Neurodermitis – Mama, es juckt so!

Februar 2007 | Medizin & Trends

Tipps für besorgte Eltern
 
Quälender Juckreiz, zerkratzte Haut: Jedes zehnte Kind in Österreich erkrankt an Neurodermitis – Tendenz steigend. Doch kein Grund zur Panik: Die meisten Erkrankungen verlaufen mild und hören von allein wieder auf.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Es fing mit einem kleinen roten Fleck im Gesicht an und breitete sich innerhalb von vier Monaten auf den gesamten Körper aus. Die Nächte entwickelten sich zu einem Horrortrip, denn unser Kind kratzte sich wie wild und wachte alle 20 Minuten auf.“ Diese Schilderung einer verzweifelten Mutter wird manchem bekannt vorkommen. In Österreich erkrankt etwa jedes zehnte Kind an Neurodermitis.

Wenngleich diese Erkrankung in unterschiedlicher Intensität auftritt und meist nicht so heftig ausfällt wie anfangs geschildert – die Tendenz ist steigend. „Seit Mitte der 1960er Jahre nehmen allergische Erkrankungen, wie eben die Neurodermitis, kontinuierlich zu“, weiß Oberarzt Dr. Isidor Huttegger von der Abteilung für Pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Salzburger Landesklinik für Kinder- und Jugendheilkunde.

Beginnt im Säuglingsalter
Die atopische Dermatitis, wie Mediziner die Neurodermitis nennen, ist eine meist in Schüben auftretende, chronische Hautentzündung. Sie beginnt typischerweise im Säuglingsalter und kann bis ins Erwachsenenalter andauern. Das Spektrum reicht dabei von minimalen Hautveränderungen bis hin zu einer Rötung der Haut am gesamten Körper. Das Schlimme daran ist der oft quälende Juckreiz. Gerade Kinder können dem Impuls, sich zu kratzen, nicht widerstehen. Die Folge: Das Kind kratzt sich auf, es kann zu Hauteiterungen kommen. Doch Neurodermitis-Experte Huttegger beruhigt: „Der Großteil der Erkrankungen verläuft mild!“

Beim Säugling beginnt die Krankheit meist in Form von geröteten, teilweise nässenden und verkrusteten Hautstellen auf der Kopfhaut, im Gesicht und am Hals. Der Windelbereich ist meist ausgespart.
Ältere Kinder weisen trockene, gerötete und schuppende Hautstellen auf, vor allem an den Ellen- und Kniebeugen, den Hand- und Fußgelenken sowie im Gesicht und am Hals.

Verschwindet oft mit der Pubertät
Als Ursache wird eine genetische Veranlagung vermutet, aber auch eine Störung des Immunsystems oder eine Überempfindlichkeit der Haut. Unmittelbarer Auslöser für einen Krankheitsschub können für manche Patienten allergieauslösende Substanzen wie Nahrungsmittel, Tierhaare, Hausstaubmilbe und Pollen sein, aber auch Wasch- oder Pflegemittel, Infektionen oder psychische Faktoren. Bei vier Fünftel der betroffenen Kinder bessert sich die atopische Dermatitis bis zum Schuleintritt, mit der Pubertät ist die Neurodermitis bei zwei Drittel aller Betroffenen wieder verschwunden.

Allerdings entwickelt sich bei Kindern mit schwerem Verlauf häufiger eine Asthmaerkrankung oder ein allergischer Schnupfen. „Dann ist die atopische Dermatitis die erste Station in der Allergikerkarriere“, erklärt Isidor Huttegger.

Nahrungsmittelallergie abklären
Tatsächlich hängt die Neurodermitis bei etwa 30 Prozent der stärker betroffenen Säuglinge und Kleinkinder mit einer Nahrungsmittelallergie zusammen. Allerdings werde der Einfluss der Ernährung auf den Verlauf der atopischen Dermatitis überschätzt, gibt Huttegger zu bedenken: Nur acht Prozent aller Säuglinge und Kleinkinder leiden unter einer Nahrungsmittelallergie – Eltern hingegen vermuten drei- bis viermal so häufig eine unerwünschte Reaktion auf ein Nahrungsmittel.
Daher reagieren Mütter und Väter oft auch vorschnell mit auf eigene Faust zusammengestellten Diäten und streichen ohne ärztlichen Rat bestimmte Lebensmittel vom Speiseplan der Kleinen. „Bei jeder zweiten selbst gewählten Eliminationsdiät kann man nach eingehender Abklärung empfehlen, sie wieder zu beenden“, weiß Kinderarzt und Allergieexperte Huttegger. Die Diagnose einer Nahrungsmittelallergie ist eine schwierige und zeitaufwändige Sache und kann nicht durch Ratschläge aus dem Bekanntenkreis oder Tipps aus dem Internet ersetzt werden. Huttegger: „Es gibt nicht ,die Neurodermitisdiät‘. Es gibt nur individuell sinnvolle Diäten.“

Weil die Ursache der atopischen Dermatitis nach wie vor unbekannt ist, soll eine Behandlung vor allem die Beschwerden lindern und helfen, einen neuerlichen Schub zu vermeiden. Die Therapie richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung und setzt sich aus verschiedenen Mosaiksteinen zusammen. Nässende Stellen werden zum Beispiel mit feuchten Umschlägen behandelt, sehr trockene, verhornte Hautbereiche hingegen mit rückfettenden Salben. Stark entzündete Stellen müssen mit entzündungshemmenden Cremen eingeschmiert werden. Auch hier gilt: „Es gibt nicht ,die Neurodermitissalbe‘, sondern nur für das jeweilige Erkrankungsstadium adaptierte Cremen oder Salben“, wie Huttegger betont: „Das ist von entscheidender Bedeutung bei der Behandlung!“

Skepsis bei alternativen Therapien
Mit dem chronischen Verlauf der Krankheit, der beeinträchtigten Lebensqualität der kleinen Patienten und ihrer Eltern, der fehlenden Heilungsmöglichkeit und der Angst vor Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie werden viele Eltern nicht fertig. Sie suchen daher ihr Heil in zum Teil kostenintensiven alternativen Therapien. Aus der verständlichen Beunruhigung der Eltern entstehe ein wahrer „Behandler-Tourismus“, der jedoch alles andere als erholsam für die Kinder sei, warnt Huttegger. Es gehöre nun einmal zum Wesen der Neurodermitis, dass sie bei den meisten Betroffenen von alleine wieder verschwindet.
„Die spontanen Besserungen werden häufig der letzten Behandlung zugeschrieben“, erklärt Huttegger das Phänomen, dass manche Eltern auf bestimmte, zum Teil obskure Therapien schwören: „Für diese Therapien fehlt in Wahrheit jedoch oft der Nachweis der Wirksamkeit.“

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Wenn Ihr Baby Neurodermitis hat

  • Baden Sie Ihr Kind nur ein- bis zweimal pro Woche – manchmal ist ein rückfettendes, medizinisches Ölbad von Vorteil. Geben Sie den Badezusatz erst gegen Ende des Bades ins Wasser. Das lauwarme Bad sollte nicht länger als fünf bis zehn Minuten dauern.
  • Direkt auf der Haut sollte Ihr Kind nur Kleidung aus ungefärbter, nicht chemisch behandelter Baumwolle tragen. Vermeiden Sie raue Nähte und Kanten; Etiketten herauslösen! Waschen Sie neue Kleider vor dem ersten Tragen.
  • Achten Sie darauf, dass Ihr Kind kurz geschnittene Fingernägel hat. Ziehen Sie ihm nachts dünne Baumwollhandschuhe an, so dass es sich nicht kratzen kann.
  • Ihr Kind sollte nie zu warm angezogen sein, denn Schwitzen verstärkt den Juckreiz. Bevorzugen Sie weite und luftige Kleidung.
  • Richtige, ärztlich verordnete Hautpflege ist das Um und Auf: „Denn ,die Neurodermitissalbe‘ für alle Stadien gibt es nicht“, wie Dr. Isidor Huttegger betont. Bei trockener, nicht akut entzündeter Haut bewahren fettreiche Produkte die Haut vor dem Austrocknen und erhalten ihre schützende Barrierefunktion aufrecht. Cremen oder Lotionen, die weniger Fett und mehr Wasser enthalten, wirken angenehm kühlend. Akut entzündete Haut sollte auf jeden Fall mit wasserhaltigen Cremen und nicht mit allzu fettreichen Salben behandelt werden.

          

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