Gefühle und Gesundheit

Januar 2011 | Psyche & Beziehung

Warum uns Stress und Streit anfällig für Krankheiten machen
 
Die Forschung bringt stets neue Erkenntnisse über den Einfluss von Gefühlen auf die Gesundheit. So gibt es immer mehr Beweise dafür, dass Stress und Streit, Ärger und Kränkung, Groll und Zank das Immunsystem schwächen und Krankheiten Tür und Tor öffnen. Univ. Prof. DDr. Christian Schubert erklärt, warum wir anfälliger für Erkältungen & Co werden, wenn wir „verschnupft“ sind.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Dass Körper und Seele einander wechselseitig beeinflussen, zählt seit langem zum Allgemeinwissen. Bereits Schüler erfahren am eigenen Leib, wie Prüfungsdruck Bauchweh verursachen kann. Und wer umgekehrt einmal eine schwere Erkrankung durchgestanden hat, weiß genau, wie schlecht man sich dabei fühlt. Mit dem Wissenschaftszweig der Psychoneuroimmunologie, kurz PNI, ist ein neues Zeitalter der Erforschung von psychosomatischen Zusammenhängen angebrochen: Man versteht heute die Mechanismen der gegenseitigen Beeinflussung von Nerven-, Hormon- und Immunsystem immer genauer.
Der Arzt und Psychologe Univ. Prof. DDr. Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik Innsbruck, schildert das Experiment, das Mitte der 1970er-Jahre den Stein ins Rollen brachte: „Den US-Forschern Ader und Cohen gelang es, das Immunsystem von Ratten zu konditionieren. Sie injizierten den Tieren ein Krebsmedikament, das Übelkeit auslöst und die Immunabwehr unterdrückt. Gleichzeitig mit der Medikamentengabe verfütterten sie süße Saccharin-Lösung an die Ratten. Zum Schluss löste allein der Geschmack des Saccharins dieselbe Reaktion wie das Medikament aus. Das Immunsystem der Tiere hatte demnach gelernt, die immununterdrückende Wirkung des Krebsmedikaments mit einem völlig harmlosen Reiz zu verknüpfen.“

Stress schwächt die Abwehr

Könnte man einen solchen Lernprozess auch beim Menschen anwenden, würden Patienten und Krankenkassen jubeln. Denn je weniger Medikamente zum Einsatz kommen, desto geringer unerwünschte Nebenwirkungen und desto niedriger die Behandlungskosten. Aber noch weiß man zu wenig über die komplizierten biochemischen Abläufe. Christian Schubert: „Wir kennen heute erst einen Teil der Reaktionsmechanismen. Für deren lebensnähere Erforschung muss es zu einer fundamentalen Änderung der Untersuchungsdesigns und -methoden in der Medizin kommen. Grundsätzlich ist jedoch erwiesen, dass das eigene Erleben und Verhalten eng mit der Hormonsituation und der Abwehrlage unseres Körpers gekoppelt ist.“
Steht man beispielsweise unter akutem Stress, regen das vegetative Nervensystem und der im Zwischenhirn gelegene Hypothalamus die Nebennieren an, Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol auszuschütten. Im Blut wirken diese Hormone in unterschiedlicher Weise auf die Abwehrzellen ein: Entzündungsfördernde Stoffe werden gebildet, die Anzahl der tumorbekämpfenden Killerzellen wird vermindert, das Zusammenspiel verschiedener Arten von T-Helferzellen wird beeinträchtigt. Eine chronische seelische Schieflage – etwa emotionale Probleme in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz, feindseliges Verhalten oder Abkapselung gegenüber den Mitmenschen – stört die Funktion des Immunsystems nachhaltig. Dagegen aktivieren positive psychische Einflüsse wie Zuversicht, Freude und liebevolle Beziehungen den Schutz vor Krankheitserregern und hemmen Entzündungsvorgänge.

Optimisten haben bessere Karten

„Dass Psyche und Immunsystem untrennbar miteinander verbunden sind, daran bestehen in der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Menschen keine Zweifel mehr“, betont Prof. Schubert. So verstehen die Forscher heute, wie im Körper schlummernde Herpesviren unter Stressbelastung Fieberblasen bilden. Eine andere Untersuchung belegt, dass Schutzimpfungen etwa gegen Grippe oder Hepatitis bei Pessimisten schlechter wirken, weil diese Patienten weniger spezifische Antikörper bilden als optimistische Menschen. Und wie Emotionen den Verlauf einer HIV-Erkrankung beeinflussen, zeigt eine US-amerikanische Langzeitstudie: Jene Probanden, die offen mit sich und ihrer Umwelt umgingen, neigten deutlich weniger zu den AIDS-typischen Begleiterkrankungen wie Lungenentzündung, Tuberkulose oder Hautkrebs als Patienten, die sich aus Angst vor Stigmatisierung anderen gegenüber verschlossen. Außerdem hatten jene Infizierten, die sich emotional öffneten, eine deutlich höhere Lebenserwartung.

Gesundheitszustand beeinflusst Seelenleben

„Die Unterdrückung von Gedanken und Gefühlen, eine ablehnende Haltung und sozialer Rückzug machen krank, weil das Gehirn ständig physiologische Arbeit leisten muss.
Dadurch ist die Aktivität des vegetativen Nervensystems dauerhaft erhöht, was über die Ausschüttung von Botenstoffen wiederum die Immunabwehr ungünstig beeinflusst“, fasst Prof. Schubert die komplizierten Vorgänge zusammen.
Doch nicht nur die Psyche übt ihre Macht auf das Immunsystem aus, so der Wissenschaftler, es läuft auch umgekehrt: Die bei körperlichen Erkrankungen gebildeten Abwehrstoffe verändern das Seelenleben. Gereiztheit und Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel und Schläfrigkeit, verminderter Antrieb und schwindender Appetit – kurz alle Gefühle und Verhaltensweisen, die früher als unspezifische Begleiterscheinungen eines körperlichen Leidens galten –, sind neuen Erkenntnissen zufolge eine gezielte Strategie des Immunsystems, möglichst energiesparend mit Krankheiten fertigzuwerden.

Immunsystem kann umlernen

Den ersten Ansatz, die gewonnenen Einsichten in der therapeutischen Medizin anzuwenden, fand man im weiten Feld der Allergien. Die Beobachtung, dass manche Katzenallergiker selbst beim Anblick von Katzenfotos herzzerreißend niesen müssen, veranlasste deutsche Wissenschafter zu dem Experiment, das Immunsystem von Hausstauballergikern zu konditionieren. Sie verabreichten den Testpersonen fünf Tage lang ein neuartiges grünes Getränk zusammen mit einem hochwirksamen antiallergischen Medikament. Dabei lernte das Gehirn der Patienten, dass die Allergie sich bessert, wenn sie das grüne Getränk zu sich nehmen. Danach wurden drei Versuchsgruppen gebildet, wovon die erste das Antiallergikum zusammen mit Wasser erhielt, die zweite ein Placebo (Scheinmedikament) mit Wasser und die dritte Gruppe schließlich das Placebo gekoppelt mit dem grünen Getränk. Es zeigte sich, dass die Kombination des Placebos mit dem grünen Getränk fast genauso gut wirkte wie das echte Medikament. Sie linderte nicht nur die subjektiven allergischen Beschwerden, sondern verringerte auch die Anzahl von jenen histaminhältigen weißen Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen spielen. Das menschliche Immunsystem kann also tatsächlich umlernen. Zurzeit versucht man zu klären, ob und wie das „Immuntraining“ sich in der Allergiebehandlung einsetzen lässt.

Der Mensch als ganzheitliches Wesen

Geist, Seele und Körper sind untrennbar. An dieser Tatsache knüpft die Mind-Body-Medizin an. Ziel dieser vergleichsweise jungen therapeutischen Richtung ist es, die in jedem Menschen vorhandenen gesundheitsfördernden Potenziale zu wecken und zu stärken. Der Fokus wird ausdrücklich nicht auf die Krankheit gerichtet, sondern auf den Erhalt der Gesundheit. Neben ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung stehen Stressmanagement, Achtsamkeitsübungen und Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga und Qi Chong im Vordergrund.
„Die klassische medizinische Behandlung erschöpft sich leider häufig im Verschreiben von Medikamenten und in chirurgischen Eingriffen“, sagt Prof. Christian Schubert. Der Organismus als Maschine – diese Sichtweise sollte der Vergangenheit angehören, denn menschliches Leben ist definitiv zu komplex, um es ohne seine vielschichtigen Beziehungen zu begreifen.

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Psyche und Gesundheit: Das können Sie tun

Beziehungen pflegen
Die psychosomatische Forschung zeigt, dass gute soziale Beziehungen als Lebenselixier bezeichnet werden können. Sie stellen bedeutende Faktoren für langfristige Gesundheit und vitales Altern dar.

Autonom werden
Wer die Fähigkeit entwickelt, sich selbst anzunehmen, mit Alltagsbegebenheiten klarzukommen und dem Druck durch andere zu widerstehen, stärkt sein Immunsystem nachhaltig.

Sinn finden
Menschen, die an etwas glauben, leben länger. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass häufiges Aufsuchen religiöser Einrichtungen die Immunabwehr positiv beeinflusst und das Sterblichkeitsrisiko um durchschnittlich ein Viertel senkt.

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