Wurzelbehandlung: Notwendiges Übel?

Februar 2009 | Medizin & Trends

Warum der Eingriff so gefürchtet und so wichtig ist
 
Sie gilt als besonders schmerzhaft und zählt deshalb zu den meist gefürchteten Eingriffen beim Zahnarzt: die Wurzelbehandlung. Ziel dabei ist, einen Zahn zu erhalten, wenn der Wurzelkanal entzündet oder von Bakterien besiedelt ist. MEDIZIN populär hat bei Experten nachgefragt, weshalb die Behandlung so wichtig ist – und wie sie dank neuer Hilfsmittel immer präziser wird.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Die schlimmen Zahnschmerzen, die Werner G. während des Skiurlaubs plötzlich trafen, wird er wohl sein Leben lang nicht vergessen. Trotzdem: Die Angst vor dem Zahnarztbesuch war noch stärker, weshalb er erst eine Praxis aufsuchte, als die Schmerzen schon wieder nachließen. Zu diesem Zeitpunkt war der Zahnnerv bereits abgestorben – eine Wurzelbehandlung, in der Fachsprache Endodontie genannt, war unvermeidbar.

Den Zahn erhalten

Unbehandelt würde ein Zahn, dessen Zahnnerv entzündet oder abgestorben ist, schwere Komplikationen verursachen bzw. ausfallen. Mit einer Wurzelbehandlung können Zähne, die ansonsten gezogen werden müssten, erhalten werden, das Einsetzen teurer Brücken oder Implantate kann man sich so ersparen. Warum also ist die zahnerhaltende Maßnahme so gefürchtet? „Eine Wurzelbehandlung wird meist aufgrund einer akuten Entzündung an Schmerzpatienten durchgeführt“, berichtet der Zahnmediziner DDr. Johannes Klimscha von der Bernhard Gottlieb Universitätszahnklinik in Wien. „Und ein Schmerzpatient ist oft nicht so leicht vollständig schmerzfrei zu bekommen. Außerdem wird die Erinnerung an die Schmerzen vor der Behandlung oft mit denen der eigentlichen Behandlung vermischt.“

Die Ursachen

In welchen Fällen der Eingriff erforderlich ist? „Die Hauptursache ist, dass sich Karies bis zum Zahnnerv ausbreitet“, erläutert der Zahnmediziner Dr. Michael Holly, ebenfalls an der Bernhard Gottlieb Universitätszahnklinik tätig. „Wenn eine Entzündung den Zahnnerv erreicht hat, ist meistens eine Wurzelbehandlung nötig.“ Ursachen für die Entzündung können neben Kariesbakterien auch ein Unfalltrauma oder das Überhitzen des Zahnes beim Beschleifen einer Krone sein. Im Anfangsstadium ist eine Entzündung extrem schmerzhaft. Trotzdem scheuen viele Patienten, wie auch Werner G., den Weg zum Zahnarzt. Bleibt die Entzündung unbehandelt, erklärt Klimscha, stirbt der Nerv langsam ab, die Schmerzen lassen nach, Bakterien besiedeln den Wurzelkanal und vollbringen ihr Zerstörungswerk. Eine Wurzelbehandlung ist in diesem Fall erst recht unumgänglich, um den Zahn zu erhalten. Der Vorteil: In diesem Stadium ist sie schmerzfrei.

Die Behandlung

Im Zuge der Behandlung werden – nach einer örtlichen Betäubung – zuerst die Wurzelkanäle mit feinen Instrumenten aufbereitet, sprich ausgebohrt, und danach von Bakterien befreit. Die Schwierigkeit: Alle Zahnkanäle, von denen jeder Zahn unterschiedlich viele hat, müssen in ihrer gesamten Länge sondiert, aufbereitet und gereinigt werden. Die wichtigste, oft aber unzureichende Information über das Kanalsystem liefert das Röntgenbild. „Wir behandeln ein 3D-Wurzelkanalsystem mit der Information aus einer 2D-Röntgendarstellung“, erläutert Klimscha das Problem. „Das birgt das Risiko, dass ein Wurzelkanal nicht gefunden wird. Durch den Einsatz eines Operationsmikroskops kann dieses Risiko meist ausgeschlossen werden.“ Herkömmlich wird allerdings vorwiegend mit freiem Auge oder einer Lupe behandelt. Nach der Aufbereitung werden die Kanäle mittels medizinischer Einlagen und durch gründliches Spülen gereinigt. Ein spezielles Lasergerät kann den Vorgang optimieren: „Mit dem Laser kann man Bakterien in den Endverzweigungen des Kanals in größerer Tiefe abtöten“, ergänzt Klimscha.

Frage des Zeitpunkts

Wird der Eingriff im frühen Entzündungsstadium, also wenn der Nerv noch lebt und der Kanal frei von Bakterien ist, binnen einer Sitzung durchgeführt, ist er höchstwahrscheinlich erfolgreich. Früher wurden Gifteinlagen verwendet, um den Zahnnerv abzutöten und dadurch eine schmerzarme Behandlung sicherzustellen. „Das macht man heute nicht mehr, weil sich in der Phase der Nervabtötung die Bakterien sehr leicht vermehren.“ Ist der Nerv – wie im Fall von Werner G. – bereits abgestorben, versorgt man den Zahn, bis alle Bakterien abgetötet sind, mit einer medizinischen Einlage und verschließt ihn erst rund 14 Tage später.

Nachversorgung

Weil ein wurzelbehandelter Zahn viel an Zahnsubstanz eingebüßt hat – er wurde komplett von Nerven- und Blutgefäßen befreit – kann er leichter brechen und muss entsprechend gut versorgt werden. Das fachgerechte Füllen und Abdichten des Zahns reduziert auch das Risiko, dass ein Zahn eitert, ausfällt oder „ergraut“. „Die Nachversorgung erfolgt entweder, indem man das Wurzelkanalsystem mit modernem Füllmaterial quasi zuklebt oder man dichtet den Zahn mit Keramik-Overlays oder Kronen ab“, erklärt Zahnmediziner Klimscha. Wird der Zahn nicht optimal versorgt, besteht das Risiko, dass die Wurzelkanalfüllung undicht wird. „Dann kann das Kanalsystem erneut von Bakterien besiedelt werden.“ Ein Folgeeingriff ist ungleich schwieriger – bei schlechteren Erfolgschancen.

 

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Millimeterarbeit unterm Mikroskop

Wurzelbehandlungen sind das Spezialgebiet des Salzburger Zahnmediziners Dr. Andreas Kaltenbrunner. Sein wichtigstes Instrument: Ein Operationsmikroskop, das ihm seit nunmehr 15 Jahren höchst präzises Arbeiten ermöglicht. Für MEDIZIN populär erklärt er die Vorteile dieses Hilfsmittels.

Um auf einem Arbeitsfeld von rund vier Millimetern mit feinsten Instrumenten präzise zu hantieren, braucht es großes Geschick – und im Fall von Dr. Andreas Kaltenbrunner ein spezielles Mikroskop.
An einem Schwenkarm montiert, schwebt es rund 20 Zentimeter über dem liegenden Patienten. „Ich sitze aufrecht hinter dem Patienten, und schaue gerade aus in das Mikroskop, das mir spiegelverkehrte Bilder von der Mundhöhle und dem Zahninneren liefert“, erklärt der Zahnarzt, der sich 1994 als einer der ersten in Österreich ein Operationsmikroskop zulegte.

Gut ausgeleuchtet

Der wichtigste Unterschied zur Standardbehandlung? „Herkömmlich weiß man aufgrund der Erfahrung und durch Ertasten, wo Wurzelkanäle sein könnten. Durch das Mikroskop kann ich genau sehen, wo Kanäle sind. Ich kann meinen Instrumenten beim Arbeiten zusehen – ganz nach dem Motto ‚see better, do better‘“, veranschaulicht der Mediziner, der die Arbeitsweise in den USA kennenlernte. Außerdem ist das Mikroskop so beschaffen, dass das vergrößerte Gebiet zugleich optimal ausgeleuchtet wird. Bei der herkömmlichen Behandlung hat der Arzt eine OP-Lampe und eventuell eine Lupe, die das Areal um das Zwei- bis Dreifache vergrößert. Beugt er sich vor, um genauer zu sehen, wird der Lichtstrahl verdeckt oder wirft Schatten.

Exakte Arbeit

Dank seiner 20-fachen Vergrößerung erlaubt das Mikroskop besonders präzises Arbeiten. „Man kann Details erkennen, die man sonst vielleicht übersehen würde, zum Beispiel einen versteckten Wurzelkanal“, erklärt Kaltenbrunner. „Oder man entdeckt feine Sprünge im Zahn, wie einen Mikrohaarriss, der auf einem Röntgen nicht erkennbar ist, über den aber Bakterien in den Knochen gelangen.“ Die nur wenige Hundertstel Millimeter dünnen Instrumente lassen sich unter Vergrößerung präzise führen – gleich einem hauchdünnen Faden ins Nadelöhr. Die Reinigung des Kanals erledigt eine von Ultraschall bewegte Feile. „Mit ihr bewege ich die Spülflüssigkeit und wasche die Bakterien aus den Seitenkanälen.“ Mit dem Mikroskop wird schließlich kontrolliert, ob die Kanäle tatsächlich sauber sind. „Das Risiko, dass der Zahn nacheitert, sich verfärbt und abbricht, ist dank dem Mikroskop wesentlich geringer“, betont der Zahnarzt, der das Gerät nicht nur bei Wurzel-, sondern auch bei Kariesbehandlungen einsetzt. „Oft lässt sich eine Wurzelbehandlung ganz vermeiden, weil man damit sehr gezielt und schonend Karies entfernen kann.“

Keine Schmerzen

Ist eine Wurzelbehandlung unumgänglich, haben die Patienten dennoch nichts zu befürchten. Der Eingriff selbst verläuft nämlich schmerzfrei, betont Kaltenbrunner, der eine sorgfältige lokale Betäubung durchführt. „Hätten die Patienten Schmerzen, würden sie sich bewegen – und ich könnte nicht arbeiten.“ Damit sie während der Behandlung, die insgesamt zwischen einer und sechs Stunden dauert, möglichst angenehm und folglich ruhig liegen, werden sie außerdem auf ein Vakuumpolster gelegt.
Die Mikroskop-Wurzelbehandlung ist privat zu bezahlen und kostet inklusive Glasfaserstift und provisorischer Krone zwischen 950 und 1600 Euro pro Zahn.

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