Unruhe in den Beinen

Oktober 2011 | Medizin & Trends

Neue Hilfe gegen das Restless Legs-Syndrom
 
Das sogenannte Restless Legs-Syndrom (RLS) bringt rund 900.000 Menschen in Österreich um ihren gesunden Schlaf. Was genau die Unruhe in den Beinen verursacht, ist zwar noch nicht geklärt. Doch neue Erkenntnisse zeigen, dass viele Betroffene das lästige Leiden ganz einfach loswerden könnten.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Es brennt, klopft, kratzt, kribbelt, reißt, sticht und zieht in den Beinen. Kalt wird als heiß empfunden, heiß als kalt. Hinzu kommt der Drang, die Beine aneinander reiben zu müssen und sie zu bewegen, und das alles passiert noch dazu meistens dann, wenn man schon im Bett liegt und kurz vor dem Einschlafen ist – oder schon geschlafen hat.

Frauen über 50 häufig betroffen

So werden die unangenehmen Gefühle beschrieben, die mit dem sogenannten Restless Legs-Syndrom, kurz RLS, verbunden sind. Rund zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden daran, in Österreich sind das etwa 900.000 Menschen. Die große Mehrheit der Betroffenen ist weiblich und über 50 Jahre alt. Und sie nimmt ihr Leiden oft sehr lange Zeit als gegeben hin: „RLS-Patientinnen und -Patienten sprechen ihr Problem oft erst dann beim Arzt an, wenn der Leidensdruck schon sehr groß geworden ist“, weiß Prim. Dr. Dieter Volc, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien. Dann also, wenn sie von ihren unruhigen Beinen bereits über einen längeren Zeitraum hinweg um den gesunden Schlaf gebracht wurden, deswegen tagsüber erschöpft und nicht mehr so leistungsfähig wie gewohnt sind. Oder wenn sie wegen RLS-bedingter Ein- und Durchschlafstörungen schon an depressiven Verstimmungen leiden, und wenn die Beschwerden, die ja zum Aufstehen und Herumgehen zwingen, auch den Partner oder die Partnerin quälen.
Eisen hilft in wenigen Tagen

Dass die Betroffenen so lange warten, bis sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, findet Experte Volc sehr bedauerlich. Denn neue Erkenntnisse zeigen, dass die Lösung des Problems in vielen Fällen ganz einfach wäre: „Bei vielen Betroffenen geht das Syndrom auf einen Eisen- und Ferritinmangel im Zentralnervensystem zurück.“ Ferritin ist ein Eiweiß, das Eisen im Körper bindet. Das Mittel der Wahl sind demnach Eisenpräparate, die der Arzt verschreibt. „So verschwinden die Symptome meist schon nach wenigen Tagen und die Patientinnen und Patienten haben wieder ruhige Beine“, sagt Volc. „Die Wirkung hält solange an, wie sie sich mehr Eisen zuführen.“ Diese Behandlung muss allerdings von regelmäßigen Blutanalysen begleitet werden, die dazu dienen, den Eisenspiegel zu kontrollieren. Erhöht sich dieser zu stark, kann das Folgen für die Gesundheit haben und etwa zu Leberleiden oder Nierenfunktionsstörungen führen.

Magnesium und bestimmte Medikamente

„Etlichen Betroffenen hilft auch eine erhöhte Zufuhr von Magnesium in Form von Tabletten“, weiß Volc. Auch bei dieser Behandlung zieht man am besten den Arzt zu Rate. Zu achten sei laut Volc außerdem darauf, dass die Tabletten kein Glutamat enthalten. Der Geschmacksverstärker kann das RLS-Syndrom verstärken, da Glutamat ein Gegenspieler des Nervenbotenstoffs Dopamin ist. Und dieser Nervenbotenstoff spielt bei RLS eine Rolle: Das haben Erfahrungen mit RLS-Patientinnen und -Patienten gezeigt, bei denen die Symptome so stark ausgeprägt sind, dass sie z. B. auch tagsüber auftreten oder nicht nur an den Beinen, sondern auch an den Armen und am Oberkörper. „Ihnen kann sehr gut mit Medikamenten geholfen werden, die die Übertragung von Dopamin verbessern“, sagt Volc. Auch dann besteht die Wirkung darin, dass die Beine und andere Körperteile ruhig bleiben – solange die Medikamente genommen werden.
Zusätzlich zur Behandlung durch Medikamente bzw. Magnesium- und Eisenpräparate empfiehlt sich, so Volc, auch die Veränderung bestimmter Lebensstilfaktoren (siehe „Was vielen hilft“ unten).    

Vererbung spielt eine Rolle

Geheilt werden kann RLS derzeit nicht, da die Ursache für das Leiden trotz intensiver Forschungen noch nicht gefunden ist. Man weiß nur, dass die Vererbung eine Rolle spielt. Volc: „75 Prozent der Betroffenen wissen, dass ein Elternteil oder andere nahe Verwandte an RLS leiden, und bei den übrigen 25 Prozent wird das vermutlich auch der Fall sein, nur wissen sie es nicht.“ Denn erst vor kurzem haben Genforscher im Blut von RLS-Patientinnen und -Patienten drei Gene ausfindig gemacht, die die Erkrankung offensichtlich begünstigen. „Da dopaminhältige Medikamente, Magnesium und Eisen die Unruhe zum Verschwinden bringen, ist außerdem anzunehmen, dass RLS auf eine Stoffwechselstörung bzw. eine Störung der Übertragung des Nervenbotenstoffs Dopamin im Gehirn oder im Rückenmark zurückgeht“, so Volc über weitere Vermutungen, was die Ursache von RLS anbelangt.  

RLS als Begleiterscheinung

Das Restless Legs-Syndrom besteht aber nicht immer nur für sich genommen. So tritt es z. B. häufig in der Schwangerschaft auf und verschwindet nach der Geburt wieder von selbst. Warum das so ist, weiß man nicht genau, sagt der Neurologe Volc. Da aber auch Schwangere die Unruhe in den Beinen loswerden, wenn sie – natürlich unter ärztlicher Kontrolle – mit speziellen Eisentabletten den Eisenspiegel im Blut erhöhen, wird angenommen, dass RLS in der Schwangerschaft auf eine Störung der Eisenaufnahme zurückgeht.
 „Häufig tritt das Syndrom auch als Begleiterkrankung einer anderen Erkrankung auf“, sagt Volc. Dazu zählen Morbus Crohn, Multiple Sklerose, Nierenfunktionsstörungen, Morbus Parkinson, Polyneuropathie, rheumatische Erkrankungen und Schilddrüsenfunktionsstörungen.
Menschen, die wissen, dass sie eine ererbte Neigung für RLS haben, können dem Syndrom vorbeugen, meint Volc. Eisenreiche Ernährung, viel Bewegung und ein regelmäßiger Schlafrhythmus gelten als Schutz vor der Unruhe in den Beinen.

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Erfahrungsberichte zeigen: Was vielen hilft

  • Jeden Tag möglichst zur gleichen Zeit schlafen gehen und aufstehen.
  • Vor dem Schlafengehen einen flotten Spaziergang und anschließend Dehnungsübungen machen.
  • Ebenfalls vor dem Schlafengehen die Beine kalt abduschen, massieren und Franzbranntwein oder ein kühlendes Gel auftragen.

  • Sich beim Auftreten der Beschwerden durch Lesen, Handarbeiten oder Rätsellösen ablenken.
  • Beim Einschlafen eine embryonale Stellung einnehmen – so schläft man leichter ein, und der Schlaf verläuft eher ungestört.
  • Dreimal in der Woche etwa 30 Minuten lang moderat Ausdauersport betreiben (Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren, Laufen).
  • Häufig eisenhältige Lebensmittel essen wie Fleisch, Nüsse, Erbsen, Bohnen, Karotten – kombiniert mit Nahrungsmitteln, die viel Vitamin C enthalten (z. B. Paprika oder Orangensaft), weil der Körper dann das Eisen besser aufnimmt.

  • Alkohol, Koffein, schwarzen Tee, Nikotin und Schokolade meiden – was dem Körper die Eisenaufnahme erleichtert.
  •   Stress vermeiden.

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Bereits im Barock beschrieben

Das Restless Legs-Syndrom ist keine Nervenkrankheit der Moderne, sondern wurde bereits in der Barockzeit, anno 1685, von dem britischen Arzt Thomas Willis erstmals beschrieben. Damals führte man die Unruhe in den Beinen auf den Konsum von Kaffee zurück, der in dieser Zeit in Großbritannien populär wurde. Im 19. Jahrhundert nannte der deutsche Arzt Theodor Wittmaack das Leiden „Anxietas tibiarum“, was frei übersetzt „nervöse Beine“ heißt und der heutigen Bezeichnung bereits sehr nahekommt. Den Namen „Restless Legs-Syndrom“ gab den Beschwerden 1945 der schwedische Arzt Karl Ekbom.

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