Schlafstörungen: Ursachen und Folgen

Februar 2010 | Medizin & Trends

Immer mehr neue Erkenntnisse zeigen, wie wichtig Schlaf für die Regeneration und Gesundheit ist. Gleichzeitig jedoch schlafen immer mehr Menschen schlecht: Schon mehr als drei Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind von Schlafstörungen betroffen. Schlafmediziner Univ. Prof. Dr. Manfred Walzl über die Ursachen für die gestörte Schlaflage der Nation, über mögliche Folgen für die schlaflose Gesellschaft und die Dringlichkeit, etwas gegen die Rast- und Ruhelosigkeit zu tun.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Kaum eine andere Funktion bestimmt unser Leben stärker: Von den 8760 Stunden eines Jahres verbringen wir nahezu 3000 mit Schlafen. Zumindest sollten wir das, denn ausreichend Regeneration ist unerlässlich für unsere Gesundheit. Doch mehr als drei Millionen Menschen in Österreich klagen über Schlafstörungen unterschiedlichster Art. Die Palette reicht von Ein- und Durchschlafschwierigkeiten bis zum Restless Legs Syndrom (RLS), dem Auftreten von unangenehmen Empfindungen in den Beinen nach dem Zubettgehen. Univ. Prof. Dr. Manfred Walzl, Leiter des Fachbereichs für Schlafmedizin an der Grazer Landesnervenklinik Sigmund Freud, ortet die Ursache für die aktuell gestörte Schlaflage hierzulande in unserer immer schnelleren Lebensweise: „Wir packen unseren Tag mit Aktivitäten so voll, dass wir pro Nacht um durchschnittlich zweieinhalb Stunden weniger schlafen als noch unsere Urgroßeltern. Um aber auf Dauer keine körperlichen und psychischen Beschwerden zu entwickeln, benötigt jeder Erwachsene täglich sieben bis acht Stunden Schlaf.“
Das Problem betrifft bereits die Kleinsten, weiß Walzl. „24 Prozent der jüngeren Schulkinder schlafen zu wenig. Die Mehrheit dieser Kinder reagiert dann tagsüber mit Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrationsstörungen und Wutanfällen.“ In modernen Familien, so der Neurologe, redet man im täglichen Durchschnitt nur noch 18 Minuten miteinander. Als Folge werden Konflikte mit ins Bett genommen, wo sie zu Störungen des physiologischen Schlafablaufes führen. „Eigentlich sollten wir vier Minuten nach dem Zubettgehen im Land der Träume sein. Bei den meisten Menschen unserer stressigen und reizüberfluteten Zeit dauert es allerdings bis zu einer halben Stunde, bis sie in den Dämmerschlaf gleiten“, sagt Prof. Walzl.
Dieser beginnende Schlummer ist wie der erste Schritt auf einer Treppe, die uns kontinuierlich in die tieferen Schlafphasen führt. Nach und nach verlangsamt sich die Aktivität des Gehirns, die Augen rollen hin und her, die Spannung der Muskeln ebbt allmählich ab, Körpertemperatur sowie Atem- und Herzfrequenz sinken. Je tiefer der Schlaf ist, umso stärker reduzieren sich die Körperfunktionen. Eingestreut in diesen Zyklus ist immer wieder REM-Schlaf (REM = Rapid Eye Movement), den unter anderem schnelle Augenbewegungen kennzeichnen. Die Muskeln sind dabei völlig entspannt, Herzschlag und Atmung steigen wieder an, und das Gehirn zeigt Anzeichen höchster Aktivität – man träumt und merkt sich Tagesinhalte. Der geschilderte Schlafzyklus dauert rund 90 Minuten, womit je nach Gesamtschlafdauer pro Nacht etwa vier bis fünf Zyklen durchlaufen werden. Während anfangs noch die Tiefschlafphasen überwiegen, nehmen in der zweiten Nachthälfte die REM-Stadien zu.

Schlafstörungen als Gesundheitsrisiko

Auf über 100 verschiedene Arten kann der Schlafrhythmus durcheinander geraten, denn ebenso viele Schlafstörungen hat die Wissenschaft bisher klassifiziert. Einige davon, etwa die Schlafapnoen, bei welchen Schnarchen mit kurzzeitigen Atemstillständen kombiniert ist, steigern das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall um das Zehnfache. Bei Diabetikern kann die Angst vor einer nächtlichen Unterzuckerung einen flacheren Schlaf nach sich ziehen. Wer an Altersdiabetes leidet, neigt eher zu schlafbezogenen Atemstörungen, die sich vor allem in lautem, unregelmäßigem Schnarchen äußern und zu Konzentrations- und Leistungsminderung tagsüber führen.
Auch Schlaf und Gemütszustand stehen in engem Zusammenhang. Manfred Walzl: „Schlafstörungen sind das Leitsymptom für Depressionen. Ob jedoch schlechter Schlaf das Stimmungstief verursacht oder die Depression der Grund für übermäßigen oder auch unzureichenden Schlaf ist, muss für eine zielführende Behandlung individuell abgeklärt werden.“
Dass chronischer Schlafmangel sich außerdem negativ auf die Figur auswirkt, hat jüngst eine Chicagoer Expertin enthüllt: Wer zu wenig schläft, neigt dazu, mehr zu essen als er braucht. Denn er senkt damit die Ausschüttung des Hormons Leptin, das Hunger und Appetit steuert. Dem Gehirn wird nun fälschlicherweise signalisiert, der Körper brauche mehr Energie. Die Konsequenz: Selbst jemand, der sich kalorienbewusst ernährt, nimmt nur schwer ab, wenn er kürzer als die empfohlenen sieben bis acht Stunden schläft.
Ein anderer Effekt, den aktuelle Studien untermauern, ist die Bedeutung des Schlafes für ein funktionstüchtiges Immunsystem. Jeder hat schon erfahren, wie sehr das Schlafbedürfnis selbst bei einer simplen Erkältung steigt. Grund dafür sind Botenstoffe, die bei Infektionen verstärkt freigesetzt werden. Die Redewendung „Schlaf dich gesund“ trifft also auch aus medizinischer Sicht ins Schwarze, denn tatsächlich erhöht sich während des Schlafens die Anzahl der Abwehrzellen. Die Produktion von Antikörpern wird angekurbelt – das ist entscheidend für eine erfolgreiche Bekämpfung von Viren und Bakterien.

Volkswirtschaftliche Schäden durch Schlafmangel

„Der gestörte Schlaf gilt auch als extremes Unfallrisiko. Rund ein Viertel aller tödlichen Verkehrsunfälle werden durch schlechten Schlaf verursacht“, betont Prof. Manfred Walzl. „Wer nachts nur vier Stunden geschlafen hat, reagiert so, als habe er 0,5 Promille Alkohol im Blut. Eine durchwachte Nacht steigert diesen Wert sogar auf 0,8 Promille.“ Unter diesen Gesichtspunkten verwundert es nicht, dass zahlreiche Großkatastrophen durch übermüdete Verantwortliche verursacht wurden, so etwa die Reaktorunfälle in Harrisburg und Tschernobyl, das Giftgasunglück im indischen Bhopal und das Stranden des Öltankers Exxon Valdez.
Schlafmediziner Walzl rät: „Deuten Sie Ihre persönlichen Müdigkeitszeichen richtig. Wenn die Augenlider schwer werden, Sie sich ständig übers Gesicht wischen oder öfters blinzeln müssen, hilft nur eines: So rasch wie möglich eine Pause einlegen.“ Auch Kaffee und Energydrinks sind kein Schlafersatz, denn sie wirken verzögert und nur kurz. Ebensowenig kann man sich allein mit Willenskraft wachhalten. „Zwar ist es möglich, Hunger und Durst über längere Zeit zu kontrollieren“, sagt Walzl, „beim Schlafbedürfnis klappt das aber nicht. Früher oder später holt sich der Körper automatisch, was er braucht.“ So gesehen ist Selbstkritik – das Eingestehen der Müdigkeit – der beste Schutz vor fatalen Folgen.

Schlafkiller Wirtschaftskrise

Was vielen Österreichern den süßen Schlummer darüber hinaus gehörig vergällt, ist die gegenwärtige Wirtschaftskrise. Das mittlere Management bereitet Schlafmediziner Walzl besondere Sorgen: „Aus Angst um ihren Job bürden sich Arbeitnehmer noch mehr Verpflichtungen auf. Die Konkurrenz wird größer, Mobbing-Ereignisse sind tägliche Realität. Die Menschen nehmen diese Probleme mit ins Bett, was die Schlafqualität drastisch verschlechtert und in der Folge zu Tagesmüdigkeit führt. Somit dreht sich die Spirale weiter nach unten, weil man unausgeschlafen den Chef nicht zufriedenstellen kann.“ Der auf diese Weise entstehende Schaden lässt sich beziffern: „Rund vier Milliarden Euro jährlich kosten Österreich die Schlafstörungen seiner Einwohner“, weiß Walzl. „Verursacht werden die Kosten nicht nur durch Unfälle, sondern auch durch Einbußen der Produktivität.“

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Zehn Gebote für einen gesunden Schlaf

Schlafstörungen sind kein Schicksal. Zumindest ein Teil der Beschwerden lässt sich beseitigen, indem man:

  1. sich täglich sieben bis acht Stunden für den Schlaf Zeit nimmt,
  2. auf den persönlichen Schlaf-Wach-Zyklus möglichst achtet,
  3. Bett und Matratze an die körperlichen Erfordernisse anpasst,
  4. durch Stille, gedämpfte Farben und ausreichend Frischluft für eine entspannende Schlafumgebung sorgt,
  5. sportliche Betätigung vor dem Zubettgehen vermeidet,
  6. auf spätes Essen verzichtet,
  7. abendlichen Genuss von Kaffee, Tee, Alkohol und Zigaretten ­unterlässt,
  8. während des Tages körperlich aktiv ist,
  9. Stress und Anspannung reduziert,
  10. einen Arzt aufsucht, wenn Schlafstörungen immer wieder auftreten und länger als vier Wochen andauern.

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