Infektionen & Immunsystem

Krankheiten auf dem Vormarsch

Sinkende Impfquoten lassen vermeidbare Krankheiten zurückkehren. Dabei können Impfungen nicht nur schützen, sondern auch langfristige Gesundheitsvorteile bringen.

Masern, Keuchhusten oder Hepatitis A: Diese Erkrankungen tauchen wieder häufiger auf. Das liegt an der sinkenden Impfakzeptanz in Teilen der Bevölkerung. Fachleute betonen daher die Bedeutung neuer Aufklärungsmethoden für ein besseres Verständnis für den langfristigen Nutzen von Impfungen. Positive Beispiele, wie die Pneumokokken-Impfung bei Kindern, zeigen den Mehrwert von Impfungen, nämlich, dass Erkrankungen nicht nur bei Kindern, sondern auch älteren Erwachsenen verhindert werden können.

Demenzrisiko minimiert

 „Wir beobachten derzeit, dass Krankheiten, die wir durch hohe Durchimpfungsraten nahezu eliminiert hatten, wieder vermehrt auftreten“, erklärt Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien. „Da die Impfakzeptanz in der Bevölkerung stark gesunken ist, müssen wir bei Aufklärung und Kommunikation bessere oder neue Wege gehen. Wir wissen, dass reine Fakten nicht immer ausreichen. Wir müssen stärker an der persönlichen Identifikation mit dem Thema Impfen ansetzen und das Vertrauensverhältnis zwischen Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt stellen“, betont Wiedermann-Schmidt. Darüber hinaus hebt die Expertin hervor, dass Impfungen nicht nur vor der akuten Erkrankung schützen, sondern auch einen Mehrwert gegenüber anderen Erkrankungen haben können. So kann etwa eine Influenza-Impfung oder eine RSV-Impfung das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall senken. Ähnliches gilt für die Herpes-Zoster-Impfung, die nicht nur gegen die Gürtelrose und damit verbundene Nervenschmerzen schützt, sondern auch signifikant das Risiko für Demenz reduzieren kann. „Der Nutzen von Impfungen geht also weit über den unmittelbaren Schutz hinaus. Das ist den meisten nicht bewusst und wird in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich unterschätzt“, so Wiedermann-Schmidt.

Masern am Vormarsch

Die Folgen sinkender Impfbereitschaft sind bereits sichtbar. Masern breiten sich weltweit wieder aus, teils innerhalb weniger Jahre. Österreich liegt bei den Neuinfektionen im europäischen Spitzenfeld. Gleichzeitig zeigen Beispiele wie das Pneumokokken-Kinderimpfprogramm, das gut angenommene Impfstrategien nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene indirekt schützen. Umgekehrt veranschaulicht der Anstieg der Keuchhustenfälle, wie wichtig regelmäßige Auffrischungsimpfungen in allen Altersgruppen sind. Ähnliches gilt für Hepatitis A: 2025 wurde eine Verdreifachung von Hepatitis-A-Erkrankungen und Ausbrüche verzeichnet, da in der Bevölkerung deutliche Impflücken bestehen. „Die Entwicklung zeigt, wie schnell wir Erfolge verlieren, wenn die Durchimpfungsrate sinkt – und wie viel wir gewinnen können, wenn wir gemeinsam Verantwortung für den Schutz vor Infektionskrankheiten übernehmen“, fasst Wiedermann-Schmidt zusammen.

Vielschichtige Impf-Möglichkeiten

Impfungen sind eine wichtige Säule in der Gesundheitsprävention, betont Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer. „Wichtig ist, Impflücken zu vermeiden, daher sollten unter anderem die Vorsorgeuntersuchungen dazu dienen, den Impfpass zu checken, um die Auffrischungsimpfungen im Blick zu haben“, sagt er. Zudem verweist er darauf, dass alle Ärztinnen und Ärzte impfen können: „Begleitpersonen können sich beispielsweise, wenn sie bereits für eine Eltern-Kind-Pass-Untersuchung oder Impfung dort sind, gleich beim Kinderarzt mit impfen lassen“, betont er die vielschichten Möglichkeiten, sich bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zu impfen. 

Impfen kann Leben retten

„Beim Thema Durchimpfungsrate gibt es in Österreich nach wie vor nichts zu beschönigen. Die offiziellen WHO-Zahlen geben – wie auch schon in den vergangenen Jahren – ein schlichtweg katastrophales Bild ab. Während es weltweit bei der dritten Dosis Diphtherie, Tetanus und Pertussis eine Durchimpfungsrate von 93 Prozent gibt, liegt Österreich mit 85 Prozent am unteren Ende der Liste. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES wurden 2024 insgesamt 15.465 Pertussis-, also Keuchhusten-Erkrankungen gemeldet, ein wenige Wochen altes Baby in der Steiermark ist daran sogar verstorben. Das entspricht annähernd dem Infektionsgeschehen von 1959, also vor Einführung des nationalen Impfprogrammes“, fasst Gerhard Kobinger von der Österreichischen Apothekerkammer die aktuelle Situation zusammen. Eine ähnlich schlechte Durchimpfungsrate gibt es laut WHO auch bei Masern (zweite Dosis weltweit 91 Prozent, in Österreich 84 Prozent) oder Polio (dritte Dosis weltweit 93 Prozent, in Österreich 85 Prozent). „Auffrischungsintervalle wie beispielsweise gegen FSME oder Diphtherie, Tetanus, Pertussis und Polio können sich mit dem Alter ändern. Doch kaum jemand beschäftigt sich damit. Der entsprechende Schutz gegen diverse Erkrankungen ist aber nur durch die Auffrischung in den richtigen Abständen gewährleistet. Deshalb ist ein Impfpass in jedem Alter wichtig“, sagt Kobinger.


Fotos: istock/wassam siddique

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