Bewegungsapparat & Sport

Schmerzende Schritte

Sie tragen uns durch das ganze Leben und werden dennoch oft vernachlässigt: unsere Füße. Orthopäde Dr. Michael Jaksch erklärt, warum Fußschmerzen entstehen, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten und wie sich die Fußgesundheit von klein auf fördern lässt.

Von Natascha Gazzari

Dr. Michael Jaksch
„Einlagen, Fußgymnastik und passendes Schuhwerk spielen bei vielen Fußproblemen eine zentrale Rolle.“

Die meisten Menschen machen sich über ihre Füße wenig Gedanken. Sie funktionieren einfach – beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Sport oder beim Spazierengehen. Erst wenn Schmerzen auftreten, wird deutlich, wie wichtig gesunde Füße für einen aktiven Alltag sind. „Fußschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden des Bewegungsapparates und können Menschen jeden Alters betreffen“, berichtet Dr. Michael Jaksch, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie, Oberarzt an der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie im Hanusch-Krankenhaus Wien.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Besonders häufig entstehen Beschwerden durch langes Stehen, sportliche Belastungen oder ungeeignetes Schuhwerk. Aber auch Fehlstellungen der Füße können Schmerzen verursachen. Darüber hinaus kommen Erkrankungen wie Diabetes, Durchblutungsstörungen oder rheumatoide Arthritis als Auslöser infrage.

Warum die Füße schmerzen

Nicht jeder schmerzende Fuß ist gleich ein Fall für die Orthopädie. Oft steckt eine vorübergehende Überlastung dahinter. Wer viele Stunden auf harten Böden verbringt, schwere körperliche Arbeit verrichtet oder ungewohnt lange Strecken zurücklegt, spürt die Belastung häufig zuerst in den Füßen. Manchmal entwickeln sich Beschwerden jedoch schleichend über Monate oder sogar Jahre. Fehlstellungen wie Senk-, Spreiz- oder Plattfüße verändern die natürliche Statik des Fußes. Die Folge: Bestimmte Bereiche werden stärker belastet als andere, Muskeln und Sehnen geraten unter Zug und Schmerzen können entstehen.

„Oft helfen bereits passende Schuhe, Entlastung und gezielte Übungen, um Beschwerden vorzubeugen oder zu lindern“, sagt der Experte. Gleichzeitig warnt er davor, anhaltende Schmerzen einfach auszusitzen. Werden Beschwerden ignoriert, können sie chronisch werden und die Beweglichkeit langfristig einschränken.

Hallux valgus: Großer Zeh auf Abwegen

Zu den häufigsten Fußfehlstellungen zählt der Hallux valgus. Dabei verschiebt sich der große Zeh zunehmend in Richtung der kleineren Zehen, während am Großzehengrundgelenk ein deutlich sichtbarer Ballen entsteht. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Neben einer erblichen Veranlagung spielen eine schwache Fußmuskulatur sowie Fehlstellungen wie Spreiz- oder Senkfüße eine wichtige Rolle. „Auch enges Schuhwerk oder hohe Absätze können die Entstehung begünstigen, da der Vorfuß dauerhaft unter Druck gerät“, ergänzt Jaksch.

Zunächst wird die Fehlstellung oft als rein kosmetisches Problem wahrgenommen. Mit der Zeit können jedoch Schmerzen, Druckstellen und Entzündungen auftreten. „Viele Betroffene klagen außerdem darüber, dass sie nur noch schwer passende Schuhe finden oder längere Strecken nicht mehr beschwerdefrei gehen können“, so der Orthopäde. Wird ein Hallux valgus früh erkannt, stehen zunächst konservative Maßnahmen im Vordergrund.

Dazu gehören ausreichend breite Schuhe, orthopädische Einlagen und gezielte Fußgymnastik. Diese Maßnahmen können Beschwerden lindern und das Fortschreiten verlangsamen. Eine vollständige Korrektur der Fehlstellung ist damit allerdings meist nicht möglich. Ähnliches gilt laut Jaksch auch für spezielle Schienen oder Bandagen: „Diese Maßnahmen können Schmerzen lindern, die Fehlstellung jedoch nicht korrigieren oder das Fortschreiten verhindern.“

Wann eine Operation sinnvoll sein kann

Ob ein Hallux valgus operiert werden sollte oder nicht, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Eine Operation wird meist dann in Betracht gezogen, wenn starke Schmerzen bestehen, das Gehen deutlich erschwert ist oder konservative Maßnahmen nicht mehr ausreichend helfen. Auch wiederkehrende Entzündungen, Druckstellen oder eine zunehmende Verformung der Zehen können Gründe für einen Eingriff sein. „Entscheidend ist, wie stark die Beschwerden ausgeprägt sind und wie sehr sie den Alltag beeinträchtigen“, erläutert Jaksch.

Ziel einer Hallux-valgus-OP ist es, die Fehlstellung zu korrigieren, Schmerzen zu beseitigen und die normale Funktion des Fußes wiederherzustellen. Die Optik allein sollte nach Ansicht des Experten nicht im Mittelpunkt stehen: „Mir ist es wichtig zu betonen, dass nicht die optische Veränderung allein entscheidend sein sollte, sondern vor allem der Leidensdruck der Betroffenen.“

Fersenschmerzen: Wie auf einen Nagel treten

Ebenso häufig wie Probleme im Vorfußbereich sind Schmerzen an der Ferse. Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, morgens beim ersten Schritt nach dem Aufstehen „wie auf einen Nagel zu treten“. Häufig steckt dahinter eine Reizung oder Entzündung der sogenannten Plantarfaszie. Dabei handelt es sich um eine kräftige Sehnenplatte an der Fußsohle, die das Fußgewölbe stabilisiert und bei jedem Schritt belastet wird. Besonders betroffen sind Menschen, die beruflich viel stehen oder gehen, aber auch sportlich aktive Personen. Begünstigt wird die Entstehung unter anderem durch Übergewicht, Fehlstellungen der Füße, ungeeignetes Schuhwerk, aber auch muskuläre Dysbalancen oder Verkürzungen. 

Oft fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff Fersensporn. „Dabei handelt es sich um einen kleinen knöchernen Auswuchs am Fersenbein, der durch dauerhafte Überbelastung entsteht“, weiß der Orthopäde. Nicht immer muss ein Fersensporn, der am Röntgenbild entdeckt wird, auch tatsächlich zu Schmerzen führen. „Die Intensität der Schmerzen korreliert nicht mit dem Vorhandensein oder der Größe eines Fersensporns“, betont der Mediziner. In den meisten Fällen gelingt die Behandlung ohne Operation. Dehnübungen, Physiotherapie, Einlagen und gut gedämpfte Schuhe können die Beschwerden deutlich lindern. Auch die Stoßwellentherapie hat sich bei Fersenschmerzen bewährt.

Warnsignale ernst nehmen

Nicht jeder Fußschmerz ist harmlos. Es gibt Beschwerden, die rasch medizinisch abgeklärt werden sollten. Dazu zählen plötzlich auftretende starke Schmerzen, deutliche Schwellungen, Rötungen oder eine Überwärmung des Fußes. Schmerzen nach einem Umknicken oder Unfall können auf Bänderverletzungen oder Knochenbrüche hinweisen. „Besondere Aufmerksamkeit erfordern Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Durchblutungsstörungen.

Dahinter können Nervenschäden oder Gefäßerkrankungen stecken“, warnt Jaksch. Treten zusätzlich zu den Fußschmerzen Fieber oder andere Entzündungszeichen auf, sollte ebenfalls zeitnah ärztlicher Rat eingeholt werden. Menschen mit Diabetes mellitus sollten Fußprobleme grundsätzlich besonders ernst nehmen, da bei ihnen selbst kleine Verletzungen schwerwiegende Folgen haben können.

Was Einlagen und Fußgymnastik leisten können

Wer wegen Fußschmerzen eine orthopädische Praxis aufsucht, erhält häufig eine Verordnung für Einlagen. Tatsächlich können sie bei vielen Beschwerden eine wichtige Unterstützung sein – sowohl zur Behandlung als auch zur Vorbeugung: „Sie verbessern die Druckverteilung beim Gehen, entlasten schmerzhafte Bereiche und können Fehlstellungen teilweise ausgleichen.“ Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die aktive Mitarbeit der Betroffenen.

Gezielte Fußgymnastik stärkt die Muskulatur, verbessert die Beweglichkeit und unterstützt das natürliche Fußgewölbe. Beim Schuhkauf lohnt es sich, genauer hinzusehen. Gute Schuhe bieten ausreichend Platz für die Zehen, sitzen stabil am Fuß und verursachen keine Druckstellen. Wer über lange Zeit zu enge, oder zu hohe Schuhe trägt, riskiert nicht nur die Entwicklung von neuen Fußproblemen, sondern auch eine Verschlimmerung bereits bestehender Beschwerden.

Gesunde Füße ein Leben lang

Die gute Nachricht: Viele Fußprobleme lassen sich durch einfache Maßnahmen verhindern oder zumindest hinauszögern. Regelmäßige Bewegung stärkt Muskeln und Sehnen, Spaziergänge fördern die Durchblutung und Barfußgehen trainiert die natürliche Fußmuskulatur. Auch Dehnübungen und ausreichend Erholungspausen bei langem Stehen können dazu beitragen, Beschwerden vorzubeugen. Nicht zuletzt spielt auch das Körpergewicht eine Rolle. Jedes Kilogramm weniger entlastet die Füße bei jedem einzelnen Schritt. „Wer seine Füße im Alltag bewusst entlastet und stärkt, kann vielen Beschwerden langfristig vorbeugen“, fasst Jaksch zusammen.


Gesunde Füße von Anfang an

Kinderfüße entwickeln sich über viele Jahre. Eltern können einiges dazu beitragen, dass sich Füße, Muskulatur und Bewegungsapparat gesund entwickeln.

  • Viel barfuß gehen: Barfußgehen auf Wiese, Sand oder Waldboden stärkt die Fußmuskulatur und fördert Gleichgewicht sowie
    Koordination.
  • Passende Schuhe wählen: Kinderschuhe sollten ausreichend lang und breit sein. Vor den Zehen sollte etwa eine Fingerbreite Platz bleiben. Flexible Sohlen und ein geringes Gewicht unterstützen die natürliche Entwicklung.
  • Bewegung fördern: Klettern, Rennen, Hüpfen und Balancieren trainieren Muskulatur und Beweglichkeit und fördern eine gesunde Entwicklung der Beine und Füße.
  • Normale Entwicklung kennen: Kleinkinder haben häufig einen scheinbaren Plattfuß, der durch ein Fettpolster verursacht wird.
    Auch X-Beine oder ein nach innen gerichtetes Gangbild können in bestimmten Entwicklungsphasen völlig normal sein.
  • Warnzeichen beachten: Schmerzen beim Gehen oder Sport, Hinken, häufiges Stolpern, sehr steife Füße, auffällige Schuhabnutzung oder eine rasche Verschlechterung von Fehlstellungen sollten beim Kinderorthopäden oder Kinderchirurgen abgeklärt werden.
  • Nicht zu früh behandeln: Die meisten kindlichen Knick-Senkfüße benötigen keine Therapie, solange sie flexibel und schmerzfrei sind. Einlagen sind nur bei Beschwerden oder bestimmten Fehlstellungen notwendig.

Fotos: zvg,  istockphoto/Rudzhan Nagiev

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