Morbus Parkinson

November 2016 | Medizin & Trends

Neue Hilfen gegen das große Zittern

Eines vorweg: Heilbar ist Morbus Parkinson nach wie vor nicht. Doch die Behandlung der Krankheit des Nervensystems, die vor allem durch großes Zittern auffällt, aber vielfach auch zu etlichen anderen Symptomen führt, ist zuletzt entschieden besser geworden. In späteren Stadien lindern maßgeschneiderte Therapiebündel das Leiden gut, im Frühstadium bringt die Behandlung sogar oft über Jahre vollkommene Beschwerdefreiheit.

Von Mag. Sabine Stehrer

Wer statt Sardellen beispielsweise Brot riecht, statt Bananen Kokosmilch, statt des Duftes von Kaffee den Geruch einer brennenden Kerze wahrnimmt und auch andere Gerüche falsch zuordnet, ist wahrscheinlich an Morbus Parkinson erkrankt: „Geruchsstörungen beginnen einige Jahre vor dem Ausbruch der sonstigen Beschwerden“, erklärt Prim. Dr. Dieter Volc von der Abteilung für Neurologie an der Privatklinik Confraternität in Wien. Weitere häufige Vorläufer der Erkrankung des Nervensystems sind laut dem Experten Veränderungen im Schlafprofil: Schlafstörungen entwickeln sich, Träume werden ausgelebt, die Schlafenden bewegen sich, sprechen und führen Handlungen aus. Hinzu kommen oft Verdauungsprobleme und Sexualfunktionsstörungen. Volc: „Wird aufgrund dieser Anzeichen ein Arzt aufgesucht und die Krankheit sehr früh diagnostiziert, haben wir heute eine Therapie zur Verfügung, die zumindest anfangs zur vollkommenen Symptomfreiheit führt und eventuell einige Zeit vor den Parkinson-typischen Bewegungsstörungen schützt.“ Und auch für Betroffene in späteren Stadien, die bereits an Bewegungsstörungen leiden, haben sich die Behandlungsmöglichkeiten zuletzt entschieden verbessert: Mit maßgeschneiderten Therapiebündeln lassen sich die Beschwerden so weit lindern, „dass die Betroffenen selbstständig bei guter Lebensqualität leben können und ihre Lebensfreude behalten“, so Volc, der meint, dass es noch dauern werde, bis Morbus Parkinson einmal heilbar ist.
Solang noch kein Heilmittel gefunden ist, schreitet die Krankheit trotz Therapie bei jedem Betroffenen voran und kann sich in vielen verschiedenen Beschwerden äußern. Zu den anfänglichen Symptomen wie den Geruchsstörungen gesellen sich früher oder später noch Bewegungsstörungen hinzu. Besonders fällt darunter das oft ausgeprägte Zittern auf, weshalb die Krankheit auch „Schüttellähmung“ genannt wird. Hinzu kommen noch andere Beschwerden, wie eine Verlangsamung der Bewegungen und eine eingeschränkte Mimik, ein kleinschrittiger, schlurfender Gang ohne Mitschwingen der Arme, eine vorgeneigte Körperhaltung mit angewinkelten Armen und Beinen und eine kleiner werdende Schrift. Auch die Stimme wird monotoner und leiser. Parallel können den Erkrankten Harninkontinenz, vermehrtes Schwitzen und Frieren zu schaffen machen, auch eine Verlangsamung des Denkens, Depressionen, eine Parkinson-Demenz, Appetitlosigkeit, vermehrte Speichelproduktion.

Medikamente als Herzstück der Therapie

Gut nur, dass es neue Hilfen gibt, die von Morbus Parkinson lindern. Volc über das Herzstück der heutigen Therapie: „Das sind Medikamente, solche zum Einnehmen und andere, die über Pflaster wirken oder über Pumpsysteme vom Körper aufgenommen werden.“ Da die Krankheit auf einen Mangel am Nervenbotenstoff Dopamin zurückgeht, enthalten die Medikamente entweder Dopamin-Ersatz, oder auch einen Dopamin-Gegenspieler. Dieser sensibilisiert den Wirkungsort für das Dopamin, den Rezeptor, und führt so zu einer längeren und stärkeren Wirkung des körpereigenen Dopamins. „Mit diversen Zusatzstoffen wird dann das Feintuning durchgeführt, das auf die individuellen Gegebenheiten wie das Alter des Patienten und die Ausprägung der Beschwerden abgestimmt ist“, informiert Volc. In Fällen, wo Medikamente nicht oder nicht mehr ausreichend helfen, bietet sich aber auch noch eine weitere Möglichkeit: Die tiefe Hirnstimulation. Dabei werden über kleine Sonden, die in das Gehirn eingesetzt werden, Impulse gesetzt, wie sie beim Gesunden durch das Dopamin entstehen. Volc: „Diese Methode ist mittlerweile gut etabliert und erfolgt statt wie früher bei lokaler Betäubung oft bereits in Vollnarkose, was die Behandlung für die Betroffenen komfortabler macht.“    ‘

Mit TCM und Ayurveda gegen Begleitsymptome

Bei Symptomen, die Parkinson häufig begleiten, wie Verdauungsprobleme und Schlafstörungen, sind nach den Erfahrungen des Experten vielfach Therapien mit Mitteln aus der komplementären Medizin hilfreich, vor allem aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der indischen Heilkunst Ayurveda. Bestandteil der Behandlung sollte außerdem eine Bewegungstherapie sein, etwa in Form einer Physiotherapie oder im Bedarfsfall einer Ergotherapie. Gegebenenfalls zusätzlich empfehlenswert: Eine logopädische Behandlung oder eine Psychotherapie.
Von Morbus Parkinson, der Krankheit, die nach ihrem Entdecker James Parkinson benannt ist, sind nach Schätzungen 16.000 bis 20.000 Österreicher betroffen. Damit ist Parkinson unter den Erkrankungen des Nervensystems nach der Alzheimer-Demenz die zweithäufigste. Hauptsächlich tritt das Leiden bei über 60-Jährigen auf. Männer sind etwas öfter als Frauen betroffen – warum das so ist, weiß man nicht. Auch die genaue Ursache für den Dopaminmangel, der die Krankheit letztlich auslöst, ist noch unbekannt. „Eine erbliche Neigung spielt zusammen mit bekannten Umweltfaktoren wie dem Kontakt mit Industriegiften oder Pflanzenschutzmitteln und noch unbekannten Umweltfaktoren aber sicher eine Rolle“, weiß Volc. Gezeigt hat sich des Weiteren, dass das Risiko, an Parkinson zu erkranken, unter Anhedonisten, also Menschen, die wenig Freude an einem genussvollen, eher entspannten Leben haben, sowie unter Koffein-Verweigerern höher ist. Unter Forschern gilt mittlerweile auch eine Anhäufung eines bestimmten Proteins, Alpha-Synuclein, als Auslöser. Der Eiweißstoff wird laut Volc vermutlich von Bakterien, Viren und Pilzen im Darm erzeugt und könnte über die Dickdarmoberfläche in den Körper gelangen, langsam in den Hirnstamm aufsteigen und dort die Dopamin produzierenden Zellen schädigen – wodurch Jahre später die Parkinson-typischen Bewegungsstörungen beginnen.

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Wie zeigt sich Morbus Parkinson?

Im Frühstadium durch:

  • Geruchsstörungen – Gerüche werden verwechselt
  • Verdauungsprobleme – häufig Verstopfung
  • Sexualfunktionsstörungen – Erektionsstörungen bei Männern, Erregungsstörungen bei Frauen

In späteren Stadien:

  • Bewegungsstörungen – Zittern oft auf einer Körperseite, verlangsamte Bewegungen, eingeschränkte Mimik, kleinschrittiger schlurfender Gang, vorgeneigte Körperhaltung
  • Kleiner werdende Schrift
  • Monotone, leise Stimme
  • Vermehrtes Schwitzen und Frieren
  • Verlangsamtes Denken
  • Depression
  • Parkinson-Demenz
  • Appetitlosigkeit
  • Vermehrte Speichelproduktion

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Wie wird Morbus Parkinson diagnostiziert?

Der Arzt stellt die Diagnose durch:
*   eine Befragung des Patienten,
*   eine neurologische Untersuchung,
*   einen Geruchstest,
*   eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns,
*   ev. eine Szintigrafie des Gehirns.

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Wann ist Morbus Parkinson heilbar?

Heilbar sein wird Morbus Parkinson laut Prim. Dr. Dieter Volc durch Mittel, die jene Nervenzellen wiederherstellen, die den Nervenbotenstoff Dopamin erzeugen. Es wird aber seiner Meinung nach noch einige Zeit dauern, bis diese gefunden sind.

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Wer gab der Krankheit ihren Namen?

Das war James Parkinson (1755-1824), ein britischer Arzt, der mehrere medizinische Werke verfasste. Eine seiner Abhandlungen war: „An Essay on the Shaking Palsy“, eine „Abhandlung über die Schüttellähmung“, in der er die später nach ihm benannte Krankheit Morbus Parkinson mit den Symptomen beschreibt. Parkinson selbst nannte die neurologische Erkrankung wegen des auffälligen Zitterns „Schüttellähmung“.

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Buchtipp:

Kieslinger,
Parkinson. Kompakte Hilfe für Angehörige und Betroffene
ISBN 978-3-99052-132-8
120 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte, Juni 2016

Stand 11/2016

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