Krebserkrankungen, Männergesundheit

Moderne Prostatakrebsmedizin: So individuellwie der Patient

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes – und zugleich eine der komplexesten. Fortschrittliche Diagnostik und maßgeschneiderte Therapien ermöglichen heute eine Behandlung, die sich konsequent am einzelnen Patienten orientiert.

Von Michaela Neubauer

Prim. Dr. Clemens G. Wiesinger, MSc, FEBU
„Eine aktive Überwachung schützt vor unnötigen Nebenwirkungen und erhält die Lebensqualität.“ 

Prostatakrebs kennt viele biologische Gesichter“, sagt Prim. Dr. Clemens G. Wiesinger, MSc, FEBU, Leiter der Urologie und des zertifizierten Prostatakrebszentrums am Klinikum Wels-Grieskirchen. „Das Spektrum reicht von langsam wachsenden Tumoren ohne unmittelbaren Behandlungsbedarf bis hin zu hochaggressiven Verlaufsformen, die rasches und konsequentes Handeln erfordern. Heute können wir meist sehr genau einschätzen, wie aggressiv ein Tumor ist und welches Verhalten zu erwarten ist. Das ermöglicht es uns, Übertherapie zu vermeiden – und dort entschlossen zu handeln, wo es notwendig ist.“

Stufenweise Diagnostik

Die moderne Prostatakrebsdiagnostik verlässt sich nicht mehr auf isolierte Messwerte, sondern auf das intelligente Zusammenspiel mehrerer Verfahren. Der PSA-Wert bleibt dabei ein wichtiger Ausgangspunkt. „Er liefert häufig den ersten Hinweis“, erklärt Wiesinger, „ersetzt aber keine differenzierte Abklärung.“

Eine zentrale Rolle nimmt heute die multiparametrische Magnetresonanztomografie (MRT) der Prostata ein. Sie analysiert nicht nur die Anatomie, sondern lässt auch Rückschlüsse auf das Vorliegen bösartigen Gewebes zu. Dadurch lassen sich verdächtige Areale deutlich besser von gutartigen Veränderungen unterscheiden. Diese gezielte Bildgebung in Kombination mit der Ultraschall-Fusion oder der Mikro­ultraschall-Fusion bildet die Grundlage für eine präzise Stanzbiopsie und erhöht die diagnostische Sicherheit erheblich.

Zeigt sich der Verdacht auf einen aggressiven Tumor, kommt mit dem PSMA-PET-CT ein hochsensibles Hybridverfahren zum Einsatz. Ein schwach radioaktiver Marker bindet gezielt an Prostatakrebszellen und macht selbst kleinste Tumorherde sowie mögliche Absiedelungen sichtbar. „Damit erkennen wir in der Regel, ob die Erkrankung auf die Prostata begrenzt ist oder ob bereits Lymphknoten, Knochen oder andere Organe betroffen sind“, so der Primar. „Diese Information beeinflusst den gesamten Therapieplan.“

In diagnostisch besonders anspruchsvollen Fällen – etwa bei steigenden PSA-Werten trotz unauffälliger Biopsien – stehen zusätzliche Hochpräzisionsverfahren zur Verfügung. Durch die Fusion von PSMA-PET-, MRT- und Ultraschallbildern entsteht eine dreidimensionale Landkarte der Prostata. Wie mit einem Navigationssystem kann die Biopsienadel millimetergenau in die auffälligen Areale geführt werden. „So treffen wir gezielt die biologisch relevantesten Tumoranteile“, erklärt Wiesinger. „Das liefert die Grundlage für eine wirklich maßgeschneiderte Therapie.“

Therapie nach Maß statt nach Schema 

Die präzisere Diagnostik hat die therapeutischen Möglichkeiten entscheidend erweitert. Bei Tumoren mit niedrigem Risiko kann eine aktive Überwachung sinnvoll sein. Die Erkrankung wird engmaschig kontrolliert, ohne sofort zu behandeln. „Das schützt vor unnötigen Nebenwirkungen und erhält die Lebensqualität“, betont der Leiter der Urologie.

Ist der Tumor lokal begrenzt, stehen neben Operation und moderner Strahlentherapie auch experimentelle fokale Therapien zur Verfügung. Ihr Prinzip: Nicht die gesamte Prostata wird behandelt, sondern gezielt der Tumorherd. Die derzeit gängigste Methode ist der hochintensive fokussierte Ultraschall (HIFU). Gebündelte Ultraschallwellen zerstören das Tumorgewebe durch Hitze, während umliegende Strukturen geschont werden. „Das Risiko für Inkontinenz und Erektions­störungen ist deutlich geringer als bei einer vollständigen Prostatektomie“, so Wiesinger. Voraussetzung ist eine exakte Lokalisierung des Tumors.

Bei fortgeschrittenen oder metastasierten Erkrankungen kommen multimodale Therapiekonzepte zum Einsatz, die Operation, Bestrahlung und medikamentöse Verfahren gezielt kombinieren.

Auch im Operationssaal hält noch mehr Präzision Einzug: Mit der konfokalen Laser-auflichtmikroskopie können Schnittränder bereits während des Eingriffs beurteilt werden. Die Chirurgin bzw. der Chirurg erkennt in Echtzeit, ob er sich im gesunden Gewebe befindet. „Gerade bei der Prostata hilft uns diese Technik, onkologische Sicherheit und Funktionserhalt optimal auszubalancieren“, sagt der Primar. „So viel wie nötig – so wenig wie möglich.“

Wissen nimmt Angst

Trotz aller Innovationen bleibt die Früherkennung der wichtigste Aspekt. Früh diagnostiziert, sind die Heilungschancen sehr gut. „Wissen nimmt Angst“, sagt Wiesinger. „Informierte Patienten treffen überlegt Entscheidungen und gehen stabiler durch den gesamten Behandlungsprozess.“ Öffentliche Information und Aufklärung spielen daher eine zentrale Rolle – als Ergänzung zur modernen Medizin und als Grundlage für selbstbestimmte Gesundheitsvorsorge.


Fotos:  klinikum wels-grieskirchen, istockphoto/drafter123

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