Vom Winde verweht!

Mai 2022 | Medizin & Trends

Warum so viele Menschen mit Blähungen kämpfen und was man für eine weit­gehend „windstille“ Verdauung tun kann.

– Von Mag.a Andrea Riedel

„Gleich vorweg: Eine gänzlich ,windstille‘ Verdauung gibt es nicht“, konstatiert einer, der es wissen muss. Laut Dr. Anton Pruntsch, Allgemeinmediziner mit einem Schwerpunkt auf Darmproblemen, sind „bis zu zwanzig ,Leibwinde‘ pro Tag“ ganz normal. In seinem kürzlich erschienenen Buch geht der Villacher Hausarzt dem Phänomen Furz humorvoll, aber medizinisch fundiert auf den Grund. So müsse, wer vier Bratwürsteln mit Sauerkraut verschlingt und ein, zwei Bier nachspült, „jedenfalls mit temporärer verstärkter Darmgasbildung“ rechnen.

Aber warum eigentlich?

Wie ein Furz entsteht

„Weil“, so Pruntsch, „hier ungesundes Essen auf ungesundes Essverhalten trifft: Zur Verdauung derart schwerer Kost stehen auf die Schnelle nicht genügend Magensäure, Gallen- und Bauchspeicheldrüsensekret bereit.“ Das Menü landet also halbverdaut im Darm, wo es Bakterien „zerlegen“. Dabei entstehen Gase, die teils ins Blut übergehen und letztlich geruchsarm ausgeatmet werden. Der Rest wabert, in Schaumbläschen gebunden, im Darm herum und tritt irgendwann die Flucht nach hinten an.
Wer sich gesund ernährt und bewegt, kann sich eher eine genussvolle „Sünde“ samt den erwartbaren windigen Folgen erlauben.

Wenn Furz auf Furz folgt, …

Werden Blähungen jedoch chronisch und wirklich störend, sollte man sich nicht scheuen, mit Hausärztin oder Hausarzt darüber zu reden. Manchmal können nämlich auch Nahrungsmittelintoleranzen oder schwere Erkrankungen die Ursache sein (s.u.). In den allermeisten Fällen überfordern aber falsche Ernährungsgewohnheiten den Verdauungsapparat.

… ist oft der Dickdarm zugemüllt

„Dann sammeln sich halbverdaute Nahrungs- und klebrige Stuhlreste im Dickdarm an, der nie ganz entleert wird. Viele ahnen gar nichts von dieser ,latent-chronischen Obstipation‘, weil ihr Stuhlgang durchaus regelmäßig ist.“ In dieser „Mülldeponie“ feierten schädliche Darmbakterien und Pilze fröhliche Urständ und produzierten jede Menge Gär- und Faulgase, so Pruntsch.

Richtig essen – Blähbauch vermeiden

Für ein Leben ohne chronische Flatulenzen hat Pruntsch u.a. folgende Tipps parat:

  • Nichts verwässern
    Wer zum Essen Wasser trinke, verdünne die Verdauungssekrete und sabotiere so mutwillig die Arbeit von Magen und Darm. „Genügend Flüssigkeit ist wichtig, auch, um Verstopfungen vorzubeugen“, stellt
    der Allgemeinmediziner klar, „aber nicht unmittelbar vor, nach oder während des Essens.“
  • Am Anfang ein Aperitiv
    Kräuterbitter oder klare Suppe vor dem Essen würden hingegen die Produktion der Verdauungssäfte ankurbeln. Etwas weniger effektiv sei der Verdauungsschnaps post festum.
  • Wer Zähne hat, der kaue
    Und setze dabei Enzyme frei! Gründliches Zerkleinern erleichtert nicht nur die spätere Verdauung, sondern sorgt auch dafür, dass sie dank der im Speichel enthaltenen Enzyme bereits im Mund startet.
  • Immer mit der Ruhe
    Das gilt fürs Essen und generell. Denn bei Stress schaltet der Körper auf Survival-Modus: „Wie zu Zeiten des seligen Säbelzahntigers wird die Verdauung zurückgefahren und löst sich buchstäblich in Luft auf.“
  • Woher der Wind (nicht) weht – Lebensmittel und ihr Blähfaktor
    Zweifellos haben manche Nahrungsmittel einen höheren „Blähfaktor“ als andere. Bei einigen ist eher die Dosis entscheidend.
  • Bitter, bitte!
    Bitterstoffe sind ein Turbo für die Ausschüttung von Galle, und die brauchen wir, um Fett ordentlich verdauen zu können.
  • Obst in Maßen
    Zu viel Obst können Magen und Dickdarm oft nicht verdauen. Dann vergären es Bakterien im Dickdarm quasi „mit Vollgas“ zu Fuselalkoholen. „So können sich sogar Abstinenzler nicht nur Blähungen, sondern auch eine Fettleber heranzüchten“, warnt Pruntsch.
  • Vorsicht bei Vollkorn & Rohkost
    Ganze Körner und oft auch rohes Gemüse sind durchs Kauen kaum ausreichend kleinzukriegen. Auch sie flutschen meist unversehrt in den Darm, wo ihre Vergärung Gase freisetzt. – Gut, dass gemahlenes Getreide und gegartes Gemüse genauso ballaststoffreich, aber leichter verdaulich sind.
  • Weniger Fleisch
    Tierisches Eiweiß in größeren Mengen und schlecht gekaut „ist im Dickdarm Fäulnisprozessen ausgesetzt – mit den bekannten ,Ffffolgen‘, so der Verdauungsexperte.
  • Noch weniger Zucker
    Im Dünndarm wird Zucker verwertet – aber nicht jeder. Viele Zuckerarten landen ungebremst im Dickdarm, wo sie das Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht bringen.
  • Jedes Böhnchen ein Tönchen
    Hülsenfrüchte, Zwiebeln, Stangensellerie, Kohl oder Sauerkraut sind zweifellos wichtig für eine gesunde Mischkost, enthalten allerdings unverdauliche Zuckermoleküle. „Rein furztechnisch stellen sie ein Risiko dar, das aus ärztlicher Sicht aber vertret- weil entschärfbar ist, etwa durch Beigabe blähungsmindernder Gewürze wie etwa Kümmel“, so der Mediziner.

(Haus-)Mittel gegen Blähbauch

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten zur Entspannung der Blähbauch-Lage. Zum Beispiel:

  • Wärmflasche
    Wärme entkrampft und entspannt. Wird das Bauchweh dadurch aber schlimmer, kann eine Entzündung vorliegen, die Ärztin oder Arzt abklären sollte.
  • Massage
    Manchmal wirkt es Wunder, den Bauch sanft im Uhrzeigersinn einige Minuten lang zu massieren.
  • Carminativa
    Nie gehört? Dabei finden sich „Blähungstreiber“ wie Kümmel, Fenchel, Anis, Koriander, aber auch Pfefferminze, Melisse oder Kamille sicher auch in Ihrer Küche. „Die ätherischen Öle dieser Kräuter und Gewürze wirken krampflösend auf die Darmmuskulatur und beschleunigen so den Abgang der aufgeschäumten Gase.“
  • Medikamente
    Entschäumer setzen das in unzähligen Bläschen gebundene Gas frei, Motto: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Verdauungsenzyme aus der Apotheke helfen, wenn es an körpereigenen fehlt. Krampflösende Medikamente lindern Blähungen und Koliken.
  • Entschlacken
    „Wie ein Großputz funktioniert die Colon-Hydro-Therapie beim Arzt: Stuhl- und Nahrungsreste werden in einem absolut hygienischen, geschlossenen Kreislauf sanft mit Wasser aus dem Darm geschwemmt“, erklärt Pruntsch ein Verfahren, auf das viele seiner Patientinnen und Patienten schwören, „weil sie sich danach rundum befreit und voller Energie fühlen“. Ähnlich geht es vielen auch nach einer F.X.Mayr-Kur, zu der neben einer speziellen Fastendiät auch das bewusst langsame Kauen, abführende Bittersalze und Einläufe gehören. Beide Methoden eignen sich als Prophy­laxe und Therapie.

Typ-1-Diabetes & Darm

Typ-1-Diabetes geht mit einem höheren Risiko für weitere Autoimmunerkrankungen einher. Dazu zählt laut der Deutschen Diabetesgesellschaft auch die chronische Gastritis Typ A oder Autoimmungastritis. Bei dieser seltenen Erkrankung greift das Immunsystem die Magenschleimhautzellen an. Das zum Ausgleich des so entstehenden Magensäure-Mangels gebildete Hormon Gastrin kann bestimmte Magen-Darm-Tumoren begünstigen. Häuf?iges Symptom einer Autoimmungastritis ist ein Mangel an Vitamin B12.

Manchmal auch ernste Erkrankungen

Gelegentlich gehen Blähungen auf ernsthafte Störungen oder Erkrankungen zurück, die einer gesonderten Therapiebedürfen. Dazu zählen:

  • Nahrungsmittel-Intoleranzen.
    Neben chronischem Stress die häufigsten krankheitsbedingten Ursachen für Blähungen. Mittels Tests zu diagnostizieren. Der Verzicht auf die jeweiligen Nahrungsmittel beugt Blähungen vor.
  • Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oder Leber.
    Mindern meist die Produktion von Verdauungssekret. Rasche gründliche Abklärung und entsprechende Behandlung sind unbedingt nötig.
  • Verstopfung, Darmverschluss.
    Bei ungewohnt seltenem Stuhlgang oder sehr massiven Blähungen mit aufgetriebenem Bauch besteht die Gefahr eines Darmverschlusses – daher unbedingt abklären lassen. Schlimmstenfalls blockiert ein Tumor den Darm. „Darmkrebs wächst langsam und ist daher durch regelmäßige Koloskopien vielfach zu verhindern“, weiß der Allgemeinmediziner Anton Pruntsch aus Erfahrung.

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