Heilpflanzen & Phytotherapie

Rote Vitaminbomben

Leuchtend rot, fruchtig-säuerlich und voller wertvoller Inhaltsstoffe: Warum die Hagebutte gerade in der kalten Jahreszeit ein echtes Naturtalent ist und wie sie sich am besten verwenden lässt, erklärt Dr. Christine Reiler.

Wenn sich im Spätsommer und Herbst die Früchte der Wildrosen leuchtend rot färben, beginnt die Zeit der Hagebutte. Die kleinen Früchte, meist von der Hundsrose, botanisch Rosa canina, sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern stecken auch voller wertvoller Inhaltsstoffe. Schon in der Volksmedizin wurden sie zur Stärkung in der kalten Jahreszeit eingesetzt – und auch die moderne Phytotherapie beschäftigt sich zunehmend mit ihrer Wirkung.

Ein Star in Sachen Vitamin C

Hagebutten sind echte Vitamin-C-Bomben: 100 Gramm frische Früchte können rund 500 Milligramm Vitamin C und damit ein Vielfaches unseres täglichen Bedarfs liefern. Je nach Sorte und Reifegrad kann ihr Vitamin-C-Gehalt deutlich höher sein als jener von Zitrusfrüchten. Vitamin C unterstützt die normale Funktion des Immunsystems, schützt die Zellen vor oxidativem Stress und wird für die Bildung von Kollagen benötigt – und damit auch für Haut, Knorpel, Knochen und Blutgefäße.

Daneben liefert die Hagebutte Carotinoide, Flavonoide, Pektine, Mineralstoffe und weitere sekundäre Pflanzenstoffe. Besonders interessant ist die Hagebutte im Zusammenhang mit unseren Gelenken. In standardisiertem Hagebuttenpulver wurden sogenannte Galaktolipide untersucht. Gemeinsam mit den antioxidativen Pflanzenstoffen könnten sie entzündliche Prozesse beeinflussen.

Einige klinische Studien deuten darauf hin, dass Hagebuttenpulver bei Menschen mit Arthrose Schmerzen und Gelenksteifigkeit leicht reduzieren kann. Die Datenlage ist allerdings noch nicht eindeutig genug, um die Hagebutte als Ersatz für eine klassische Arthrosetherapie zu betrachten. Als ergänzende Maßnahme könnte sie jedoch durchaus interessant sein. Traditionell wird die Hagebutte außerdem bei Erkältungen und zur allgemeinen Stärkung eingesetzt.

Wichtig dabei: Vitamin C ist hitzeempfindlich. Wird Hagebuttentee lange gekocht oder mit kochendem Wasser übergossen, geht ein Teil davon verloren. Am besten greift man daher zu den frischen Früchtchen.

Vielseitig in der Küche

Auch kulinarisch lässt sich die Hagebutte wunderbar verwenden, beispielsweise für Mus, Marmelade, Chutneys oder Sirup. Wer die Früchte selbst verarbeitet, sollte allerdings etwas Geduld mitbringen: Die feinen Härchen rund um die Kerne müssen sorgfältig entfernt werden. Viele kennen sie vermutlich noch aus Kindertagen als „Juckpulver“.

Eine einfache Möglichkeit, die Hagebutte für die kalte Jahreszeit haltbar zu machen und gleichzeitig das Immunsystem zu unterstützen, ist ein Oxymel – eine traditionelle Mischung aus Honig und Essig. Dafür etwa zwei Handvoll gewaschene und zerkleinerte Hagebutten – auch hier bitte ohne Kerne – in ein sauberes Glas geben.

Mit ungefähr zwei Teilen Honig und einem Teil naturtrübem Apfelessig vollständig bedecken, gut verschließen und zwei bis drei Wochen ziehen lassen. Zwischendurch immer wieder schütteln und anschließend abseihen. Wer es gerne noch etwas kräftiger hat, kann Ingwer, rote Zwiebel, Kapuzinerkresse, Pfeffer oder Knoblauch hinzugeben.

Ein bis zwei Teelöffel davon in einem Glas Wasser ergeben ein fruchtig-säuerliches Getränk. Am besten nicht mit heißem Wasser mischen, damit möglichst viel Vitamin C erhalten bleibt. In diesem Sinne: Prost – und kommen Sie gut und gesund durch die kalte Jahreszeit!


Dr. Christine Reiler
„Aus der Phytotherapie sind hier besonders Eibisch und Malve interessant.“

MEDIZIN POPULÄR-Leserin Natascha H. fragt: Mein Papa ist an Krebs erkrankt und hat nach einer Strahlentherapie im Mund- und Rachen­bereich mit einer ausgeprägten Mundtrockenheit und einem verminderten Speichelfluss zu kämpfen. Haben Sie einen Tipp aus der Pflanzenheilkunde?

Mundtrockenheit, medizinisch Xerostomie genannt, tritt häufig nach einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich im Rahmen einer Krebstherapie auf. Werden dabei die Speicheldrüsen geschädigt, produzieren sie weniger Speichel und das kann Sprechen, Schlucken und Essen erschweren. Nachdem Speichel auch eine Schutzfunktion hat, erhöht dessen Fehlen außerdem das Risiko für Karies und Infektionen der Mundschleimhaut.

Aus der Phytotherapie sind hier besonders Eibisch und Malve interessant. Beide Pflanzen sind reich an sogenannten Schleimstoffen. Diese quellen in Verbindung mit Wasser auf und bilden einen feinen, beruhigenden Schutzfilm auf der Schleimhaut. Sie regen die Speichelproduktion zwar nicht direkt an, können aber das unangenehme Gefühl von Trockenheit, Brennen und Reizung lindern. Besonders die Eibischwurzel besitzt einen hohen Schleimstoffgehalt und wird traditionell bei gereizter Mund- und Rachenschleimhaut eingesetzt.

Ideal ist ein Kaltauszug: Dafür übergießen Sie einen Teelöffel geschnittene Eibischwurzel mit 150 ml kaltem Wasser und lassen das Gemisch ein bis zwei Stunden ziehen. Anschließend abseihen und den Mund damit mehrmals täglich spülen oder die Flüssigkeit schluckweise trinken. Auch Malvenblätter und -blüten enthalten reichlich Schleimstoffe. Ein Malventee kann mehrmals täglich zum Befeuchten oder Spülen des Mundes verwendet werden.

Alkoholhaltige Tinkturen würde ich bei trockener und empfindlicher Mundschleimhaut dagegen vermeiden. Zusätzlich helfen kleine Schlucke Wasser, zuckerfreier Kaugummi und Speichelersatzpräparate. Wichtig: Eibisch und Malve können Beschwerden lindern, eine durch die Krebstherapie geschädigte Speicheldrüse aber nicht heilen. Bei anhaltender Xerostomie sollte deshalb eine Expertin, ein Experte aus Onkologie und Zahnmedizin konsultiert werden.


Fotos: Barbara Nidetzky,  istock: vencavolrab, xxmmxx, Svetlana Moon

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