Probleme mit den Zähnen

Oktober 2015 | Medizin & Trends

Immer mehr Kinder haben Zahnschmelzstörungen
 
Sie sind fleckig, weich, schlimmstenfalls bröckeln sie sogar: Milchzähne, oft solche, die gerade erst durchgebrochen sind. Das liegt an Zahnschmelzstörungen, die immer mehr Kinder haben. Und diese sind nicht nur ein optisches Problem – sie können bis hin zum Zahnverlust, zu Fehlstellungen der zweiten Zähne und damit zu lang andauernden Unannehmlichkeiten führen. Lesen Sie, was hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Der Schock der Eltern ist stets groß, haben sie doch bei der Pflege der Beißerchen ihres Kindes alles richtig gemacht – und dann das: Je weiter die Milchzähne aus dem Zahnfleisch hervorkommen, umso deutlicher zeigt sich, dass diese nicht in gesundem Weiß erstrahlen, sondern gelbe bis bräunliche Flecken haben. Dabei handelt es sich vielfach nicht um das, was die Eltern meistens vermuten: Karies, sondern um ein Problem, das immer mehr Kinder haben, wie Univ. Ass. DDr. Oliver Jandrasits von der Universitätszahnklinik Wien weiß: „Solche Flecken sind typische Anzeichen einer Zahnschmelzstörung“, sagt er. Zahnmediziner nennen die Störung auch Molar-Incisor-Hypermineralisation (MIH), da sie meist an den Backenzähnen, den Molaren, auftritt. Doch auch Schneidezähne können betroffen sein. Ob bei jedem Lachen, Schreien und Sprechen gut sichtbar an der Front oder weiter hinten im Mund: So oder so sind Zahnschmelzstörungen nicht nur ein optisches Problem. Oft ist der fleckige Zahnschmelz Betroffener auch noch weich, was die Zähne empfindlich für Hitze und Kälte macht, und manchmal tut sogar das Putzen weh. Schlimmstenfalls bricht die Zahnoberfläche ein und die Zähne bröckeln. „Und das macht sie äußerst anfällig für Karies“, warnt Jandrasits.

Mit Lack versiegeln

Was hilft? „Medikamente oder andere wirkliche Heilmittel gegen diese Störungen gibt es leider nicht“, erklärt der Zahnmediziner und ergänzt, was Eltern tun können: „Sobald an ersten Backen- oder Schneidezähnen gelbe oder bräunliche Flecken zu sehen sind, sollte man zum Zahnarzt gehen und die Zähne untersuchen lassen.“ Stellt sich heraus, dass die Flecken nicht auf Karies, sondern auf eine Schmelzstörung zurückgehen, dann, so Jandrasits, „kann das Defizit durch die Versiegelung der Zähne mit einem speziellen Lack ausgeglichen werden“. Schwieriger wird es, wenn die Problem-Beißerchen nicht nur fleckig sind, sondern bereits bröckeln oder sich Karies gebildet hat, informiert der Zahnmediziner: „Je nach Ausprägung des Schadens helfen dann nur noch Plomben oder die Zahnentfernung.“ Die Krux an einer Zahnentfernung im Kindesalter: Schon der Verlust eines Zahnes aus dem Milchgebiss kann dazu führen, dass der Kiefer nicht so wächst, wie er wachsen sollte, und die nachfolgenden bleibenden Zähne zu wenig Platz zum normalen Durchbrechen haben. Zahnfehlstellungen sind dann programmiert, und wenn die Zähne schräg herauswachsen, schief stehen, quer liegen, die obere Zahnreihe über die untere hervorragt oder umgekehrt, kann das zu lang andauernden Unannehmlichkeiten führen. Etwa, weil die Fehlstellung mit einer Zahnspange korrigiert werden muss oder eine Operation nötig ist.

Besonders sorgsam pflegen

Je eher dem Problem etwas entgegengesetzt wird und die Beißerchen versiegelt werden, desto besser, heißt also die Devise. „Außerdem müssen die Zähne der betroffenen Kinder besonders sorgsam gepflegt werden“, betont Jandrasits. „Und es ist ratsam, sie nicht nur einmal jährlich, sondern sicherheitshalber zwei- bis dreimal im Jahr vom Zahnarzt kontrollieren zu lassen.“ Tritt bei den Milchzähnen eine Zahnschmelzstörung auf, können nur einige wenige Zähne betroffen sein oder alle. Und die Störung kann sich laut Jandrasits auch bei den zweiten, bleibenden Zähnen zeigen. Umgekehrt gibt es Kinder mit völlig gesundem Milchgebiss, die erst dann mit dem Problem eines schadhaften Zahnschmelzes konfrontiert werden, wenn die zweiten Zähne durchbrechen.

Mehrere Ursachen vorstellbar

Erstmals wurden Zahnschmelzstörungen in den 1980er Jahren diagnostiziert, damals noch vereinzelt. Seither stieg die Zahl der Betroffenen an, derzeit leiden nach Schätzungen etwa zehn Prozent der Kinder daran, Tendenz steigend. Was die Ursache dafür ist – darüber wird in der Zahnmedizin gerätselt. Oliver Jandrasits: „Eigentlich kann man nur ausschließen, dass die Häufung der Störungen auf eine mangelhafte Versorgung mit wichtigen Mineralstoffen und Vitaminen zurückgeht.“ Der Grund: In unseren Breitengraden herrscht heute kein Nahrungsmangel, und selbst in Zeiten, als das der Fall war, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, traten keine Zahnschmelzstörungen auf. Da die Milchzähne normalerweise bereits im Mutterleib aushärten, ist dagegen denkbar, dass Einflüsse und Komplikationen während der Schwangerschaft zu den Störungen führen – Frühchen sind jedenfalls häufiger von MIH betroffen. Doch auch in den Monaten nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren entwickelt sich die härteste Substanz des menschlichen Körpers, die u.a. aus Kalzium und Phosphor besteht, noch weiter – und in diesen Prozess kann dazwischengefunkt werden. „Zum Beispiel durch hohes Fieber, das im Zuge von Infektionen mit der Grippe oder Kinderkrankheiten entsteht“, so Jandrasits. Als mögliche Verursacher im Gespräch sind aber auch Antibiotika und der Kontakt mit Plastiksubstanzen in Schnullern, Saugflaschen oder Spielzeug sowie Umweltgiften, die sich im Brustgewebe der Mutter ansammeln und beim Stillen auf das Kind übergehen. Beweise für diese Vermutungen gibt es nicht, doch die Forschungen laufen.

Wenn Erwachsene betroffen sind

Nicht immer gehen angeborene oder im Kleinkindalter erstmals aufgetretene Zahnschmelzstörungen auf das Erwachsenengebiss über. Doch es kann dazu kommen, sagt  Ass. DDr. Oliver Jandrasits und ergänzt, was dann hilft: „Auf die beschädigten Frontzähne können Veneers gesetzt werden, flache Schalen, die den Zahn überdecken, und auf die betroffenen Backenzähne Kronen.“

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Wie reinigt man Kinderzähne?

„Sobald der erste Milchzahn durchgebrochen ist, sollten die Eltern morgens und abends nach der letzten Mahlzeit zur Kinderzahnbürste und einer altersgerechten Zahnpasta greifen und diesen Zahn reinigen“,  empfiehlt Univ. Ass. DDr. Jandrasits. „Dasselbe gilt natürlich auch für alle nachfolgenden Zähne.“ Bis zum sechsten Lebensjahr sollten die Pasten laut dem Zahnmediziner eher abrasiv sein, also eine abschleifende Wirkung haben. Vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr, in dem sich das bleibende Gebiss meist schon ausgebildet hat, ist es eher ratsam, fluorhaltige Pasten zu verwenden – und die Zähne morgens und abends mit einer mittelweichen  Zahnbürste gründlich, etwa vier Minuten lang, zu putzen.

Stand 10/2015

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