Fehlstart ins Leben

November 2011 | Medizin & Trends

Neue Methoden gegen die Probleme der Frühchen
 
Jedes zehnte Baby kommt hierzulande zu früh zur Welt. Damit liegt Österreich europaweit im absoluten Spitzenfeld – leider: Schließlich haben Frühgeborene ein erhöhtes Risiko für eine Vielzahl gesundheitlicher Probleme. Die gute Nachricht: Mit neuen Methoden bekommen Mediziner die Leiden der Frühchen immer besser in den Griff. Zudem will man jetzt mit verschiedenen Maßahmen die Frühgeburtenrate senken. Zum Internationalen Tag des Frühgeborenen am 17. November informiert MEDIZIN populär über aktuelle Entwicklungen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Der sechsjährige Julian ist ein aufgewecktes Kind. Allzu aufgeweckt, wie seine Eltern finden. Insbesondere seit er in die Schule geht, fällt auf, dass er kaum einen Augenblick still sitzen kann. Der konsultierte Kinderfacharzt stellt die Ursache für die Hyperaktivität schnell fest: Für ein ehemaliges Frühchen sei das Verhalten nicht ungewöhnlich, lautet die für die Eltern überraschende Auskunft. Und sie erfahren auch, dass Julian besondere Förderung benötigt.

Gesundheitsrisiko Frühgeburt

Entwicklungsdefizite aufgrund vorzeitig beendeter Schwangerschaft zählen zu den wichtigsten Gründen, warum Kinder später Therapien brauchen“, betont der Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde Prim. Dr. Klaus Vavrik. Wie stark sich der Fehlstart ins Leben auf die körperliche, mentale oder psychische Gesundheit auswirkt, sei individuell verschieden – generell gilt: je kleiner das Kind bei der Geburt, desto größer sein Risiko für verschiedene Beeinträchtigungen. Dabei zählen nicht nur winzigkleine Babys – die buchstäbliche „Handvoll Leben“ – zu den Frühgeborenen, sondern alle Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. „Ihre Probleme sind in Summe alle bedingt durch die Unreife der Organe“, erklärt Univ. Prof. Dr. Angelika Berger, die sich als Neonatologin auf die medizinische Betreuung von Neu- und Frühgeborenen spezialisiert hat. „Je kleiner die Kinder sind, desto unreifer sind die Organe.“

Unreife Lungen: Schonende Atmungshilfe

Von der Unreife ganz besonders betroffen sind die Lungen und damit die Atmung. „Für ihre Funktion benötigen die Lungenbläschen eine bestimmte Substanz, die erst im Laufe der Schwangerschaft in den Lungen gebildet wird“, berichtet Berger, die die Klinische Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie am AKH in Wien leitet. Diese Substanz (Surfactant) muss von außen zugeführt werden – ein Prozedere, das seit kurzem etwa am Wiener AKH wesentlich schonender als früher abläuft. Berger: „Während die Substanz früher ausschließlich beim künstlich beatmeten Kind über einen dicken Beatmungsschlauch zugeführt wurde, ist es seit drei Jahren möglich, Surfactant über einen ganz dünnen Schlauch zu verabreichen, während das Kind spontan atmet.“ Auf diese Weise fördert man die Entwicklung der Lungen und umgeht – wann immer möglich – die Risiken der künstlichen Beatmung.

Unreifes Gehirn: Reizarme Umgebung

Ein anderes großes Problem der Frühchen ist die Unreife des Gehirns. „Ein großer Teil der Gehirnentwicklung findet im letzten Schwangerschaftsdrittel statt – etwa das Aussprossen der Nervenzellen oder die Bildung der Synapsen, der Querverbindungen zwischen den Nervenzellen“, erläutert Berger. Frühchen müssen einen Teil dieser Entwicklung außerhalb des Mutterleibs durchmachen; außerdem können Komplikationen wie Hirnblutungen oder Zysten auftreten, die manchmal dauerhafte Beeinträchtigungen zur Folge haben. In den letzten Jahren setzt man auch punkto Gehirn auf schonendere, entwicklungsfördernde Behandlungsmethoden: „Es gilt, das Kind möglichst wenigen Reizen wie Licht, Lärm, Stress, Schmerz  auszusetzen und möglichst viele physiologische Stimuli anzubieten: eine bestimmte Art von Bewegung und Lagerung sowie einen sehr frühen und intensiven Kontakt mit den Eltern“, betont die Neonatologin. Diese Bedingungen ähneln jenen im Mutterleib und dienen somit der kindlichen Entwicklung.

Netzhautprobleme: Laserbehandlung

Nicht zuletzt sind die Sehorgane ein wunder Punkt der zu früh Geborenen. „Insbesondere die Gefäßversorgung der Netzhaut läuft erst im letzten Schwangerschaftsdrittel ab und kann  durch äußere Einflüsse geschädigt werden“, sagt Berger. Diese Netzhauterkrankung der Frühgeborenen wird seit wenigen Jahren sehr erfolgreich mit Laser behandelt. „Dadurch gibt es im Gegensatz zu früher kaum mehr Kinder, die aufgrund der Erkrankung stark seheingeschränkt oder gar blind sind.“

Nachhaltige Betreuung

Mit diesem neuen, schonenden und individuellen Behandlungskonzept bekommen Spezialisten heute die typischen Probleme der Frühchen immer besser in den Griff. „Während es früher darum ging, das Kind irgendwie zum Überleben zu bringen, wird es jetzt zunehmend wichtig, wie diese Kinder überleben und wie in weiterer Folge die Lebensqualität ist“, betont die Fachärztin.   
Schließlich ist es mit der Behandlung im Spital oftmals nicht getan – viele Frühchen benötigen auch danach eine besondere Betreuung. „Die Kinder müssen regelmäßig untersucht und in Frühförderprogramme eingebunden werden“, erklärt Angelika Berger. Sehr viele der rund 15 Prozent Kinder und Jugendlichen, die therapeutische Unterstützung benötigen, sind (ehemalige) Frühchen.
Was sind mögliche langfristige Folgen des Frühstarts? „In den ersten Lebensjahren sind Frühgeborene zum Beispiel anfälliger für Infekte der Atemwege – für Schnupfen, Husten, Bronchitis, Lungenentzündung“, weiß Berger. Andere Beeinträchtigungen zeigen sich so wie in Julians Fall überhaupt erst im Schulalter – dies betrifft, wie man jetzt erkannt hat, vielfach auch die „späten Frühgeborenen“, die in der 34. bis 36. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sind.
Am Beispiel dieser sogenannten „Late-preterm-Infants“, zu denen immerhin 80 Prozent der Frühgeborenen zählen, zeigt sich: Jede Woche im Mutterleib zählt. Schließlich seien bestimmte Probleme bei den späten Frühgeborenen vermehrt zu finden, wie Kinderarzt Vavrik betont: „Hyperaktivität und Teilleistungsstörungen wie z. B. eine Rechenschwäche treten deutlich gehäuft auf. Man rechnet, dass rund ein Viertel dieser Kinder sich mit dem Lernen wirklich schwer tut.“

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Wichtigste Ursachen:

Späte Mutterschaft, ungesunder Lebensstil

Eine der wichtigsten Ursachen für die hohe Frühgeburtenrate ist das immer höhere Gebäralter der Frauen. „Das höhere Alter bei den Schwangeren führt insgesamt zu einem höheren Risiko für Früh- und Mehrlingsgeburten“, erklärt der Wiener Gynäkologe Univ. Prof. Dr. Peter Husslein. Die genauen Zusammenhänge sind allerdings noch nicht geklärt. Dass Spätgebärende ihre Kinder öfter zu früh zur Welt bringen, könnte Experten zufolge damit zu tun haben, dass mit zunehmendem Alter das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes steigt –  was wiederum das Frühgeburtsrisiko erhöht. „In Bezug auf die Mehrlingsschwangerschaften vermutet man, dass der unregelmäßige Eisprung, der einmal ausbleibt und dann wieder überschießend ausfällt, eine Rolle spielen könnte“, sagt der Mediziner.
Ein ungesunder Lebensstil mit ungünstiger Ernährung, Übergewicht, Stress, Rauchen ist ein weiterer wichtiger Risikofaktor für eine vorzeitige Geburt. Darüber hinaus werden die verschiedenen Methoden der Fortpflanzungsmedizin für den Anstieg der Frühgeburten seit Ende des 20. Jahrhunderts mitverantwortlich gemacht. Für frühe Frühchen wiederum gelten bestimmte Erkrankungen der Mutter als Hauptursache.

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Künstliche Befruchtung & Co:

Strengere Reglementierung
 
Das durch Methoden der Reproduktionsmedizin (z. B. künstliche Befruchtung mittels In-vitro-Fertilisation (IVF), hormonelle Stimulationsbehandlung) bedingte höhere Frühgeburtsrisiko ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es dabei viel öfter zu Mehrlingsschwangerschaften kommt – und Mehrlinge an sich sehr oft früher als Einlinge zur Welt kommen. Nun sollen einheitliche Empfehlungen der österreichischen reproduktionsmedizinischen Gesellschaften Mehrlingsschwangerschaften entgegenwirken: „Demnach dürfen im Rahmen der IVF nicht mehr als zwei – und nur in ganz seltenen Fällen drei – Embryonen eingesetzt werden“, erläutert der Reproduktionsmediziner und Gynäkologe Univ. Prof. Dr. Peter Husslein. „Die Empfehlung zur hormonellen Stimulation sieht vor, dass ab einer bestimmten Anzahl heranreifender Eier die Behandlung abgebrochen oder in eine künstliche Befruchtung umgewandelt werden muss.“

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