Mund & Zähne

Wenn Zahnfleisch die Lunge belastet

Eine aktuelle Studie zeigt: Schwere Parodontitis kann das Risiko für Lungenkrebs erhöhen. Zahnärztin Diana Svoboda, ärztliche Leiterin der diPura Zahnklinik Essen, erläutert die Hintergründe. 

Dr. Diana Svoboda
Bakterielle Bestandteile und Entzündungsbotenstoffe können in den Blutkreislauf übertreten und eine Entzündung im gesamten Körper fördern.

Warum bedeuten Entzündungen im Mund eine Gefahr für die Lunge?

Aus zahnärztlicher Sicht gibt es dafür vor allem zwei plausible Erklärungen: Erstens können Bakterien aus dem Mundraum in die Atemwege gelangen – etwa im Schlaf oder bei Schluckstörungen. Bei einer Parodontitis verschiebt sich die Mundflora zugunsten entzündungsfördernder Keime. Gelangen diese durch sogenannte Aspiration in die Lunge, können sie dort Entzündungsprozesse begünstigen. Dieses Zusammenspiel beschreibt man als „Oral-Lungen-Achse“. Zweitens handelt es sich bei Parodontitis um eine chronische Entzündung. Die Zahnfleischtaschen sind gewissermaßen dauerhafte Wundflächen. Bakterielle Bestandteile und Entzündungsbotenstoffe können in den Blutkreislauf übertreten und eine systemische, niedriggradige Entzündung im gesamten Körper fördern. Ähnliche Zusammenhänge sind bereits von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt.

Was hat die aktuelle Studie gezeigt?

Die US-amerikanische Langzeitstudie beobachtete, dass Menschen mit schwerer Parodontitis ein rund dreifach erhöhtes Risiko für Lungenkrebs-Neuerkrankung und -Sterblichkeit hatten. Das ist ein deutlicher Zusammenhang – auch wenn es sich um eine Beobachtungsstudie handelt und keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung bewiesen werden kann.

Überraschend war, dass Zahnverlust teils mit geringerem Risiko verbunden war. Wie lässt sich das erklären?

Das wirkt zunächst paradox. Eine mögliche Erklärung ist, dass stark entzündete Zähne entfernt wurden und damit die akute bakterielle Last sank. Zudem wurde Parodontitis nur an vorhandenen Zähnen gemessen. Fehlen viele Zähne, gibt es weniger entzündete Taschen, die statistisch erfasst werden können. Solche Verzerrungen sind bei Beobachtungsstudien nicht ungewöhnlich. Wichtig ist: Der beobachtete „Schutzeffekt“ war deutlich schwächer als das erhöhte Risiko durch schwere Parodontitis. 

Welche Rolle spielt Rauchen bei der Bewertung solcher Studien?

Rauchen ist ein zentraler Risikofaktor sowohl für Lungenkrebs als auch für Parodontitis. Studien versuchen, diesen Einfluss statistisch zu berücksichtigen. Dennoch bleibt immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor, etwa weil Rauchgewohnheiten sich ändern oder nicht exakt erfasst werden. Die Ergebnisse zeigen daher eine klare Assoziation, aber keine endgültige Kausalität. Klinisch relevant ist der Zusammenhang dennoch.

Warum sollte man Parodontitis ernster nehmen – auch über den Mund hinaus?

Parodontitis ist keine harmlose Zahnfleischentzündung, sondern eine chronische Entzündungserkrankung. Unbehandelt kann sie Zahnverlust verursachen und die Kaufunktion, Ernährung, Lebensqualität und oft auch das Selbstbewusstsein beeinträchtigen.

Nicht behandelt belastet Parodontitis den Körper über Jahre mit Entzündungsmediatoren, was wiederum mit anderen chronischen Erkrankungen zusammenhängt. Wichtig ist dabei die Abgrenzung zur Gingivitis, also der reinen Zahnfleischentzündung. Sie stellt das Anfangsstadium dar und ist in der Regel noch vollständig reversibel. Wird sie frühzeitig erkannt und konsequent behandelt, kann sich das Zahnfleisch wieder vollständig regenerieren. Entwickelt sich daraus jedoch eine Paradontits, muss diese kontinuierlich therapiert werden. Bereits verlorene Knochensubstanz lässt sich dabei nicht vollständig wiederaufbauen. 

Was bedeutet das für die Prävention?

Aus meiner Sicht müssen wir die Mund­gesundheit viel stärker in die allgemeine Prävention einbinden. Schon kurze Checks bei der Hausärztin, beim Hausarzt, bei denen nach Zahnfleischbluten oder lockeren Zähnen gefragt wird, könnten viele Risiko­patientinnen und -patienten früh erkennen. Wichtig ist außerdem eine engere Verzahnung mit Rauchstopp-Programmen und Lungen-Screenings. Wer dort betreut wird, sollte automatisch auch zur zahnärztlichen Vorsorge weitergeleitet werden. Darüber hinaus brauchen wir gemeinsame Leitlinien und Fortbildungen, damit Hausärztinnen und Hausärzte, Lungenfachärztinnen und -fachärzte sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte besser zusammenarbeiten. Ebenso sollten relevante Befunde wie eine schwere Parodontitis in der elektronischen Patientenakte sichtbar sein. Nicht zuletzt muss Prävention stärker gefördert werden. Viele schwere Erkrankungen entstehen, weil Vorsorge zu selten stattfindet oder zu spät beginnt. Investitionen in Aufklärung und regelmäßige Kontrollen zahlen sich langfristig für die Gesundheit aus.


Fotos: zvg, istockphoto: Elen Bushe

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