Hals, Nase, Ohren & Augen

Was Augen verraten

Unsere Augen sind mehr als Sinnesorgane. Sie ermöglichen Orientierung und Kommunikation und liefern wertvolle Hinweise über die eigene Gesundheit. 


Von Daniela Rittmannsberger-Kampel

Dr. Sarah Moussa
„Die jährliche Kontrolle ist wichtig, denn so erkennt man Veränderungen wie beispielsweise einen hohen Augendruck früh genug, bevor große Schäden entstehen.“ 

Sie führen uns durchs Leben: unsere Augen. Ohne sie ist der Alltag kaum vorstellbar. Das Sehen gibt uns Orientierung und sorgt dafür, dass wir lesen, arbeiten, Auto fahren können und vieles mehr. Ein Blick in die Augen verrät viel mehr, als wir denken – vor allem über unsere Gesundheit. 

Die Farbe der Augen

Braun, blau, grün oder grau – diese vier Farben zählen zu den „Grundfarben“ unserer Augen. Trotz dieser kleinen Auswahl an Möglichkeiten ist jedes menschliche Auge farblich einzigartig: „Durch Licht, Pigmentverteilung und Struktur entstehen unzählige Farbnuancen. Kein Auge gleicht dem anderen“, erklärt Dr. Sarah Moussa, Augenärztin in Altmünster und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der ÖOG (Österreichische Ophthalmologische Gesellschaft). Die Augenfarbe selbst entsteht in der Regenbogenhaut (Iris). Dort befindet sich der Farbstoff Melanin. Je nach Menge und Verteilung des Melanins entwickelt sich die Augenfarbe. Ausschlag­gebend für die Menge des Farbstoffes ist die Genetik. Meint man auf den ersten Blick, man blicke in rein blaue oder braune Augen, entspricht das meist nicht der Wahrheit: „Die Augenfarbe ist genetisch bedingt. Meist entstehen Mischfarben mit individuellen Nuancen. Als Augenärztin sehe ich immer wieder besondere Färbungen.“ Dass die Augenfarbe eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielt, sieht man am häufigen Wunsch, sie zu verändern. Im Süden etwa, wo viele Menschen braune Augen haben, ist der Wunsch nach blauen oder grünen Augen häufig groß. Hier kommen oft farbige Kontaktlinsen zum Einsatz. Ein drastischerer Eingriff ist das Tätowieren der Hornhaut mittels Laser, um die Augenfarbe dauerhaft zu verändern. Die Medizinerin warnt vor diesen Eingriffen: „Die Pigmentierung der Hornhaut (Keratopigmentierung) ist ein invasiver Eingriff zur dauerhaften Veränderung der Augenfarbe und sollte bei gesunden Augen aufgrund des Risikos für Komplikationen und eine mögliche dauerhafte Sehverschlechterung unterlassen werden. Färbige Kontaktlinsen können weniger sauerstoffdurchlässig und dicker sein als klare Kontaktlinsen und sollten, wenn überhaupt, nur mit entsprechender Vorsicht und fachgerechter Anpassung sowie augenärztlicher Kontrolle getragen werden.“ 

Viele Babys kommen mit blauen Augen zur Welt. In den ersten Lebensjahren verwandelt sich die Augenfarbe dann in jene Farbe, die ein Leben lang gleichbleibt. Trotzdem kann es auch im Erwachsenenleben vorkommen, dass sich die Augenfarbe scheinbar verändert. Dahinter stecken oft Lipidablagerungen in der Hornhaut, die entweder altersbedingt vorkommen oder krankheitsbedingt durch hohes Cholesterin entstehen. Dabei kommt es zu einem grau-weiß­lichen Ring am Rande der Hornhaut, der zu einer Trübung der Augen führt und so das Gefühl vermittelt, die Augenfarbe hätte sich verändert, erklärt die Augenärztin. Auch Leber­erkrankungen kann man durch einen Blick in die Augen erkennen. Bei Betroffenen verfärbt sich die Sklera, die weiße Außenhaut des Auges, gelblich. Stoffwechselerkrankungen können ebenfalls zu Veränderungen an der Hornhaut führen und Nuancen der Augenfarbe verändern. Sehr selten kommt es vor, dass Menschen auf jedem Auge eine andere Augenfarbe haben. Auch wenn dieses Phänomen angeboren ist und harmlos sein kann, sollte man es trotzdem augenärztlich abklären lassen, da es in seltenen Fällen mit Augenerkrankungen assoziiert werden kann, erklärt Moussa.

„Man denkt heute ganzheitlicher“

Sarah Moussa erlebt immer wieder „Klassiker“ an Augenbeschwerden in ihrer Ordination. Dazu zählen trockene Augen, die vor allem in der kalten Jahreszeit aufgrund der Heizungsluft und weniger Zeit im Freien vorkommen. Doch auch andere Ursachen liegen trockenen Augen zugrunde. Dazu zählen Allergien, Rheuma oder hormonelle Veränderungen. Letztere betreffen vor allem Frauen ab dem 40. Lebensjahr. Die hormonelle Umstellung wirkt sich auf die Tränenfilmzusammensetzung aus. Hier lohnt es sich, einen Hormonstatus zu erheben. 

Je nachdem, welche Ursache hinter den trockenen Augen steckt, wird unterschiedlich behandelt. Generell helfe bei trockenen Augen immer etwas, das gut befeuchtet – etwa Hyaluron ohne Konservierungsmittel, erklärt die Expertin. Sehr schmerzhaft wird von Betroffenen die Bindehautentzündung erlebt. Diese erkennt man daran, dass die Augen rot sind und ein Sekret abgesondert wird. Sarah Moussa empfiehlt bei diesen Symptomen, einen Augenarzt bzw. eine Augenärztin aufzusuchen. Für Kontaktlinsenträgerinnen und -träger gilt, während der Erkrankung auf Linsen zu verzichten.Bei hartnäckigen Entzündungen kann ein Abstrich gemacht werden, um herauszufinden, um welchen Keim es sich handelt. 

Beim sogenannten Gerstenkorn handelt es sich wiederum um eine entzündete Drüse im Lidbereich. Ob es sich wirklich um ein Gerstenkorn handelt, kann nur ein Augenarzt bzw. eine Augenärztin erkennen. Spezielle Augentropfen und Lidrandpflege gehören zur Therapie dieser Entzündung. Eine Lidrandentzündung entsteht hingegen häufig im Rahmen eines trockenen Auges. Auch hier ist eine Abklärung von der Augenärztin, vom Augenarzt essenziell, um herauszufinden, um welche Art es sich handelt, sagt Moussa. Dahinter können nämlich auch andere Erkrankungen stecken: etwa die chronischen Hauterkrankungen Neurodermitis oder Rosazea. Fächerübergreifend zu behandeln ist für Sarah Moussa ein wichtiger Punkt: „Heute versteht man immer mehr den großen Zusammenhang. Man denkt ganzheitlicher und genderbasiert. Trockene Augen etwa treten viel häufiger und früher bei Frauen als bei Männern auf“, erklärt die Medizinerin. Auch verschwommenes Sehen kann verschiedene Ursachen haben: Eine falsche Stärke der Brillengläser, grauer oder grüner Star, trockene Augen oder eine Makuladegeneration. Bei letzterer handelt es sich um eine Erkrankung der Netzhaut. 

Auge altert mit

Für Moussa gilt: Wenn sich etwas „anders als sonst“ im Auge anfühlt, sollte man lieber einmal zu viel als zu wenig den Augenarzt bzw. die Augenärztin aufsuchen. Meist erkennt der Spezialist bzw. die Spezialistin sehr schnell, was die Ursache der Beschwerden ist. Der erste Besuch ist bereits im Mutter-Kind-Pass vorgeschrieben. Ab diesem Zeitpunkt sollte man einmal jährlich zur Kontrolle gehen. Auch dann, wenn man keine Brille benötigt und einwandfrei sieht, sind Kontrollen spätestens ab dem 40. Lebensjahr wichtig. Denn wie der Rest des Körpers altern auch die Augen: „Zirka ab dem 40. Geburtstag merken fast alle, dass die Arme zu kurz werden, um etwas scharf lesen zu können. Das liegt an der Altersweitsichtigkeit, die jeden Menschen über kurz oder lang betrifft. Im Laufe der Jahre wird die Linse im Auge immer dicker und fester und kann nicht mehr auf Nähe fokussieren. Ab einem gewissen Punkt kann man das nicht mehr kompensieren“, erklärt Moussa. In fortgeschrittenem Alter wird auch die Linse trüber und ein grauer Star entsteht. Grauer Star und die Altersweitsichtigkeit gehören ebenso zu den alters­bedingten Degenerationen wie weiße Haare oder Falten. Das Risiko für Glaukom (Grüner Star) und Makuladegeneration steigen ebenfalls mit zunehmendem Alter. 

Tipps für gute Sicht

Woran liegt es aber, dass manche Menschen von klein auf eine Brille benötigen und andere auch als Erwachsene sehr gut sehen? Die Entwicklung der Kurzsichtigkeit ist multifaktoriell – dazu gehören genetische und Umweltfaktoren. Besonders bei Kindern kann das häufige Nutzen von Smartphone und Tablet sowie wenig Zeit im Freien die Entwicklung und das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit begünstigen. Anders verhält es sich bei Erwachsenen: „Im Erwachsenenalter führt vermehrte Naharbeit in der Regel nicht mehr zur Entstehung einer Kurzsichtigkeit. Wichtig ist hier vor allem die Risikoanamnese und eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle von Kindern mit entsprechenden Risikofaktoren.“ 

Dem kann man gegensteuern: Hinausgehen und in die Ferne zu blicken, anstatt in das Handy zu schauen, unterstützt dabei. Das macht vor allem im Kindesalter Sinn, denn bis zum 15. Lebensjahr ist das Risiko besonders groß, dass die Dioptrien immer weiter steigen. Sind Eltern kurzsichtig, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihre Kinder später kurzsichtig werden. Das wird bereits beim ersten Augenarzt­besuch eruiert, um so eventuell mit speziellen Brillengläsern die mögliche Kurzsichtigkeit zu verlangsamen, erklärt Moussa. 

Durch die steigende Lebenserwartung sind wir Menschen immer länger auf unsere Augen angewiesen. Sarah Moussa verrät ein paar einfache Tipps, um die Augen möglichst lange gesund zu erhalten: „Die jährliche Kontrolle ist wichtig, denn so erkennt man Veränderungen wie beispielsweise einen hohen Augendruck früh genug, bevor große Schäden entstehen.“ Bei trockenen Augen helfen Bildschirmpausen, befeuchtende Augentropfen und Lidrandpflege. Viel trinken und viel blinzeln helfen dabei, die Tränensekretion in Schuss zu halten. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit Omega- 3-Fettsäuren unterstützt die Augen ebenso. Vermeiden sollte man zu viel Zeit vor dem Bildschirm und Rauchen. Und auch das Reiben der Augen wirkt sich negativ aus: Wer permanent seine Augen reibt, kann damit die Hornhaut beschädigen. Auch zu viel UV-Strahlung kann zu Veränderungen am Auge und zu einer verfrühten Makuladegeneration führen. Menschen, die viel im Freien arbeiten, neigen etwa dazu, früher an grauem Star zu leiden, erklärt Moussa. Daher gilt: Eine Sonnenbrille mit ausreichendem UV-Schutz ist unverzichtbar. Wer also gut auf seine Augen schaut, behält den Durchblick – und das ein Leben lang.


Was hat es mit Tränen auf sich?

Tränen sind mehr als ein Zeichen von Traurigkeit. Es gibt drei Arten: Basaltränen halten die Augen feucht, Reflextränen schützen vor Reizstoffen und emotionale Tränen entstehen bei starken Gefühlen. Letztere enthalten mehr Stresshormone 

und können seelische Anspannung lindern. Tränen schützen außerdem vor Keimen und stärken soziale Bindungen. Statistisch gesehen weinen Frauen häufiger als Männer. Männer hingegen verlieren beim Weinen meist größere Mengen Tränenflüssigkeit. Babys weinen zwar von Geburt an, sichtbare Tränen bilden sich jedoch erst nach einigen Wochen, wenn die Tränendrüsen vollständig entwickelt sind. Tränen übernehmen eine wichtige Schutzfunktion, denn sie enthalten das Enzym Lysozym, das Bakterien zerstört und die Augen vor Infektionen schützt. Und auch sozial spielen Tränen eine Rolle: Sie signalisieren Verletzlichkeit, fördern Mitgefühl und können zwischenmenschliche Bindungen stärken.


Fotos: ZVG, Istockphoto/ EyeEm Mobile GmbH

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