Geistig fit ein Leben lang

September 2018 | Medizin & Trends

Effektive Maßnahmen gegen die Vergesslichkeit
 
Wie alle Organe, so büßt auch das Gehirn mit zunehmendem Alter an Leistung ein. Diesen Prozess kann man jedoch wirkungsvoll beeinflussen.
 
– Von Mag. Wolfgang Bauer

Von der ersten Minute unseres Daseins an ist unser Leben von Veränderung gekennzeichnet. Während wir in den ersten Jahren und Jahrzehnten einen Wachstums- und Entwicklungsprozess durchmachen, größer, stärker und intelligenter werden, nehmen mit den Jahren unsere Fähigkeiten nach und nach ab. So verringert sich ab einem Alter von etwa 25 bis 30 Jahren die Leistungsfähigkeit des Herzens, die Festigkeit der Knochen, die Kraft der Muskeln. Auch das Gehirn bleibt von Veränderungen nicht verschont: Nervenzellen gehen ebenso verloren wie die Verschaltungen zwischen diesen Zellen, die Durchblutung des Gehirns lässt nach usw.

Mehr Zeit fürs Denken

Die Folgen: „Es wird schwieriger, Neues zu lernen – denken Sie an das Erlernen von Fremdsprachen oder eines Musikinstruments. Das fällt in jungen Jahren viel leichter. Mit zunehmendem Alter werden Informationen langsamer verarbeitet und neue Inhalte schlechter gespeichert. Und man benötigt mehr Zeit, um geistige Aufgaben zu lösen“, so Univ. Prof. Dr. Bernhard Iglseder, Vorstand der Universitätsklinik für Geriatrie an der Christian Doppler Klinik in Salzburg.

Normal oder krankhaft?

Die genannten geistigen Veränderungen sind Ausdruck des normalen biologischen Alterungsprozesses. Es ist daher nicht wirklich besorgniserregend, wenn man einmal seine Brille verlegt oder den Namen eines Bekannten vergisst. „Bedenklich wird es, wenn man seine Brillen häufig verlegt. Oder wenn man sie irgendwo ablegt, wo sie nicht hingehören, etwa in den Kühlschrank“, sagt Univ. Doz. Dr. Gerald Gatterer, klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Leiter des Institutes für Altersforschung an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. In solchen Fällen empfiehlt er die Abklärung in einer Memory-Klinik oder in einer Gedächtnissprechstunde, um herauszufinden, ob die Vergesslichkeit bereits einen Krankheitswert aufweist, ob es sich um eine beginnende Demenz handelt. Dann ist es erforderlich, die Ursache der Demenz zu klären. Neben der häufigsten Form, der Alzheimer-Erkrankung, kann im Alter auch eine Durchblutungsstörung ursächlich sein, eine vaskuläre Demenz. Auch eine Depression kann zu einer Gedächtnisstörung führen.
Umgekehrt gilt: „Wer sich mit den biologischen Veränderungen und Herausforderungen des Älterwerdens aktiv und konstruktiv auseinandersetzt, bleibt geistig fit und altert erfolgreich“, so Gatterer. Und nicht nur das. Seiner Ansicht nach kann man die geistige Leistungsfähigkeit deutlich verbessern und den biologischen Alterungsprozess um Jahre nach hinten verschieben.

Regelmäßiges Training fürs Gehirn

Dazu bedarf es keiner aufwändigen Maßnahmen. Im Grunde genügt ein gesunder und aktiver Lebensstil, um das Gedächtnis, die Konzentration, die Aufmerksamkeit und andere wichtige Funktionen in Schuss zu halten. Manches kann man sogar ganz nebenbei erledigen. Dazu zwei Beispiele:

  • Versuchen Sie sich beim Lesen einer Zeitung die wichtigsten Inhalte zu merken, indem Sie Berichte aus verschiedenen Bereichen (Innenpolitik, Außenpolitik, Sport, Kultur, Lokalbereich usw.) aus dem Gedächtnis abrufen.
  • Wenn Sie einkaufen gehen, dann schauen Sie im Supermarkt bewusst nicht auf den Einkaufszettel, sondern versuchen Sie alle Waren, die Sie sich notiert haben, aus dem Gedächtnis abzurufen. Bevor Sie zur Kasse gehen, kontrollieren Sie, ob Sie auch alles im Einkaufswagen haben, was auf dem Zettel steht.

Weitere Möglichkeiten des Gedächtnistrainings: regelmäßig Kreuzworträtsel oder Sudokus lösen oder bestimmte Übungen zur Förderung der Konzentration oder Merkfähigkeit machen, wie sie in Fachbüchern enthalten sind. „All diese Maßnahmen sind erfolgreich, wenn sie so regelmäßig durchgeführt werden wie ein Training beim Sport“, sagt der Psychologe.

Neues lernen – Turbo fürs Gehirn

Ebenfalls wirkungsvoll, um geistig fit zu bleiben: Neues lernen, also nicht ständig Dinge tun, die man ohnehin kennt und gut beherrscht, sondern bewusst aus der Monotonie ausbrechen. Dazu zählt zum Beispiel, neue Menschen kennenlernen und nicht immer dieselben Leute treffen, Urlaube in unbekannte Länder und Regionen planen und nicht immer in den gleichen Urlaubsort fahren. Oder mit Aktivitäten beginnen, die Körper und Geist gleichermaßen anregen. Wie etwa Tanzen.
Diese Bewegungsform weist erstaunliche Effekte auf, wie immer mehr Studien zeigen. So ist etwa das Tanzen in punkto Trittsicherheit und Koordination dem Nordic Walken überlegen, wie eine Schweizer Untersuchung gezeigt hat. Außerdem wurde nachgewiesen, dass Tanzen das Risiko an einer Demenz zu erkranken, eher senkt als dies das Lösen von Kreuzworträtseln oder das Lesen vermag. Einer der Gründe: Beim Tanzen bzw. beim Erlernen neuer Tänze muss man ständig über die Schritte, Choreographien und Drehungen nachdenken und in kürzester Zeit Entscheidungen treffen – ein perfektes Training für das Gehirn. Dabei geht es nicht nur um komplexere Tänze, sondern auch um solche, die für ein älteres Publikum adaptiert wurden und einfachere Schrittfolgen aufweisen, die „Seniorentänze“. Beim Tanzen ist man außerdem körperlich ähnlich gefordert wie bei sportlichen Aktivitäten, was die Durchblutung verbessert. Und man pflegt den Kontakt zu anderen, wovon das Gehirn ebenfalls profitiert. „Wir wissen, dass Menschen, die in ein gutes soziales Netzwerk eingebunden sind, ein geringeres Risiko für das Auftreten einer neurokognitiven Störung haben, also eine bessere Aufmerksamkeit oder ein besseres Erinnerungsvermögen aufweisen“, so Bernhard Iglseder.

Bluthochdruck – Gift fürs Gehirn

Für den Salzburger Geriater ist eine allseits bekannte, aber umso wichtigere Vorsorgemaßnahme für die allgemeine Gesundheit auch für die Leistungsfähigkeit des Gehirns von enormer Bedeutung: die regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks. „Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass permanent erhöhter Blutdruck in mittleren Lebensjahren das Risiko deutlich steigert, später eine Demenz zu erleiden“, sagt Iglseder. Er verweist diesbezüglich auf einen interessanten Zusammenhang von Blutdruck und Hirngesundheit: „Wir können beobachten, dass die Anzahl der Demenzkranken nicht so stark steigt wie noch vor Jahren befürchtet. Ein wesentlicher Grund dürfte darin liegen, dass heutzutage den Blutdruckwerten mehr Aufmerksamkeit zugemessen wird.“

Schutzfaktor Ernährung

Von einem gut eingestellten Blutdruck profitiert also nicht nur die Herzgesundheit, er hat auch positive Effekte auf das Gehirn. Ähnlich verhält es sich mit der Ernährung. Eine gesunde, ausgewogene Mischkost mit viel Frischgemüse, Fisch, hochwertigen Ölen und wenig rotem Fleisch und vor allem wenig Alkohol kommt auch dem Gehirn zugute. Wenn bereits eine Demenz vorliegt, wird Präparaten aus den Blättern des Ginkgobaumes eine günstige Wirkung nachgesagt.

Stress und Gedächtnis

Und wie wirkt sich Stress auf die geistige Fitness aus? Oder das Phänomen des so genannten Multitaskings, also das gleichzeitige Ausführen mehrerer verschiedener Tätigkeiten? „Eine allgemein gültige Antwort darauf kann man nicht geben“, sagt Bernhard Iglseder. Wenn sich nämlich die Betroffenen mit negativen Stress überfordert fühlen, dann ist das sicherlich nicht gut für das Gehirn. „Der Spiegel des Stresshormons Cortisol steigt. Und das ist schlecht für den Hippocampus, das ist jene Hirnregion, in der die Zellen für das Gedächtnis und die Orientierung beheimatet sind.“ Allerdings, so Iglseder, gibt es Menschen, die unter Druck und Belastung sehr konzentriert und kreativ arbeiten, die sozusagen einen gewissen Stresspegel mögen und auch brauchen. Positiver Stress also kann die geistige Fitness fördern.


Buchtipp:

Gatterer, Croy
Geistig fit ins Alter 4. Neue Gedächtnisübungen
für ältere Menschen

ISBN 978-3-662-53098-6
84 Seiten, ca. € 19,99
Springer Verlag, September 2018

Stand 09/2018

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