Stille Entzündungen

Juni 2016 | Medizin & Trends

So erkennt und bekämpft man entzündliche Prozesse
 
Fettleibigkeit, Zuckerkrankheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden im Jahr 2020 für drei Viertel aller Todesfälle verantwortlich sein, heißt es ­seitens der Weltgesundheitsorganisation. Stille Entzündungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Weil sie keine Beschwerden verursachen, bleiben sie jedoch oft jahrelang unbemerkt. Wie man die stille Gefahr erkennen und wirksam bannen kann.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Au! Beim Gemüseschneiden hat man sich in den Finger geschnitten. Der blutet zwar nicht mehr, er schmerzt aber, ist gerötet, leicht geschwollen und fühlt sich heiß an – die typischen Anzeichen einer akuten Entzündung kennt wohl jeder. Unser Organismus reagiert damit auf diverse schädliche Reize – sei es auf eine Verletzung, UV-Strahlung, Vergiftung, Allergene, Bakterien, Virus- oder Pilzerkrankungen. Indem vermehrt Flüssigkeit gebildet und die Durchblutung im Gewebe gesteigert wird, gelangen Entzündungszellen an den Entzündungsherd, um die Auslöser aufzunehmen und abzubauen. Eine akute Entzündung gehört zum normalen Heilungsprozess dazu.   

Schleichend und unbemerkt
Anders – und deutlich problematischer – ist es, wenn leichte Entzündungen dauerhaft bestehen, ohne dass man es bemerkt. „Stille Entzündungen, silent inflammations, gehen nicht mit den klassischen Entzündungszeichen wie Rötung, Schwellung oder Hitze einher“, erklärt der Wiener Internist und Ernährungsmediziner Univ. Prof. Dr. Thomas Stulnig.
In der Medizin rücken diese chronisch-entzündlichen Prozesse jetzt zunehmend ins Blickfeld – gelten sie doch als wesentliche Faktoren bei der Entstehung von Atherosklerose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch sind sie wahrscheinlich an der Entstehung von Krebs und Alzheimer beteiligt. Da die Entzündungen im Stillen ablaufen, können sie nicht ohne Weiteres erkannt, geschweige denn bekämpft werden.

Risikofaktor Fettsucht

Wo treten die schwelenden Entzündungen eigentlich auf? „Ein typischer Auslöser ist die Adipositas, die Fettsucht“, erklärt Stulnig. „Entsprechend findet man stille Entzündungen besonders ausgeprägt im Fettgewebe.“ Daneben entstehen sie bei Adipositas auch in der Leber, den Muskeln und den Langerhans’schen Inseln der Bauchspeicheldrüse, in denen das Insulin produziert wird. Das Problem ist hierzulande weit verbreitet: Knapp 38 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher leiden an Fettsucht. Von entzündlichen Prozessen betroffen sind wahrscheinlich noch deutlich mehr Menschen, nämlich „zumindest all jene, die einen dicken Bauch haben“, betont Stulnig.

„Entzündungsmotor“ Bauchfett

Das Bauchfett als zentraler Motor für die Entzündungsprozesse speichert nicht nur Energie. Es produziert außerdem Hormone und andere Stoffe (u.a. Zytokine und freie Fettsäuren), welche ihrerseits Prozesse im Körper beeinflussen. Eine Schlüsselrolle spielen die Zytokine – Proteine, die als Botenstoffe der Entzündung wirken. Sie werden ausgeschleust, gelangen in die Blutbahn und verringern die Wirkung von Insulin – es kommt zu einer Insulinresistenz. Das heißt, der Organismus kann Kohlenhydrate wie Zucker und andere Nährstoffe nicht mehr richtig verwerten. Auch freie Fettsäuren stören – im Überfluss – die Insulinwirkung in der Leber. Letztlich führt eine Insulinresistenz zur Zuckerkrankheit, dem Diabetes Typ 2.
Wie sehr das Bauchfett unserer Gesundheit schadet, bestätigt etwa eine 2003 veröffentlichte dänische Studie: Demnach steigert schon ein um zehn Prozent erhöhter Bauchumfang die Sterblichkeit um bis zu 60 Prozent.

Gefäße in Gefahr

Über die Blutbahn gelangen Zytokine nicht nur an verschiedene Orte im Körper. Sie attackieren außerdem die Innenwände der Blutgefäße, wo sich in der Folge LDL-Cholesterin ablagert. Damit sind die Entzündungsreaktionen auch Teil der Gefäßverkalkung, in der Fachsprache Atherosklerose genannt. „Zytokine treiben die Atherosklerose und damit die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen voran“, warnt der Facharzt.
Der Erforschung der Atherosklerose ist es auch zu danken, dass man die chronischen Entzündungen in der Gefäßwand überhaupt entdeckt hat: Im Jahr 2002 erkannten Forscher, dass es sich bei der Atherosklerose nicht um eine reine Fettablagerung in den Gefäßen handelt, sondern dabei von Beginn an entzündliche Prozesse ablaufen.

Zu viele Kalorien, falsche Fette
Wichtigste Ursache für stille Entzündungen? Das ist unumstritten die Ernährungsweise in der westlichen Welt. Insbesondere die „hyperkalorische Ernährung“ gelte als Risikofaktor, sagt Stulnig: Nimmt man zu viele Kalorien zu sich, steigt das Körpergewicht sukzessive an. „Durch das Übergewicht kommt der Stoffwechsel im Fettgewebe durcheinander.“
Daneben bringen bestimmte Nahrungsbestandteile, allen voran gesättigte Fettsäuren, die Entzündungen in Gang. Entzündungsfördernde Omega 6-Fettsäuren werden heute in deutlich höherem Ausmaß als die entzündungshemmenden Omega 3-Fettsäuren zugeführt. „Wir nehmen etwa 20 Mal mehr Omega 6- als Omega 3-Fettsäuren zu uns“, weiß Stulnig.
Omega 6-Fettsäuren stecken zum Beispiel im Sonnenblumen- oder Maiskeimöl. „Diese Öle werden in der Lebensmittelindustrie sehr stark eingesetzt“, erklärt Stulnig. Ungünstig sind außerdem vollständig gesättigte Fette wie Palmfett und Transfette – gehärtete Fette, wie sie in Keksen, Pizzen, Frittierölen enthalten sind. Sie forcieren nicht nur die Ansammlung von Bauchfett, sie erschweren obendrein den Fettabbau.
Zu den entzündungsfördernden Nahrungsmitteln zählt weiters der Zucker. Weißmehlprodukte wiederum scheinen die Darmflora in eine ungünstige Richtung zu verändern, sodass Entzündungen wahrscheinlicher werden. Im Gegensatz zu Vollkornprodukten enthalten sie praktisch keine Ballaststoffe, die positiv wirksame Darmbakterien fördern. „Aus Studien weiß man, dass Ballaststoffe das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können“, betont der Mediziner.

Rauchen, Veranlagung, Stress
Unzureichende Bewegung und ein Vitamin D-Mangel zählen ebenfalls zu den möglichen Verursachern. Weil Nikotin Ablagerungen an den Gefäßwänden begünstigt, ist Rauchen ein „klassischer Risikofaktor“. Abgesehen davon spielt auch die Veranlagung eine Rolle: „Manche sind prädestiniert dafür, stille Entzündungen zu entwickeln“, erklärt Stulnig. Inwiefern chronischer Stress ungünstige Folgen hat, sei hingegen „schwer nachzuweisen“. Jedenfalls indirekt dürfte er Einfluss nehmen: Unter Zeitdruck greifen wir eher zu entzündungsfördernden Nahrungsmitteln – zu Zucker, Junkfood mit frittierten, fettreichen Speisen.

Gesünderer Lebensstil

Die gute Nachricht: Mit Messer und Gabel kann man den gefährlichen Entzündungen wirksam entgegenarbeiten. Positiv wirken sich bestimmte Vitalstoffe, insbesondere eine hohe Zufuhr von Omega 3-Fettsäuren aus. Sie stecken in Kaltwasserfischen wie Sardellen, Heringen, Sardinen und Lachs und sind weiters in Pflanzenölen wie Raps- und Leinöl enthalten. „Verschiedene Daten zeigen, dass durch die langkettigen Omega 3-Fettsäuren aus Fischölen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert werden können“, erklärt der Experte.
Übergewichtige sollten zudem sukzessive Körpergewicht – und damit Bauchfett – abbauen. „Eine Gewichtsreduktion und eine Ernährung mit weniger Zucker und mehr Ballaststoffen, reduziert die stillen Entzündungen“, berichtet der Stoffwechselexperte. Außerdem ist es förderlich, regelmäßig sportlich aktiv zu sein.

Entzündungshemmende Medikamente

Nicht nur ein gesunder Lebensstil, auch bestimmte Medikamente, Entzündungshemmer, können die stille Gefahr bannen. „Studien haben gezeigt, dass sich mit bestimmten antientzündlichen Medikamenten der Blutzuckerspiegel von Diabetes-Patienten verbessern lässt“, berichtet Stulnig. Dasselbe gilt für antientzündlichen Medikamente, die cholesterinsenkend wirken: Statine senken nicht nur das LDL-Cholesterin, sondern reduzieren „nebenbei“ – indem sie Entzündungen in der Gefäßwand bekämpfen – auch die Atherosklerose.

Blutbild liefert Hinweise
Hinweise, dass im Körper entzündliche Prozesse ablaufen, gibt das Blutbild. „Die freigesetzten Zytokine erhöhen Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein, CRP, in geringem Grad“, erklärt der Mediziner. Werden wiederholt CRP-Werte um die obere Grenze des Referenzbereichs gemessen, gilt dies als Alarmsignal. „Viele Daten zeigen, dass Personen mit geringgradig erhöhtem CRP viel häufiger einen Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall entwickeln“, warnt der Mediziner. Daten zufolge dauere es „sechs und mehr Jahre“, bis geringfügig erhöhte Entzündungsmarker zu Diabetes oder einem Herz-Kreislauf-Problem führen. Neben dem CRP wird derzeit nach weiteren guten Biomarkern gesucht. Eine Schlüsselrolle könnte dem Verhältnis von Omega 6- zu Omega 3-Fettsäuren im Blutserum zukommen.    

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Weitere Entzündungsformen:
Von Mundhöhle bis Darm

Chronische Entzündungen können auch in anderen Körperregionen, z. B. in der Mundhöhle und im Bereich der Zähne, ablaufen. Dabei muss man stille Entzündungen von Entzündungsherden abgrenzen, die z. B. in der Mundhöhle sitzen und „streuen“: Bei einer akuten Zahnfleischentzündung (Gingivitis) werden – wie bei einer stillen Entzündung – Entzündungsstoffe (Zytokine) ausgeschüttet, die über die Blutbahn in verschiedene Organe des Körpers gelangen.
Außerdem gibt es entzündliche Erkrankungen, die akute Entzündungsreaktionen nach sich ziehen. Dazu zählen z. B. entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sowie rheumatische Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis. Bei dieser sind die Gelenke gerötet, geschwollen und schmerzen.

Stand 06/2016

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