Wann braucht mein Kind eine Zahnspange, welche eignet sich am besten und worauf muss man achten? Kieferorthopäde Dr. Martin Nierscher gibt Antworten.
Von Angelika Kraft
Was sind die ersten Signale, die darauf hindeuten, dass ein Kind möglicherweise eine Zahnspange braucht?
Es gibt einige typische Hinweise: Wenn Kinder Probleme beim Kauen oder Sprechen haben, sich häufig auf die Lippen beißen oder sich sogar am Gaumen verletzen. Auch Mundatmung oder starkes Schnarchen können auf Fehlentwicklungen der Zähne oder des Kiefers hinweisen. Grundsätzlich sollten Kinder, bei denen die Milchzähne besonders früh oder sehr spät verloren gehen, kieferorthopädisch begutachtet werden. Ebenso gilt das für jene, die bis über das vierte Lebensjahr hinaus einen Schnuller verwendet oder am Daumen gelutscht haben.
In welchem Alter sollte eine professionelle Beurteilung erfolgen?
Eine erste Abklärung empfehle ich etwa ab dem sechsten Lebensjahr. Oft geht es zu Beginn gar nicht um eine sofortige Behandlung, sondern darum, sich kennenzulernen und die Entwicklung im Blick zu behalten. Kinder bauen so auch Vertrauen auf und erleben den Zahnarztbesuch entspannt.
Und wann beginnt man dann tatsächlich mit einer Behandlung?
Das ist sehr individuell, häufig startet man zwischen dem achten und neunten Lebensjahr, denn hier zeigen sich erste ausgeprägtere Wachstumsprobleme im Kiefer. Zwischen dem zwölften und vierzehnten Lebensjahr, wenn der Zahnwechsel erfolgt ist, lassen sich auch komplexere Fehlstellungen gut korrigieren.
Welche Fehlstellungen treten besonders häufig auf?
Am häufigsten treten vier klassische Fehlstellungen auf: der Überbiss, bei dem der Unterkiefer im Verhältnis verkürzt ist und die oberen Frontzähne die unteren deutlich überdecken; der Kreuzbiss, bei dem die oberen Zähne innen statt außen auf die unteren Zähne beißen; der Engstand, wenn im Kiefer zu wenig Platz vorhanden ist und die Zähne dadurch gedreht, gekippt oder überlagert stehen; sowie der offene Biss, bei dem zwischen oberen und unteren Schneide- oder Seitenzähnen eine sichtbare Lücke bestehen bleibt. Manche dieser Fehlstellungen gleichen sich im Verlauf des Zahnwechsels noch aus, andere bleiben bestehen. Dann ist eine kieferorthopädische Behandlung mit einer Zahnspange sinnvoll.
Welche Arten von Zahnspangen kommen heutzutage zum Einsatz?
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen der klassischen festsitzenden Zahnspange und herausnehmbaren Geräten. Dazu zählen etwa spezielle Spangen für den Ober- und Unterkiefer oder Dehnplatten zur Erweiterung des Kiefers. Besonders gefragt sind heute auch sogenannte Aligner – Schienen, die rund 20 Stunden täglich getragen werden und nur zum Essen und zum Zähneputzen herausgenommen werden.
Gibt es auch „schöne“ Zahnspangen für Kinder?
Ja, und das hilft oft enorm bei der Motivation. Bei klassischen Zahnspangen gibt es etwa farbige Gummiringe, teilweise sogar mit Glitzereffekt. Einige Apparaturen lassen sich auch individuell bedrucken. So haben wir beispielsweise für einen jungen Patienten eine spezielle „Rapid“-Spange anfertigen lassen. Solche Lösungen machen die Behandlung für viele Kinder spielerischer und erhöhen die Bereitschaft zur Mitarbeit deutlich.
Was sind die größten technischen Veränderungen der vergangenen Jahre?
Ein großer Fortschritt ist die Digitalisierung. Klassische Abdrücke mit Abdruckmasse gehören zunehmend der Vergangenheit an. Stattdessen werden die Zähne digital gescannt und dreidimensional dargestellt. Das macht die Planung nicht nur präziser und effizienter, sondern auch verständlicher: Patientinnen und Patienten können vorab sehen, wie sich ihre Zähne im Laufe der Behandlung verändern werden.
Tut eine Zahnspange weh?
In den ersten vier bis fünf Tagen nach dem Einsetzen oder Nachstellen kann ein Druckgefühl auftreten. Viele beschreiben es wie einen „blauen Fleck“ an den Zähnen: Im Ruhezustand kaum spürbar, beim Kauen oder Zubeißen deutlicher. Ob und wie stark ein Schmerz empfunden wird, ist sehr individuell und hängt auch von der Einstellung ab. Kinder, die motiviert sind, kommen meist besser damit zurecht. Bei Bedarf können leichte Schmerzmittel helfen.
Was müssen Kinder im Alltag beachten?
Die Mundhygiene ist das A und O. Bei festsitzenden Zahnspangen sollte idealerweise dreimal täglich gründlich geputzt werden. Zusätzlich kommen kleine Zwischenraumbürstchen zum Einsatz, um die Bereiche rund um Brackets und Drähte sauber zu halten. Das ist nicht nur wichtig, um Entzündungen und Karies zu vermeiden, auch der Behandlungserfolg hängt davon ab. Bleiben Beläge in den Brackets, kann die Kraftübertragung gestört werden und die Zähne bewegen sich nicht wie geplant.
Wie lange dauert eine Behandlung?
Das hängt stark von der Ausgangssituation und der Mitarbeit ab. Frühbehandlungen dauern etwa 12 bis 15 Monate. Eine klassische festsitzende Zahnspange nach dem Zahnwechsel wird im Schnitt 18 bis 24 Monate getragen.
Fotos: zvg, istockphoto: Vladimir Kononok