Verdauung aus dem Lot

März 2015 | Medizin & Trends

Das bringt den Darm wieder in Ordnung
 
Wenn in der zweiten Lebenshälfte die Verdauung immer öfter aus dem Lot gerät, können verschiedene Ursachen dahinterstecken. Oft, aber nicht immer, genügen kleine Veränderungen im Alltag, um den Darm wieder in Ordnung zu bringen. MEDIZIN populär gibt Rat.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Auf dem stillen Örtchen klappt es nicht mehr so gut wie früher? Darüber spricht niemand gern. Dabei ist es gar nicht ungewöhnlich, wenn in der zweiten Lebenshälfte die Verdauung immer öfter aus dem Lot gerät: „Höchstwahrscheinlich bekommt im Zuge des Alterns jeder irgendwann einmal das eine oder andere Problem mit der Verdauung, auch wenn er in jungen Jahren nie derartige Beschwerden gehabt hat“, schätzt Prim. Univ. Prof. Dr. Monika Lechleitner, Internistin am Krankenhaus Hochzirl in Tirol, die sich auf Ernährungsmedizin für Ältere spezialisiert hat.
Woran liegt es, dass sich der Körper mit der Aufspaltung und Aufnahme der Nahrungsbestandteile mit den Jahren zunehmend schwer tut? „Der Mensch insgesamt altert, und damit gehen verschiedene Verluste einher, die sich auch auf die Verdauung auswirken“, erklärt Lechleitner den Hintergrund. So verringert sich das Durstempfinden, und mit den dritten Zähnen oder einem lückenhaften Gebiss fällt das Kauen oft schwer. Weil es da und dort zwickt, kommt darüber hinaus bei vielen die Bewegung zu kurz.
„Außerdem verändert sich die Struktur des Magen-Darm-Traktes“, nennt Monika Lechleitner den Hauptgrund für die Probleme im fortgeschrittenen Alter. Schließmuskeln werden schwächer, was oft zu Sodbrennen führt; die Produktion von verdauungsfördernder Magensäure nimmt ab; und die Magenschleimhaut schützt nicht mehr so gut vor Giftstoffen, weshalb z. B. Alkohol schlechter vertragen wird. Da auch die Darmmuskeln an Kraft verlieren, braucht schließlich noch der Dickdarm länger, um die unverdaulichen Nahrungsbestandteile aus dem Körper hinauszubefördern; Verstopfung, Blähungen sind oft die Folge, manchmal auch Stuhlinkontinenz.

Verstopfung: Wenn nichts mehr geht

„Vor allem weil die Darmmuskulatur mit den Jahren schwächer wird und der Dickdarm länger für seine Arbeit braucht, leiden besonders viele ältere Menschen an Verstopfung“, weiß die Internistin. Das Schwächerwerden der Muskulatur ist aber vielfach nicht allein ausschlaggebend für das Leiden in der zweiten Lebenshälfte, das Mediziner Obstipation nennen. Ältere Menschen erschweren dem Darm seine Arbeit oft noch, „weil sie sich zu wenig bewegen“, weiß Lechleitner. „Außerdem trinken die meisten weniger als für eine gesunde Verdauung nötig wäre, und sie essen zu wenig Ballaststoffreiches, also Obst, Gemüse und Vollkornprodukte, die im Darm aufquellen und auf diese Art die Verdauung fördern.“
Kann der Darm über längere Zeit weniger oft als dreimal pro Woche entleert werden, sind laut der Medizinerin manchmal aber auch Medikamente schuld, die von Älteren oft genommen werden. Bestimmte Schmerzmittel können ebenso hinter dem Problem stecken wie Eisenpräparate, Entwässerungsmittel, Antidepressiva oder auch Abführmittel, die bei Dauergebrauch nicht mehr helfen, sondern das Leiden verstärken. Harmlos sind Verstopfungen nicht, warnt die Ärztin. „Wer immer wieder an Obstipation leidet, riskiert, ein Problem mit den Hämorrhoiden zu bekommen.“ Und dann sind ein lästiger Juckreiz, ständiges Brennen sowie Schmerzen beim Stuhlgang programmiert.

Was hilft?

Wer immer wieder von Verstopfung geplagt wird, sollte unbedingt zum Arzt gehen. Er kann abklären, ob ein Medikament schuld an der Misere ist, es gegebenenfalls austauschen und passende Mittel gegen das Problem finden. „In vielen Fällen braucht es gar keine Medikamente. Mehr Bewegung, mehr Flüssigkeit, mehr Obst, Gemüse und Vollkornprodukte reichen meistens aus, um wieder zu einem normalen Stuhlgangrhythmus zurückzufinden“, betont Monika Lechleitner.  

Durchfall: Wenn’s nicht schnell genug gehen kann

„Wenn ältere Menschen auf einmal Durchfall haben, können wie bei jüngeren auch verdorbene Lebensmittel oder aber Infektionen mit Viren dahinterstecken“, sagt Monika Lechleitner und warnt davor, das Problem auf die leichte Schulter zu nehmen: „Durchfall kann für Ältere genauso rasch gefährlich werden wie für kleine Kinder.“ So drohen durch den großen Flüssigkeitsverlust schnell Verwirrtheit und Kreislaufbeschwerden bis hin zum Kreislaufkollaps.
Hält der Durchfall an oder kehrt er immer wieder, liegt diese chronische Diarrhö laut der Medizinerin bei Älteren sehr häufig an Medikamenten, die zu einer Veränderung der Darmflora führen, den Stuhl verdünnen und mindestens drei Darmentleerungen am Tag nötig machen. „Zu diesen Medikamenten zählen etwa Protonenpumpenhemmer, die als Magenschutz und gegen Sodbrennen genommen werden“, gibt die Expertin ein Beispiel.
Wenn man in fortgeschrittenem Alter immer öfter so schnell wie möglich eine Toilette aufsuchen muss, kann das auch an einer neu aufgetretenen Nahrungsmittelunverträglichkeit liegen. Weil die Magenschleimhaut mit den Jahren empfindlicher wird, kann sich das Leiden auch in der zweiten Lebenshälfte entwickeln und – oft nach dem Genuss glutenhaltiger Speisen – Beschwerden verursachen. In seltenen Fällen kann eine Nahrungsmittelallergie, eine Entzündung der Darmschleimhaut (Morbus Crohn) oder ein Tumor hinter dem Durchfallproblem stecken.

Was hilft?
„Bei akutem Durchfall, wie er bei Vireninfektionen oder nach dem Essen von Verdorbenem auftritt, ist es erforderlich, viel zu trinken, am besten vom Arzt empfohlene Elektrolytgetränke“, rät die Medizinerin. So kann der Flüssigkeitsverlust wettgemacht werden. Außerdem gut: Nur das essen, was den Magen-Darm-Trakt nicht noch zusätzlich belastet, also z. B. Suppen oder Zwieback. „Bei chronischem Durchfall über Wochen kann nur der Arzt helfen, indem er die Ursache abklärt, die Grunderkrankung behandelt und gegebenenfalls Medikamente auswechselt“, so Expertin Lechleitner.
Wer öfter Durchfall hat: Ein Ernährungstagebuch führen, um herauszufinden, ob vielleicht bestimmte Lebensmittel das Problem auslösen, weil sie nicht (mehr) vertragen werden. Eine Protokollvorlage gibt es zum kostenlosen Download auf www.medizinpopulaer.at/downloads‘

Sodbrennen: Wenn es brennt wie Feuer

„Da bei älteren Menschen die Muskulatur des Schließmuskels am Mageneingang schwächer wird, kommt es häufig dazu, dass Säure vom Magen in die Speiseröhre zurückrinnt und Sodbrennen verursacht“, informiert die Ärztin. Bei manchen Älteren entsteht das Sodbrennen in Folge von Medikamenten wie Antirheumatika, von übermäßigem Alkoholkonsum oder einer zu fett- und zuckerreichen Ernährung. Das von den Medizinern Reflux genannte Leiden ist nicht nur unangenehm und mitunter schmerzhaft: Mittel- und langfristig können sich durch den Rückfluss der Magensäure in der Speiseröhre Entzündungen, Geschwüre und sogar Tumore bilden.

Was hilft?
Ärztliche Behandlung ist das Um und Auf: „Es gilt das Sodbrennen je nach Ursache zu behandeln und im Fall der Fälle die Ernährung umzustellen“, betont Monika Lechleitner.

Blähungen: Wenn Darmgase quälen

„Ältere Menschen leiden häufig an Blähungen“, weiß Lechleitner. „Diese sind zwar nicht gefährlich, manchmal aber schmerzhaft und jedenfalls unangenehm.“ Blähungen entstehen, wenn sich im Darm verstärkt Gase bilden. Das ist dann der Fall, wenn Blähendes wie Kohl gegessen wurde oder wenn Verstopfungen bestehen. Treten unabhängig davon Blähungen auf, sind meist Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien schuld daran. Lechleitner: „Manchmal werden die Blähungen bei Älteren auch durch Medikamente hervorgerufen.“

Was hilft?

„Akut lassen sich Blähungen gut durch das Auflegen einer Wärmflasche lindern“, rät Internistin Lechleitner. Wer immer wieder von Darmwinden gequält wird, sollte aber zum Arzt: „Der kann die Ursache für die unangenehmen Beschwerden finden und gegebenenfalls einen Medikamentenwechsel oder eine Ernährungsumstellung empfehlen.“

Stuhlinkontinenz: Wenn die Kontrolle verloren geht

„Etwa zehn bis 15 Prozent der über 80-Jährigen leiden an Stuhlinkontinenz“, sagt Monika Lechleitner. Wenn unfreiwillig Stuhl verloren wird, liege das laut der Medizinerin vor allem an Schwächungen des Schließmuskels, die altersbedingt sind, durch bestimmte Medikamente verstärkt werden oder auf Darmerkrankungen zurückgehen. Manchmal steckt auch eine chronische Obstipation hinter dem Leiden: „Wenn sich bei einer Verstopfung eine Stuhlsäule im Darm bildet, die nicht abtransportiert werden kann, aber auf den Schließmuskel drückt, kann unfreiwillig Stuhl verloren werden“, erklärt Lechleitner.

Was hilft?
„Akut hilft das Tragen von speziellen Einlagen“, so Monika Lechleitner. Ist eine Verstopfung schuld an der Inkontinenz, kann der Arzt helfen. Ist die Inkontinenz eine Nebenwirkung von Medikamenten, können diese nach ärztlicher Rücksprache gewechselt werden.

Buchtipp:
Unger, Viernstein
Darmgesundheit
ISBN 978-3-99052-026-0, € 14,90
120 Seiten, Verlagshaus der Ärzte

Stand 03/2015

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