Ein plötzlicher Krampfanfall des geliebten Haustiers ist für Tierhalterinnen und -halter ein Schockmoment. Wie Epilepsie entsteht und wie man im Notfall richtig reagiert.
„Den meisten Patienten mit Epilepsie geht es zwischen den Anfällen gut. Sie haben keine bleibenden neurologischen Symptome.“
Für viele Tierbesitzerinnen und -besitzer ist es ein Albtraum: Das Tier fällt plötzlich um, die Muskeln verkrampfen, Speichel läuft aus dem Maul – doch nach wenigen Minuten scheint alles wieder normal. Etwa ein Prozent aller Hunde sind von Epilepsie betroffen, bei Katzen tritt die Krankheit etwas seltener auf. „Die häufigste Form ist die sogenannte idiopathische Epilepsie“, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. vet. Ákos Pakozdy, Fachtierarzt für Neurologie an der Vetmeduni Wien. „Sie tritt ohne sichtbare Veränderungen im Gehirn auf. Vermutlich steckt eine genetische Ursache dahinter, auch wenn wir diese bisher nur bei wenigen Rassen eindeutig belegen konnten.“ Bestimmte Rassen wie Border Collies, Australian Shepherds oder Beagles können ein höheres Epilepsie-Risiko aufweisen. „Bei Katzen sehen wir Epilepsie insgesamt seltener, aber auch hier gibt es Tiere mit wiederkehrenden Anfällen ohne erkennbare Ursache“, ergänzt Pakozdy.
Im Gegensatz zur idiopathischen Epilepsie steht die strukturelle Epilepsie, bei der nachweisbare Veränderungen im Gehirn die Anfälle verursachen. Gründe können etwa Traumata, Stoffwechselstörungen oder sogar Infektionskrankheiten sein.
Krämpfe durch andere Ursachen
„Es gibt zahlreiche andere Ursachen, die epilepsieähnliche Symptome hervorrufen können – etwa Vergiftungen oder Stoffwechselstörungen“, so Pakozdy. Die Diagnostik ist daher oft Detektivarbeit. Zunächst erfolgt eine gründliche klinisch-neurologische Untersuchung, ergänzt durch Blut- und eventuell Harnanalysen, um andere Erkrankungen auszuschließen. Ebenso wichtig ist es, den Anfall selbst möglichst genau zu dokumentieren – Videoaufnahmen können dabei hilfreich sein. „Das Verhalten während und nach dem Anfall liefert oft entscheidende Hinweise“, betont der Tierneurologe.
mit Fingerspitzengefühl
Steht die Diagnose Epilepsie fest, wird meist eine Langzeittherapie mit Medikamenten begonnen. „Für Hunde stehen mehrere Präparate zur Verfügung, die gezielt die Erregbarkeit der Nervenzellen senken“, erklärt Pakozdy. „Auch für Katzen haben wir mittlerweile gute Erfahrungen mit verschiedenen Wirkstoffen gesammelt.“
Doch nicht jedes Tier braucht sofort Medikamente. „Manche Tiere haben nur sehr selten Anfälle – vielleicht einmal im Jahr. In solchen Fällen kann man zunächst abwarten“, sagt der Tiermediziner. „Bei häufigeren oder besonders heftigen Anfällen ist eine Therapie jedoch unumgänglich.“ Die richtige Dosierung zu finden, erfordert Geduld. „Wir müssen das Medikament individuell anpassen. Ziel sind möglichst wenige Anfälle – und das bei möglichst guter Lebensqualität.“
Zwischen Alltag und Ausnahmezustand
Wie stark Epilepsie den Alltag beeinflusst, hängt vom Verlauf ab. „Es gibt Tiere, die mit Medikamenten jahrelang stabil bleiben“, berichtet Pakozdy. „Aber es gibt auch therapieresistente Fälle, bei denen trotz Therapie wöchentlich Anfälle auftreten.“ Für Halterinnen und Halter bedeutet das oft eine enorme emotionale Belastung. „Viele sind verunsichert, machen sich Sorgen und haben Angst, etwas falsch zu machen“, sagt der Neurologe. Deshalb sei Aufklärung das Wichtigste: „Wer versteht, was passiert, kann im Ernstfall richtig reagieren.“
Ruhe bewahren!
Was also tun, wenn das Tier plötzlich krampft? „Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren“, betont Pakozdy. „Die meisten Anfälle hören von selbst nach ein bis zwei Minuten auf.“ In dieser Zeit sollte man das Tier vor Verletzungen schützen – Möbel oder Gegenstände in der Nähe wegrücken, Licht dämpfen und das Tier nicht festhalten.
„Manche Tiere bekommen von der Tierärztin oder dem Tierarzt eine Notfallmedikation, die rektal oder über die Nasenschleimhaut verabreicht werden kann“, erklärt er. „Das ist aber nicht immer einfach – daher ist es gut, sich den Umgang damit vorher genau zeigen zu lassen.“ Dauert der Anfall länger als fünf Minuten oder folgen mehrere Anfälle hintereinander, werden solche „at home“-Medikamente verwendet. Wenn aber diese nicht ausreichend
helfen, ist tierärztliche Hilfe notwendig. „In solchen Fällen droht ein sogenannter Status epilepticus – das ist ein medizinischer Notfall. Deshalb ist es gut, zu wissen, wo bei Bedarf ein Notdienst greifbar ist.“
Die gute Nachricht: Mit der richtigen Betreuung, Geduld und einer guten tierärztlichen Begleitung können viele Tiere ein langes, glückliches Leben führen – und ihre Besitzerinnen und Besitzer lernen, mit der Erkrankung gelassener umzugehen.
Fotos: Michael Bernkopf/Vetmeduni, Istockphoto/ hakule