Neues Schultergelenk

März 2008 | Medizin & Trends

So kehren Beweglichkeit und Lebensfreude zurück
 
Sie sind ein Wunderwerk an Beweglichkeit, machen aber leider gerade im Alter oft Probleme. Wer „es in den Schultern hat“, kann seine Arme nur eingeschränkt und unter starken Schmerzen drehen und heben. Wenn nichts anderes mehr hilft, kann ein neues Gelenk die Lösung sein. Und hier ist die Medizin jetzt wieder einen Schritt weiter gekommen. Die bereits vierte Generation der Schultergelenksprothesen kann noch besser an die individuellen Gegebenheiten der Patienten angepasst werden und bringt so die oft lang vermisste Beweglichkeit zurück. Lesen Sie, wie ein Wunderwerk ein anderes ersetzen kann.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Schier unerträgliche Schmerzen beim Wäscheaufhängen. Die Haare frisieren – genauso ein Ding der Unmöglichkeit wie das Einseifen beim Duschen. Die Gabel beim Essen vom Teller zum Mund führen – ein Alptraum. Und dann erst die nächtliche Qual: auf der Seite liegen ging gar nicht mehr, Frau Elfriede S. konnte nur mehr auf dem Rücken ein paar halbwegs schmerzfreie erholsame Stunden Schlaf finden.
Die 69-Jährige „hatte es in der rechten Schulter“, ihren Arm konnte sie nur mehr eingeschränkt und unter starken Schmerzen heben und drehen. Nach der Einnahme vieler Schmerzmittel und jahrelanger Physiotherapie, die keine nennenswerte Besserung brachte, riet ihr Arzt zu einem künstlichen Schultergelenk. Seit fünf Monaten dreht und wendet Frau S. ihren rechten Arm fast wie früher, den Alltag kann sie wieder ohne fremde Hilfe bewältigen – und sie ist schmerzfrei: „Ich habe meine Lebensfreude zurück gewonnen!“

Jeder Zweite hat Schulterprobleme
So wie Frau S. mit ihren Schulterproblemen geht es in Österreich jedem zweiten Über-65-Jährigen. Die Therapie der Wahl ist freilich in den seltensten Fällen ein Schultergelenksersatz. Derzeit werden hierzulande pro Jahr insgesamt rund 750 Schulterprothesen, die auf das jeweilige Problem abgestimmt sind, implantiert. Das spezielle Problem von Frau S.: Sie litt an einer Schultergelenksarthrose, also einer Abnützung des Schultergelenks, kombiniert mit einer so genannten Rotatorenmanschettenruptur, also einem Riss in der ebenso wichtigen wie für Verschleiß anfälligen Muskulatur, die den Kopf des Schultergelenks wie eine Haube umgibt (siehe nächste Seite). Dieses spezielle Problem, das sich unter anderem dadurch äußert, dass der betroffene Arm gerade noch 30 Grad vom Körper wegbewegt werden kann, trifft in Österreich schätzungsweise 20.000 Personen. Genau für sie ist der neuartige Schultergelenksersatz gedacht.

Neue Schulter in eineinhalb Stunden
Der Arzt, der Frau S. zu einer derartigen Prothese riet, war Prim. Univ. Prof. Dr. Herbert Resch, Leiter der Universitätsklinik für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie Salzburg und Pionier der Schulterchirurgie in Österreich. Die Vorteile der weiterentwickelten Prothese liegen für Prof. Resch auf der Hand: „Der Chirurg hat unterschiedlich große Prothesenköpfe zur Verfügung und winkelverstellbare Schrauben, so dass der Gelenksersatz individuell auf den Körperbau der Patienten abgestimmt werden kann. Und ein künstliches Gelenk hält ja dann umso länger und verursacht umso weniger Beschwerden, je präziser es eingesetzt wird.“ Bei aller Präzision ist wie bei allen Kunstgelenken auch die Lebenszeit der Schulterprothese begrenzt. Weil meist nur ein Wechsel möglich ist, eignet sich der Gelenksersatz für Menschen über 65 Jahren am besten und wird nur in Ausnahmefällen bei Jüngeren eingesetzt. „Wir glauben allerdings“, so Prof. Resch, „dass mit dem neuen Prothesentyp eine längere Lebensdauer erzielt werden kann, was sich aber erst noch beweisen muss.“
Resch hat die Prothese am 31. Juli vergangenen Jahres erstmals in Österreich einem Patienten eingesetzt. Seither wurde allein an der Salzburger Unfallchirurgie bei bald 20 weiteren Menschen ein derartiger Gelenksersatz implantiert. Prof. Resch: „Die Ergebnisse sind äußerst zufrieden stellend, die Operation gibt den Patientinnen und Patienten bis zu 90 Prozent der Beweglichkeit des Arms zurück. Die operierten Personen, die meist viele Jahre lang starke Schmerzmittel genommen haben, sind nach kurzer Zeit schmerzfrei und können sich wieder selbst versorgen.“
Rund eineinhalb Stunden dauert der chirurgische Eingriff, der in einer Kombination aus Vollnarkose und lokaler Betäubung durchgeführt wird. Für die örtliche Narkose werden über einen Zugang so lange Schmerzmittel direkt in den Schulterbereich verabreicht, wie es notwendig ist. Daher sind die Patienten auch nach dem Erwachen aus der Vollnarkose schmerzfrei, so dass schon am Tag nach der Operation mit Passiv-Übungen des neuen Gelenks begonnen werden kann. Wenig später wird aktiv geübt, Art und Dauer der Übungen werden für jeden Patienten individuell bestimmt und schrittweise gesteigert. Nach etwa vier Wochen ist die Prothese in der Regel gut eingewachsen, nun kann die ambulante Physiotherapie beginnen. Nach etwa drei Monaten ist der Spuk vorbei und die Schulter wieder so beweglich wie in jungen Jahren.

Arthrose: Abnützung mit Folgen
Der Verschleiß des Schultergelenks, medizinisch auch Omarthrose genannt, ist zwar nicht so häufig wie die Arthrose etwa des Hüft- oder Kniegelenks, da das Schultergelenk in der Regel nicht so schwer belastet wird. Die Schultergelenksarthrose tritt daher meist erst im gehobenen Alter auf und entsteht durch den Abrieb und schließlich vollständigen Verbrauch des Knorpels, der wie ein Puffer zwischen Knochen und Gelenkskopf liegt. Das Leiden macht sich durch starke Schmerzen in Ruhe und bei Bewegung, durch Einschränkung der Beweglichkeit und knarrende Geräusche in der Schulter bemerkbar. Die Arthrose kann durch verschiedene Behandlungen (z. B. Injektionen, physikalische Therapie) in ihrem Fortschreiten gebremst werden. Ist die Knorpeloberfläche stark zerstört, hilft meist nur der Einbau eines künstlichen Schultergelenks, um die Beweglichkeit des Arms zu erhalten.


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Wunderwerk Schultergelenk:
Ausbund an Beweglichkeit

Wenn Sie schwungvoll die Arme kreisen, über Kopfhöhe ein Kaffeehäferl ins Küchenregal stellen oder nach hinten greifen, etwa um das Geldbörsel aus der Gesäßtasche zu ziehen – dann denken Sie daran, dass Sie das alles Ihren Schultergelenken verdanken, den beweglichsten Gelenken unseres Körpers.
Dieses hohe Maß an Beweglichkeit wird durch zwei Faktoren ermöglicht: durch die Form des Gelenks, eine hoch komplizierte Konstruktion mit großem Gelenkskopf und flacher Gelenkspfanne, und durch die Flexibilität der umgebenden Weichteile, der Muskeln und Sehnen. Die so genannte Rotatorenmanschette ist ein Verbund aus vier Muskeln, die wie eine Haube den Schultergelenkskopf umgibt. Im Wesentlichen ist es das Zusammenspiel dieser Muskeln, das den enormen Bewegungsumfang unserer Schultern erlaubt und zugleich das Schultergelenk stabil hält.
Wie an anderen Körperstellen sind auch hier weder Gelenke noch Muskeln vor Verletzungen und Verschleißerscheinungen gefeit. In den allermeisten Fällen sind Schulterschmerzen durch Veränderungen in den Weichteilen bedingt. Ein bekanntes Problem der knöchernen Teile ist die Schulterluxation, im Volksmund „ausgekugelte Schulter“ genannt, im Lauf des Lebens machen sich auch Abnützungserscheinungen wie Arthrosen am Schultergelenk zu schaffen.
Der Gesundheitstipp für den Ausbund an Beweglichkeit: Bewegung! Ein Schultergelenk, das nicht benützt wird, rostet regelrecht ein. Ein ruckartiges Hochheben schwerer Gewichte sollte vermieden werden, ebenso natürlich Stürze auf die Schulter oder auf den ausgestreckten Arm.

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Die neue Schuterprothese

„Delta Xtend“, wie die neuartige Schulterprothese heißt, ist so gebaut, dass sie an den Körperbau der Patienten optimal angepasst werden kann und für besonders komplizierte Fälle geeignet ist: für Menschen, die nicht nur von einem Schultergelenksverschleiß betroffen sind, sondern auch von einer geschädigten Muskulatur in diesem Bereich. Die Prothese ersetzt das natürliche Schultergelenk, indem sie quasi alles auf den Kopf stellt. Das bedeutet, dass dort, wo ursprünglich der Gelenkskopf war, die Pfanne der Prothese eingesetzt wird, und statt der Gelenkspfanne der Kopf der Prothese. Es liegt nun also der Gelenkskopf in der Schulter und die Pfanne im Oberarmknochen. So kann der betroffene Arm wieder schmerzfrei gehoben und gedreht werden. Durch die Veränderung des Drehzentrums übernimmt diesen „Job“ nun der Oberarmmuskel, die eingerissene Rotatorenmanschette, also jene Muskelgruppe, die vorher dafür zuständig war, wird beim Implantieren der Prothese entfernt.
        

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