Mund & Zähne

Riskanter Trend im Mund

Nikotinbeutel gelten vor allem unter Jugendlichen als vermeintlich harmlose Alternative zur Zigarette. Welche Spuren der Konsum im Mund hinterlässt, erklärt DDr. Dino Tur, Zahnarzt an der Universitätszahnklinik Wien im Fachbereich Parodontologie. 

Von Michaela Neubauer

DDr. Dino Tur
Zahnarzt an der Universitätszahnklinik Wien im Fachbereich Parodontologie

Snus werden vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer beliebter. Welche Auswirkungen beobachten Sie in der Praxis auf Zähne, Zahnfleisch und Mundschleimhaut?

Vorweg ist eine begriffliche Klarstellung wichtig: Wenn im Alltag von „Snus“ die Rede ist, sind in Österreich meist tabakfreie Nikotinbeutel gemeint. Echter, tabakhaltiger Snus darf in der EU mit Ausnahme von Schweden nicht verkauft werden und spielt bei uns im regulären Handel keine Rolle. Ich verwende daher den Begriff Nikotinbeutel, auch wenn viele Jugendliche umgangssprachlich von „Snus“ sprechen. Am häufigsten sehen wir Veränderungen genau dort, wo der Nikotinbeutel liegt, meist zwischen Oberlippe und Zahnfleisch. Die Schleimhaut wird weißlich, gerunzelt und verdickt. Außerdem kann sich das Zahnfleisch lokal zurückziehen, sodass Zahnhälse freiliegen und empfindlich werden. Hinzu kommen Rötungen, Brennen, wunde Stellen und Verfärbungen. Die Veränderungen sind meist lokal begrenzt.

Können sich Zahnfleisch und Schleimhaut wieder vollständig erholen, wenn Betroffene rechtzeitig damit aufhören?

Die Schleimhaut erholt sich nach dem Aufhören meist rasch. Ein bereits entstandener Zahnfleischrückgang bleibt jedoch bestehen, weil verlorenes Zahnfleisch nicht von selbst nachwächst. Früh aufzuhören, lohnt sich daher: Die Schleimhaut kann abheilen und weitere bleibende Schäden lassen sich verhindern.

Immer wieder ist von einem erhöhten Risiko für Mundhöhlenkrebs die Rede. Wie groß ist dieses Risiko tatsächlich?

Für schwedischen Snus ist das Mundhöhlenkrebsrisiko nach heutigem Wissensstand nicht eindeutig oder nur gering erhöht. Das darf nicht mit südasiatischen Produkten verwechselt werden, die deutlich gefährlicher sein können. Für tabakfreie Nikotinbeutel fehlen uns noch Langzeitdaten. Empfohlen werden kann jedenfalls eine Abklärung aller weißen oder roten Flecken, Wunden, Verhärtungen oder Blutungen im Mundraum, die nach zwei Wochen ohne Konsum nicht verschwunden sind.

Viele Jugendliche halten Nikotinbeutel für eine harmlose Alternative zur Zigarette. Ist diese Einschätzung aus zahnmedizinischer Sicht gerechtfertigt?

Nein. Für erwachsene Raucherinnen und Raucher kann ein vollständiger Umstieg weniger schädlich sein als weiteres Rauchen. Für Jugendliche, die bisher nicht geraucht haben, ist das aber der falsche Vergleich. Sie setzen sich durch den Konsum Nikotin, Abhängigkeit und lokalen Schäden an Schleimhaut und Zahnfleisch aus.

Woran können Eltern oder Jugendliche selbst erkennen, dass Snus bereits Spuren im Mund hinterlassen hat? Gibt es typische Warnzeichen?

Eltern bemerken unter Umständen kleine runde Dosen in Griffweite beziehungsweise eine leichte Vorwölbung unter der Lippe bei eingelegtem Nikotinbeutel. Möglich ist auch ausgeprägter Minzgeruch oder Gereiztheit bei ausbleibender Einnahme. Entscheidend ist aber, nicht nur auf das Verhalten zu achten, sondern die Mundschleimhaut anzusehen. 

Die genannten Läsionen im Mundraum sowie zurückweichendes Zahnfleisch mit länger wirkenden Zähnen und empfindlichen Zahnhälsen können mögliche Warnzeichen darstellen. 

Sehen Sie in den vergangenen Jahren tatsächlich einen Anstieg snusbedingter Schleimhaut- oder Zahnfleischveränderungen in Österreich?

Ja, wir sehen solche Veränderungen häufiger. Das passt zu den steigenden Konsumzahlen bei Jugendlichen. Exakte österreichweite Daten zu den Läsionen fehlen zwar noch, aber Konsumdaten, klinische Beobachtungen und aktuelle europäische Studien zeigen klar in dieselbe Richtung.

Welchen Rat möchten Sie insbesondere jungen Menschen mitgeben, die regelmäßig Nikotinbeutel konsumieren oder überlegen, damit anzufangen?

Wer noch nicht konsumiert, sollte gar nicht erst anfangen. Nikotinbeutel sind nicht harmlos und können rasch abhängig machen. Wer bereits konsumiert, profitiert vom Auf­hören: Die Schleimhaut erholt sich meist gut, und weiterer Zahnfleischrückgang kann verhindert werden. Eine zahnärztliche Kontrolle und professionelle Unterstützung bei der Entwöhnung sind sinnvoll.


Fotos: zvg, istockphoto/ Andrey Popov

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