Mund & Zähne

Zahnfleisch braucht Vorsorge

Eine aktuelle Umfrage zeigt große Wissenslücken rund um Zahnfleisch- und Kiefergesundheit. Dr. Michael Müller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP), erklärt, warum frühe Untersuchungen wichtig sind.

Dr. Michael Müller,
Wird Prävention  unterpriorisiert, werden spätere Behandlungen  aufwendiger und teurer.

Laut Umfrage des Marktforschungsinstitutes Marketagent glaubt jede bzw. jeder Zweite, dass ein Zahnarztbesuch pro Jahr ausreicht. Wie riskant ist diese Annahme?

Wer nur einmal jährlich zur Kontrolle geht, hat ein reales Risiko, dass sich eine beginnende oder aktive Parodontitis über Monate unentdeckt verschlechtert. Zahnfleischtaschen vertiefen sich oft ohne Schmerzen. Besonders bei Risikogruppen – Raucherinnen und Rauchern, Menschen mit Diabetes, starker Stressbelastung oder familiärer Vorbelastung – kann sich der Zustand rasch deutlich verschärfen. Was bei halbjährlichen Kontrollen gut beherrschbar wäre, kann bei jährlichen bereits teilweise irreversibel sein.

Viele Menschen haben ein sehr eingeschränktes Bild davon, was Parodontologinnen und Parodontologen eigentlich tun. Welche Folgen hat das?

Viele reduzieren Parodontologie auf „Zahnfleischreinigung“ oder Zahnfleischrückgang. Dadurch wird eine chronische, systemische Erkrankung verharmlost. Frühwarnzeichen wie Rötung oder Schwellung des Zahnfleisches, Blutungen, Mundgeruch, Sekret am Zahnfleischsaum, erhöhte Empfindlichkeit sowie ein verändertes Bissgefühl werden oft nicht als behandlungsbedürftig wahrgenommen. Weiters wird in Österreich noch immer die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt für alle Probleme im Mundraum angesehen – die einzelnen Fachdisziplinen in der Zahnmedizin und vorhandenen Spezialisten werden von der Bevölkerung noch nicht so wahrgenommen.

Ein Drittel der Bevölkerung weiß nicht, wann eine parodontologische Erstuntersuchung sinnvoll ist. Welche Alters- oder Risikogruppen sollten aus zahnmedizinischer Sicht viel früher abgeklärt werden?

Nicht das Alter, sondern das individuelle Risiko ist entscheidend. Parodontitis wird oft als altersbedingt gesehen, dabei können aggressive, genetisch bedingte Formen bereits im Jugendalter auftreten. Erste Schäden sind teils schon zwischen 14 und 20 Jahren sichtbar. Wird Prävention unterpriorisiert, werden spätere Behandlungen aufwendiger und teurer.

74 Prozent wünschen sich eine kassen- ­finanzierte Grunduntersuchung ab dem Jugendalter. Wie bewertet die ÖGP das?

Die breite Zustimmung werten wir als klares Signal für den hohen Stellenwert von Vorsorge. Immer mehr Menschen erkennen, dass regelmäßige Untersuchungen über die Karieskontrolle hinaus wichtig sind. Die parodontale Grunduntersuchung (PGU) ist ein Screeningverfahren, um Parodontitis frühzeitig zu erkennen und schweren Verläufen vorzubeugen. Dass Prävention und Früherkennung zunehmend gesundheitspolitisch diskutiert werden, sieht die ÖGP als wichtigen Schritt. Um eine kassenfinanzierte PGU ab dem Jugendalter zu etablieren, müsste sie als offizielle Vorsorge­leistung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden. Begleitend braucht es gezielte Aufklärung für Jugendliche und Eltern, um Akzeptanz und Gesundheitsbewusstsein zu stärken.

Wie wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kieferorthopädie und Parodontologie? 

Zahnfehlstellungen sind nicht nur ein ästhetisches Problem. Sie können den
Zahnhalteapparat überlasten, Entzündungen begünstigen und zu Zahn­lockerungen oder Zahn­wanderungen führen. Engstände erschweren zudem die Mundhygiene und fördern Plaqueansammlungen. Kieferorthopädie ist ein wichtiger Baustein für langfristige Zahngesundheit. Voraussetzung ist jedoch ein entzündungsfreies, stabiles Parodont. Besteht eine parodontale Erkrankung, braucht es eine enge Abstimmung zwischen Kieferorthopädie und Parodontologie, gegebenenfalls inklusive Vorbehandlung und Weich­gewebsmanagement, um spätere Schäden wie Zahnfleischrückgang zu vermeiden und die Gewebestabilität zu sichern.

Wo sehen Sie die größten Wissensdefizite – besonders bei jungen Menschen?

Aufklärung zur Parodontologie sollte früh beginnen und alltagsnah erfolgen. Schulische Prävention ist besonders wirksam. Sie sollte Grundlagen wie den Zusammenhang zwischen Plaque, Entzündung und Folgeschäden vermitteln und klarstellen, dass Zahnfleischbluten nicht normal ist. Ergänzend braucht es einfache Hygienetipps und Motivation zur Zahnpflege. Gleichzeitig muss das Bewusstsein bei jungen Erwachsenen gestärkt werden – hier spielt Social Media eine zentrale Rolle. Wichtig ist jedoch, den Fokus von reiner Ästhetik auf gesundheitliche Zusammenhänge, stille Symptome wie Zahnfleischrückgang oder Mundgeruch und die Widerlegung gängiger Mythen zu lenken.


Fotos: Mariano Nguyen, istockphoto: Liliia Kyrylenko

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