Sie entwickelt sich oft schleichend, schwächt die Abwehrkräfte und erhöht die Sturzgefahr: Wie es zu Mangelernährung im Alter kommt, auf welche Warnzeichen man achten sollte und wie Mahlzeiten nicht nur schmecken, sondern den Körper auch optimal versorgen.
Von Natascha Gazzari
„Ausgewogene Ernährung im Alter muss alltagstauglich, genussvoll und nährstoffreich sein.“
Seit Juttas Ehemann vor zwei Jahren verstorben ist, mangelt es im Leben der 82-Jährigen an vielem: Durch ihre eingeschränkte Mobilität kann sie die Wohnung nur mit Hilfe verlassen, Treffen mit Freundinnen oder Theaterbesuche sind dadurch nur mehr selten möglich und die Einsamkeit setzt ihr zu. Das tägliche Kochen, das früher eine Selbstverständlichkeit war, wird immer mehr zum Problem. Es fehlt nicht nur an der Motivation zum Kochen, sondern auch am Appetit. „Oft habe ich das Gefühl, sie ernährt sich fast ausschließlich von Brot und den knapp 30 Tabletten, die sie täglich einnehmen muss“, erzählt ihre Tochter besorgt. Sie befürchtet, dass es bei dieser einseitigen Ernährung zu einer Unterversorgung mit den wichtigsten Nährstoffen kommen und sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter weiter
verschlechtern könnte.
Juttas Geschichte ist kein Einzelfall, wie Priv.-Doz. Dr. Doris Eglseer, MSc BBSc, Diätologin am Institut für Pflegewissenschaft der Medizinischen Universität Graz, berichtet: „Mangelernährung im Alter ist keine Seltenheit. Wir gehen davon aus, dass je nach Lebenssituation zehn bis 50 Prozent der älteren Menschen betroffen sind.“ Von Mangelernährung (auch Malnutrition) spricht man, wenn der Körper über längere Zeit nicht ausreichend mit Energie, Proteinen und anderen Nährstoffen wie Vitaminen oder Mineralstoffen versorgt wird. Aus Sicht der Diätologin wird Mangelernährung oft unterschätzt – sowohl von den Betroffenen selbst als auch vom Gesundheitspersonal. „Viele Betroffene sind nicht untergewichtig. Mangelernährung kann jedoch auch bei normalem oder sogar erhöhtem Körpergewicht auftreten. Entscheidend ist die unzureichende Zufuhr von Energie und vor allem Protein.“
Die häufigsten Ursachen
Mangelernährung entsteht nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich oft schleichend: Die Betroffenen haben zunächst etwas weniger Appetit, essen kleinere Portionen oder lassen Mahlzeiten ausfallen. Meist ist es ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das die Entstehung einer Mangelernährung begünstigt: Altersbedingte Veränderungen der Hunger- und Sättigungsregulation führen dazu, dass Hunger- und Durstgefühl nachlassen. Manche Medikamente wie Schmerzmittel, Herzmedikamente oder Antidepressiva können als unerwünschte Nebenwirkungen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit oder Geschmacksveränderungen auslösen. Funktionelle Einschränkungen wie Kau- und Schluckprobleme führen dazu, dass harte oder trockene Lebensmittel, aber auch Fleisch, Obst und Gemüse gemieden werden. „Fallen diese Nahrungsmittel weg, kann es zu einer Unterversorgung mit Eiweiß, Energie und Vitaminen kommen“, ergänzt Eglseer. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen soziale Faktoren wie Einsamkeit: Alleinlebenden fehlt es häufig an Essensstruktur, die Motivation, für sich allein zu kochen sinkt, Mahlzeiten werden sehr einfach gehalten oder ausgelassen. „Häufig wird dann viele Tage hintereinander das Gleiche gegessen und die so wichtige Vielfalt in der Ernährung fehlt“, so die Diätologin. Oft ist es schlicht fehlendes Wissen über den Bedarf an Nährstoffen im Alter, der zu einer unzureichenden Versorgung führt.
Warnsignale erkennen
„Häufig wird Mangelernährung erst erkannt, wenn bereits Folgen wie Gewichtsverlust, Muskelschwäche oder erhöhte Infektanfälligkeit auftreten“, so die Expertin. Umso wichtiger ist es, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und die Ernährung entsprechend anzupassen, noch bevor es zu deutlichem Gewichtsverlust kommt und wertvolle Muskelmasse verloren geht. Die oben beschriebenen Veränderungen beim Essverhalten sind ein wichtiger, jedoch nicht der alleinige Risikofaktor für die Entstehung von Mangelernährung. Auch Bereiche, die nicht sofort mit der Ernährung in Verbindung gebracht werden, können wichtige Alarmzeichen sein. So können schnelleres Ermüden, ein unsicherer Gang oder häufiges Hinsetzen nach kurzen Anstrengungen Anzeichen für einen Kraft- und Muskelabbau sein, der durch Mangelernährung ausgelöst wurde. Ziehen sich ältere Menschen vermehrt aus dem Alltag zurück und klagen über eine allgemeine Schwäche und Antriebslosigkeit, sollte man ebenfalls an Mangelernährung denken. Nicht zuletzt kann sich die Unterversorgung mit Nährstoffen in Form einer erhöhten Infektanfälligkeit oder einer langsameren Wundheilung zeigen. Für Angehörige von älteren Menschen hat die Expertin noch einen einfachen praktischen Tipp, der dabei helfen kann, das Risiko von Mangelernährung einzuschätzen: „Werfen Sie einen Blick in den Kühlschrank und in den Vorratsschrank: Ist der Kühlschrank oft leer oder finden sich darin verdorbene oder ungeöffnete Lebensmittel, kann das ein wichtiger Hinweis sein.“
Genuss statt strenger Regeln
„Genuss fördert den Appetit“, ist Diätologin Eglseer überzeugt. Eine ausgewogene Ernährung im Alter soll nach Ansicht der Expertin vor allem alltagstauglich, genussvoll und nährstoffreich sein. Fünf bis sechs kleinere Mahlzeiten über den Tag verteilt können leichter gegessen und verdaut werden als drei große Hauptmahlzeiten. Wichtigster Baustein einer altersgerechten Ernährung ist der gezielte Einbau von Protein bei jeder Mahlzeit, um den Eiweißbedarf zu decken. Als Eiweißquellen eignen sich Milchprodukte – allen voran Skyr, der mit 11 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm punktet – sowie Eier, Fleisch, Fisch, Tofu, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Haferflocken und Quinoa. Um einem unerwünschten Gewichtsverlust vorzubeugen, sollten die Mahlzeiten zusätzlich mit qualitativ hochwertiger Energie angereichert werden. Am besten eignen sich dazu hochwertige Pflanzenöle wie zum Beispiel Leinöl, Nussöl, Olivenöl oder Rapsöl, Butter, Schlagobers oder Nussmus. Dadurch lässt sich etwa der Energiegehalt von Gemüse, Erdäpfeln, Beilagen, Suppen, Cremen oder Puddings auf gesunde Art steigern. „Nicht die Menge zählt, sondern der Nährstoffgehalt pro Bissen. Kleine Mahlzeiten können sehr nährstoffreich sein“, so Eglseer.
Bei Kauproblemen können pürierte Mahlzeiten, etwa in Form von Smoothies, cremigen Suppen oder Trinknahrung eine gute Alternative zu festen Nahrungsmitteln sein. Liegen Schluckstörungen vor, sollte die Konsistenzstufe der Mahlzeiten von einer Logopädin bestimmt werden, um ein Verschlucken mit pürierter Nahrung zu vermeiden. Eine generelle Empfehlung der Expertin: „Statt ,Diätküche‘ lieber auf vertraute, gut schmeckende Gerichte setzen. Strenge Ernährungsvorschriften sind im Alter nicht empfehlenswert.“
Flüssigkeitsmangel vorbeugen
Nicht nur der Appetit, auch das Durstgefühl kann mit zunehmendem Alter nachlassen. Medikamente wie Entwässerungsmittel erhöhen den Flüssigkeitsverlust. Oft wird auch bewusst weniger getrunken, aus Angst vor häufigem Toilettengang oder Inkontinenz. Flüssigkeitsmangel entwickelt sich oft schleichend, hat jedoch rasche und ernsthafte Auswirkungen auf die Gesundheit. Folgen eines Flüssigkeitsmangels wie Müdigkeit, Schwindel, Verwirrtheit oder Verstopfung werden häufig nicht erkannt und fälschlicherweise dem Alter zugeschrieben.
Ein Tipp der Expertin: Regelmäßig kleine Mengen trinken, nicht erst bei Durst. An das Trinken sollte man sich erinnern, indem man zum Beispiel morgens einen Wasserkrug auffüllt und versucht, ihn bis zum Abend auszutrinken. Hilfreich können auch spezielle „Trink-Timer“ sein.
Faktencheck Mangelernährung
Was stimmt, was nicht?
„Im Alter braucht man nicht mehr so viel essen, die Hälfte reicht“
Es stimmt, dass der Energiebedarf etwas niedriger ist, jedoch ist der Protein- und Nährstoffbedarf gleich hoch bzw. der Proteinbedarf sogar höher. Deshalb muss besonders darauf geachtet werden, dass die Mahlzeiten abwechslungsreich zusammengesetzt sind und dass jede Mahlzeit ausreichend Eiweiß enthält.
„Ein bisschen Gewichtsverlust ist normal im Alter“
Stimmt nicht! Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust ist immer ein Warnsignal.
„Solange das Gewicht im Normalbereich ist, ist alles in Ordnung“
Auch bei normalem oder Mehrgewicht kann eine Mangelernährung vorliegen. Viel wichtiger ist der Gewichtsverlauf: Zeigt die Waage ohne Veränderung der Essgewohnheiten plötzlich weniger an, sollte man hellhörig werden.
Schneller Genuss mit dem Plus an Eiweiß
Diese beiden Snackideen sind einfach in der Zubereitung, reich an Protein und ein Genuss für zwischendurch (Zutaten für eine Portion).
Beerencreme
- 150 g Skyr natur
- 50 g Beeren (frisch oder aufgetaute Tiefkühlbeeren)
- 1 EL gemahlene Nüsse oder Nussmus
- 1 TL Honig
Alle Zutaten verrühren und genießen – ideal als „Betthupferl“
Kürbiskernaufstrich
- 50 g Topfen (20 % F.i.T.)
- 1 EL fein gemahlene Kürbiskerne
- 1 EL Kürbiskernöl
- 1 EL Joghurt, Salz, optional Kräuter
Zutaten verrühren und zum Beispiel mit fein vermahlenem Vollkornbrot servieren.
Fotos: zvg, Kistockphoto/ tolikoff photography