier unendlich vielen Varianten in Erscheinung – und das weit öfter, als man denkt. In Österreich sind rund 500.000 Menschen betroffen. Was hinter den unkontrollierten Bewegungen und Lautäußerungen steckt, und was man dagegen tun kann.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Dreiradfahren, Türme aus bunten Holzklötzen bauen und mit anderen spielen – so sieht es in der heilen Welt der meisten Dreijährigen aus. Wenn das Kind dabei seine Spielgefährten ständig stupst, wenn es auffällige Grimassen schneidet oder einfach nur sehr oft die Nase rümpft, könnte es zu jenen drei bis vier Prozent seiner Altersgruppe zählen, die immer wieder unkontrollierte, unnütze Bewegungen wie diese ausführen, also Tics haben. „Solche motorischen Tics treten meist bei Kindern ab drei Jahren und noch bis etwa zum achten Lebensjahr erstmals auf“, sagt Priv. Doz. Dr. Franz Riederer vom Neurologischen Zentrum Rosenhügel am Krankenhaus Hietzing in Wien. „Erst ein wenig später, also im Alter von etwa neun, zehn Jahren, entstehen vokale Tics.“ Diese können beispielsweise darin bestehen, dass ein Kind sich immer wieder räuspert, hüstelt, Laute wie Hundegebell oder Türklingeln nachahmt oder permanent nachspricht, was andere sagen.
Mit dem Beginn der Pubertät verschlimmert sich das Problem oft. Teenies mit Tic müssen dann immer wieder mehr oder weniger laut vor sich hin schimpfen, im Extremfall Obszönitäten hinausschreien, obszöne Gesten machen, sogar um sich schlagen oder treten. „Besonders häufig kommt es in Stresssituationen zu solchen Ausbrüchen“, weiß Riederer und schildert den weiteren typischen Verlauf: „Ab etwa dem 18. Lebensjahr gehen die Tics bei einem bis zwei Dritteln der Betroffenen nach und nach zurück, bei manchen verschwinden sie mit zunehmendem Alter ganz.“ Dass Tics im Erwachsenenalter erstmals auftreten, komme äußerst selten vor.

Mozart, Eminem, Beckham

Dennoch leiden insgesamt 500.000 Österreicherinnen und Österreicher an Tics, darunter drei- bis viermal so viele Männer wie Frauen. Rund 160.000 der Menschen mit Ticstörungen sind doppelt beeinträchtigt, denn sie haben gleichzeitig vokale und motorische Tics, die sie oft auch gleichzeitig loslassen müssen. Das kann bedeuten, dass sie beispielsweise immer wieder den Kopf schütteln und dabei seufzen, den Arm hinaufstrecken, brummen und aufstampfen, oder sie wiederholen ständig, was sie gerade gesagt haben, während sie mit der Schulter zucken. Tourette-Syndrom lautet dann die Diagnose. Riederer: „Besonders Menschen mit Tourette-Syndrom stoßen in ihrem Umfeld oft auf sehr großes Unverständnis, weil sich kaum jemand vorstellen kann, dass das Dargebotene ungewollt erfolgt.“
Dabei handelt es sich weder beim Tourette-Syndrom noch bei den einfachen Ticstörungen mit ihren schier unendlich vielen Erscheinungsbildern um neue Phänomene. Schon vor 2000 Jahren beschrieb ein Schüler von Hippokrates, der griechische Arzt Aretios, Menschen, die an unmotivierten Zuckungen leiden oder immer wieder plötzlich laut auflachen und fluchen. Berichten zufolge zählen selbst Berühmtheiten der jüngeren Vergangenheit zu den Betroffenen: Molière, Peter der Große, Wolfgang Amadeus Mozart und Napoleon.
Einige Prominente der Gegenwart haben sich sogar selbst geoutet: So gab beispielsweise US-Rapper Eminem zu, dass es nicht immer freiwillig geschehe, wenn er Obszönes rappt. Auch Ex-Profifußballspieler David Beckham spricht inzwischen offen über sein Tourette-Syndrom und darüber, dass er z. B. keine Mineralwasserflasche in den Kühlschrank stellen kann, wenn sich schon zwei darin befinden, weil er alles in geraden Zahlen angeordnet haben will.

Spott, Hohn, Aggression

Dass sie mit ihrer Ticstörung quasi in guter Gesellschaft sind, ist für Betroffene ein schwacher Trost. Denn Hänseleien und Ausgrenzung stehen für viele an der Tagesordnung. Dagegen könne  es helfen, es den Promis gleichzutun und das Problem zu outen: Wenn man den Mitmenschen klarmacht, dass man nichts für die motorischen und vokalen Äußerungen kann und dass diese auch nicht abzugewöhnen sind, sei laut Riederer oft schon Schluss mit Spott und Hohn.
Bei betroffenen Kindern sei es damit aber nicht immer getan: „Bei Kindern gehen Tics oft mit der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS oder anderen psychischen Störungen einher“, erklärt Riederer, warum Eltern den Kinderarzt zu Rate ziehen sollten: „Diese Störungen müssen behandelt werden, damit bessern sich meist auch die Tics.“
Stellt sich bei der Untersuchung heraus, dass ein Tic für sich genommen auftritt, brauche es nicht unbedingt eine Therapie. Dasselbe gilt für leichte Ausprägungen wie häufiges Stirnrunzeln, Blinzeln oder Auf- und Zuklappen des Mundes. Anders verhält es sich bei schweren Formen. Durch plötzliches Schreien, Trampeln oder lautes Weinen fühlt sich das Umfeld naturgemäß bedroht und tritt den Kranken häufig mit Ablehnung, manchmal mit Aggression gegenüber. Experte Riederer weiß von Patienten zu berichten, die aufgrund von so schweren Tics nicht einmal mehr in die Schule gehen konnten, den Job verloren haben und auch immer wieder unverschuldet in Raufereien und Schlägereien geraten sind. Manche ziehen sich aufgrund von derartigen Erfahrungen immer mehr zurück, entwickeln depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen. Oft vergrößern die Depressionen die Zahl der Ausbrüche und verstärken die Tics, was wiederum die Depressionen verschlimmert.

Medikamente, Strom, Ersatz

Damit die Betroffenen gar nicht erst in einen solchen Teufelskreis geraten, ist bei schweren Tics und stark ausgeprägtem Tourette-Syndrom eine Behandlung angesagt: „Am besten beginnt man damit möglichst bald nach dem ersten Auftreten“, rät Riederer. „Besonders im Teenageralter können die Ausbrüche mit Medikamenten, verschiedenen Neuroleptika, gut gelindert und stark verringert werden.“ Oft können laut dem Experten die Medikamente nach einiger Zeit sogar abgesetzt werden, denn die Besserung halte trotzdem an.
Ist das nicht der Fall, kann die elektrische Stimulation bestimmter Hirnareale nützen, was allerdings nur an spezialisierten Zentren möglich ist wie z. B. am Wiener AKH. Begleitend wird eine Psychotherapie empfohlen. Dabei können Betroffene lernen, sich mitten im Spannungsgefühl kurz vor Ausbruch des Tics so zu konzentrieren, dass sie den Tic mit Willenskraft und einer Ersatzhandlung unterdrücken können. Gelingt das, so werden beispielsweise die Fäuste in der Hosentasche geballt, um heftiges Um-sich-Schlagen zu verhindern. „Das funktioniert eine Weile, irgendwann muss der Tic dann aber doch losgelassen werden“, erklärt Riederer. Die Betroffenen können dann nur versuchen, die gewonnene Zeit zu nützen, um sich für das Loslassen an irgendeinen Ort zurückzuziehen.  

Strafende Götter, rauchende Mütter

Wie kommt es zu den Tics? Strafende Götter machte der griechische Arzt, der die Störung zu Beginn unserer Zeitrechnung beschrieb, für die ungewöhnlichen und teils erschreckenden motorischen und vokalen Äußerungen verantwortlich. Dämonen vermuteten die Menschen zu Zeiten Molières hinter der vermeintlichen Raserei. Just der  Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud war es dann, der etwas Organisches hinter den einfachen Ticstörungen, aber auch dem Tourette-Syndrom vermutete. Dass er recht hatte, ist für die Wissenschafter von heute sicher. Dennoch kennt man die genauen Ursachen für Tics und Tourette noch immer nicht genau. „Man nimmt an, dass eine krankhafte Störung bestimmter Gehirnbahnen schuld ist“, so Riederer. Diese werde offenbar häufig durch ein spezielles Gen ausgelöst: „Erbliche Faktoren spielen bei Ticstörungen zumindest eine wichtige Rolle.“ Zudem vermutet man, dass Rauchen und Stress der Mutter während der Schwangerschaft und eventuell auch bakterielle Entzündungen, vor allem Streptokokken-Infektionen, das Risiko für Tics erhöhen.
Nicht zu den Tics zählen übrigens Eigenheiten wie Nägel zu beißen, mit den Fingergelenken zu knacken, sich im Sekundentakt durch die Haare zu streichen oder im Sitzen ständig mit den Knien zu wackeln: „Das sind meist Marotten, also Angewohnheiten, die man sich im Gegensatz zu Tics mit einiger Selbstdisziplin abgewöhnen kann“, stellt Riederer klar.

Stand 01/2015

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